erstgewesen // etüden
erstgewesen//etüden texte// essays besprechungen belles lettres journal icareae archiv person// biografie veröffentlichungen wichtige bücher orte// termine projekte links// konzepte// konzepte (pdfs) notizen impressum// kontakt datenschutz

Schleudertrauma archiv// drucken

Es war da, ganz plöt­zlich, unangekündigt. Und sie fühlte sich davon ein wenig vor den Kopf gestoßen.

Ein Dilemma von der Kette, ein Dilemma, aus­ges­tat­tet mit tausenden von Rat­ge­bern. Diese alle Rat­ge­ber, die sich in tausenden anderen Din­gen nicht ums Ver­recken einig wer­den kon­nten, pflichteten sich hier alle­samt bei: Es annehmen, Aktiv­ität zeigen. Das geflügelte Wort fiel da: embrace. Aber sie kon­nte nichts tun, seit es da war. Nichts außer ihrer Waschmas­chine beim Schleud­ern zuzuse­hen und immer wieder an ihrem Tee zu nip­pen. Grün­tee mit Man­delex­trakt, importiertes Relikt aus einer Zeit, lange bevor es da war und ihr in den Magen geschla­gen hatte. Der Tee war zyk­lisch wie die Waschmas­chine, sie ver­gaß ihn ständig, bis er kalt gewor­den war, um ihn dann leicht angewidert trotz­dem zu trinken. Es wartete im anderen Zim­mer, bes­timmt wurde es schon unruhig, weil sie es so lange warten ließ. Embrace. Das Drehen der Waschtrommel.

Wenn es auf– und abge­hen würde oder gar an die Zim­mertüre klopfen würde, sie würde nichts bemerken, denn im Moment, da es vor ihr stand, fing jemand in ihren Gedanken an, laut­stark Chopin zu häm­mern. Sie hatte sich entschuldigt und erk­lärt, dass die Verbindung sehr schlecht sei und wollte schon aufle­gen, als sie bemerkte, dass sie gar nicht tele­fonierte und dass es da ganz real vor ihr stand. Daraufhin hatte sie sich wort­los in das andere Zim­mer, das mit der Waschmas­chine und dem Tee, gestohlen. Dort saß sie nun am Boden und wusste schon nicht mehr, ob sich die Wäschetrom­mel oder die Welt drehte.

Sie hatte daran gedacht, ihm mit der Steingut­tasse auf den Kopf zu schla­gen, bis es aus Trotz ging, hatte die Idee im näch­sten Moment ver­wor­fen, aus Höflichkeit. Und über­haupt war es seit seiner Ankunft in die Höhe geschossen, sodass sie seinen Kopf mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahrschein­lichkeit nicht tre­f­fen kon­nte. Die Chopin­in­ter­pret in ihrem Kopf wurde lauter, abge­hack­ter. Jetzt half nur noch ein Wun­der. Wenn es sie nicht mehr ver­ste­hen kon­nte, würde es vielle­icht abziehen. Sollte sie ihm gegenübertreten und voll­ster Überzeu­gung nichts von sich geben? Aber nein, Unver­ständ­nis würde nie Sicher­heit brin­gen. Es würde nur ins näch­ste Zim­mer gehen, hin­ter der Tür warten. Also Schleud­ern und Grün­tee aus der Zeit davor. Auf das Außen warten, das unweiger­lich kom­men würde, wem zu Hilfe, das war die Frage. Bis dahin würde sie hier sitzen bleiben, sich drehen und angewidert kalten Tee trinken, sie kon­nte gar nichts anders.

Und draußen, in anderen Zim­mer wartete das Weit­erkom­men. Embrace.

(c) Matthias Kreitner// RSS//
(when in doubt, scroll.)
erstgewesen // etüden

Kommentar schreiben

..spricht Chopin, auf den schwim­menden Fisch im Glaskas­ten deu­tend, der lieber fliegen möchte, darum aus­gelacht wird.