Bleibt der Bus am Weg in die neue zeitweilige Bleibe in Bre­men in Berlin ste­hen, bleibt man ein paar Tage da und geht ins The­ater. Macht man halt so.

Heute sah ich in der Volks­bühne die Apokal­yse nach Johannes, frisch von Her­bert Fritsch insze­niert. Dass das let­zte Stück, über welches ich hier schrieb, auch eine Fritsch-Inszenierung war, soll nichts heißen, ich wollte bei all dem Geschrei um die Volks­bühne nochmal hin und ein Pollesch ging sich eben zeitlich nicht aus. Und Apoka­lypse klang ja auch irgend­wie sit­u­a­tiv passend. Ich bin ger­ade zurück in meinem Zim­mer und schreibe geschwind ein paar Beobach­tun­gen und Gedanken dazu nieder. Nichts hier ist voll­ständig oder erhebt irgen­deinen Anspruch auf ähn­liches. Auf geht’s!

 

Von Beginn weg ist Johannes (gespielt von Wol­fram Koch) präsent als Johannes der Nacherzäh­ler, Johannes der Berichter­stat­ter, der quasi ger­ade aus Marathon ange­laufen kommt, seine eige­nen Ein­drücke schildert (im Auf­trage des aus­führen­den Gottes) und wie es scheint gle­ich vor den Augen aller in sich zusam­men­brechen kön­nte. Dass ihm Elis­a­beth Zumpe per­ma­nent aus einem großen großen Buch souf­fliert, bricht diese Erleb­nis­struk­tur nicht, sie erin­nert aber, dass das hier Bibel ist und alles hier, so sagt Johannes, Gottes seal of approval hat.

Nach­dem ich anfangs ein wenig dieser Struk­tur nachge­hangen bin, ist mir im Ver­lauf des Stücks dann doch einge­fallen an was mich das alles hier erin­nerte, mit der leeren neon­far­ben beleuchteten Bühne, dem sto­ry­teller, seiner Ein­flüs­terin und dem DJ, der stets für die passende Sound­kulisse sorgte: Was wir hier sahen, war eine keynote.

Johannes ist der Pro­jek­tleiter und präsen­tiert den Share­hold­ern in Zahlen und Bildern den Erfolg der Apoka­lypse. Dass er dabei schein­bar fluid zwis­chen den Per­spek­tiven des beobach­t­en­den Men­schen, des han­del­nden Gottes (samt seiner Werkzeuge, sprich Engel) und dessen notwendi­ger Kehr­seite, des Teufels wech­selt, ist dur­chaus notwendig für diese umfassende Präsen­ta­tion im Stile von Apple und Co. Es geht nur noch zum Teil darum, was passiert ist, ebenso wichtig ist nun, wie und weshalb geschieht. Johannes braucht eine gute Anek­dote, um die Zuse­hen­den, alles poten­tielle Käufer und Käuferin­nen von Apoka­lypse, auf seine Seite zu ziehen.

"Just one more thing..."

Just one more thing...”

Das war’s auch schon, vor­erst mal. Eigentlich wollte ich nur diese Idee der keynote, die mir unge­fähr auf hal­ber Höhe kam und nicht mehr weg­ging, anbrin­gen. Ich mochte den Abend, alles war schön und gut und mitreißend. Alles was man sich vom Ende der Welt so erwartet. Und als guter The­ater­jünger hab ich natür­lich nach der Vorstel­lung ein “Ich war dabei!”-Poster von der alten Volks­bühne beim Mer­ch­stand besorgt. Und einen Pollesch-Band mit Kap­i­tal­is­mus im Titel. Wäre ja sonst auch nichts.

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2015-12-08 18.03.25-2

Her­bert Fritsch, der ehe­ma­lige Castorf-Mime und mul­ti­me­di­aler Genius der Büh­nenkunst, insze­nierte zum ersten Mal in Wien. Mit Molières let­ztes Hurra, dem einge­bilde­ten Kranken, liefert er ein Gesamt­spek­takel ab.

Das erste Wort, dass mir in den Kopf kam, als die typ­is­chen für Fritsch sehr schrille Insze­nierung, die ebenso typ­isch neon­bunt ausstaffiert ist, begann, war Spieluhr. Wie eine Spieluhr startet das Stück gle­ich mit voller Geschwindigkeit los, es gibt keine sachte Ein­führung, kein Gewöh­nen. Und wie in einer Spieluhr funk­tion­ieren alle Fig­uren samt ihren Bewe­gun­gen ent­lang unsicht­baren Bah­nen im Takt des omnipräsen­ten Cembalo-Stacchatos. Drei Cem­ba­los bilden auch das Büh­nen­bild, von ihnen geht die Struk­tur der gesamten Insze­nierung aus.

In einem so mech­a­nisierten Büh­nen­stück muss natür­lich am sehr umfan­gre­ichen Text ges­part wer­den, was zwar zu manch kleiner Undeut­lichkeit und Unschärfe führt, aber der Unmit­tel­barkeit der Auf­führung in die Hände spielt. Ger­ade Joachim Mey­er­hoff als Mon­sieur Argan kann seine große kör­per­liche Spiel­weise und seine fast schon charak­ter­is­tis­che zum Wahnsinn tendierende Verzwei­flung hier voll zur Gel­tung brin­gen und tänzelt so um die schon längst offen­baren Tat­sachen der Untreue seiner Frau, die mit unglaublich packend-reißendem Dik­tum als met­allisch anmu­tende Bal­lettpuppe spie­lende Dorothee Hartinger, oder allem voran natür­lich den falschen diag­nos­tis­chen Spie­len seiner vie­len Ärzte herum.

Der Automa­tismus, mit dem sich die Bewe­gun­gen und die manches Mal ras­ant her­vor­sprudel­nde Sprache auf der Bühne ent­fal­ten, trans­portiert den Geist des Modus Comédie fran­caise — die Dra­men­gat­tung, nicht das The­ater­haus — in die Gegen­wart, ohne dem wohl schon ver­staubten Tanzthe­ater nachzuweinen. Es ist das Tänzeln, aus dem diese Insze­nierung ihre Energie gewinnt und aus dem der Kon­nex zum aktuellen Selb­stver­ständ­nis ent­nom­men wer­den kann: Wir sind vielle­icht nicht so gut­gläu­big wie Ardan oder gar so medi­zinkri­tisch wie das Haus­mäd­chen Toinette, genial gespielt vom einge­sprun­genen Markus Meyer, aber doch tänzeln wir wie die Fig­uren Molières um Diag­nosen, unwillig und unfähig vielle­icht, zur Ruhe zu kom­men. Der Takt des Cem­ba­los ist der Takt einer Welt, die sich auch ohne die Kranken wei­t­er­dreht und diesem Takt muss Folge leis­ten, wer nicht zurück­bleiben will. Und wem das Tak­t­ge­fühl abhan­den kommt, für den liegen die passenden Mit­telchen, Klistierchen und Injek­tio­nen schon bereit.

Natür­lich lässt Fritsch viel Tex­tim­ma­nentes außen vor. Aber das ist, was Insze­nierun­gen tun: Konzen­tra­tion auf Aspekte, was schon impliziert, das andere Aspekte aus dem Fokus ger­aten oder weg­fallen. Bei allen inhaltlichen Schwach­stellen, die Konzen­tra­tion auf Struk­tur und Modus ist auf voller Länge gelungen.

 

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Expo 2015: Kultur und Inhalte

Nach­dem ich bisher über die räumlich-ästhetische Seite der Expo 2015 in Mai­land geschrieben habe, will ich nun ein paar Worte zu inhaltlichen Aspek­ten sagen.

Mit dem aus­geschriebe­nen Thema “Feed the Planet — Energy for Life” war erst­mal nur eine grobe Rich­tung vorgegeben, die Marschroute bes­timmten aber die Län­derteams selbst. Und diese Routen fie­len wie zu erwarten sehr unter­schiedlich aus: Unter dem Deck­man­tel der nach­halti­gen Nahrungsmit­tel­pro­duk­tion wird von ural­ter Esskul­tur bis zu neuen Bewirtschaf­tungskonzepten alles präsen­tiert. Deut­lich ist, dass bei diesem Thema, welches alle in gle­ichem Maße angeht, die bloße Selb­st­darstel­lung zumeist in den Hin­ter­grund tritt oder zumin­d­est mith­ilfe einem pro­duk­tiven Inhalt gezeigt wird. Bis auf einige wenige Aus­nah­men wurde in allen Pavil­lions ver­sucht, uni­ver­sal anwend­bare Gedankengänge anzus­toßen, manch­mal nach dem Motto “So machen wir’s — so kön­ntet ihr es auch machen”, in anderen Fällen eher nach dem Muster “Dieses Prob­lem gibt es, das sind unsere Ideen wie wir es (gemein­sam) ange­hen können”.

Vor­wärts oder zurück, das ist hier die Frage

Der Großteil der am besten real­isierten Konzepte sind von jener Sorte, die nach neuen Möglichkeiten für die Zukunft suchen, doch auch bei jenen, die auf Altherge­brachtes hin­weisen, gibt es span­nende und dur­chaus all­ge­mein anwend­bare Ansätze.

Im kore­anis­chen Pavil­lion, den ich im vorheri­gen Text schon erwähnt habe, wer­den Inter­essierte mit dem Begriff Han­sik, einer alten kore­anis­chen Nahrungsmit­telkul­tur, ver­traut gemacht. Da es hier­bei viel weniger um ein Rezept oder bes­timmtes Gericht als um eine aus­bal­ancierte Ernährungs– und Zubere­itungsart geht, lässt sich das Konzept Han­sik — so die Prämisse — auch in anderen Gegen­den der Welt umsetzen.

Eine andere Art von Bal­ance bildet das Herzstück des bel­gis­chen Pavil­lions. Nach eini­gen bel­gis­chen Kul­turgütern, wie dem Atom­ium, das natür­lich auf keiner Expo fehlen darf, steht man eini­gen zunächst recht kom­pliziert anmu­ten­den Appa­ra­turen gegenüber, die mit­tels Zeich­nun­gen an den Wän­den aber Schritt für Schritt erläutert wer­den und deren im End­ef­fekt sim­ples Prinzip ist, Tier­hal­tung und Anpflanzung zu kom­binieren. So entsteht eine Sym­biose — die Pflanzen geben Nährstoffe ins Wasser des unter­halb situ­ierten Fis­chtank ab, welche die Fis­che ernähren, während deren Fäkalien als Dünger für die Pflanzen fungiert. Anwen­dung soll dieses Prinzip vor allem in immer größer wer­den­den Städten finden, in denen immer mehr Men­schen Lebens­mit­tel benöti­gen, während gle­ichzeitig der Platz zur Erzeu­gung eben dieser Lebens­mit­tel ras­ant knap­per wird. Mit neuen Ideen und Tech­niken wie dieser soll der noch vorhan­dene Raum effizien­ter genutzt und gle­ichzeit neue Pro­duk­tion­sorte erschlossen wer­den. In eine ähn­liche Kerbe schla­gen auch die Nieder­lande in ihrem sehr offe­nen, wie ein Kiosk gestal­teter Pavillion.

Wie sicht­bar soll Wer­bung sein?

Israel blickt mit­tels Filmvor­führung durch die eigene harte, weil trock­ene Agrargeschichte und gibt so Ein­blicke in Bewässerung­stech­niken, die das Land zu einem der größten Gemüse­ex­por­teure gemacht hat. Dass das Ganze wie eine Wer­bekam­pagne der Touris­mus­branche aufgemacht ist, gibt der Sache allerd­ings einen ros­ti­gen Beigeschmack. Ähn­liches stellt sich nach dem Besuch des Mala­y­sis­chen Pavil­lions ein. Beson­ders geschickt hat Polen gehan­delt, gle­ich zu Beginn der Ausstel­lung liegen Infoblät­ter, Flyer und ähn­liches der Hotel­lerie, von Flugge­sellschaften und Attrak­tio­nen auf.

Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass solche Ansätze den Ausstel­lun­gen nicht per se schaden, es aber doch besser ankommt, wenn das Mar­ket­ing etwas besser ver­steckt wird. Es ist klar, dass die Pavil­lions die hohen Kosten durch Wer­bung fürs eigene Land wieder here­in­spie­len sollen, deshalb ja auch die zahlre­ichen Sou­ve­nier­shops und Spezial­itä­ten­cafés, aber das Thema in den Vorder­grund zu stellen, tut der Au0enwahrnehmung gut und ist daher wohl kura­torisch schlau.

In diesem Sinne inter­es­sant ist die Gestal­tung des öster­re­ichis­chen Pavil­lions. Inhaltlich wird ver­mit­telt, wie entschei­dend Baumbe­stand für die Erhal­tung guter Atem­luft ist. Doch wie dies ver­mit­telt wird ist dur­chaus inspiri­ert: Durch das Verpflanzen von rund hun­dert öster­re­ichis­chen Bäu­men, die nach eigener Angabe in der Stunde genug Sauer­stoff für 1800 Men­schen erzeu­gen, ent­stand eine schat­tige, kühle Wal­doase, die in der ital­ienis­chen Som­mer­hitze sehr wohltuend wirkt. Mit dem Slo­gan “Breathe Aus­tria” verse­hen, ver­mark­tet man so Luft, pro­duziert von öster­re­ichis­chen Bäu­men, ergo bewirbt man öster­re­ichis­che Luft. Nichts muss verkauft wer­den, die Natur ver­mark­tet sich quasi selbst.

Ansicht Österreichs Pavillion

EU bleibt hin­ter den Möglichkeiten und ent­täuscht mit rück­ständi­gen Gesellschaftsbild

Alle diese Chan­cen sich in ein gutes, fortschrit­tliches Licht zu rücken, hat­ten auch die Ver­ant­wortlichen, der EU-Ausstellung. Doch anstatt sie mit all ihren Ressourcen zu nutzen, stellt der Pavil­lion zumin­d­est für mich die größte Ent­täuschung am ganzen Gelände dar.

In einem an sich gut pro­duzierten Film wird die Geschichte von Sylvia und Alex erzählt. Diese ist der­art het­ero­nor­ma­tiv und sex­is­tisch, dass man während der Vorstel­lung per­ma­nent auf den großen Twist wartet, der all diese Missstände irgend­wie wieder zurechtrückt. So ein Twist kommt aber nicht: Sylvia will seit Kind­heit­sta­gen Wis­senschaft­lerin wer­den, wird das auch mit einigem Erfolg, Alex will und wird Land­wirt. Doch laut Nar­ra­tiv fühlen sich beide offen­bar allein nicht auf Dauer funk­tion­stüchtig. Welch Glück, dass die Oma, ihres Zeichens Bäck­erin auf Urlaub will, und Sylvia das Geschäft über­lässt. Hier begin­nen die Kon­tro­ver­sen. Da sie nicht backen kann, braucht sie natür­lich den starken Land­wirt, um es ihr beizubrin­gen und sie aus ihrem Elend zu ret­ten. Fast schon zwang­haft ver­liebt sie sich in ihn und baut mit ihm in Folge ein lokales Bauernhof-Bäckerei-Restaurant.Imperium auf. Der Kit­tel der Forschung hängt von da an natür­lich in der Ecke. Zwar darf sie auf dem Hof noch vor sich hin exper­i­men­tieren, aber ihr Platz ist nun in der Küche oder dem Geschäft, an der Seite ihres Mannes.

Soweit die Geschichte. Der Film, betitelt “The Golden Ear”, spielt nicht mit den Stereo­typen, die er bedi­ent. Die Frau darf zwar Wis­senschaft­lerin wer­den, aber nur, bis sie einen Mann findet, an dessen Seite sie wieder in ein tra­di­tionelles Frauen­bild zurück­kehren soll. Really, EU?

Auf einer Weltausstel­lung, deren Haup­tan­liegen Nach­haltigkeit ist, ist dies noch ein­mal prob­lema­tis­cher als ohne­hin schon: Wohin sollen wir uns denn als Welt­ge­sellschaft entwick­eln, wenn unsere besten Kräfte auf­grund von Tra­di­tio­nen und Sex­is­men darin gehin­dert wer­den, ihr volles Poten­tial abzu­rufen. Anstatt etwas für die Zukunft zu tun, weigt sich die EU hier als durch­wegs rückständig.

Um nicht mit so einer hart­näck­i­gen Ent­täuschung zu schließen, noch ein paar Worte zur all­ge­meinen Kul­tur am Expo-Gelände. Gemäß dem Motto ist vieles auf Lan­glebigkeit aus­gelegt: Alle Wasser­spender beispiel­sweise wer­den nach Ende der Ausstel­lung in ver­schieden­sten ital­ienis­chen Städten zum Ein­satz kom­men. Anson­sten, scheint es, ist die Expo außer­dem als große Party für Ort­san­säs­sige angelegt. Ver­hält­nis­mäßig gün­stige Saisontick­ets und immer vorhan­denes Abend­pro­gramm bei dem einen oder anderen Pavil­lion laden zu wieder­holtem Besuch, zum Tanzen besser ohne großer Kam­era, ein.

Am Ende über­wiegen so die pos­i­tiven Ein­drücke, die großar­tige Stim­mung und die omnipräsente Hoff­nung auf ein Weit­erkom­men. Trotz all den finanziellen Ungereimtheiten vor Beginn, hat Mai­land eine tolle Weltausstel­lung kuratiert und es geschafft, dass ich mich bere­its auf meinen möglichst baldigen näch­sten Expo-Besuch freue. Und Astana 2017 ist ja schließlich auch nicht aus der Welt.

Am Weg zurück zur Metro

 

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Das Expo-Gelände

Über neun­zig Pavil­lions — zuviel für einen Tagesbesuch.

Gestern, Fre­itag, wagte ich mich zum ersten Mal auf das Expo-Gelände außer­halb von Mai­land. Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mir das Spek­takel Weltausstel­lung ein­mal live zu Gemüte zu führen, und Mai­land ist um die Jahreszeit ja auch nicht ger­ade zu ver­achten. Also, Kam­era und Schreibzeug gepackt und los ging’s.

In weiser Voraus­sicht — sowohl des enor­men Umfangs als auch meiner Anreisemüdigkeit — habe ich mir noch zu Hause ein Zweitage­sticket besorgt — das geht schnell und prob­lem­los. Am Fre­itag ver­brachte ich schließlich vier­en­thalb Stun­den vor Ort und habe, ohne allzu viele Pausen einzule­gen, knapp die Hälfte des Aus­gestell­ten gese­hen. Deshalb werde ich auch meinen Bericht hier zweiteilen

Heute werde ich die präsen­tierten Inhalte absichtlich außen vor lassen, da ich keine Urteile oder Mei­n­un­gen abgeben möchte, ohne das kom­plette Bild zu ken­nen. Daher wird in diesem ersten Text zur Expo der Fokus auf Gedanken zum Grund­konzept und den ver­schiede­nen Ansätzen zur Ver­räum­lichung liegen.

Prinzip­iell ist der Ver­anstal­tung­sort sehr gut gewählt, weit genug außer­halb der Großs­tadt, um freien Blick zu ermöglichen, aber trotz­dem in einer guten hal­ben Stunde vom Zen­trum aus zu erre­ichen. (Metrolinie 1 bis zur End­sta­tion RHO Fiera — ein­facher geht es kaum.) Ein wenig ärg­er­lich ist, dass die Kern­zone Mai­land zwei Sta­tio­nen vor Ende aufhört, es muss also ein extra Ticket — hin/retour kosten fünf Euro — gezwickt wer­den. Aber gut. Ist man erst ein­mal am Gelände, ist dies auch wieder vergessen und man kann sich fro­hen Mutes ins Getumml stürzen. An dieser Stelle der Hin­weis: Noch vor dem Ein­lass gibt es INfo­pon­trs, welche Lage­pläné verteilen. Auch wenn man im End­ef­fekt kreuz und quer oder strikt von einer Seite zur anderen spaziert, ist diese Karte für einen ersten Überblick fast essen­tiell. Es gibt zwar auch eine App, allerd­ings funk­tion­ierte die in meinen Hän­den nur mäßig gut.

Flanier­meile zur besseren Übersicht

Das räum­liche Grund­prinzip erin­nert an enien Pracht­boule­vard oder — ital­ienisch — eine Gal­le­ria: Links und rechts flanken die Pavil­lions der einzeil­nen Län­der und Organ­i­sa­tio­nen einen bre­iten, über­dachten Weg. Dieses einach­sige Konzept bewährt sich, ist es doch schon so schwer, nichts zu überse­hen. Dieser Boule­vard ist nun mit­tig von einer Art Fress­meile in Form einer Piazza unter­brochen. Diese ist lose in ver­schiedene land­wirtschaftliche Pro­dukte — Reis, Kaf­fee oder Kokao — unterteilt und stellt zeit­gle­ich die Pavil­lions ver­schiedener Län­der dar.

Überdachte Zentralmeile des EXPO-Geländes

Hier liegt auch die erste für mich etwas beden­kliche Entschei­dung. Ich weiß nichts über die Pla­nung oder die finanziellen Umstände (zumin­d­est nicht mehr als wir an Media-Coverage zu diversen Skan­dalen im Vor­feld bekom­men haben), aber die Tat­sache, dass viele soge­nan­nte Entwick­lungslän­der in gestal­ter­isch sehr ein­heitlich gehal­tene Clus­ter kom­biniert sind, während alle anderen — soll heißen wohlhaben­dere — Län­der freie Design­möglichkeit haben, halte ich für prob­lema­tisch. Dass dem “Cocoa and Chocolate”-Cluster ein italienisch-schweizerisches Schokolade-Wunderkaufland angeschlossen ist, spricht eben­falls eine deut­liche Sprache, dazu aber beim näch­sten Mal mehr.

Klet­ter­netze und Lieblingsspeisen — ver­schiedene Ansätze zur aktiven Gestal­tung des Besuchs

Nun zu den Pavil­lions. DIe Idee, ver­schiede­nen Län­dern Platz zu geben, um ihre Vorstel­lun­gen, Ideen und Pro­jekte zu einem Thema präsentabel umzuset­zen, ist wohl deshalb so frucht­bar, weil so Aspekte zum Tra­gen und Leuchten kom­men, die jemand anderes augrund seiner diversen Voraus­set­zun­gen gar nicht bedenken kön­nte. Dieses Konzept spiegelt sich wider in den unter­schiedlich­sten architek­tonis­chen Konzepten der Pavil­lions. Ver­schieden­ste inno­v­a­tive und kreative Möglichkeiten, Räume zu eröff­nen und zu nutzen zeigen sich hier den Betra­ch­t­en­den. Erwähnt sei beispiel­sweise Brasiliens Pavil­lion, wo man sich wortwörtlich erst über ein weitläu­fig ges­pan­ntes Netz zum Ausstel­lungs­bere­ich hochar­beiten muss, während unter einem ver­schieden­ste Pflanzen mit­tels Sprühreg­n­ern bewässert wer­den. Dieses Erar­beiten ist ein Vor­griff auf den Innen­raum, wo man am Weg hin­unter Konzepte zur Raumer­schließung Koex­is­tenz präsen­tiert bekommt.

Brasiliens Pavillion in FrontansichtKletternetz im brasilianischen Pavillion

Einen anderen Weg geht Süd­ko­rea, wo mit­tels zu bear­bei­t­en­der Word­cloud am Ein­gangs­bere­ich die Besucher schon früh zum Inter­agieren angeregt wer­den. Auch in der Ausstel­lung ist man zunächst mit­tels pro­jezierten Grund­satzfra­gen immer erst gefordert bevor kore­anis­che Antwortver­suche gegeben wer­den. An dieser Stelle spreche ich meine große Anerken­nung — nicht nur für die kore­anis­chen Vol­un­teers und/oder Mitar­beiter, son­dern all­ge­mein an alle Lan­desvertreter, denen ich bisher beg­net bin — aus: Nahezu auss­chließlich sprechen sie ein per­fek­tes Ital­ienisch und schienen sogar etwas ent­töuscht, wenn ich nach ein paar Anläufen doch ins Englis­che wech­selte. Hut ab!

Innenraum des KoreapavillionsWordcloud weltweiter Lieblingsspeisen am Eingang des Südkorea-Pavillions

Sehr inter­es­sant ist auch, wie mit dem Thema Nach­haltigkeit umge­gan­gen wird. Während Nepal die Nach­haltigkeit in der Pro­duk­tion in den Vorder­grund stellt (alle Säulen des Pavil­lions sind handgeschnitzt), baut Bahrain auf Wiederver­wend­barkeit, der Bau aus weißem Sicht­be­ton ist leicht in Einzel­teile zu zer­legen und soll in der Heimat als botanis­cher Garten Bestand haben.

Auch die Präsen­ta­tions­form vari­iert stark. Hier schwenkt das Pen­del von  einem vorgeschal­teten Wer­be­film bei Malaysia über diverse Arten von Oneway-Tours, beispiel­sweise bei Beglien oder Brasilien, bis hin zum freien Sprin­gen zwis­chen lose verknüpften Bere­ichen wie im Pavil­lion der Tschechis­chen Republik.

Ausstellungsprinzip Litauens ... aus der Nähe.

Grün im Indus­triege­biet, wohin das Auge schaut

Ein verbinden­des — wohl auch dem Überthema Feed­ing the Planet — Energy for Life geschuldetes — Ele­ment ist die Begrü­nung. Fast kein Land, dass nicht seine Flauna und Flora in den BLick­punkt stellt oder ein eher auf tech­nol­o­gis­che Inno­va­tion aus­gelegtes Pro­gramm mit einer der Entspan­nung zugewiese­nen Grün­zone kon­terkari­ert. In diesem Zusam­men­hang bin ich ges­pannt auf den öster­re­ichis­chen Pavil­lion, der ja bekan­ntlich einige Bäume beherbergt.

Der grüne weißrussische Pavillion

Nach einem ersten inten­siven Tag bilanziere ich also dur­chaus inter­essiert und freue mich auf einen zweiten voll neuer Raumkonzepte und Wegen zu einer nach­haltigeren Nutzung unserer Ressourcen. In dem ange­sproch­enen zweiten Text will ich mich dann auf die inhaltliche Ebene sowie die Kul­tur der Expo 2015 in Mai­land konzen­tri­eren. Bis dahin bleibt mir nur, eine wärm­ste Empfehlung auszusprechen.

Nach einem langem Tag ging's ins Hotel.

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Vor knapp zwei Wochen war ich am Eröff­nungstag in der (jetzt nicht mehr so) neuen Tracey Emin-Ausstellung im Leopold­mu­seum. Ich kan­nte Emin vorher nicht und las nur durch Zufall an diesem Mor­gen eine Pressemit­telung des Muse­ums gelesen.Den Ansatz, mod­erne Werke reflexiv Schiele-Blättern gegenüberzustellen, fand ich inter­es­sant, also machte ich mich auf.

Im Muse­um­squartier angekom­men, war ich ob der frühen Stunde noch weit­ge­hend allein, nur ein paar Fotographen vom Haus machten Auf­nah­men. Der viele Raum war Goldes wert. So kon­nten die Werke der britis­chen Kün­st­lerin wirken, die Keller­räume des Leopold­mu­se­ums lassen in ihrer Schlichtheit ein Begeg­nen der Bilder Emins miteinan­der, mit den oft an die gegenüber­liegende Wand gehängten Zeich­nun­gen Schieles, aber auch mit den Betra­ch­t­en­den zu. So ist die Ausstel­lung nicht nur eine bloße Gegenüber­stel­lung einer dur­chaus etablierten Kün­st­lerin mit den Werken eines ihrer Vor­bilder, son­dern wird viel mehr zu einer Kor­re­spon­denz und Kode­pen­denz, die sehr lose Hän­gung mit manch­mal nur einem Blatt an der Wand eröffnet Räume zur Neuin­ter­pre­ta­tion, in denen so manches Mal die Emin im Schiele auf­blitzt und nicht umgekehrt.

Diesen Dia­log unter­stützen auch die von ihr gewählten Medien. So erscheint die Zeich­nung auf Papier d’accord mit Schiele als Basis, von da weg entwick­elt die Kün­st­lerin im Gle­ich­schritt mit ihrer Motivik auch ihr Medium weiter, was auch Stick­ereien, Videomon­ta­gen und sogar eine Tonauf­nahme (was laut dem Kat­a­log ein Debut für die Kün­st­lerin ist) her­vor­bringt. Entschei­dend und schein­bar über dem Geschehen im Austel­lungsraum, den Raum the­ma­tisch ord­nend, sind die Neonschriftzüge.

Allen, die die Ausstel­lung noch besuchen wollen, rate ich, ein­mal im Raum, in welchem die Tonauf­nahme läuft, für ein paar Minuten sitzen zu bleiben. Es ist sehr span­nend, zu beobachten, wie sich hier durch das Medium der gesproch­enen Sprache die Ideen Tracey Emins, welche nicht nur im Kat­a­log, son­dern auch an den Wän­den in Form von Zitaten zu lesen sind, man­i­festieren. Es lohnt sich auch Stift und Papier mitzunehmen, es skizziert sich dort wunderbar.

"Ebenda", Bildrechte bei Katharina Braschel und Chili Tomasson.

Ebenda”, Bil­drechte bei Katha­rina Braschel und Chili Tomasson.

Schon eine Stunde vor Ein­lass in den Kinosaal war das Schikaneder in Wien voll, als gestern Abend das Filmde­büt von Katha­rina Braschel und Chili Tomas­son über die Lein­wand ging. Und zurecht.

Ebenda” setzt an, schein­bar den All­tag einer radikalen Grup­pierung von Träumern um die ominöse Cap­i­tana Élise auf ihrem Weg zu Ebenda, einem Kunst­wort und einer Art paradiesis­chen Frieden­szu­s­tand, zu zeigen. Mit Fortschre­iten des Films löst sich dieser All­tag jedoch in einer Reihe von Episo­den auf, bei denen die Gren­zen dieser Real­ität immer weiter aus­gedehnt wer­den. Man stellt die Ver­mu­tung an, dass man nun in einem von Cap­i­tana Élise ini­ti­ierten Kollek­tivträu­men angekom­men ist, dabei ver­schwim­men allerd­ings nicht nur die Gren­zen zwis­chen Traum und Real­ität, auch inner­halb des Traumes scheinen die einzel­nen Träumer ihre Ver­stecke gefun­den zu haben, zu denen sie uns nun für einen Moment Zugang gewähren. Dabei trifft man auf die ver­schieden­sten Tätigkeiten, denn deut­lich wird, alle Szenen zeigen unheim­lich aktive Men­schen, auch wenn sie in einer Bade­wanne liegend gezeigt werden.

Die bei­den Film­schaf­fenden haben einen Modus für ihren Film gefun­den, der die Träume ohne solchen Sequen­zen sonst oft anlas­ten­den Kitsch zeigt, unter­stützt von einem her­vor­ra­gen­den Sound­track wer­den die Episo­den recht nüchtern aber mit viel Acht aufs Detail gelebt. Dass der Film gän­zlich ohne gesproch­ene Dialoge auskommt, unter­stützt die Ver­wirk­lichung dieser Visio­nen noch zusät­zlich; in Träu­men muss man schließlich nicht reden, die Fig­uren wis­sen ohne­hin, was sie sich zu sagen haben. Und wenn ein Film 54 Minuten ohne Text auskommt ohne Län­gen zu zeigen oder unver­ständlich zu wer­den, spricht das auch Bände für ihn.

Erstaunlich ist die klare Bild­sprache: Ob nun in der Betra­ch­tung eines Kunst­werkes oder dem med­i­ta­tiven Umschüt­ten von Reis, der Film bringt es fer­tig, eine Ruhe auszus­trahlen, ohne jemals pas­siv zu wer­den. Das die Traum­col­lage von einem aus­drucksstarken Ensem­ble getra­gen wird, das den bei­den Köpfen von “Ebenda” und sich sichtlich ver­traut, macht es möglich neben dem Kollek­tivraum der Woh­nung, in der jeder Traum seine Ecke hat, einen zweiten Faden durchgängig durch den gesamten Film zu ziehen, was der Inter­pre­ta­tion der Einzel­szenen im Zusam­men­hang zugute kommt.

Allen, die sich beim Film­schauen gerne Gedanken machen, kann ich “Ebenda” wärm­stens empfehlen, es ist ein langsamer Film, der seine Struk­turen und Geheimnisse erst nach und nach Preis gibt, doch das gehört zu seinem Appeal. Die bei­den Ver­ant­wortlichen liefern auf jeden Fall ein starkes Debüt ab, dass sich abseits von Kurz­film­gen­renor­men bewegt und trotz­dem nicht zum unver­ständlichen Art­house­movie wird. Man darf ges­pannt auf mehr sein!

Wer “Ebenda” noch auf der großen Lein­wand sehen will, hat vor­erst noch am 30.10. die Chance, wenn der Film seine Salzburg-Première im dask­ino feiert. Anson­sten kann man ihn auf DVD erste­hen, ebenso wie den aus­geze­ich­neten Sound­track. Meiner Mei­n­ung nach wird sich die Investi­tion leis­ten, ich habe schon jetzt das Gefühl, noch neue Details am Weg nach Ebenda zu finden. Außer­dem findet sich in der DVD die dem Film zugrun­deliegende Kurzgeschichte, die dem Ganzen ein wenig Kon­text ver­leiht. Ich würde allerd­ings empfehlen diesen Text erst nach Anse­hen des Films zu lesen, so kann sich erst der richtige Aha-Effekt einstellen.

Ebenda-Facebookgruppe

Ebenda-Première in Salzburg, daskino

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