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Dominik Leitner: In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks

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Wir streben ewig nach Glück und kön­nen es doch so schwer definieren. Immer gefan­gen in der Unbeständigkeit, erfüllt von der Angst, dass es jed­erzeit vor­bei sein kön­nte, will man es fes­thal­ten und nicht verlieren.

Was ist Glück? Was macht mich glück­lich? Natür­lich fallen mir ein Dutzend Dinge ein, die mich glück­lich machen. Die der Inbe­griff von Glück­lichkeit sind. Doch sind sie es wirk­lich. Sind sie nicht vielmehr ein Hal­te­griff, ein kurzzeit­iger Schutz vor dem Verder­ben, dem Unter­gang? Ist man ohne diesen Din­gen ganz ein­fach unglück­lich oder gar ganz ver­loren? Es sind Geschichten, die mich glück­lich machen, es ist ehrlich gemeintes Lob, es sind Ideen, Erfolge und ganz beson­ders sind es Men­schen. Beson­dere Men­schen. Doch Glück besteht doch niemals ohne Angst, oder?

Wer ein­mal glück­lich war — wer ein Lächeln geschenkt bekam, etwas Nähe, pures Glück -, hat das Leben gespürt. Wem das alles aber genom­men wurde, uner­wartet, aus dem Rück­halt, ohne Grund, kann sich wohl lange Zeit nur mehr schwer an einem Glücks­ge­fühl ergötzen. Weil doch alles eine Ablaufzeit hat und alles ein ver­dammtes Ende. Und weil Enden sel­ten glück­lich sind, denn Glück soll doch niemals enden.

Ich bin glück­lich, wenn ich in meinem Ele­ment bin. Mein “Ele­ment” ist das Schreiben, ob nun lit­er­arische oder jour­nal­is­tis­che Texte. Das Spie­len mit den Worten, das behut­same Aneinan­der­rei­hen der Sätze, das Ein­tauchen in die Welt der Fan­tasie und auch der Fak­ten. Schreiben macht mich glück­lich, bringt mir Ruhe und hüllt mich ein. Glück hat somit auch etwas mit Lei­den­schaft zu tun und mit Hingabe. Nur etwas, in dem ich voll aufge­hen kann, macht mich glück­lich. So wie auch die Liebe: das Aneinan­derkuscheln, die kleinen Neck­ereien, das Beobachten und Aufmerk­sam­sein, das alles bedeutet für mich Glück. Etwas nach­dem ich lange Zeit gestrebt habe, dass irgend­wann erfüllt wurde und das ich nicht mehr gehen lassen möchte. Nichts bebt ein­dringlicher in meinem Kör­per als die richti­gen Worte des Gegenübers. All das ist Glück und all das ist vergänglich.

Und manch­mal ver­liere ich mich im Zwang des Glück­lich­seins. Wenn ich mir noch tage– und wochen­lang vor­ma­che, vol­lkom­men glück­lich zu sein, und in Wahrheit ram­men sich ganz kleine, feine Split­ter in diese Schutzhülle, in diese Schicht Glück, die vielle­icht auch nur mehr eine Erin­nerung ist und ihre jet­zige Exis­tenz in Wahrheit schon gar nicht mehr nach­weis­bar ist. Das ist meist der Beginn eines tiefen Falls, denn anstatt langsam in ein Tief zu gleiten, pusht man das Glück immer weiter, ver­fällt vol­lkom­men dieser unsäglichen Glück­su­topie, bis zur Spitze, bis es nicht mehr geht und dann ist es plöt­zlich klar und voller Schmerz und man fällt und fällt und fällt. Und trotz der Erin­nerung an die unzäh­li­gen Momente des Fal­l­ens, oder vielle­icht sogar ger­ade deswe­gen, passiert es mir immer wieder, dass ich den Kokon zu bauen beginne, obwohl der unebene Grund unter mir doch eigentlich schon eine War­nung hätte sein sollen.

Ist Glück somit immer nur die Über­brück­ung bis zum Tief­st­punkt, kennt man die pure Glück­lichkeit nur beim Auf­stieg an die Spitze, nur um dann wieder nach unten gestoßen zu wer­den und wieder von Neuem den Weg hin­auf in Angriff nimmt? Wäre dann dieses Glück nicht ein­fach nur sinn­los und würde man sich dann im Laufe des Lebens und im Laufe der Erfahrun­gen irgend­wann die Hörner abgestoßen, die Liebe zum Glück abgewöhnt haben? Ich kann es nicht sagen, aber ich will es auch ein­fach nicht glauben.

Nichts ist unzer­brech­lich, und vielle­icht ist das der Grund, warum das Glück einen so reizt. Weil man immer danach streben muss und darum kämpfen. Weil etwas Unacht­samkeit und falsche Abzwei­gun­gen das Ende des Glücks bedeuten kön­nten. Man wird aufmerk­samer, wird rück­sichtsvoller, nur um das Glück auch weit­er­hin zu haben. Nur um nicht abzustürzen, nur um on Top zu bleiben. Und manch­mal … ja, manch­mal kann man tun und machen, was in der Macht steht, und trotz­dem ist es weg. Das ist die schlecht­este aller vorstell­baren Theorien.

Aber selbst wenn man das schon ein­mal durchgemacht hat, endet nie der Glaube ans Glück, oder der Wun­sch danach. Denn das pure Glück ist wie eine Droge, das pure Glück lässt einen strahlen. Völ­lig sinn­los wäre das Leben, wäre da nicht das Glück. Und wie schrieb der kür­zlich ver­stor­bene Autor Gabriel Gar­cía Márquez: “Weine nicht, weil es vor­bei ist, son­dern lächle, weil es so schön war.” Und vielle­icht beschreibt dieses Zitat am Besten, wie man mit der Absur­dität des Glücks umge­hen muss. Auf es zu verzichten, weil man sich der Endlichkeit bewusst ist, wäre ein­fach nur ver­we­gen. Und selbst wenn das Ende einkehrt, so gab es doch diese unzäh­li­gen Momente des Glücks, die dann zwar nicht mehr exis­tent, aber doch noch in der Erin­nerung vorhan­den sind. Und auch wenn das Glück ver­loren gehen kann, so muss das nicht auch mit der Erin­nerung passieren.

Und auch Heine trifft mit seinem, meinem titel­geben­den, Zitat den Nagel auf den Kopf. Nur sel­ten wird uns die Essenz des Glückes ohne Grund ins Schoß gelegt, nur sel­ten wer­den wir mit Glücks­ge­fühlen belohnt, son­dern wir selbst müssen es in die Hand nehmen, wir selbst sind die Boten des Glücks. Für andere Men­schen, aber auch für uns selbst.

Denn so sehr das Leben ver­sucht, einen Men­schen pes­simistisch wer­den zu lassen, so sehr bietet Glück etwas Hoff­nung. Und diese Hoff­nung nährt einen, lässt einen streben, kämpfen, für das Gefühl des Glücks, schenkt einem eine Auf­gabe. Und mit der Auf­gabe, glück­lich zu sein, hört man das ganze Leben über nicht auf. Denn Glück ist in Wahrheit unbezahlbar, unerr­e­icht und wun­der­voll. Glück ist das Höch­ste und Glück­lich­sein ist Leben.

In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks” erscheint als Teil von ency­clo­pe­dia feli­cis, einer Reihe von Tex­ten über das Glück auf erstgewesen.com. Dominik Leit­ner wurde 1988 in Pins­dorf, Oberöster­re­ich geboren, wohnt in St. Pöl­ten und studiert in Wien. Er ist (unter anderem) glück­lich, wenn er schreibt: egal ob lit­er­arisch oder jour­nal­is­tisch.

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