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Social Medium: Anmerkungen zur Protokollnatur

Ein­lei­t­ende Notiz: Der fol­gende Text hat als eine aktuelle Reak­tion auf die Mel­dun­gen über Cam­bridge Ana­lyt­ica begonnen, ist aber über die let­zten zwei Monate zu einer all­ge­meineren Bear­beitung von Grund­satzfra­gen zur Natur der sozialen Medien angewach­sen. Nun geht dieser Anwuchs hin ins All­ge­meine, so denke ich, halb­wegs kon­form mit einer Bewe­gung im weit­eren Diskurs. So hat schließlich die Debatte auch eine Befra­gung Mark Zucker­bergs im EU-Parlament her­vorge­bracht, auch die Exis­tenzberech­ti­gung der aktuellen Zustände wurde zunehmend in Frage gestellt. (Link: Facebook-Post von Michel Rei­mon, 22.5.2018) An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass ich wenig bis keine Ken­nt­nisse über die tech­nis­chen Aspekte auf Code-Ebene habe und sich der Text vor allem in einer kul­tur­the­o­retis­chen Per­spek­tive verortet sieht. Die weni­gen spez­i­fis­chen tech­nis­chen Forderun­gen, die for­muliert wer­den, soll­ten daher wohl eher als Wün­sche und Leer­stellen ver­standen wer­den.
Der Text ist mit Abstand der läng­ste, den ich auf diesem Blog postete und da sich 2000+ Worte, wie ich weiß, nicht beson­ders gut für das Blog-Format anlei­hen, sind hier Links zu den einzel­nen Abschnitten:

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In den let­zten Monaten, nach­dem zuerst die Machen­schaften von Cam­bridge Ana­lyt­ica und in der Folge weit­erge­hende Lecks in unserer sozialen Infra­struk­tur im Inter­net zutagege­trete­nen sind, wurde über­all (zurecht) über den Daten­schutz auf Face­book und all­ge­meiner den sozialen Medien gesprochen. Wie kon­nte es über­haupt dazu kom­men, dass diese Präferen­zen und Aktiv­itäten der User*innen abge­grif­fen wer­den kon­nten? Ist Face­book sim­pler­weise zu blöd, um unsere Daten sicherzustellen oder besteht auf einer Ebene oder der anderen eine Kom­plizen­schaft? Und: Warum hat Face­book diese Daten über­haupt? Das waren die wichti­gen Fra­gen, die wir uns stell­ten und allerorts durchexerzierten.

Das Daten­schutzprob­lem ist ein sekundäres

Diese Fra­gen sind wichtige Fra­gen. Was sie nicht sind, ist neu. Cam­bridge Ana­lyt­ica ist nur der aktuell­ste und deswe­gen ver­mut­lich der sicht­barste Auswuchs eines konzeptuellen Prob­lems der social media. Daten­schutz ist nicht dieses Prob­lem, wie ich glaube. Natür­lich ist der man­gel­nde Daten­schutz ein akutes Prob­lem (mit dem sich nicht umsonst die EU ger­ade aus­giebig befasst), doch es ist hier nicht das primäre Prob­lem. Die Notwendigkeit eines starken Daten­schutzes ent­ge­gen wirtschaftlichem wie poli­tis­chem Miss­brauch erwächst schließlich aus dem, wie es scheint, immer größer wer­den­den Daten­hunger seit­ens der Betreiben­den sozialer Net­zw­erke – wenn Face­book und Twit­ter keine Daten besitzen wür­den, müssten diese unsere Daten auf ihrer Seite auch nicht geschützt wer­den. Nun ist der Habi­tus des Daten­sam­melns ein sehr zen­traler Fak­tor im Funk­tion­ieren dieser sozialer Net­zw­erke, wie man so oft liest, wenn man die Prob­lematik anspricht: Social media würde nur durch das Zurver­fü­gung­stellen und die Abgabe von end­losen Men­gen an Daten an Betreibende funk­tion­ieren, deshalb solle man sich lieber ganz aus diesen social media her­aus­nehmen. So lautet die tech­nolo­giepes­simistis­che Kon­se­quenz, die schein­bar logisch aus den Lecks zu ziehen wäre. Nun bin ich nicht allzu tech­nolo­giepes­simisch ges­timmt und sehe die vie­len Vorteile, die uns die sozialen Medien auf einer kul­turellen Ebene brin­gen und vor allem noch brin­gen kön­nen, min­destens en par mit den neg­a­tiven Effek­ten. Grund­sät­zlich ver­suche ich, mich hier mehr an Poten­tialen als an Kon­se­quen­zen zu ori­en­tieren. Und dieser Hal­tung fol­gend, halte ich auch die Aus­sage, welcher die Posi­tion des exits zugrunde liegt, in ihrem Kern für falsch. Das Date­nan­häufen und in der Folge das Daten­nutzen ist nicht notwendig für das Funk­tion­ieren sozialer Net­zw­erke im Inter­net, son­dern für soziale Plat­tfor­men. Die Dif­ferenz in Vok­a­beln sollte gle­ich deut­lich wer­den. Diese Plat­tfor­men, beziehungsweise deren Betreibende, sehen die gesam­melten Daten als ihr Kap­i­tal an und sie sind der Haupt­grund, warum Fir­men (nicht Dien­ste) wie Face­book und Twit­ter über­haupt wirtschaftlich posi­tion­ier­bar sind. Die sozialen Net­zw­erke oder Medien allerd­ings, die auf diesen Plat­tfor­men per­formt wer­den, benöti­gen und haben kein Kap­i­tal. Hier liegt der Knack­punkt des primären Prob­lems und es ist – wie so oft – ein Prob­lem der Wahrnehmung: Wir nehmen die Plat­tform Face­book als Net­zw­erk wahr. Dadurch set­zen wir die Plat­tform und in der Folge die Firma Face­book, die für die Entwick­lung und seit­dem für den Betrieb des Codes zuständig war, mit dem sozialen Medium, welches durch die Plat­tform Face­book pro­duziert wird, gle­ich. Daraus resul­tiert eine Wahrnehmung der social media-Landschaft, die unheim­lich verkürzt ist. In dieser Land­schaft gibt es das Medium Face­book, das Medium Twit­ter, das Medium Google+ etc., so wie in der Zeitungs­land­schaft zahlre­iche Medien existieren. Face­book ist aber keine Zeitung, son­dern vielmehr die Idee einer Zeitung. Twit­ter ist kein per­son­al­isierter Dorf­schreier mit außergewöhn­licher Reich­weite, son­dern das Konzept des Dorf­schreiers. Die sozalen Medien sind nicht Teil einer großen Land­schaft, sie sind selbst jew­eils eine ganze Land­schaft. Die meis­ten Prob­leme, welche beobachtet und beschrieben wer­den, resul­tieren aus dem Land­schafts­gärt­ner, der sich zum Platzhirsch erk­lärt hat. Die aktuelle Sit­u­a­tion der social media wäre ver­gle­ich­bar damit, dass eine Firma das Patent auf „die Zeitung“ hat und alle Medien, sei es die New York Times, die Zeit oder der Stan­dard ihre Aus­gaben bei dieser Firma drucken lassen und dazu noch über ihre Kanäle zu ihren Kon­di­tio­nen ver­bre­iten lassen müssen. Denn das Prob­lem ist: Solange wir social media als Firma, die eine Plat­tform entwick­elt und betreibt, denken, denken wir das Ziel des Prof­its als logis­che Kon­se­quenz daraus mit. Und eine solche Firma wird nie Kon­trolle über Größen wie Nutzer­daten abgeben, weil aus der Kon­trolle über diese Daten ihre Gewin­n­fähigkeit erwächst, da sie der einzige verkauf­bare Wert sind, welcher von solchen Fir­men pro­duziert wird. Wenn man jetzt mal eine der erfol­gre­ich­sten For­men und Errun­gen­schaften der dig­i­talen Rev­o­lu­tion ansieht, hat man ein pos­i­tives Beispiel an der Hand, mit­tels welchem die Ver­fehlung der sozialen Medien ekla­tant sicht­bar wird  und auch mögliche Zukun­ften aufzuzeigen sind. Und ja, die Errun­gen­schaft, die ich meine, ist Email. Denn auch im Jahr 2018 schreiben wir alle immer noch zumin­d­est fast täglich Emails, es ist ein­fach, es ist zweck­mäßig und ubiq­ui­tös wan­del­bar und einsetzbar.

Email als Vorbild

Und: Email ist ein Pro­tokoll, das als eine grundle­gende Funk­tion ins Inter­net einge­gan­gen ist. Email gehört nie­man­dem, auch die Erfinder*innen von Email und diversen Vorgänger­pro­tokollen kön­nten Email nicht abschal­ten, wenn sie es woll­ten. Das Email­pro­tokoll ist eine Grun­drech­nungsart des Inter­nets. Und deswe­gen funk­tion­iert Email, wie es funk­tion­iert. Weil in der Entwick­lungsphase ver­mut­lich niemals auch nur zur Debatte ges­tanden ist, dass das Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel Email prof­ita­bel wer­den soll. (Dass einzelne Email-Hosts – also in der vorigen Meta­pher die Zeitungs­bu­den – durch Wer­bung etc. ver­suchen, mit Email Profit zu machen, ist auch klar, ändert aber meiner Mei­n­ung nach per se nichts am Konzept.) Und ger­ade aus einer solchen in der Entwick­lung immer schon mitgedachten Ziel­gerichteth­eit wach­sen meines Eracht­ens die Prob­leme. Eine umfassende Wirtschafts– und Star­tup­kri­tik sei hier mitgedacht und bei Bedarf ein­fach selbst for­muliert. Was brauchen wir also für soziale Netze, wenn wir nicht gän­zlich aussteigen wollen (und als Kollek­tiv wohl auch nicht mehr kön­nen), son­dern die gesellschaftlichen Errun­gen­schaften und Kom­mu­nika­tion­stech­niken, die social media mit sich gebracht haben pro­duk­tiv und sin­nvoll nutzen, aber uns der Prob­lematik nicht aus­liefern wollen? Hier komme ich zum eigentlichen Punkt: Es ist meine Überzeu­gung, dass wir die Daten­schutzkrise nicht langfristig dadurch lösen kön­nen, immer sicherere Tech­nik zur Fest­stel­lung unserer Daten einzustellen, son­dern nur dadurch, dass wir das Inter­esse an unseren Daten aus der Gle­ichung her­ausstre­ichen. Eine inter­es­sante Per­spek­tive bietet hierzu das FAZ-Interview mit Lorena Jaume-Palasí von Algo­rithm Watch  (Link). Sie sagt sin­ngemäß, dass es nicht zielführend ist, tech­nis­che Entwick­lung zu reg­ulieren, weil diese ja per def­i­n­i­tionem der jew­eili­gen reg­ulierten Sit­u­a­tion entläuft, es aber nötig ist, den Men­schen, die diese Tech­nik entwick­eln und ein­set­zen, eine neue funk­tions­fähige Ethik zur Hand zu geben. In dieselbe Kerbe scheint mir ihr Text über analoge gesellschaftliche Entwick­lun­gen beim Aufkom­men des Autos (Link) zu schla­gen. Die sozialen Medien sind nicht grun­dauf ein Werkzeug des Bösen, im Gegen­teil sind sie beziehungsweise ihre Mech­a­nis­men ein entschei­den­des Mit­tel, um in unserer Welt, die von uns eine immer schneller wer­dende Reak­tions­freudigkeit erwartet, einen zivilen Diskurs und damit demokratis­che Grund­struk­turen aufrechtzuer­hal­ten. (Dass diese Mech­a­nis­men und diese demokratis­chen Grund­struk­turen miss­braucht und dadurch zu einem anti­demokratis­chen Alphorn gemacht wer­den kön­nen, ist nicht neu und sagt meines Eracht­ens nichts so sehr über die Qual­ität dieser Mit­tel aus, als dass sie inhärent fragil sind. [Dass Demokratie möglicher­weise sogar fragil sein muss, um demokratis­ches Per­for­men zu ermöglichen, ist ein anderer Text.])

Daten=Profit?

Wie lässt sich dieses schein­bar so essen­tielle, weil ver­mark­t­bare Inter­esse am Daten­sam­meln aus der Gle­ichung stre­ichen? Die Math­e­matik lehrt uns, dass man dazu ein Äquiv­a­lent auf der anderen Seite stre­icht. Dieses Äquiv­a­lent ist der Profit oder vielmehr der Wun­sch nach und der Zwang zum Profit. Denn solange das soziale Medium das Ergeb­nis nicht nur einer Forschung– und Entwick­lungsphase ist, son­dern über diese hin­aus zu einem Pro­dukt einer um es herum aufge­bauten Firma/eines Konz­erns ist, ist es mit dem Ziel, prof­ita­bel zu sein, ver­bun­den. Dieses Ziel, prof­ita­bel zu sein, ist schlussendlich in der derzeit­i­gen Kon­struk­tion auch ein ver­ständliches, wird das Net­zw­erk doch als Pro­dukt ange­se­hen, in dessen Entwick­lung investiert wird und das sich nach der „Fer­tig­stel­lung“ ren­tieren soll. Ähn­liche Phänomene sind bei der Bahn oder der Post, grund­sät­zlich allen Infrastruktur-Unternehmungen, zu beobachten. All diese Fälle haben es auch gemein, dass der Vek­tor Profit der voll­ständi­gen Funk­tions­fähigkeit der Infra­struk­tur hin­der­lich ist. Sin­nvoll wäre daher, ein neues Ziel auszuschreiben, näm­lich das der Verbesserung der Infra­struk­tur und damit des öffentlichen Diskurses. Durch solche Hauptziele wäre eine weit­ge­hende Befreiung des sozialen Medi­ums aus den engen Fän­gen der prof­it­ges­teuerten Daten­sucht möglich, auch dadurch, dass kein Unternehmen, welches Daten anhäufen kön­nte, mehr beste­hen würde. Wenn wir das soziale Medium ern­sthaft in den öffentlichen Diskurs, den es längst besetzt und den es im Mar­ket­ing­sprech als Haupt­mo­ti­va­tion angibt, ein­binden wollen, braucht es eine neue Struk­tur, ange­fan­gen in der Entwick­lung. So wäre es doch denkbar, diese gewün­schte Inno­va­tion durch öffentlich finanzierte Pro­jekte zu betreiben und, nach Abschluss der primären Entwick­lung – und das scheint mir essen­tiell – die Kon­trolle und Aufrechter­hal­tung dem öffentlichen Kollek­tiv zu übergeben. Kurzum: Das soziale Medium soll zu einem Pro­tokoll wer­den. Nur so kann es eine uni­verselle Funk­tion des Inter­nets wie einst die Email wer­den. Diese Pro­tokoll­w­er­dung oder Ver­pro­tokol­lierung ist den sozialen Medien, die heute vorherrschend sind, struk­turell nicht unbe­d­ingt eingeschrieben, waren sie doch von ihrer früh­esten Entwick­lung mit dem Gedanken, poten­tiell prof­ita­bel zu sein, durchtränkt. Sie kön­nen daher nicht akut umgeschrieben wer­den, wir ste­hen vor der schein­baren Wahl, entweder neue Dien­ste zu entwick­eln, denen das Prinzip des Pro­tokolls im Kern steckt, oder langsame, aber stetige Umfor­mung der vorhan­de­nen Struk­turen zu ini­ti­ieren. Inter­es­sant wird dabei auch sein, in welchem Aus­maß beste­hende Teilap­pa­rate in neue Struk­turen mit­ge­tra­gen wer­den kön­nen, was einer höheren Kon­ver­sion­srate sicher­lich zuträglich wäre.

dias­pora* als Vor­bild: User-Plattform-Verhältnis als Kernfrage

Inter­es­sante Schritte in diese Rich­tung machte beispiel­sweise schon die als open source-Alternative zu Face­book ange­tretene Plat­tform dias­pora*, welche in ihren Funk­tion­sweisen ähn­lich wie Face­book oder noch mehr wie das stark von dias­pora* inspiri­erte Google+ angelegt ist, das Daten­schutz– bzw. Daten­sucht­prob­lem dadurch angeht, dass nie­mand alle Daten sam­meln kann, da nie­man­dem die gesamte Infra­struk­tur gehört. Gelöst wird dies durch eine Vielzahl von unab­hängi­gen Instanzen der diaspora*-Struktur, jede*r Teil­nehmende, jedes Mit­glied ist ein poten­tieller host des plat­tfor­maus­führen­den Codes. Damit erin­nert es an nichts so sehr wie an frühe MMORPGs oder IRC-Channels: Die Nutzer*innen der Plat­tform stellen die Server­struk­tur, die sie benutzen, her. Hier­aus zeich­net sich neben dem Haup­tan­liegen des Daten­schutzes, welches über eine neu verteilte Daten­ho­heit geregelt wird, ein neues Ver­ständ­nis der User-Plattform-Beziehung ab. Die Nutzer*innen sind die Plat­tform und das Medium. Diese Beziehung ist nun nicht neu, keine der mark­t­führen­den Plat­tfor­men wäre in irgen­deiner Weise funk­tions­fähig ohne ihre Nutzer*innen und doch scheint es eine neuar­tige Gewich­tung und Wertschätzung zu sein, haben doch die prof­i­to­ri­en­tierten Unternehmen dieses Ver­hält­nis tun­lichst zu mask­ieren gesucht. Dabei haben sie eine nominelle Umfor­mung einge­setzt: Der Fokus liegt zeit­genös­sisch insofern nicht auf der hand­lungsnotwendi­gen struk­turellen wie inhaltlichen Tätigkeit der Nutzer*innen, als dass sie Arbeit leis­ten und durch diese Arbeit die Infra­struk­tur aufrechter­hal­ten, son­dern auf ihrer Exis­tenz als Asset. Durch diesen sim­plen Per­spek­tiven­wech­sel machen die Plat­tform­be­treiben­den ihre Nutzer*innen aus hand­lungs­fähi­gen und in ihrer Posi­tion mit sig­nifikan­ter Macht betrauten Akteuren selbst zu Inhal­ten. Die einzel­nen Stim­men auf der Plat­tform wer­den so im Diskurs mehr und mehr als Con­tent wahrgenom­men und Con­tent kann ohne gröbere moralis­che Schwierigkeiten besessen wer­den. Mit dias­pora* scheint der Ver­such ges­tartet wor­den zu sein, den Nutzen­den ihre Posi­tion als Agierende wieder deut­lich vor Augen zu führen. Damit ist dias­pora* nicht nur als poten­tielle Alter­na­tive wichtig, son­dern als kul­turelles Agens im gesamten social media-Bereich. Wenn die Dis­per­sion der Server­struk­turen ein näch­ster wichtiger Schritt, vor allem für jene Plat­tfor­men des Typus Face­book, ist, so soll­ten sich vielle­icht jene Dien­ste, welche auf einem wesentlich kur­zlebigeren turn­around basieren, wie es beispiel­sweise an promi­nen­ter Stelle Twit­ter tut, die schon vielfach ins Spiel gewor­fene Protokoll-Natur von Email wirk­lich explizit als Vor­bild nehmen. Die größte Hürde für eine flächen­deck­ende Entwick­lung in diese Rich­tung neben dem weit­er­greifenden kul­turellen Duk­tus und Profit als einziges anerkan­ntes Zeichen des Erfolgs, stellt die Finanzierungslage struk­tureller Entwick­lung dar: Wer selbst große Resourcen in die Entwick­lung eines neuen social media-Dienstes investiert, gibt natür­lich nicht gerne nach Abschluss dieser Entwick­lung die Zügel aus der Hand, es besteht hierin eine sim­ple und doch tief­greifende quid pro quo-Wahrnehmung. Um das neue social medium also als gesellschaftlich ori­en­tierte Mech­a­nis­men sicherzustellen, muss deren Entwick­lung von der Gesellschaft finanziell wie struk­turell getra­gen wer­den. Nur, indem die Entwick­lung kein Ver­aus­gaben mehr darstellen muss, wer­den wir einen Stand erre­ichen kön­nen, indem der Profit des Betriebs nicht mehr als ver­di­ente Beloh­nung bzw. über­haupt erst als Ziel des Pro­jekts ange­se­hen wird.

late to the party

Dialektik des Materialseins

Aus­ge­hend von der Annahme, dass wir als sinnbe­gabte und bewe­gende Wesen durch die Welt wan­deln und durch unser Han­deln und schon davor grund­sät­zlich durch unser Existieren die Welt gestal­ten, möglicher­weise die Welt über­haupt kon­stru­ieren und auf­bauen, ist die These, das uns alles Umgebende Mate­r­ial für diese Welt­gestal­tung ist, wie klein­teilig, miniskul und tem­porär sie auch ist.

Auf dieser Grund­lage müssen wir uns eingeste­hen, dass wir im Umkehrschluss auch selbst als Mate­r­ial für die uns umgeben­den gestal­tenden Kräfte benutzt wer­den. Es ist ger­ade diese Natur als Mate­r­ial, welche Bewe­gung und damit Beziehung ermöglicht, Das Mate­ri­al­sein ist keine Abw­er­tung unserer Exis­tenz, auf einer ide­al­is­tis­chen Ebene, es macht uns nicht zu einem wil­len­losen Werkzeug in den Hän­den anderer, poten­ziell höherer Kräfte, auf welche ich noch kom­men will, und auch das oft­mals stra­pazierte Bild der form­baren Masse bietet keine recht funk­tionale Passform.

Über­haupt erweist sich das hier­ar­chis­che Gebäude, welches stets eine benutzende und eine benutzte Entität definiert und diese ten­den­ziell auf einer krankhaften Inten­sität von Ungle­ich­heit nicht als Benutzen, son­dern als Aus­nutzen formiert, als ein ebenso krän­kliches wie omnipräsentes Struk­turele­ment und Werkzeug unser zeit­genös­sis­chen wie his­torischen Markt– und Arbeitsver­hält­nisse. Einer Kri­tik dieser Zustände entspringt dann auch fol­gerichtig eine neg­a­tive Sichtweise auf das Mate­ri­al­sein, woraus eine ver­ständliche Kri­tik an allen Ver­hält­nis­sen, die Men­schen zu einer solchen Posi­tion des Mate­ri­al­seins brin­gen, for­muliert wird.

Nun ist eine solche Zuschrei­bung als Mate­r­ial und nur als Mate­r­ial beziehungsweise daraus resul­tierende Mate­ri­alket­ten, die par­al­lel zu Pro­duk­tions­ket­ten ein­seitig nach unten hin die Eigen­schaften des Mate­ri­al­seins weit­ergeben, meiner Ansicht nach ein fehler­hafter Auswuchs dieser benan­nten Markt– und Arbeitsver­hält­nisse, welcher durch die schein­bare Frei­heit des Neolib­er­al­is­mus nur mask­iert und unter­füt­tert werden.

Ein wahres – also  wahrhaftiges – Mate­ri­al­sein kann also nur ein dialek­tis­ches sein. Nur so ent­flieht es den Abhängigkeiten, die es schaf­fen würde, wenn nicht. In unseren Aktio­nen und Ver­hält­nis­sen muss uns also klar bewusst sein, dass wir als Agierende, in dem Moment, in welchem wir uns etwas oder jemand anderes außer­halb unserer selbst zum Mate­r­ial machen, selbst zu deren Mate­r­ial erk­lären. Zunächst stellt dieses Zurver­fü­gung­stellen eine Abwe­ichung von der Norm, einen Son­derzu­s­tand dar. Dem Gedanken weit­er­fol­gend, wird aber schnell klar, dass wirk­lich nicht das Mate­ri­al­sein und auch nicht das Mate­ri­alver­wen­den ein außergewöhn­licher Zus­tand ist, son­dern der ruhende, weder ver­wen­dende noch ver­wen­dete Men­sch ein absoluter Son­der­fall, ja, eher noch eine kat­e­gorische Utopie und reines the­o­retis­ches Hil­f­skon­strukt ist. Vielmehr ist das wech­sel­wirk­ende Mate­ri­al­sein ein essen­zieller Aus­druck der grundle­gen­den zwis­chen­men­schlichen Kon­nek­tiv­ität. Darauf folgt eine Umw­er­tung der Mate­ri­alex­is­tenz, die schließlich den Kern und die These dieses kurzen Texts bilden wird.

Denn wenn wir – was, wie ich glaube, kon­sens­fähig ist – die zwis­chen­men­schliche Kon­nek­tiv­ität als einen pos­i­tiven und darüber hin­aus sogar als einen erstrebenswerten Aspekt des men­schlichen Daseins annehmen, dann erhält das Mate­ri­al­sein in der Folge unweiger­lich auch eine pos­i­tive Kon­no­ta­tion, was gegenüber dem all­ge­meinen neoliberal-ausbeuterischen sta­tus quo, der viel­mals auf eine sys­tem­a­tis­che Mask­ierung des men­schlichen Mate­ri­als hin­aus­läuft, eine unge­meine Aufw­er­tung bedeutet.

Eine solche neue Sicht­barkeit der Mate­ri­al­ität der zwis­chen­men­schlichen Exis­tenz gilt es nun erst­mal zu etablierten, zuerst in der eige­nen Wahrnehmung, dann in einem öffentlichen Diskurs: Die Dialek­tik des Mate­ri­al­seins muss offen­siv per­formt und aus­gestellt wer­den, denn es ist ine der Wis­senssätze unseres Lebens, die uns inhärent bekannt sind, die aber vom zeit­genös­sis­chen (wie his­torischen) Kon­text in einem so übertö­nen­den Aus­maß über­strahlt wer­den, dass sie uns nicht mehr inhärent bewusst sind, sogar als fremd oder falsch gele­sen wer­den. Wir müssen also unser Mate­ri­al­sein aus dem Nebel heben.

Womit dieser Text an einem Punkt ange­langt ist, zu erwäh­nen, wie ich über­haupt an dieses Thema ger­aten bin.

Alexis Eynaudis Per­for­mance Chester­field kehrt die Natur der Per­for­menden als Mate­r­ial an vorder­ste Front. Schon meine erste Notiz – geschrieben während einem Proben­durch­lauf im ver­gan­genen Novem­ber, dem ich bei­wohnte – ist ein Zeichen, wie prä­va­lent die Dialek­tik im Tanzstück, das vom brut kopro­duziert Anfang Dezem­ber 2017 im Volk­skun­de­mu­seum Wien zu sehen war, ist.

Denn Chester­field per­formt nicht nur ein Zurver­fü­gung­stellen des eige­nen Kör­pers, um Mate­r­ial einer Per­for­mance zu wer­den, son­dern beschäftigt sich inten­siv mit der anderen Seite der Gle­ichung, die aus der Sack­gasse einer selb­stvergessenden Aufopfer­ung hin­aus führen. Denn wenn Alix Eynaudi sich zur Brücke wan­delt, um ein Umfeld für den Akt der Bewe­gung unter dieser Brücke hin­durch zu wer­den, oder ihre Beine so posi­tion­iert, dass sie jeman­den als Sitz dienen kön­nen, so macht sie sich zu zur Ver­führung ste­hen­dem Mate­r­ial für diese Akte, ja. Aber gle­ich­sam wer­den diejeni­gen, die diese Akte durch­führen, zu ihrem Mate­r­ial. Was im Kern der leisen Bewe­gun­gen in Chester­field steckt, ist die Tatsache/Annahme, dass Mate­r­ial ein unsere Exis­tenz mit­be­grün­den­der Anteil ist. Nicht die Per­for­mende, welche Mate­r­ial wird, wird benutzt, viel mehr liegt der Flow inver­siert vor: Wenn sie zum Sitz/zur Lehne/zur Stütze wird, benutzt sie diejenige, die sich an sie lehnt. Agen­tielle Ord­nung geht von den Mate­rial­men­schen aus, sie ord­nen die Benutzen­den so an, um sich das Mate­ri­al­sein zu ermöglichen.

foto: Chris­tine Miess

Die Chore­ografie Eynaudis macht deut­lich, was der Dialek­tik des Mate­ri­als­seins – weit­ergedacht – fehlt, ein Fehlen, das sie final von den aus­beu­ten­den Macht­struk­turen trennt: Sie besitzt kein­er­lei hier­ar­chis­che Anord­nung. Denn Mate­ri­al­sein und Mate­ri­al­nutzen sind nicht getrennt möglich, nie­mand benutzt jeman­den der benutzt wird, dauer­haft. Nutzen und Benutzt­sein, Ziehen und Sein sind ein und dieselbe Instanz, denn wenn der Ses­sel die Sitzen­den benutzt, um sein Ses­sel­sein ausüben zu kön­nen, also das Mate­r­ial die Mate­ri­al­isieren­den nutzt, wer­den eben diese Mate­ri­al­isieren­den zum Mate­r­ial der Per­for­mance seines Materialseins.

Die Tänz­erin und Chore­ografin über­setzt diese Dialek­tik weiter auf Sprache, deren Gesproch­enes neben­säch­lich bis irrel­e­vant ist, ist sie doch vor allem einge­setzt, um einen Grund zu sprechen zu haben. Auch auf die in der Insze­nierung sehr zen­trale Mate­ri­al­ität des Werk­stoffs Leder, die der unmissver­ständlichen Kör­per­lichkeit der Chore­ografie akzen­tu­ierend zuar­beitet, wird sie übertragen.

Aus einer Dialek­tik des Mate­ri­al­seins lassen sich ohne größere Mühe Schlüsse aus den Ecken der Selb­sthilfe und –opti­mierung ziehen: Wir müssen uns selbst als das Mate­r­ial wahrnehmen, das wir brauchen, um uns nach unseren Vorstel­lun­gen zu formen.

Eine solche Lesart ist ein­fach und, denke ich, zu kurz gegrif­fen. Es liegt wenig wider­ständi­ges Poten­zial darin, uns als Mate­r­ial wiederum nur auf uns selbst zu beziehen. Viel stärker kann eine Öff­nung wirken. Eine Dialek­tik des Mate­ri­al­seins greift nach einer Zurver­führung­stel­lung und damit einer Bezug­nahme. Sie fordert auf, sich zusammenzutun.

theoretika

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Social Medium: Anmerkun­gen zur Protokollnatur

Ein­lei­t­ende Notiz: Der fol­gende Text hat als eine aktuelle Reak­tion auf die Mel­dun­gen über Cam­bridge Ana­lyt­ica begonnen, ist aber über die let­zten zwei Monate zu einer all­ge­meineren Bear­beitung von Grund­satzfra­gen zur Natur der sozialen Medien angewach­sen. Nun geht dieser Anwuchs hin ins All­ge­meine, so denke ich, halb­wegs kon­form mit einer Bewe­gung im weit­eren Diskurs. So ...

Dialek­tik des Materialseins

Aus­ge­hend von der Annahme, dass wir als sinnbe­gabte und bewe­gende Wesen durch die Welt wan­deln und durch unser Han­deln und schon davor grund­sät­zlich durch unser Existieren die Welt gestal­ten, möglicher­weise die Welt über­haupt kon­stru­ieren und auf­bauen, ist die These, das uns alles Umgebende Mate­r­ial für diese Welt­gestal­tung ist, wie klein­teilig, miniskul und tem­porär sie auch ist. Auf ...

2/* — Dialog

28.01.17, 17:47:51: Katka: Sehr wütend für deine Ver­hält­nisse. 28.01.17, 17:49:46: Matthias: Hoff­nung ist (m)eine Trotzhand­lung, ver­dammt nochmal. 28.01.17, 17:50:13: Matthias: Ich glaube auch, dass Hoff­nung für mich ein wüten­des Thema ist. 28.01.17, 17:50:35: Katka: das ist inter­es­sant 28.01.17, 17:50:46: Katka: Die meis­ten wären entweder sehr pos­i­tiv ges­timmt 28.01.17, 17:50:51: Katka: oder ent­täuscht resig­niert, würde ich mal sagen. 28.01.17, 17:51:01: Katka: Wut ist eine ...

Net­zsprache, bitte zusteigen.

Kom­mu­nika­tion ver­läuft auf Bah­nen und Bah­nen benöti­gen Schienen. Nun kann man diese Schienen nur schlecht einen Wert beimessen, der die Kat­e­gorisierung in “gut” und “schlecht” ermöglicht. Neue Schienen sind nicht besser oder schlechter als die alten, sie erschließen schlichtweg neue Des­ti­na­tio­nen. Das Kom­mu­nika­tion­snetz wird erweit­ert, nicht ersetzt. In meinem Gebrauch hat die wohlkom­ponierte Email als Äquiv­a­lent zum ...

theoretika

2/* — Dialog

28.01.17, 17:47:51: Katka: Sehr wütend für deine Verhältnisse.

28.01.17, 17:49:46: Matthias: Hoff­nung ist (m)eine Trotzhand­lung, ver­dammt nochmal.

28.01.17, 17:50:13: Matthias: Ich glaube auch, dass Hoff­nung für mich ein wüten­des Thema ist.

28.01.17, 17:50:35: Katka: das ist interessant

28.01.17, 17:50:46: Katka: Die meis­ten wären entweder sehr pos­i­tiv gestimmt

28.01.17, 17:50:51: Katka: oder ent­täuscht resig­niert, würde ich mal sagen.

28.01.17, 17:51:01: Katka: Wut ist eine sel­tene Reak­tion auf Hoffnung.

28.01.17, 17:52:27: Matthias: Hoff­nung ist ja auch für mich so eine wider­ständige Haltung.

29.01.17, 17:54:59: Matthias: Eine Geschichte über Hoff­nung als solche zu erzählen,

29.01.17, 17:55:05: Matthias: ist schreck­lich langweilig.

29.01.17, 17:55:18: Matthias: Das inter­essiert doch niemanden.

29.01.17, 17:55:27: Matthias: Hoff­nung kannst du nur reflektieren.

29.01.17, 18:05:42: Katka: Aber Men­schen funk­tion­ieren häu­fig nur auf­grund von Hoffnung.

29.01.17, 18:06:03: Katka: Sie brauchen das damit es ihnen gut geht.

29.01.17, 18:06:17: Matthias: Aber Hoff­nung ist nichts, was man hat oder nicht.

29.01.17, 18:06:33: Matthias: Hoff­nung ist eine Kul­turtech­nik die man anwendet.

 

29.01.17, 18:07:16: Katka: Ich weiß nicht.

29.01.17, 18:07:28: Katka: Man kann die Hoff­nung verlieren.

29.01.17, 18:07:45: Katka: Muss man sie auch irgend­wie mal haben.

29.01.17, 18:08:14: Matthias: Du kannst auch die Fähigkeit, Diskurse zu führen ver­lieren, deswe­gen ist Diskurs keine Eigenschaft.

29.01.17, 18:09:06: Katka: Aber die Fähigkeit muss man auch mal haben.

29.01.17, 18:09:28: Katka: Und man macht sich auch Diskurse zu eigen.

29.01.17, 18:09:34: Matthias: Man muss sie erlernen.

29.01.17, 18:09:36: Katka: Weil man sie bereichert.

29.01.17, 18:09:48: Matthias: Hoff­nung ist eine Meth­ode, kein Zustand.

29.01.17, 18:12:45: Katka: Ich seh das nicht so.

29.01.17, 18:13:06: Katka: Wenn etwas Freudi­ges passiert und man schon ganz upset war.

29.01.17, 18:13:29: Katka: Und dann kommt wieder etwas Hoffnung.

29.01.17, 18:13:38: Katka: Das ist mehr Zus­tand als Methode.

29.01.17, 18:14:11: Matthias: Allein schon sprachlich:

29.01.17, 18:14:17: Matthias: Du bist nicht in Hoffnung,

29.01.17, 18:14:23: Matthias: son­dern du hoffst.

29.01.17, 18:15:15: Katka: Und wenn es eine Meth­ode wäre,

29.01.17, 18:15:24: Katka: kön­nte man sich in deren Anwen­dung üben.

29.01.17, 18:15:28: Katka: Kann man aber nicht.

29.01.17, 18:15:38: Matthias: Nein, du kannst sie nur anwen­den oder nicht.

29.01.17, 18:16:09: Katka: Jede Meth­ode kann verbessert werden.

29.01.17, 18:16:15: Matthias: Deswe­gen ist Hoff­nung auch unab­hängig von realen Situationen.

29.01.17, 18:16:30: Matthias: Ted hofft auf die große Liebe,

29.01.17, 18:16:38: Matthias: weil er sich entschei­det zu hoffen.

29.01.17, 18:16:54: Matthias: Ganz irrel­e­vant, wie viel beschissene Sit­u­a­tio­nen da sind.

29.01.17, 18:18:52: Katka: Ja, Ted ist auch ein fes­ter Trottel.

29.01.17, 18:19:10: Katka: Und Ted gibt es mal abge­se­hen davon nicht.

29.01.17, 18:19:34: Matthias: Es ist vol­lkom­men egal, ob er existiert oder, ob er dumm ist

29.01.17, 18:19:47: Katka: Eben nicht.

29.01.17, 18:19:51: Matthias: Es geht nicht drum, ob das gut ist oder nicht.

29.01.17, 18:20:08: Matthias: Es geht drum, dass das ein Beispiel ist, dass Hoff­nung ein Akt ist.

29.01.17, 18:20:10: Katka: Weil ein Seri­en­charak­ter mehr Möglichkeiten hat als ein realer Mensch.

29.01.17, 18:20:44: Katka: Weil er einen Super­vi­sor oder halt Screen­writer hat.

29.01.17, 18:21:16: Matthias: Es geht doch nicht drum, ob das “fair” ist oder, ob jemand es ein­fach hat oder nicht.

29.01.17, 18:21:17: Katka: Hoff­nung ist daher nur insofern ein Akt, weil jemand fik­tional Möglichkeiten einräumt.

29.01.17, 18:22:27: Matthias: Hoff­nung ist ein wider­ständi­ger Akt gegen die Vorstel­lung, das Dinge passieren, weil sie nun­mal passieren.

29.01.17, 18:22:55: Matthias: Das ist vol­lkom­men unab­hängig von den Möglichkeiten die jemand hat oder nicht hat.

29.01.17, 18:23:20: Katka: Nein eben nicht.

29.01.17, 18:23:29: Katka: Man hofft, weil man Erfahrun­gen hat.

29.01.17, 18:23:54: Katka: Und weiß, dass der Zus­tand schön ist und sich Hoff­nun­gen erfüllen können.

29.01.17, 18:24:00: Katka: Sonst hofft man nicht.

29.01.17, 18:24:03: Matthias: Wenn dir viel Scheiße passiert ist, fällt es dir vielle­icht schw­erer oder ist es dir nicht mehr möglich, die Tech­nik Hoff­nung anzuwenden.

29.01.17, 18:24:27: Katka: Es ist ein Zustand,

29.01.17, 18:24:36: Katka: den du ein­nehmen kannst oder nicht mehr.

29.01.17, 18:24:49: Matthias: Ich hoffe, weil ich hof­fen will und nicht, weil Hof­fen Auf­gabe wäre.

29.01.17, 18:25:53: Katka: Du hoffst, weil du noch kannst.

29.01.17, 18:26:08: Katka: Das hat wenig mit wollen zu tun.

29.01.17, 18:26:18: Matthias: Eben schon.

29.01.17, 18:26:41: Matthias: Ich habe durch kul­turelle Arbeit gel­ernt, Hoff­nung anzuwenden.

29.01.17, 18:27:18: Matthias: Und an Tagen, wo mein Kopf im Arsch ist,

29.01.17, 18:27:46: Katka: Kul­turelle Arbeit nutzt dir einen Scheiß­dreck, wenn du von Faschos umgeben bist.

29.01.17, 18:27:52: Matthias: muss ich mich offen­siv dazu entschei­den, Hoff­nung zu ver­wen­den, um mich gegen den Sta­tus quo zu stellen.

29.01.17, 18:28:19: Katka: Hoff­nung kön­nen prinzip­iell nur Men­schen haben, die sich fürs Leben entscheiden.

29.01.17, 18:28:34: Matthias: Was hat das jetzt schon wieder mit Faschis­ten zu tun?

29.01.17, 18:28:51: Matthias: Kannst du nicht im Konzept bleiben?

29.01.17, 18:28:52: Katka: Ich glaube Hoff­nung ist in extremen Sit­u­a­tio­nen ein sehr rares Gut.

29.01.17, 18:29:09: Katka: Hof­fen kann man nur, wenn es einem prinzip­iell gut gehen kann.

29.01.17, 18:29:36: Matthias: Nein, find ich nicht.

29.01.17, 18:29:40: Katka: Jemand mit vie­len Schmerzen wird wenig Hoffen,

29.01.17, 18:29:56: Matthias: Er wird es vielle­icht nicht tun,

29.01.17, 18:30:15: Katka: weil Schmerz jeglichen guten Zus­tand untermauert.

29.01.17, 18:30:20: Matthias: aber du kannst immer hof­fen in jeder Sit­u­a­tion, wenn du ein­fach beschließt zu hoffen.

29.01.17, 18:30:35: Matthias: Hoff­nung ist dem­nach kein Zustand.

29.01.17, 18:30:48: Matthias: Höch­stens eine Haltung.

29.01.17, 18:31:03: Matthias: Hoff­nung wird performed.

29.01.17, 18:31:56: Katka: Ich glaub das Hoff­nung Bedin­gun­gen braucht.

29.01.17, 18:32:15: Katka: Hoff­nung steht nicht an erster Stelle.

29.01.17, 18:32:29: Katka: Da müssen Grund­bausteine gelegt sein.

29.01.17, 18:33:00: Matthias: Ich glaube, du ver­wech­selst nicht hof­fen kön­nen mit nicht hof­fen wollen.

29.01.17, 18:34:30: Katka: Nein.

29.01.17, 18:34:50: Katka: Ich bin der Ansicht, dass Kön­nen von Fak­toren abhängt.

29.01.17, 18:34:54: Matthias: Das Schöné an Hoff­nung ist doch,

29.01.17, 18:35:01: Matthias: dass sie vol­lkom­men irra­tional ist.

29.01.17, 18:35:10: Matthias: Und dem­nach unab­hängig von Situation.

29.01.17, 18:36:17: Katka: Hoff­nung sehe ich nicht als irrational.

29.01.17, 18:36:54: Katka: Wenn ich mich ins Bett lege und hoffe, dass ich gut und lange schlafe, dann ist das nichts Irrationales.

29.01.17, 18:37:30: Matthias: Aber du beschließt, zu hof­fen, dass du gut schläfst.

29.01.17, 18:38:12: Matthias: Unab­hängig davon, ob du weißt, wann du aufwachen musst.

zB 29.01.17, 18:38:51: Katka: Ich gehe nicht von Beschluss aus.

29.01.17, 18:39:08: Katka: Son­dern von einem aufk­om­menden Gefühlszustand

29.01.17, 18:39:22: Katka: Ich beschließe max­i­mal etwas rational,

29.01.17, 18:39:40: Katka: wie etwa um diese Uhrzeit einkaufen zu gehen.

29.01.17, 18:40:48: Katka: Bin mal Tee machen.

 

29.01.17, 18:48:02: Katka: Ich glaub wir machen einen Twit­ter Poll

29.01.17, 18:48:22: Katka: Ich will wis­sen, wie Men­schen das Konzept Hoff­nung sehen.

29.01.17, 20:18:41: Matthias: Ich finde das Begriff­s­paar Zus­tand und Akt ist am eindeutigsten

29.01.17, 20:19:19: Katka: ja.

30.01.17, 13:55:47: Katka: aber ich denke, dass du wis­sen sollst, dass mein Zugang nicht kom­plett irre ist und dur­chaus seine Berech­ti­gung hat.

30.01.17, 13:56:49: Matthias: Dafür hast du eine Umfrage machen müssen?

30.01.17, 13:57:03: Katka: Unter anderem.

30.01.17, 13:57:28: Katka: Es wirkte nicht so, als dass du meinen Stand­punkt in irgen­deiner Weise legit­imiert hättest sonst.

 

30.01.17, 13:58:12: Matthias: Wenn mehrere Leute einer angedichteten Norm zus­tim­men, macht es die Norm nicht weniger zur Norm.

30.01.17, 13:58:26: Matthias: Leute meinen, es sei ein Zus­tand, weil das schön wäre.

30.01.17, 13:58:55: Matthias: Das gäbe Ihnen absolute Kraft.

30.01.17, 13:59:07: Matthias: Und eine Ausrede, wenn sie keine Hoff­nung mehr haben.

30.01.17, 13:59:28: Katka: Hoff­nung kön­nte man immer als Ausrede sehen.

30.01.17, 13:59:44: Katka: Als Ausrede, Dinge zum Beispiel so zu sehen, wie sie wirk­lich sind.

30.01.17, 14:03:01: Matthias: Meiner Sichtweise nach eben nicht.

30.01.17, 14:03:12: Matthias: Weil, wenn du Hoff­nung anwendest,

30.01.17, 14:03:37: Matthias: ist Hoff­nung eine Reak­tion auf etwas, dass du sehr wohl wahrnimmst.

30.01.17, 14:03:55: Katka: Aber dann als falsche Reaktion,

30.01.17, 14:04:00: Katka: wenn man es als Ausrede sieht.

30.01.17, 14:04:11: Katka: Wahrnehmung unter­liegt ja auch Deutungsprozessen.

30.01.17, 14:04:42: Katka: Wenn man diese Prozesse falsch deutet, heißt das auch, dass wom­öglich Hoff­nung egal in welcher Form,

30.01.17, 14:04:46: Katka: ob jetzt als ein­tre­tender Zustand

30.01.17, 14:04:51: Katka: oder als ange­wandte Reaktion,

30.01.17, 14:04:52: Katka: falsch sind.

30.01.17, 14:05:24: Matthias: Nein, Hoff­nung kann nie falsch sein.

30.01.17, 14:05:33: Matthias: Weil sie nichts an Sit­u­a­tio­nen ändert.

30.01.17, 14:05:44: Katka: Na eben doch.

30.01.17, 14:05:55: Katka: Ihre Betra­ch­tungsweise wird mas­siv beeinflusst.

30.01.17, 14:06:04: Matthias: Es ändert nur deine Sichtweise auf eine Sit­u­a­tion, aber nie die Sit­u­a­tion selbst.

30.01.17, 14:06:57: Katka: Das leuchtet mir ja ein,

30.01.17, 14:07:34: Katka: dass sich die Sit­u­a­tion nicht ändert

30.01.17, 14:07:42: Katka: und ich sagte das ja auch selbst

30.01.17, 14:07:46: Katka: dass es nur die Sichtweise ist,

30.01.17, 14:08:00: Katka: aber die Rück­führung leuchtet mir nicht ein.

30.01.17, 14:08:08: Katka: Hoff­nung kann halt schon auch falsch sein.

30.01.17, 14:08:21: Matthias: Aber dem­nach ist Hoff­nung eine Praxis, die du aus ver­schiede­nen Grün­den anwen­den kannst.

30.01.17, 14:08:44: Matthias: Aus Selb­stschutz, aus Wider­stand, aus Verleugnung ...

30.01.17, 14:09:27: Matthias: Dieses “falsche Hoff­nung machen” ist ein dummes Idiom.

30.01.17, 14:09:44: Matthias: Weil Hoff­nung was ganz anderes tut.

30.01.17, 14:09:52: Matthias: Hoff­nung ver­spricht dir nichts.

30.01.17, 14:10:32: Matthias: Hoff­nung ist deine Entschei­dung, einen guten Aus­gang zu erwarten.

30.01.17, 14:11:01: Matthias: Diese Entschei­dung ändert dich und deine Wahrnehmung in dem Moment in dem du hoffst.

30.01.17, 14:11:30: Matthias: Aber ob dieser gute Aus­gang dann Ein­tritt, ändert nichts an der Legit­im­ität der Erwartung.

30.01.17, 14:14:17: Katka: ich gehe halt immer noch davon aus,

30.01.17, 14:14:23: Katka: dass man einen Zus­tand einnimmt

30.01.17, 14:14:24: Katka: oder eben nicht.

30.01.17, 14:14:37: Matthias: Siehst du

30.01.17, 14:14:39: Katka: Falsche Hoff­nun­gen macht man sich auch nicht.

30.01.17, 14:14:44: Matthias: Du nimmst einen Zus­tand ein.

30.01.17, 14:14:46: Katka: Die wer­den einem vermittelt.

30.01.17, 14:14:51: Matthias: Du hast keinen Zustand.

30.01.17, 14:14:52: Katka: Das ist wieder ein Zus­tand, den man hat.

30.01.17, 14:15:08: Matthias: Hof­fen ist das Ein­nehmen des Zustandes.

30.01.17, 14:15:21: Katka: Ja, eben nicht ganz.

30.01.17, 14:15:33: Katka: Hoff­nung ist jetzt auch keine eigene Entscheidung,

30.01.17, 14:15:48: Katka: weil ich von einer Entschei­dung erwarte, dass sie ratio­nal getrof­fen wird.

30.01.17, 14:15:57: Katka: Sonst gehe ich von einer Reak­tion aus.

30.01.17, 14:16:02: Matthias: Ein Zus­tand Hoff­nung würde ein­fach auftreten unmotiviert.

30.01.17, 14:16:16: Katka: Tut es ja auch.

30.01.17, 14:16:29: Katka: Ich entschließe mich ja nicht dazu: „Hm, heute gibt es Grund zur Hoffnung.“

30.01.17, 14:16:40: Matthias: Ratio­nal­ität ist, denke ich, ein kap­i­tal­is­tis­ches Wertkriterium.

30.01.17, 14:17:02: Katka: Das wäre das näch­ste zum Diskutieren.

30.01.17, 14:17:25: Matthias: Du entschließt dich, vielle­icht mit­tels Automa­tismus, zu hoffen.

30.01.17, 14:17:35: Matthias: Ob es Grund dafür gibt, ist egal.

30.01.17, 14:17:48: Matthias: Wenn es Grund dazu gäbe,

30.01.17, 14:17:56: Katka: Wenn ich dir zus­tim­men müsste,

30.01.17, 14:17:59: Matthias: kön­ntest du ja kausale Erwartung haben.

30.01.17, 14:18:04: Katka: dann würde ich Hoff­nung max­i­mal als Reak­tion wahrnehmen,

30.01.17, 14:18:11: Katka: aber nicht als eigen­ständige Entschei­dung ohne Gründe,

30.01.17, 14:18:17: Matthias: Hoff­nung ist etwas, das ohne Grund funk­tion­ieren muss.

30.01.17, 14:18:20: Katka: weil Entschei­dun­gen immer Gründe mit sich ziehen.

30.01.17, 14:18:43: Katka: Selbst wenn es Emo­tionales betrifft.

30.01.17, 14:19:04: Matthias: Hoff­nung ist eine Entschei­dung, die auf einer gän­zlich anderen Wahrnehmungsebene agiert als Gründe.

30.01.17, 14:19:25: Katka: Wenn ich beschließe, nicht mit dir zu reden, dann hat das den Grund dass ich wom­öglich wütend auf dich bin beispielsweise.

30.01.17, 14:19:48: Katka: Wo ordnest du Hoff­nung ein?

 

30.01.17, 14:20:08: Matthias: Wir soll­ten diese Diskus­sion eigentlich rausschreiben.

 

30.01.17, 14:20:40: Matthias: Hoff­nung ordne ich ein als fast schon gegen­läu­figes Prinzip.

30.01.17, 14:20:50: Katka: Ja aber in welche Kategorie?

30.01.17, 14:20:53: Katka: der Prinzipien?

30.01.17, 14:21:02: Katka: Für mich fällt es näm­lich unter Emotionen.

30.01.17, 14:21:11: Katka: Und da glaub ich, dass wir nicht zusammenkommen.

30.01.17, 14:22:03: Matthias: Ich finde, Hoff­nung ist eine Praxis und dem­nach unab­hängig von den Kategorien.

30.01.17, 14:22:03: Katka:Für mich ist es näm­lich in der gle­ichen Kat­e­gorie wie Begeis­terung, Trauer, Wut, Zweifel.

30.01.17, 14:22:38: Matthias: Weil ich eine Meth­ode der Wahrnehmung auf Emo­tio­nen genauso anwen­den kann wie auf den Aus­gang eines demokratis­chen Akts.

30.01.17, 14:23:05: Katka: Ja, aber du kannst doch Begeis­terung nicht anwenden.

30.01.17, 14:23:08: Matthias: Für mich ist Hoff­nung ein Werkzeug.

30.01.17, 14:23:20: Matthias: Hoff­nung ist auch nicht Begeisterung.

30.01.17, 14:23:39: Matthias: Hoff­nung kann Begeis­terung hervorbringen.

30.01.17, 14:23:44: Katka: Deswe­gen geht mir dein Denken auch nicht in den Kopf rein.

30.01.17, 14:23:57: Katka: Hoff­nung ist für mich keine Kat­e­gorie drüber,

30.01.17, 14:24:02: Katka: son­dern auf gle­icher Stufe

30.01.17, 14:24:07: Katka: wie etwas Begeisterung.

30.01.17, 14:24:16: Katka: Wenn, dann würde ich Liebe der Hoff­nung vorordnen.

30.01.17, 14:24:37: Katka: Ohne diese wäre Hoff­nung nicht möglich,

30.01.17, 14:24:51: Katka: Weil Hoff­nung ja für mich bed­ingt, dass man gute Erfahrun­gen gemacht hat.

30.01.17, 14:25:07: Katka: Sonst entsteht sie ja gar nicht.

30.01.17, 14:25:41: Matthias: Das ist der Punkt, an dem ich nicht mitkann.

30.01.17, 14:26:00: Matthias: Hoff­nung hat für mich nichts mit Ratio­nal­ität zu tun.

30.01.17, 14:26:27: Matthias: Und ist deswe­gen völ­lig unab­hängig von meinen Erfahrungen.

30.01.17, 14:26:45: Katka: Für mich hat Hoff­nung auch wenig mit Ratio­nal­ität zu tun.

30.01.17, 14:27:00: Katka: Ich würde gute Erfahrun­gen als Nährbo­den für Hoff­nung sehen.

30.01.17, 14:27:06: Matthias: Aber wenn du sagst, dass du Ver­gle­ich­swerte brauchst,

30.01.17, 14:27:19: Matthias: Dann ist Hoff­nung für dich etwas Logisches?

30.01.17, 14:27:34: Katka: Nicht unbedingt.

30.01.17, 14:27:43: Katka: Um es in einer Meta­pher an dich heranzutragen:

30.01.17, 14:27:59: Katka: Du siehst eine Blu­men­wiese, die wun­der­schön ist.

30.01.17, 14:28:08: Katka: Die ist da, weil es einen guten Nährbo­den gibt.

30.01.17, 14:28:15: Katka: Etwas, worauf es wurzeln kann.

30.01.17, 14:28:26: Katka: Das ist Hoff­nung für mich.

30.01.17, 14:28:38: Matthias: Um in der Meta­pher zu bleiben:

30.01.17, 14:29:01: Matthias: Für mich ist Hoff­nung das Gießen der Blumen.

30.01.17, 14:29:15: Matthias: Nicht die Blu­men selbst.

30.01.17, 14:29:31: Katka: Für mich ist Hoff­nung nicht die Blume, son­dern der Boden, der Blu­men wach­sen lässt.

30.01.17, 14:29:50: Katka: Du kannst näm­lich Blu­men gießen so viel du willst,

30.01.17, 14:29:56: Katka: wenn sie auf Beton ste­hen, wer­den sie nicht wachsen.

30.01.17, 15:08:18: Matthias: Aber der Hoff­nung ist es doch auch scheiße­gal, ob die Blu­men wachsen.

30.01.17, 15:08:25: Matthias: Hoff­nung ist präzise:

30.01.17, 15:08:43: Matthias: Die Blu­men zu gießen, egal ob sie wach­sen oder nicht.

30.01.17, 15:09:26: Katka: Eh.

30.01.17, 15:09:38: Katka: Es ist nur ver­schwen­det irgendwie.

30.01.17, 15:10:14: Matthias: Ja aber Ver­schwen­dung oder Nutzen ist keine Kat­e­gorie, in der Hoff­nung agiert.

30.01.17, 15:11:18: Katka: Du weißt schon, was ich mein.

30.01.17, 15:11:35: Matthias: Ich weiß, wo du hin­willst, ja.

 

31.01.17, 17:01:34: Matthias: Ich über­lege den ganzen Tag nach einer Form für den Dialog.

31.01.17, 17:03:24: Katka: Für welchen jetzt?

31.01.17, 17:06:10: Matthias: Das Ding mit der Hoffnung.

31.01.17, 17:10:43: Katka: Genauso

31.01.17, 17:10:49: Katka: Nur adaptiert.

Mehr von Katha­rina findet ihr auf www.katkaesk.com.

archiv

Netzsprache, bitte zusteigen.

Kom­mu­nika­tion ver­läuft auf Bah­nen und Bah­nen benöti­gen Schienen.

Nun kann man diese Schienen nur schlecht einen Wert beimessen, der die Kat­e­gorisierung in “gut” und “schlecht” ermöglicht. Neue Schienen sind nicht besser oder schlechter als die alten, sie erschließen schlichtweg neue Des­ti­na­tio­nen. Das Kom­mu­nika­tion­snetz wird erweit­ert, nicht ersetzt.

In meinem Gebrauch hat die wohlkom­ponierte Email als Äquiv­a­lent zum Brief Einzug gehal­ten. Ich sitze vor dem leeren Fen­ster von Mail genauso inspieriert, aber hil­f­los wie an anderen Tagen vor dem leeren Blatt Papier. Was nicht heißt, dass ich den unge­heuren Wert von echtem Papier in den Hän­den leugne, ich will ihn aber auch der Betr­e­f­fzeile auf LCD zugeste­hen. Und ist ein Medium nicht immer das, was wir ihm zugestehen?

Dass dann das gewählte Medium Ein­fluss auf das Mit­geteilte ausübt, ist viel disku­tiert wor­den, aber heute wohl fes­ter Hal­tepunkt. Nun kann man aber über­legen, in welcher Weise diese Bee­in­flus­sung über die medi­ale Bühne geht. Gibt es einen gewach­se­nen Code für Email, Brief und SMS, an den es sich verbindlich zu hal­ten gilt? Muss der sein, um Ver­ständlichkeit am anderen Ende zu garantieren, frei nach Jakobson?

Ich denke, dass das dem Men­schen zu wenig Kredit gibt. Natür­lich muss ein bei­d­seitig bekan­nter Code einge­hal­ten wer­den, aber der Kon­text, der kann vari­ieren. Wenn ich meine Emails for­muliere wie Briefe, wer­den sie auch als das ver­standen, selbst wenn sie nicht im Kuvert kommen.

Deswe­gen denke ich auch nicht, dass der so genan­nte “dig­i­tale Slang” der All­t­agssprache ent­ge­gen­wirkt, sie ohne Rück­sicht auf Ver­luste degener­iert. Vielmehr fügt er ihr eine weit­ere Vari­ante hinzu. Wie diese Vari­ante aufgenom­men wird, hängt schließlich von vie­len Din­gen ab, von denen der ver­wen­dete Code nur ein ver­schwindend geringes ist.

So wie in meiner Heimat­ge­meinde derzeit über eine neue Art von Straßen­bahn, die frei von fixem Fahrplan und Lin­i­en­netz agieren soll, nachgedacht wird, sollte auch über eine Öff­nung, einer Freimachung von Kom­mu­nika­tion­snet­zen gesprochen wer­den. Sprach­liches Unver­ständ­nis, welches abseits von Nicht-Beherrschung des Codes existiert, resul­tiert wohl aus einge­fahre­nen Streck­en­führun­gen, die sich so sehr in den Boden gefressen haben, dass nur noch mit äußer­ster Mühe über ihren Rand gese­hen wer­den kann. Da erfordert es ein wenig Anstren­gung von allen Beteiligten, neue Verbindun­gen aufzubauen. Denn bevor die Sprache von ihrem Medium gelöst wer­den kann, sollte der Boden der Ver­ständ­nis zumin­d­est durchgeack­ert sein.

Bis­lang beschränkt sich mein Benutzen von der kol­portierten Net­zsprache offline darauf, das Netz um des Argu­ments willen nachzubauen, ich benutze Akro­nyme und Memes, um einen Effekt her­vorzu­rufen. Dieser ist ein­er­seits wohl der Deplatziertheit geschuldet, die dieser Inter­net­jar­gon außer­halb seiner Jagdgründe aufweist, ander­er­seits seiner inhärenten Anschaulichkeit geschuldet. Für mich ist Net­zsprache vor allem eine sehr bild­hafte Sprache, die schon durch ihr sim­ples Auftreten Raum für Mul­ti­me­di­al­ität aufruft und so ver­schiedene Reize unter ihrem Ban­ner vereint.

Hier treten die größten Über­trittss­chwierigkeiten in den All­t­agsraum auf: Diese Bildlichkeit in die mündliche Kom­mu­nika­tion zu über­set­zen, stellt zumin­d­est mich vor konzeptuelle Prob­leme, an denen es zu sägen, häm­mern, graben gilt, mit einem Ziel, das da heißt Code­flex­i­bil­ität. Mögen die Codes in den Loks sitzen!

Dieser Text will Teil von twenty.twentys Blog­pa­rade zum Thema Net­zsprache sein.

 

 

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