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DYS 1.01: Set-up.

dys101

Eine Bar. Ged­immtes Licht, rauchge­dunkeltes Inte­rior aus Holz, es blitzen nur die gold­e­nen Zapfhähne auf, ab und an, aus dem Stim­mengewirr tönen nur die zusam­men­stoßen­den Kugeln auf den Bil­liardtis­chen her­aus. Eine Bar.

Er tritt ein, hin­ter ihm fliegt die Tür zu, er kann ger­ade noch einen Schritt vor­wärts machen, um seine Achilles­ferse vor dem Schlag des Flügels zu schützen. Vielle­icht ist das eine Tak­tik, Unentschlossene so einen ganzen Schritt hinein ins Lokal zu zwin­gen. Da entschei­det man sich gle­ich viel leichter, zu bleiben. Alles ist Marketing.

Diese Gedanken gehen Vik­tor zwar wie immer durch den Kopf, allerd­ings in enier mit High­speed kom­prim­ierten Form, während sein Blick schon durch den Raum, bei den üblichen Verdächti­gen anhal­tend, rast und nach einem Schild mit der neon­leuch­t­en­den Auf­schrift “WC” sucht. Noch ist dies nicht von Erfolg gekrönt und er wäre trotz rapide steigen­dem Harn­drangs schon wieder geflo­hen, wäre da nicht der Mar­ket­ing­gag mit der zufliegen­den Schwingtüre gewe­sen. Vik­tor steht also mit­ten in einer Bar, einem Etab­lisse­ment, in dem vor­rangig Bier aus­geschenkt wird. Noch immer kein Hin­weis auf Toi­let­ten. Alles wird dun­kler, außer den Zap­fan­la­gen, die noch stärker im Gold­blitz ste­hen. Er erin­nert sich plöt­zlich an all jene trau­ma­tis­chen Kind­heit­serin­nerun­gen, aber nicht mal die sind genug, um seine höfliche Angst zu über­winden und ein­fach zu fra­gen, nein. Die Angst davor, jeman­dem zur Last zu fallen, ist für Vik­tor größer als alles. Höflichkeit trumpft sogar nasse Hosen.

Doch dann ein Wun­der! Der Bar­keeper nickt wis­send und deutet zum hin­teren Ende des Raumes, dort wo im Halb­dunkel Bil­liard­kugeln aufeinan­der­stoßen. Er ver­steht und Vik­tor folgt dankbar seinem Weis. Schnell geht er vor­bei an beset­zten Tis­chen und an auf Hoch­touren laufenden Spie­len  — im Augen­winkel sieht er einen Alten blöf­fen — ins hin­ter­ste Eck, wo eine kleine Tafel, ganz ohne Neonauf­schrift, das Bad auss­childert. Das Ziel vor Augen.

Hi!”

Vik­tor sieht die Stimme nicht, nur die ein­mal weiß gewe­sene Tür mit dem Män­nchen darauf, er muss erst seinen Blick enttunneln.

Hi!”

Eine Stimme aus der Abteilung Pro­duk­t­de­sign. Er lächelt, deutet aber seine präkere Lage an, es wird genickt und gelächelt. Erle­ichtert biegt er ein.

Ein­treten, absper­ren. Freiheit.

Die Wände der Kabine sind beschmiert. Der schmale Auf­bau provoziert aus der sitzen­den Per­spek­tive ger­adezu claus­tro­pho­bis­che Gedanken.

Vik­tor taucht in den Bild­schirm in seine Hand ab, um diese Gedanken abzuschüt­teln, braucht es die unendlichen Weiten des Inter­nets. Danke Steve Jobs und wer auch immer das Genie hin­ter dem Android-System ist. Ihr habt die gefühlt ewigen Aufen­thalte auf öffentlichen Toi­let­te­nan­la­gen zwar zeitlich expo­nen­tiell ver­längert, die Zeit in den engen Kästen aber erst richtig über­leb­bar gemacht. Vik­tor ist immer geneigt, eine der Num­mern anzu­rufen, nur um zu sehen, wer abhebt. Er weiß, dass es dumm ist.

Ohne es zu merken, hat er die Zif­fern getippt. Aber er hat genug Eigenbes­tim­mung, um nicht zu wählen. Stattdessen öffnet er das SMS-Fenster, vielle­icht will er später noch schreiben, aber im Moment beschäftigt ihn schon wieder ein anderer Gedanke:

Wie heißt “Hi!” vom Produktdesign?

FADEOUT.

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