Von Kette zu Kette

Glieder betas­ten nach Haltbarkeitslücken

ist unsere heutige Pflicht

und unser heilig­ster Wunsch.

 

In Ket­ten aus Ketten

Glieder begreifen nach Widerstandslöchern

in ___ macht uns zu Monstren //

der Selb­st­wahrnehmungslosigkeit.

Von Kette zu Kette

 

Glieder beschreiben und uns penibelisieren

ist unser Ruf, nicht eure Berufung,

mit der ihr ver­suchen könntet,

uns ein Nähev­er­hält­nis zu drehen.

Wir wer­den uns verin­seln, bald.

Du willst dich schon lange eininseln

in dir in der unge­fähren Nähe zu jenen

Nahen, die sich lange vor uns ausinselten.

Noch berechnest du dir deine Koordinaten,

an denen du in vager Allein­samkeit Insel sein kannst.

Sehen, aber nicht wahrnehmen wollen, du

willst die Zukunft sein, aber wenn es geht

möglichst vere­inzelt verin­seln, verorten.

Ich denke, ich kön­nte uns folgen.

Wir wer­den uns verin­seln, bald.

 

 

formloses

Heute und gestern und über­haupt
Kräfte­spiele mit dir,
Sys­tem­chen dir abzurin­gen
wie ein per­ma­nentes Seilziehen
im Sportun­ter­richt damals, du
Form­loses in mir.//

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Jeden Tag ein neues Eigen­leben im Kopf

heißt jeden Tag neue Dimensionen.

 

Jede Idee baut zwar auf auf das gefühlte

Wis­sen ihrer Vorge­gan­gen, proklamiert aber

//neue For­men,

um eine Bewe­gung zu sein.

Wer hat die Definitionshoheit,

der Kopf oder der Gedanke?

Und wer springt vom Turm,

wer spannt das Netz?

 

Unein­deutige happy ends hin­ter­lassen mir immer mehr emo­tional Unbe­ha­gen zurück. Die Men­schheit über­lebt, aber das Astro­naut­en­paar muss sich in den Weiten der Galax­ien erst nach dem Abspann suchen und finden. Ungewisses Auskom­men, welches nagt.

Totales Scheit­ern kön­nte ich, denke ich, besser verkraften. Aber an Ambi­gu­i­tät im Glück kaue ich schwer. Vielle­icht liegt es am Ver­lust des Kör­pers, durch den ich die Welt wahrnehme. Der Pro­tag­o­nist Cooper fliegt in der End­szene nochmal hin­aus, um Co-Pilotin Dr. Brand zu suchen, doch bevor dieser Hand­lungs­bo­gen abgeschlossen wer­den kann, endet der Streifen. Pro­tag­o­nis­ten sind in diesen hand­lungs­getriebe­nen Werken unser Werkzeug, durch welches wir die Diegese erken­nen kön­nen, sie sind, wenn man weit genug greift, die Schnittstelle, die diese Diegese erst erzeugt. Und wenn Cooper ins Ungewisse ver­fliegt, ver­liert das happy end der Diegese ein wenig Wahrheit. Und das erzeugt Unbe­ha­gen in mir. Weil mit Cooper der Kon­takt zur Welt flöten geht. (Hier schim­mert meine gegen­wär­tige Lek­türe Merleau-Pontys durch.)

Abge­se­hen davon ist natür­lich die Darstel­lung von rel­a­tiver Zeit frag­würdig, aber jede Darstel­lung von rel­a­tiver Zeit ist wohl inhärent frag­würdig, nehme ich mal an. Das kann man also keiner kün­st­lerischen Darstel­lung ankrei­den, denn das kreative und damit immer schon zu einem Grade frag­würdige Darstellen physikalisch kom­plexer Gedanken ist ja deren Auf­gabe, wie manche sagen. Ebenso ist das Erschaf­fen dieses tief­greifenden Unwohl­seins etwas, was ich mir erwarte mittlerweile.

In kleinen Zim­mern sitzen und Glühkäfern nach­ja­gen, von denen ich nicht weiß, ob sie der Herb­st­nacht oder meinen viel zu lange getra­ge­nen Kon­tak­tlin­sen entsprungen.

In kleinen Zim­mern sitzen und augen­blick­lich jeden Dreh am Ther­mo­stat spüren, weil nie zu viel Abstand zwis­chen mir und dem Heizkör­per unter dem schmalen Fen­ster zur Straße hin liegt.

In kleinen Zim­mern sitzen und vom Souter­rain aus unan­greif­bar die Basiskurve anheben, die in den sieben mit­ge­brachten Büch­ern aus dem Kof­fer Frag­mente hergegeben hat zur freien Weiter– und per­sön­lichen Selb­sten­twick­lung. Sil­bern gezo­gene Hor­i­zonte, keinen Meter ent­fernt von jedem Punkt gewach­sen, in den kleinen Zim­mern, Lin­ien, die sich als Mem­bra­nen offen­baren, wenn ich sie in Ruhe beobachte, mor­gen­nachts und ger­ade dann, wenn keine Zeit mehr sich findet.

In kleinen Zim­mern sitzen, lauschend dem Kopfhör­erpaar, die da im Raum liegen, unter null, eine Mon­stranz, ein Altar, ein Mon­i­tor vielle­icht, in dem alle poten­tiellen Ern­st­fälle erprobt und ent­fernt geren­dert wer­den, vielle­icht, in kleinen Zellen eines Seins aufgefangen.

In kleinen Zim­mern sitzen und abrat­tern, Text –*

Bremer Freimarkt

Heute bin ich drei Wochen in Bre­men. Ein Zeit­punkt so gut wie jeder andere, um ein paar erste Ein­drücke festzuhal­ten. Ein Zeit­punkt, der meinem per­sön­lichen Empfinden nach besser ist als jener näch­ste Son­ntag, weil das erste Monat ja doch in irgen­deiner Form ein zu ger­ader Zug wäre.

Ich mag es hier. Die weni­gen Men­schen, die ich bisher ken­nen­gel­ernt habe, sind durch­wegs erfreulich und umgänglich und — was wichtig erscheint — schein­bar mit mir und meiner Per­sön­lichkeit kom­pat­i­bel. Da die Uni hier allerd­ings erst mor­gen angeht, sind diese net­ten, kom­pat­i­blen Men­schen zum Größt­teil wie ich Erasmus-Leute, ich kann also noch gar nichts über den Bre­mer Charme von mir geben, sollte es einen solchen denn geben. Tut mir leid.

Eine Anek­dote zur Versinnbildlichung der erfrischen­den Men­tal­ität hier habe ich aber doch: Gle­ich in meinen ersten Tagen wurde ich, vor einem Café wartend, Zeuge eines kleinen Verkehrun­falls, als ein her­an­rol­len­des Auto einen bei der Ampel wartenden Fahrrad­fahrer streifte. Weiter nicht umgewöhn­lich, es schien nichts allzu Grobes passiert zu sein. Ich stellte mich nun, als der Wiener der ich bin, auf eine Tirade von abfäl­li­gen Kom­mentaren in Rich­tung des unschuldigen Fahrrad­fahrers ein, ehrlich, wieso muss er auch die Straße benutzen, die ist ja für Autos da, Leute haben es ja eilig, et cetera. Aber, oh Wun­der, der aus­gestiegene Aut­o­fahrer entschuldigte sich und in einem Augen­blick fan­den sich einige helfende Pas­san­ten. For­mal­itäten und Unfall­no­ti­zen wur­den aus­ge­tauscht, ohne das ein böses Wort fiel, wenn über­haupt schien die Stim­mung gegen den, aus meiner unpro­fes­sionellen Mei­n­ung auch ten­den­ziell schuldigen PKW-Lenker zu gehen.

Ich weiß noch nicht, ob das eine Folge der ange­blichen deutschen ratio­nalen, bürokratis­chen Welt­sicht ist oder ein Phänomen der dur­chaus fahrrad­fre­undlich aus­gelegten Stadt Bre­men. Auf jeden Fall bin ich inner­lich schon ein wenig ein­genom­men von einem Ort, wo zumin­d­est in diesem Fall ein Stärk­erer nicht hinge­hauen hat und das auch offen­sichtlich nie­mand erwartet oder hin­genom­men hätte.

Das Café, vor dem ich wartete, ist vor­erst mal neben meinem Souterrain-Zimmer meine Basis. Man bekommt dort ver­schiedene Tees ohne komisch angeschaut zu wer­den, weil man im Kaf­fee­haus keinen Kaf­fee ordert, ich hatte dort schon eine stun­den­lange Unter­hal­tung über The­aterthe­o­rie mit meinem zukün­fti­gen Pro­fes­sor und außer­dem ist es nach einem Märchen benannt. Ich habe also ein Café gefun­den, ein Umstand, der mich hoff­nungsvoll stimmt. Es ist immer ein Meilen­stein, in einer neuen Stadt ein Stamm­café zu finden. Ob das Rotkäp­pchen ans Jelinek her­ankommt, wird sich weisen. Erst­mal bin ich soweit ein­gerichtet. Das Semes­ter kann beginnen.

 

Das Win­terse­mes­ter 16/17 ver­bringe ich via Eras­mus an der Uni­ver­sität Bre­men. Ab und zu wer­den hier also mehr klas­sis­che Blo­gein­träge à la Tage­buchein­trag raufge­hen, was aber hof­fentlich auch die gewohn­ten Texte häu­figer machen wird. Mal schauen.

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Bleibt der Bus am Weg in die neue zeitweilige Bleibe in Bre­men in Berlin ste­hen, bleibt man ein paar Tage da und geht ins The­ater. Macht man halt so.

Heute sah ich in der Volks­bühne die Apokal­yse nach Johannes, frisch von Her­bert Fritsch insze­niert. Dass das let­zte Stück, über welches ich hier schrieb, auch eine Fritsch-Inszenierung war, soll nichts heißen, ich wollte bei all dem Geschrei um die Volks­bühne nochmal hin und ein Pollesch ging sich eben zeitlich nicht aus. Und Apoka­lypse klang ja auch irgend­wie sit­u­a­tiv passend. Ich bin ger­ade zurück in meinem Zim­mer und schreibe geschwind ein paar Beobach­tun­gen und Gedanken dazu nieder. Nichts hier ist voll­ständig oder erhebt irgen­deinen Anspruch auf ähn­liches. Auf geht’s!

 

Von Beginn weg ist Johannes (gespielt von Wol­fram Koch) präsent als Johannes der Nacherzäh­ler, Johannes der Berichter­stat­ter, der quasi ger­ade aus Marathon ange­laufen kommt, seine eige­nen Ein­drücke schildert (im Auf­trage des aus­führen­den Gottes) und wie es scheint gle­ich vor den Augen aller in sich zusam­men­brechen kön­nte. Dass ihm Elis­a­beth Zumpe per­ma­nent aus einem großen großen Buch souf­fliert, bricht diese Erleb­nis­struk­tur nicht, sie erin­nert aber, dass das hier Bibel ist und alles hier, so sagt Johannes, Gottes seal of approval hat.

Nach­dem ich anfangs ein wenig dieser Struk­tur nachge­hangen bin, ist mir im Ver­lauf des Stücks dann doch einge­fallen an was mich das alles hier erin­nerte, mit der leeren neon­far­ben beleuchteten Bühne, dem sto­ry­teller, seiner Ein­flüs­terin und dem DJ, der stets für die passende Sound­kulisse sorgte: Was wir hier sahen, war eine keynote.

Johannes ist der Pro­jek­tleiter und präsen­tiert den Share­hold­ern in Zahlen und Bildern den Erfolg der Apoka­lypse. Dass er dabei schein­bar fluid zwis­chen den Per­spek­tiven des beobach­t­en­den Men­schen, des han­del­nden Gottes (samt seiner Werkzeuge, sprich Engel) und dessen notwendi­ger Kehr­seite, des Teufels wech­selt, ist dur­chaus notwendig für diese umfassende Präsen­ta­tion im Stile von Apple und Co. Es geht nur noch zum Teil darum, was passiert ist, ebenso wichtig ist nun, wie und weshalb geschieht. Johannes braucht eine gute Anek­dote, um die Zuse­hen­den, alles poten­tielle Käufer und Käuferin­nen von Apoka­lypse, auf seine Seite zu ziehen.

"Just one more thing..."

Just one more thing...”

Das war’s auch schon, vor­erst mal. Eigentlich wollte ich nur diese Idee der keynote, die mir unge­fähr auf hal­ber Höhe kam und nicht mehr weg­ging, anbrin­gen. Ich mochte den Abend, alles war schön und gut und mitreißend. Alles was man sich vom Ende der Welt so erwartet. Und als guter The­ater­jünger hab ich natür­lich nach der Vorstel­lung ein “Ich war dabei!”-Poster von der alten Volks­bühne beim Mer­ch­stand besorgt. Und einen Pollesch-Band mit Kap­i­tal­is­mus im Titel. Wäre ja sonst auch nichts.

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Löst man sich auf, um the­o­retisch zu werden?

 

Ich weiß nicht mehr, ob der der Aktion noch zu trauen ist,

ist noch zu erken­nen, ob wir sprin­gen oder gestoßen werden?

 

Nur der Sturz ist das, was er scheint, Beschle­u­ni­gung auf ein Ziel zu,

uns Stürzen­den unbekannt und trotz­dem vom Moment null bestimmt.

 

Ich ver­traue noch dem Sturz als Ein­heit der geord­neten Energiegerichtetheit,

denn der Sturz hat keine Vendetta. Glaube ich.

 

Wir leben in Ikarus’ Tagen, wir soll­ten ihm

//Flattern lauschen.