28.01.17, 17:47:51: Katka: Sehr wütend für deine Verhältnisse.

28.01.17, 17:49:46: Matthias: Hoff­nung ist (m)eine Trotzhand­lung, ver­dammt nochmal.

28.01.17, 17:50:13: Matthias: Ich glaube auch, dass Hoff­nung für mich ein wüten­des Thema ist.

28.01.17, 17:50:35: Katka: das ist interessant

28.01.17, 17:50:46: Katka: Die meis­ten wären entweder sehr pos­i­tiv gestimmt

28.01.17, 17:50:51: Katka: oder ent­täuscht resig­niert, würde ich mal sagen.

28.01.17, 17:51:01: Katka: Wut ist eine sel­tene Reak­tion auf Hoffnung.

28.01.17, 17:52:27: Matthias: Hoff­nung ist ja auch für mich so eine wider­ständige Haltung.

29.01.17, 17:54:59: Matthias: Eine Geschichte über Hoff­nung als solche zu erzählen,

29.01.17, 17:55:05: Matthias: ist schreck­lich langweilig.

29.01.17, 17:55:18: Matthias: Das inter­essiert doch niemanden.

29.01.17, 17:55:27: Matthias: Hoff­nung kannst du nur reflektieren.

29.01.17, 18:05:42: Katka: Aber Men­schen funk­tion­ieren häu­fig nur auf­grund von Hoffnung.

29.01.17, 18:06:03: Katka: Sie brauchen das damit es ihnen gut geht.

29.01.17, 18:06:17: Matthias: Aber Hoff­nung ist nichts, was man hat oder nicht.

29.01.17, 18:06:33: Matthias: Hoff­nung ist eine Kul­turtech­nik die man anwendet.

 

29.01.17, 18:07:16: Katka: Ich weiß nicht.

29.01.17, 18:07:28: Katka: Man kann die Hoff­nung verlieren.

29.01.17, 18:07:45: Katka: Muss man sie auch irgend­wie mal haben.

29.01.17, 18:08:14: Matthias: Du kannst auch die Fähigkeit, Diskurse zu führen ver­lieren, deswe­gen ist Diskurs keine Eigenschaft.

29.01.17, 18:09:06: Katka: Aber die Fähigkeit muss man auch mal haben.

29.01.17, 18:09:28: Katka: Und man macht sich auch Diskurse zu eigen.

29.01.17, 18:09:34: Matthias: Man muss sie erlernen.

29.01.17, 18:09:36: Katka: Weil man sie bereichert.

29.01.17, 18:09:48: Matthias: Hoff­nung ist eine Meth­ode, kein Zustand.

29.01.17, 18:12:45: Katka: Ich seh das nicht so.

29.01.17, 18:13:06: Katka: Wenn etwas Freudi­ges passiert und man schon ganz upset war.

29.01.17, 18:13:29: Katka: Und dann kommt wieder etwas Hoffnung.

29.01.17, 18:13:38: Katka: Das ist mehr Zus­tand als Methode.

29.01.17, 18:14:11: Matthias: Allein schon sprachlich:

29.01.17, 18:14:17: Matthias: Du bist nicht in Hoffnung,

29.01.17, 18:14:23: Matthias: son­dern du hoffst.

29.01.17, 18:15:15: Katka: Und wenn es eine Meth­ode wäre,

29.01.17, 18:15:24: Katka: kön­nte man sich in deren Anwen­dung üben.

29.01.17, 18:15:28: Katka: Kann man aber nicht.

29.01.17, 18:15:38: Matthias: Nein, du kannst sie nur anwen­den oder nicht.

29.01.17, 18:16:09: Katka: Jede Meth­ode kann verbessert werden.

29.01.17, 18:16:15: Matthias: Deswe­gen ist Hoff­nung auch unab­hängig von realen Situationen.

29.01.17, 18:16:30: Matthias: Ted hofft auf die große Liebe,

29.01.17, 18:16:38: Matthias: weil er sich entschei­det zu hoffen.

29.01.17, 18:16:54: Matthias: Ganz irrel­e­vant, wie viel beschissene Sit­u­a­tio­nen da sind.

29.01.17, 18:18:52: Katka: Ja, Ted ist auch ein fes­ter Trottel.

29.01.17, 18:19:10: Katka: Und Ted gibt es mal abge­se­hen davon nicht.

29.01.17, 18:19:34: Matthias: Es ist vol­lkom­men egal, ob er existiert oder, ob er dumm ist

29.01.17, 18:19:47: Katka: Eben nicht.

29.01.17, 18:19:51: Matthias: Es geht nicht drum, ob das gut ist oder nicht.

29.01.17, 18:20:08: Matthias: Es geht drum, dass das ein Beispiel ist, dass Hoff­nung ein Akt ist.

29.01.17, 18:20:10: Katka: Weil ein Seri­en­charak­ter mehr Möglichkeiten hat als ein realer Mensch.

29.01.17, 18:20:44: Katka: Weil er einen Super­vi­sor oder halt Screen­writer hat.

29.01.17, 18:21:16: Matthias: Es geht doch nicht drum, ob das “fair” ist oder, ob jemand es ein­fach hat oder nicht.

29.01.17, 18:21:17: Katka: Hoff­nung ist daher nur insofern ein Akt, weil jemand fik­tional Möglichkeiten einräumt.

29.01.17, 18:22:27: Matthias: Hoff­nung ist ein wider­ständi­ger Akt gegen die Vorstel­lung, das Dinge passieren, weil sie nun­mal passieren.

29.01.17, 18:22:55: Matthias: Das ist vol­lkom­men unab­hängig von den Möglichkeiten die jemand hat oder nicht hat.

29.01.17, 18:23:20: Katka: Nein eben nicht.

29.01.17, 18:23:29: Katka: Man hofft, weil man Erfahrun­gen hat.

29.01.17, 18:23:54: Katka: Und weiß, dass der Zus­tand schön ist und sich Hoff­nun­gen erfüllen können.

29.01.17, 18:24:00: Katka: Sonst hofft man nicht.

29.01.17, 18:24:03: Matthias: Wenn dir viel Scheiße passiert ist, fällt es dir vielle­icht schw­erer oder ist es dir nicht mehr möglich, die Tech­nik Hoff­nung anzuwenden.

29.01.17, 18:24:27: Katka: Es ist ein Zustand,

29.01.17, 18:24:36: Katka: den du ein­nehmen kannst oder nicht mehr.

29.01.17, 18:24:49: Matthias: Ich hoffe, weil ich hof­fen will und nicht, weil Hof­fen Auf­gabe wäre.

29.01.17, 18:25:53: Katka: Du hoffst, weil du noch kannst.

29.01.17, 18:26:08: Katka: Das hat wenig mit wollen zu tun.

29.01.17, 18:26:18: Matthias: Eben schon.

29.01.17, 18:26:41: Matthias: Ich habe durch kul­turelle Arbeit gel­ernt, Hoff­nung anzuwenden.

29.01.17, 18:27:18: Matthias: Und an Tagen, wo mein Kopf im Arsch ist,

29.01.17, 18:27:46: Katka: Kul­turelle Arbeit nutzt dir einen Scheiß­dreck, wenn du von Faschos umgeben bist.

29.01.17, 18:27:52: Matthias: muss ich mich offen­siv dazu entschei­den, Hoff­nung zu ver­wen­den, um mich gegen den Sta­tus quo zu stellen.

29.01.17, 18:28:19: Katka: Hoff­nung kön­nen prinzip­iell nur Men­schen haben, die sich fürs Leben entscheiden.

29.01.17, 18:28:34: Matthias: Was hat das jetzt schon wieder mit Faschis­ten zu tun?

29.01.17, 18:28:51: Matthias: Kannst du nicht im Konzept bleiben?

29.01.17, 18:28:52: Katka: Ich glaube Hoff­nung ist in extremen Sit­u­a­tio­nen ein sehr rares Gut.

29.01.17, 18:29:09: Katka: Hof­fen kann man nur, wenn es einem prinzip­iell gut gehen kann.

29.01.17, 18:29:36: Matthias: Nein, find ich nicht.

29.01.17, 18:29:40: Katka: Jemand mit vie­len Schmerzen wird wenig Hoffen,

29.01.17, 18:29:56: Matthias: Er wird es vielle­icht nicht tun,

29.01.17, 18:30:15: Katka: weil Schmerz jeglichen guten Zus­tand untermauert.

29.01.17, 18:30:20: Matthias: aber du kannst immer hof­fen in jeder Sit­u­a­tion, wenn du ein­fach beschließt zu hoffen.

29.01.17, 18:30:35: Matthias: Hoff­nung ist dem­nach kein Zustand.

29.01.17, 18:30:48: Matthias: Höch­stens eine Haltung.

29.01.17, 18:31:03: Matthias: Hoff­nung wird performed.

29.01.17, 18:31:56: Katka: Ich glaub das Hoff­nung Bedin­gun­gen braucht.

29.01.17, 18:32:15: Katka: Hoff­nung steht nicht an erster Stelle.

29.01.17, 18:32:29: Katka: Da müssen Grund­bausteine gelegt sein.

29.01.17, 18:33:00: Matthias: Ich glaube, du ver­wech­selst nicht hof­fen kön­nen mit nicht hof­fen wollen.

29.01.17, 18:34:30: Katka: Nein.

29.01.17, 18:34:50: Katka: Ich bin der Ansicht, dass Kön­nen von Fak­toren abhängt.

29.01.17, 18:34:54: Matthias: Das Schöné an Hoff­nung ist doch,

29.01.17, 18:35:01: Matthias: dass sie vol­lkom­men irra­tional ist.

29.01.17, 18:35:10: Matthias: Und dem­nach unab­hängig von Situation.

29.01.17, 18:36:17: Katka: Hoff­nung sehe ich nicht als irrational.

29.01.17, 18:36:54: Katka: Wenn ich mich ins Bett lege und hoffe, dass ich gut und lange schlafe, dann ist das nichts Irrationales.

29.01.17, 18:37:30: Matthias: Aber du beschließt, zu hof­fen, dass du gut schläfst.

29.01.17, 18:38:12: Matthias: Unab­hängig davon, ob du weißt, wann du aufwachen musst.

zB 29.01.17, 18:38:51: Katka: Ich gehe nicht von Beschluss aus.

29.01.17, 18:39:08: Katka: Son­dern von einem aufk­om­menden Gefühlszustand

29.01.17, 18:39:22: Katka: Ich beschließe max­i­mal etwas rational,

29.01.17, 18:39:40: Katka: wie etwa um diese Uhrzeit einkaufen zu gehen.

29.01.17, 18:40:48: Katka: Bin mal Tee machen.

 

29.01.17, 18:48:02: Katka: Ich glaub wir machen einen Twit­ter Poll

29.01.17, 18:48:22: Katka: Ich will wis­sen, wie Men­schen das Konzept Hoff­nung sehen.

29.01.17, 20:18:41: Matthias: Ich finde das Begriff­s­paar Zus­tand und Akt ist am eindeutigsten

29.01.17, 20:19:19: Katka: ja.

30.01.17, 13:55:47: Katka: aber ich denke, dass du wis­sen sollst, dass mein Zugang nicht kom­plett irre ist und dur­chaus seine Berech­ti­gung hat.

30.01.17, 13:56:49: Matthias: Dafür hast du eine Umfrage machen müssen?

30.01.17, 13:57:03: Katka: Unter anderem.

30.01.17, 13:57:28: Katka: Es wirkte nicht so, als dass du meinen Stand­punkt in irgen­deiner Weise legit­imiert hättest sonst.

 

30.01.17, 13:58:12: Matthias: Wenn mehrere Leute einer angedichteten Norm zus­tim­men, macht es die Norm nicht weniger zur Norm.

30.01.17, 13:58:26: Matthias: Leute meinen, es sei ein Zus­tand, weil das schön wäre.

30.01.17, 13:58:55: Matthias: Das gäbe Ihnen absolute Kraft.

30.01.17, 13:59:07: Matthias: Und eine Ausrede, wenn sie keine Hoff­nung mehr haben.

30.01.17, 13:59:28: Katka: Hoff­nung kön­nte man immer als Ausrede sehen.

30.01.17, 13:59:44: Katka: Als Ausrede, Dinge zum Beispiel so zu sehen, wie sie wirk­lich sind.

30.01.17, 14:03:01: Matthias: Meiner Sichtweise nach eben nicht.

30.01.17, 14:03:12: Matthias: Weil, wenn du Hoff­nung anwendest,

30.01.17, 14:03:37: Matthias: ist Hoff­nung eine Reak­tion auf etwas, dass du sehr wohl wahrnimmst.

30.01.17, 14:03:55: Katka: Aber dann als falsche Reaktion,

30.01.17, 14:04:00: Katka: wenn man es als Ausrede sieht.

30.01.17, 14:04:11: Katka: Wahrnehmung unter­liegt ja auch Deutungsprozessen.

30.01.17, 14:04:42: Katka: Wenn man diese Prozesse falsch deutet, heißt das auch, dass wom­öglich Hoff­nung egal in welcher Form,

30.01.17, 14:04:46: Katka: ob jetzt als ein­tre­tender Zustand

30.01.17, 14:04:51: Katka: oder als ange­wandte Reaktion,

30.01.17, 14:04:52: Katka: falsch sind.

30.01.17, 14:05:24: Matthias: Nein, Hoff­nung kann nie falsch sein.

30.01.17, 14:05:33: Matthias: Weil sie nichts an Sit­u­a­tio­nen ändert.

30.01.17, 14:05:44: Katka: Na eben doch.

30.01.17, 14:05:55: Katka: Ihre Betra­ch­tungsweise wird mas­siv beeinflusst.

30.01.17, 14:06:04: Matthias: Es ändert nur deine Sichtweise auf eine Sit­u­a­tion, aber nie die Sit­u­a­tion selbst.

30.01.17, 14:06:57: Katka: Das leuchtet mir ja ein,

30.01.17, 14:07:34: Katka: dass sich die Sit­u­a­tion nicht ändert

30.01.17, 14:07:42: Katka: und ich sagte das ja auch selbst

30.01.17, 14:07:46: Katka: dass es nur die Sichtweise ist,

30.01.17, 14:08:00: Katka: aber die Rück­führung leuchtet mir nicht ein.

30.01.17, 14:08:08: Katka: Hoff­nung kann halt schon auch falsch sein.

30.01.17, 14:08:21: Matthias: Aber dem­nach ist Hoff­nung eine Praxis, die du aus ver­schiede­nen Grün­den anwen­den kannst.

30.01.17, 14:08:44: Matthias: Aus Selb­stschutz, aus Wider­stand, aus Verleugnung ...

30.01.17, 14:09:27: Matthias: Dieses “falsche Hoff­nung machen” ist ein dummes Idiom.

30.01.17, 14:09:44: Matthias: Weil Hoff­nung was ganz anderes tut.

30.01.17, 14:09:52: Matthias: Hoff­nung ver­spricht dir nichts.

30.01.17, 14:10:32: Matthias: Hoff­nung ist deine Entschei­dung, einen guten Aus­gang zu erwarten.

30.01.17, 14:11:01: Matthias: Diese Entschei­dung ändert dich und deine Wahrnehmung in dem Moment in dem du hoffst.

30.01.17, 14:11:30: Matthias: Aber ob dieser gute Aus­gang dann Ein­tritt, ändert nichts an der Legit­im­ität der Erwartung.

30.01.17, 14:14:17: Katka: ich gehe halt immer noch davon aus,

30.01.17, 14:14:23: Katka: dass man einen Zus­tand einnimmt

30.01.17, 14:14:24: Katka: oder eben nicht.

30.01.17, 14:14:37: Matthias: Siehst du

30.01.17, 14:14:39: Katka: Falsche Hoff­nun­gen macht man sich auch nicht.

30.01.17, 14:14:44: Matthias: Du nimmst einen Zus­tand ein.

30.01.17, 14:14:46: Katka: Die wer­den einem vermittelt.

30.01.17, 14:14:51: Matthias: Du hast keinen Zustand.

30.01.17, 14:14:52: Katka: Das ist wieder ein Zus­tand, den man hat.

30.01.17, 14:15:08: Matthias: Hof­fen ist das Ein­nehmen des Zustandes.

30.01.17, 14:15:21: Katka: Ja, eben nicht ganz.

30.01.17, 14:15:33: Katka: Hoff­nung ist jetzt auch keine eigene Entscheidung,

30.01.17, 14:15:48: Katka: weil ich von einer Entschei­dung erwarte, dass sie ratio­nal getrof­fen wird.

30.01.17, 14:15:57: Katka: Sonst gehe ich von einer Reak­tion aus.

30.01.17, 14:16:02: Matthias: Ein Zus­tand Hoff­nung würde ein­fach auftreten unmotiviert.

30.01.17, 14:16:16: Katka: Tut es ja auch.

30.01.17, 14:16:29: Katka: Ich entschließe mich ja nicht dazu: „Hm, heute gibt es Grund zur Hoffnung.“

30.01.17, 14:16:40: Matthias: Ratio­nal­ität ist, denke ich, ein kap­i­tal­is­tis­ches Wertkriterium.

30.01.17, 14:17:02: Katka: Das wäre das näch­ste zum Diskutieren.

30.01.17, 14:17:25: Matthias: Du entschließt dich, vielle­icht mit­tels Automa­tismus, zu hoffen.

30.01.17, 14:17:35: Matthias: Ob es Grund dafür gibt, ist egal.

30.01.17, 14:17:48: Matthias: Wenn es Grund dazu gäbe,

30.01.17, 14:17:56: Katka: Wenn ich dir zus­tim­men müsste,

30.01.17, 14:17:59: Matthias: kön­ntest du ja kausale Erwartung haben.

30.01.17, 14:18:04: Katka: dann würde ich Hoff­nung max­i­mal als Reak­tion wahrnehmen,

30.01.17, 14:18:11: Katka: aber nicht als eigen­ständige Entschei­dung ohne Gründe,

30.01.17, 14:18:17: Matthias: Hoff­nung ist etwas, das ohne Grund funk­tion­ieren muss.

30.01.17, 14:18:20: Katka: weil Entschei­dun­gen immer Gründe mit sich ziehen.

30.01.17, 14:18:43: Katka: Selbst wenn es Emo­tionales betrifft.

30.01.17, 14:19:04: Matthias: Hoff­nung ist eine Entschei­dung, die auf einer gän­zlich anderen Wahrnehmungsebene agiert als Gründe.

30.01.17, 14:19:25: Katka: Wenn ich beschließe, nicht mit dir zu reden, dann hat das den Grund dass ich wom­öglich wütend auf dich bin beispielsweise.

30.01.17, 14:19:48: Katka: Wo ordnest du Hoff­nung ein?

 

30.01.17, 14:20:08: Matthias: Wir soll­ten diese Diskus­sion eigentlich rausschreiben.

 

30.01.17, 14:20:40: Matthias: Hoff­nung ordne ich ein als fast schon gegen­läu­figes Prinzip.

30.01.17, 14:20:50: Katka: Ja aber in welche Kategorie?

30.01.17, 14:20:53: Katka: der Prinzipien?

30.01.17, 14:21:02: Katka: Für mich fällt es näm­lich unter Emotionen.

30.01.17, 14:21:11: Katka: Und da glaub ich, dass wir nicht zusammenkommen.

30.01.17, 14:22:03: Matthias: Ich finde, Hoff­nung ist eine Praxis und dem­nach unab­hängig von den Kategorien.

30.01.17, 14:22:03: Katka:Für mich ist es näm­lich in der gle­ichen Kat­e­gorie wie Begeis­terung, Trauer, Wut, Zweifel.

30.01.17, 14:22:38: Matthias: Weil ich eine Meth­ode der Wahrnehmung auf Emo­tio­nen genauso anwen­den kann wie auf den Aus­gang eines demokratis­chen Akts.

30.01.17, 14:23:05: Katka: Ja, aber du kannst doch Begeis­terung nicht anwenden.

30.01.17, 14:23:08: Matthias: Für mich ist Hoff­nung ein Werkzeug.

30.01.17, 14:23:20: Matthias: Hoff­nung ist auch nicht Begeisterung.

30.01.17, 14:23:39: Matthias: Hoff­nung kann Begeis­terung hervorbringen.

30.01.17, 14:23:44: Katka: Deswe­gen geht mir dein Denken auch nicht in den Kopf rein.

30.01.17, 14:23:57: Katka: Hoff­nung ist für mich keine Kat­e­gorie drüber,

30.01.17, 14:24:02: Katka: son­dern auf gle­icher Stufe

30.01.17, 14:24:07: Katka: wie etwas Begeisterung.

30.01.17, 14:24:16: Katka: Wenn, dann würde ich Liebe der Hoff­nung vorordnen.

30.01.17, 14:24:37: Katka: Ohne diese wäre Hoff­nung nicht möglich,

30.01.17, 14:24:51: Katka: Weil Hoff­nung ja für mich bed­ingt, dass man gute Erfahrun­gen gemacht hat.

30.01.17, 14:25:07: Katka: Sonst entsteht sie ja gar nicht.

30.01.17, 14:25:41: Matthias: Das ist der Punkt, an dem ich nicht mitkann.

30.01.17, 14:26:00: Matthias: Hoff­nung hat für mich nichts mit Ratio­nal­ität zu tun.

30.01.17, 14:26:27: Matthias: Und ist deswe­gen völ­lig unab­hängig von meinen Erfahrungen.

30.01.17, 14:26:45: Katka: Für mich hat Hoff­nung auch wenig mit Ratio­nal­ität zu tun.

30.01.17, 14:27:00: Katka: Ich würde gute Erfahrun­gen als Nährbo­den für Hoff­nung sehen.

30.01.17, 14:27:06: Matthias: Aber wenn du sagst, dass du Ver­gle­ich­swerte brauchst,

30.01.17, 14:27:19: Matthias: Dann ist Hoff­nung für dich etwas Logisches?

30.01.17, 14:27:34: Katka: Nicht unbedingt.

30.01.17, 14:27:43: Katka: Um es in einer Meta­pher an dich heranzutragen:

30.01.17, 14:27:59: Katka: Du siehst eine Blu­men­wiese, die wun­der­schön ist.

30.01.17, 14:28:08: Katka: Die ist da, weil es einen guten Nährbo­den gibt.

30.01.17, 14:28:15: Katka: Etwas, worauf es wurzeln kann.

30.01.17, 14:28:26: Katka: Das ist Hoff­nung für mich.

30.01.17, 14:28:38: Matthias: Um in der Meta­pher zu bleiben:

30.01.17, 14:29:01: Matthias: Für mich ist Hoff­nung das Gießen der Blumen.

30.01.17, 14:29:15: Matthias: Nicht die Blu­men selbst.

30.01.17, 14:29:31: Katka: Für mich ist Hoff­nung nicht die Blume, son­dern der Boden, der Blu­men wach­sen lässt.

30.01.17, 14:29:50: Katka: Du kannst näm­lich Blu­men gießen so viel du willst,

30.01.17, 14:29:56: Katka: wenn sie auf Beton ste­hen, wer­den sie nicht wachsen.

30.01.17, 15:08:18: Matthias: Aber der Hoff­nung ist es doch auch scheiße­gal, ob die Blu­men wachsen.

30.01.17, 15:08:25: Matthias: Hoff­nung ist präzise:

30.01.17, 15:08:43: Matthias: Die Blu­men zu gießen, egal ob sie wach­sen oder nicht.

30.01.17, 15:09:26: Katka: Eh.

30.01.17, 15:09:38: Katka: Es ist nur ver­schwen­det irgendwie.

30.01.17, 15:10:14: Matthias: Ja aber Ver­schwen­dung oder Nutzen ist keine Kat­e­gorie, in der Hoff­nung agiert.

30.01.17, 15:11:18: Katka: Du weißt schon, was ich mein.

30.01.17, 15:11:35: Matthias: Ich weiß, wo du hin­willst, ja.

 

31.01.17, 17:01:34: Matthias: Ich über­lege den ganzen Tag nach einer Form für den Dialog.

31.01.17, 17:03:24: Katka: Für welchen jetzt?

31.01.17, 17:06:10: Matthias: Das Ding mit der Hoffnung.

31.01.17, 17:10:43: Katka: Genauso

31.01.17, 17:10:49: Katka: Nur adaptiert.

Mehr von Katha­rina findet ihr auf www.katkaesk.com.

In kleinen Zim­mern sitzen und Glühkäfern nach­ja­gen, von denen ich nicht weiß, ob sie der Herb­st­nacht oder meinen viel zu lange getra­ge­nen Kon­tak­tlin­sen entsprungen.

In kleinen Zim­mern sitzen und augen­blick­lich jeden Dreh am Ther­mo­stat spüren, weil nie zu viel Abstand zwis­chen mir und dem Heizkör­per unter dem schmalen Fen­ster zur Straße hin liegt.

In kleinen Zim­mern sitzen und vom Souter­rain aus unan­greif­bar die Basiskurve anheben, die in den sieben mit­ge­brachten Büch­ern aus dem Kof­fer Frag­mente hergegeben hat zur freien Weiter– und per­sön­lichen Selb­sten­twick­lung. Sil­bern gezo­gene Hor­i­zonte, keinen Meter ent­fernt von jedem Punkt gewach­sen, in den kleinen Zim­mern, Lin­ien, die sich als Mem­bra­nen offen­baren, wenn ich sie in Ruhe beobachte, mor­gen­nachts und ger­ade dann, wenn keine Zeit mehr sich findet.

In kleinen Zim­mern sitzen, lauschend dem Kopfhör­erpaar, die da im Raum liegen, unter null, eine Mon­stranz, ein Altar, ein Mon­i­tor vielle­icht, in dem alle poten­tiellen Ern­st­fälle erprobt und ent­fernt geren­dert wer­den, vielle­icht, in kleinen Zellen eines Seins aufgefangen.

In kleinen Zim­mern sitzen und abrat­tern, Text –*

Wenn ich jetzt los­gehe, erwis­che ich den Zug noch, aber noch suche ich frenetisch nach meinen Schlüs­seln. Nein, nicht meine Schlüs­sel, die habe ich hier, brauche sie aber nicht mehr wirk­lich. Die Fahrkarte, mein Ticket. Suche ich. Frenetisch.

Ticket für den Zug, den ich noch erwis­che, wenn ich jetzt los­gehe, aber den ich nicht betreten kann, ohne Ticket. Denn: Dieses Ticket gilt auch als Fahrkarte zwei Stun­den vor und nach der Ver­anstal­tung. Aber dieses Ticket ist nicht hier, son­dern im anderen Raum, dessen Schlüs­sel ich nicht bei mir trage, weil ich in an dem Ort ver­steckt habe, als Selb­stschutz vor dem Ziel, nein nicht vor dem Ziel, vor dem Zug. Denn ich will da nicht hin. Es war zwar ein Aben­teuer und — wie man so schön sagt — eine Ehre, hinzudür­fen und ich habe mich auch wirk­lich gefreut und eigentlich freue ich mich ja eh noch immer, aber hin will ich dann nicht. Mir reicht die Möglichkeit des Zuges,

aber Ubah­nen trig­gern meine Atemnot.

Also bleibe ich ste­hen am Bahn­steig, in dem mit Farbe am Bahn­steig­bo­den markierten Bere­ich, als AKTIONSFLÄCHE abge­grenzt. Dort stehe ich, in der für mich passenden Zone und ver­suche, ver­suche, ver­suche, bis ich es dann auch wieder sein lasse. Mein Kör­per, die arro­gante AKTIONSFLÄCHE, will nicht und agi­tiert also gegen mich und meinen lächer­lichen Willen.

Schon scheiße, wenn du weißt, objek­tiv, der Zug ist ein guter Zug, und der Ort, an den der Zug dich bringt, ist ein guter Ort, wahrschein­lich, der beste Ort für dich in deinem Zus­tand und über­haupt ist dieses Event die Möglichkeit für dich, aber der Kör­per weigert sich, schlicht.

Also bleibe ich hier und denke lieber nicht mehr dran, an diesen guten Ort, weil ich sonst auch an den guten Zug denken muss und ich es nicht schaffe, auf Teufel komm raus nicht schaffe, an meinen Kör­per vor­bei zu denken. Ich winde mich in tausend Ver­renkun­gen pro Minute, in der Hoff­nung ihm in die Ver­wirrung zu entkom­men, aber mein Kör­per ist mir auf die Fersen getack­ert und schon beim ersten Gedanken von ZUG schickt er ein Bild von ZUG im Tunnel,

ste­hend, und trig­gert Atemnot.

Es fehlen die Mit­tel, zu inter­agieren, was ich brauche, ist LEVERAGE. Eine Unter­suchung wird ges­tartet, um die Aktions­fläche, meine ego­is­tis­che Kör­per­lichkeit in die Ecke zu drän­gen und zu einem funk­tion­stüchti­gen Mit­glied der Gesellschaft zu for­men, mit Bah­n­card. Das alles ist doch auch nur Kun­st­man­age­ment und ich sollte auf meinem Instru­ment spie­len kön­nen, wie es mir beliebt, find­est du nicht auch?

Aber nein, ich bin hier, ins kollek­tive Wir gezwun­gen, wenn ich davon spreche, wie ich meine Aktions­fläche bear­beite, wie ich meine Aktions­fläche bear­beitet, während wir uns im Weg ste­hen und wir uns Aktions­flächen beobachten.  Wir agieren hier also immer gegen einan­der, wir Aktions­flächen, das ist unsere Aus­gangspo­si­tion, das müssen wir ein­fach akzep­tieren, dann geht’s auch wieder. Auch wenn alles immer größer wird, alles außer der abge­gren­zte Raum, hier am Bahn­steig. Der bleibt gleich.

Vielle­icht ist es der abge­gren­zte Raum, an dem ich sein soll. Nicht dieser gute, wahrschein­lich beste Ort, nein, ich weiß ja nicht ein­mal, ob der über­haupt (noch) existiert. Klar, er steht auf dem Ticket, wie auf einer Karte aus einem mit­telmäßi­gen Gym­nasi­as­te­nat­lanten, aber was heißt das schon? Gle­ich daneben steht da auch “Tsche­choslowakische Repub­lik” und der “sow­jetis­che Ein­fluss­bere­ich” ist mit einer fet­ten roten Linie um den Fahrpreis samt Mehrw­ert­s­teuer gezo­gen. So argu­men­tiert die Aktions­fläche, mit einem poly­pho­nen Wim­mern, aus dem nur her­austönt, dass sie nicht zurück­bleiben will. Die Aktions­fläche hat noch nicht über­ris­sen, dass ich nicht ohne sie kann, mein Kör­per ist mir an die Fersen getack­ert, er braucht nicht win­seln. Wenn ich die Wahl hätte –

dieses kleine biss­chen Demut würde auch nichts, wirk­lich gar nichts ändern. Ich reiche ihm also die Hand, weil er eh nicht abzuschüt­teln ist und stoße ihn vor mich her, so im Kreis herum, bis mir und ihm und Schwindel ist. Dann set­zen wir uns hin und ich nehme meinen Schlüs­sel, den ich noch rechtzeitig mitgenom­men habe, zum Glück, in die Hand und kratze uns das PARADIES in den Arm. Er lacht und lobt meinen Pin­sel­strich. Dann gibt er w.o. Ich habe gewon­nen, was mich ein klein wenig freut und kratze weiter ins uns hinein, bis der näch­ste Zug kommt.

Ein­steigen, fes­thal­ten, auf den guten Ort — dann Atemnot.

 

 

  

 

raum und leere,

kör­per und ton.

 

wir nehmen, was wir müssen

nicht­sein dür­fen wir nicht

noch mehr exis­tenz ist

gezwun­gener­maßen sinn

wir müssen, was wir dürfen

wer­fen unsselbst in die waagschale

wir, wir, wir sind das mate­r­ial dieser zeit

nichts­destotrotz enden wir, abundzu

im jahr null wer­den wir immer neu wir

kollek­tive trauer ist unser sieb, wir sind geschliffen

wir, wir, wir, jetzt ohne euch

 

kör­per und ton,

raum und leere.

 

____________________________________

Der vor­liegende Text ist ein Beitrag zum Pro­jekt .txt, Stich­wort “nichtsdestotrotz”.

augenlicht

Mein Augen­licht hatte ich in der Schule vergessen, weshalb ich am Heimweg das Elend, das mir ins Gesicht sprin­gen wollte, nicht bemerkte und fol­glich links liegen ließ.
Als ich am näch­sten Tag wieder sehen wollte, war es schon mit jemand anderem gegan­gen und ich blieb weit­er­hin allein.
In Betra­cht der weit­eren Geschehnisse wohl besser so. Denn das Elend wurde gemütlich und undurch­sichtig. Als dieser andere, mit dem es mit­ge­gan­gen war, erkan­nte, was es war, näm­lich das Elend und nicht etwa eine selb­st­be­fül­lende Dose Bier, ließ er es eben­falls bald – nahezu mit sofor­tiger Wirkung – links liegen, während dieser andere rechts weit­erg­ing. Was das Elend wütend machte und es dazu brachte, ihm mit hitzigem Geheul zu fol­gen. Was wiederum keinen ger­ade ruhi­gen Schlaf gewährleis­tete, wie der andere mir später ges­tand, als wir Fre­unde gewor­den waren. Und ruhiger Schlaf, der war und ist mir immer schon entschei­dend gewe­sen.
Von all dem wusste ich nun aber nichts. Ich war daher betrübt. Und wie das so ist, führt die Betrübtheit zu nichts, außer Kurz­schlussreak­tio­nen.
Meinen Schuldigen an der Mis­ere fand ich und begann daher immer häu­figer, mein Augen­licht nach dem Unter­richt mit den Filz­pantof­feln in den Spind zu sper­ren. So über­sah ich das meiste und erlebte ebenso viel.
Anfangs machte mir das Dunkel noch Angst, ich bereute mein Tun spätestens zuhause bei den auftre­tenden Prob­le­men mit den Auf­gaben. Auf so einen dun­klen Tag gab ich mein Augen­licht wochen­lang nicht aus der Hand.
Doch es war auch aufre­gend und so tat ich es immer wieder und häu­figer. Bald wur­den meine Schritte sicherer und mit etwas Geschick und List lernte ich auch im Unter­richt unter dem Radar zu bleiben, was mir die ewigen Predigten der Lehrer mein Augen­licht betr­e­f­fend ersparte. Ich kam also ganz gut durch.
Ich schaffte es, durch Übung und Präzi­sion, die notwendige Langsamkeit zur Gra­zie zu for­men und aus meiner Bewe­gung ohne mein Augen­licht ein Marken­ze­ichen zu machen. Mit den Zeiten legte ich auch das let­zte Stolpern ab, behielt mir aber die Dis­tanz, ich war für alle stets in Sichtweite, aber auch nie näher. Als ich meinen Abschluss machte, war ich unfass­bar gewor­den.
Die darauf­fol­gen­den Jahre waren von einem strahlen­den Erfolg geprägt. Mein Augen­licht trug ich jetzt nur noch zu Anlässen. Bei diesen erk­lärte man mir dann stets unisono, wie glänzend dieses nicht sei, wie neu würde ich ausse­hend, unwis­send, wie neu mir mein Augen­licht in Wirk­lichkeit war. So eroberte ich in einer unge­se­henen Leichtigkeit Gesellschaften, in denen ich meiner Herkunft nach nicht ein­mal Sekt servieren hätte dür­fen. Aber mein Auftreten war in diesen Kreisen schnell zu einer Sen­sa­tion gewor­den und einem Spek­takel stellt man keine Fra­gen, man liest ihm Wün­sche von den Augen ab. Da ich keine hatte, nah­men sie mich her­zlich auf und reichten mich durch die Ränge, bis ich eine Posi­tion erre­icht hatte, die auch für mich ergiebig war.
Meine auftre­tende Unzulänglichkeit in Mode– und prinzip­iellen Farbfra­gen über­spielte ich mit einem Schwur auf schlichte Ele­ganz, mit schwarzen Anzü­gen kon­nte man glück­licher­weise noch nie etwas falsch machen, was mir mein Augen­licht bei der Geburt­stags­feier meines altern­den Förder­ers, dessen Geschäft ich bald darauf übernehmen sollte, bestätigte.
In der Posi­tion, die ich in diesem Unternehmen über­nahm, wurde mein wahres Tal­ent offen­sichtlich: Bauchentschei­dun­gen. Ich hörte mich über­all um und fol­gte dann blin­d­lings meinem Gefühl und ließ danach agieren. Ich war ein Genie des Delegierens, ich war der unent­behrliche Mit­tel­mann und tanzte am Par­kett zwis­chen großen Män­nern und großen Infor­ma­tio­nen hin und sehr, so andächtig, dass mir viele bald aus freien Stücken ihre Fäden in die Hände legten.
Meinen Auf­stieg durch die Gesellschaften kon­nte also kein Ein­halt geboten wer­den. Denn sie alle ver­trauten meinem Auftreten, meinem Antlitz, und ich entsch­ied mich dazu, sie nicht zu ent­täuschen. Also kam ich ganz gut durch.
Nach vie­len Jahren gab ich Anfang diesen Jahres die Führung des Unternehmens meines Gön­ners, welches ich ganz zu meinem Geschäft gemacht hatte, ab und bezog am sel­ben Tag meines Rück­zugs aus dem Tages­geschäft einen Auf­sicht­srat­sposten. Und so tanzte ich auch dieses Jahr auf allen Par­ketts, die in meiner Branche von Bedeu­tung sind, Das war ein Glücks­fall, wahrlich, denn es stellte sich bald nach meiner Pen­sion­ierung her­aus, dass ich mich zuhause, als ich länger alleine und untätig war, nach meinem Augen­licht sehnte und begann, es immer häu­figer aufzuset­zen.
In mir wuch­sen Erin­nerun­gen an meine Kind­heit, als ich noch gedanken­los mit ihm durch die Welt ging. So trug ich mein Augen­licht wieder mit ansteigen­der Regelmäßigkeit. Das besän­ftigte meine Ret­ro­spek­tive für eine Weile, doch als ich bemerkte, dass meine wach­sende Sen­ti­men­tal­ität zunehmende Gebrauchsspuren an meinem Augen­licht hin­ter­ließ, saß der Schock tief. Ich sper­rte es rasch wieder ab und nahm mir vor, es in Zukunft noch spär­licher auszuführen.
So sah man mich wieder öfter in meinem alten Büro, wo ich allen hil­fs­bereit im Weg herum­stand, bis meine Nach­fol­ger einge­s­tanden, dass sie auf meine blinde Gewis­sheit nicht verzichten woll­ten, ja, nicht kon­nten, weswe­gen sie mir einen Berater­posten anboten. Die Feier­lichkeiten ließ ich allerd­ings immer mehr unbe­sucht ver­stre­ichen. Ich wollte mein Augen­licht nicht unnötig stra­pazieren und ohne entsprach es nun wirk­lich nicht der Abendgarder­obe.
Doch ich hatte in den let­zten Monaten das Gefühl, seit man mich nur noch im Büro, also nur noch ohne mein Augen­licht antraf, began­nen die Men­schen, den Respekt, den sie mir ent­ge­gen­brachten, von mir abzuziehen. Natür­lich wurde auch jetzt noch jeder Rat, jeder Tipp, den ich von mir gab, minu­tiös umge­setzt, doch mir schien es, als ob sie es nur noch einer Idee von mir zuliebe taten, das aktuelle Ich, das war ihnen unver­ständlich gewor­den. Es war, als ob mit meinem Augen­licht auch das ihrige von der Bild­fläche ver­schwun­den war.
Allerd­ings kon­nte ich bisher mit diesem Gefühl gut leben und wollte keine Gedanken an mein Augen­licht oder an das Augen­licht anderer ver­schwen­den. Seit Monat­san­fang stürzte ich mich daher auf die Umstruk­turierung, die ich vor Jahren angedacht, aber auf­grund des Fehlens des richti­gen Umset­zers vor mir hergeschoben hatte. Nun, da ich das Tages­geschäft abgegeben hatte, würde ich das selbst erledi­gen, dachte ich. Und ich ging mit fes­tem Fuß ans Werk. Es geschah das, was ich mir erhofft hatte: Ich hatte eine neue Obses­sion gefun­den. Aber bald erkan­nte ich, mit welcher Mühe es ver­bun­den war, ohne Augen­licht tätig zu sein, ich ver­wand meine ganze Kraft darauf.
Vor zwei Wochen zog ich mich aus dem Büro zurück, der Anfahrtsweg schien mir eine über­flüs­sige Ver­schwen­dung meiner Arbeit­szeit zu sein. Zuhause stand mir dage­gen nichts im Wege, den ganzen Tag mit dem Pro­jekt zu ver­brin­gen. Irgendwo musste die Umstruk­turierung ja begin­nen.
So, ver­tieft in die sys­tem­a­tis­che Verän­derung der Welt um mich, fan­den mich die Beamten vor, als sie heute um 11:15 läuteten. Sie mussten es mehrmals ver­suchen, bis ich sie hörte. Die let­zten Nächte hat­ten zu wenig Schlaf gese­hen, denn das Pro­jekt nahm For­men an.
Ich hörte den einen, älteren Beamten etwas Län­geres sagen, doch ich ver­stand nur, dass sie mich baten, sie auf das Revier zu begleiten. Schnell stimmte ich ein und zog mir die Schuhe an. Ob ich noch etwas anziehen wolle, fragte der jün­gere Polizist, dafür wäre genug Zeit. Ich über­legte kurz, aber nein, das war kein Anlass für Fes­tk­lei­dung. Ich zog also nur eine Wind­jacke über.
Im Auto herrschte Stille. Ich wusste sie nicht zu deuten, da ich nicht wusste, zu welchem Zwicke sie mich abge­holt hat­ten. Durften sie nicht mit mir sprechen, wenn ich auf der Rück­bank eines Polizei­wa­gens saß?
Ein Luftzug war spür­bar, als der Mann vor mir sein Fen­ster öffnete. Er, es war der jün­gere, fragte, ob das in Ord­nung sei. Ich bejahte. Bei­s­tand zur Staats­ge­walt, ich sah mich und meine Sit­u­a­tion im Aufwind. Ich schien ganz gut durchzukom­men.
Als wir am Revier zum Hal­ten kamen, schien es mir, als wollte einer der bei­den mir die Tür aufhal­ten, was mich wun­derte, aber ich war schneller und stand schon neben dem Auto, als er bei mir ankam.
Beim Betreten des Gebäudes kam mir erst­mals der Gedanke, dass es ver­mut­lich hil­fre­ich wäre, zu wis­sen, weshalb ich hier war. Worüber sie mit mir sprechen woll­ten.
In ruhiger, beruhi­gen­der Stimme des Älteren wurde der Name meines besten Fre­un­des genannt und, dass ich jetzt sehr stark sein müsse. Ich ver­stand es nicht und als sie weit­ergin­gen in den näch­sten Raum, kon­nte ich ihnen nicht fol­gen. Ein Beamter nahm mich am Arm. Ich müsse jetzt sehr stark sein, wieder­holte er.
Man hatte ihn heute Mor­gen im Park gefun­den. Kopf­schuss, mit­ten durch die Ohren. Das Elend kni­ete neben ihm, als man ihn wegtrug. Ich ver­stand auch das nicht und fragte, was sie denn bitte von mir woll­ten, das solle man mir doch mit­teilen. Iden­ti­fizieren, wenn es geht. Ich war als seine Ver­trauensper­son einge­tra­gen, auf einem Zettel, zusam­mengeknäult in seiner Geld­börse.
Es war ein Anlass. Ich kon­nte ihn nicht iden­ti­fizieren, ich hatte mein Augen­licht zuhause gelassen. Ich wusste nicht, was zu tun war. Anscheinend zit­terte ich, denn der Ältere legte seine Hand auf meinen Arm. Mein Atem beruhigte sich aber nicht, auch nicht, nach­dem eine zweite Hand auf mir zu ruhen kam.
Ich brachte kein Wort her­aus, ich wusste nicht, was ich tun kon­nte. Sollte ich der Polizei vielle­icht sagen, dass ich mir nicht sicher war? Nein, das würde mir nie­mand abkaufen. Entweder er war es, oder er war es nicht.
Ich sollte ihnen ein­fach sagen, dass ich nicht fähig war, meinen Fre­und zu erken­nen. Schlicht. Das war alles, was ich tun kon­nte, tun musste. Aber das kon­nte ich nicht, das würde alles zer­stören, mein Leben, wie ich es kan­nte, wäre vor­bei, wenn ich zugeben müsste, ohne mein Augen­licht auszukom­men. Zwick­mühle. Der Griff an meinem Arm wurde fes­ter und auch das Zit­tern. Vielle­icht zit­terte ich nicht, vielle­icht schüt­telte der Mann mich auch, damit ich zu reden begänne. Nicht ein­mal das kon­nte ich unter­schei­den. Ich hatte mein Augen­licht zuhause gelassen. Ich würde geste­hen müssen.
Doch die Polizis­ten kamen mir zuvor. Mein Beileid, presste der Jün­gere wie einen Befehl zwis­chen den Lip­pen her­vor. Es klang aufrecht, so als ob er es ehrlich meinte, aber bis jetzt nicht die richtige Form dafür gefun­den hätte.
Sie hat­ten mich aus der Affäre gezo­gen, meine kör­per­liche Reak­tion inter­pretiert, so dass ich kein Wort sagen musste. Entspan­nung. Ich hörte, wie eine Decke über etwas Kaltes gezo­gen wurde, wie sie für einen Moment an der Nase hän­gen blieb und sie im näch­sten Moment zudeckte, für immer.  Vielle­icht.
Ich drehte mich um und ging, nach­dem ich mich vom Griff der Beamten gelöst hatte, wort­los. Ich nahm exakt den sel­ben Weg zur Tür, auf dem ich herein gekom­men war. Als ich die Tür hin­ter mir ins Schloss fallen hörte, fing ich an zu laufen. Mein bester Fre­und war vielle­icht tot.
Ich wurde blind schneller, ich kan­nte ja den Weg. Vielle­icht. Ich ver­stand nichts mehr, weil ich mein Augen­licht nicht abnutzen hatte wollen. Hatte ich jemals ver­standen? Wie kon­nte ich glauben, irgen­det­was zu wis­sen, irgen­det­was zu ken­nen, Men­schen oder das Geschäft, wenn ich meinen Augen nicht trauen kon­nte? Die Leute in der Firma, am Par­kett hat­ten mir ver­traut, mein Fre­und nan­nte mich vielle­icht gar seine Ver­trauensper­son. Ich beschloss, sie nicht zu ent­täuschen.
Ich beschle­u­nigte meinen Schritt, ich würde nach Hause laufen und meinem besten Fre­und, wenn er es denn war, die Ehre erweisen, samt meinem Augen­licht. Schneller. Und von da an würde ich es wieder mit mir führen, denn woher wusste ich denn, was die Men­schen um mich wirk­lich taten? Fol­gten mir die Beamten? Vielle­icht. Schneller. In die näch­ste Straße links ein­biegen, dann ger­adeaus. Ich dachte daran, einen kleinen Umweg zu nehmen, um die Ver­fol­ger abzuschüt­teln, aber schon im näch­sten Moment ver­warf ich die Idee eiligst wieder. Sie hat­ten ja ihr Augen­licht, das brächte also nichts. Stattdessen wech­selte ich die Straßen­seite. Nicht so hek­tisch, ich fühlte Schwindel auf­steigen. Sie kon­nten nicht. Da war nie­mand. Mein bester Fre­und war vielle­icht tot. Nie­mand war da. Ich beruhigte mich etwas, musste einen Fuß fest auf den Boden set­zen. Schwinden.  Vor­sicht üben, ich wollte nicht stolpern, also blieb ich ste­hen.
Mein bester Fre­und war vielle­icht tot. Ich hörte wieder die Decke, die mich zudeckte, kurz.
Ich sollte Blu­men kaufen. Vielle­icht würde ich ja jetzt das Elend sehen, vielle­icht, jetzt wo er weg war, war es immer­hin allein. Sie hat­ten gesagt, es war im Park gewe­sen. Ich hatte das Gefühl, es war noch in der Gegend.

Dass wir alt wurden,

merkte man in ihrem Gesicht

nicht in ihrem Gesicht

aber in ihrem hundsmü­den Blick.

 

Müde waren sie früher nicht,

unsere grauen Augen,

ihre Augen, ihre Augen

waren hellwach, bis sie

nicht mehr waren.

 

Jetzt sind sie müde,

ihre alten Augen,

und man sieht mir an,

dass wir daran leiden.

In Per­ch­tolds­dorf läuft derzeit eine äußerst gelun­gene, sehr ambi­tion­ierte Insze­nierung von Shake­speares let­ztem Stück „Sturm“ unter der Regie von Michael Stur­minger. Man erkennt deut­lich dessen Erfahrun­gen im Musik­the­ater, viel wird gesun­gen und getanzt, die Schaus­pieler geben sich in der zen­tralen Zelle nicht nur Vers und Klinke, son­dern vor allem Instru­mente in die Hand. Mit­tels eingestreuten Versen des englis­chen Orig­i­nals und Gesang­sein­la­gen wird das Zauber­stück belebt und wirkt so bis zum let­zten Satz frisch. Das Ensem­ble überzeugt, vor allem Nadine Zeintl als Ariel begeistert.

Ide­ale Bedin­gun­gen für einen guten The­at­er­abend. Wenn nicht das dem Som­merthe­ater eigene Pub­likum wäre.

Denn Teile dieses Pub­likums scheinen nur den Weg vor die Bühne gefun­den zu haben, weil es sich nun­mal so gehört. Abge­se­hen davon, dass „weil es sich so gehört“ immer ein schlechter Grund für irgen­dein Tun ist, macht der gute Ton in diesem Fall eine beson­ders ungeschickte Moti­va­tion, wenn man sich dann vor Ort ver­hält, als wäre dieses das allererste The­ater­stück, welches man je gese­hen hat. Jeder The­aterbe­sucher ist immer noch ein Glücks­fall, aber es wäre nett, wenn der The­aterbe­sucher für zweien­thalb Stun­den ein stum­mer Glücks­fall ist.

Sollte nun „Der Sturm“ wirk­lich jeman­dens erster The­aterbe­such sein, ein Tipp. Die grundle­gend­ste Regel des The­aterbe­suchs: Spätestens wenn Tritte gegen die Rück­en­lehne aus der Hin­ter­reihe mehrmals in der Minute kom­men, sollte man aufhören, jeden leicht humor­vollen Satz laut­stark zu wieder­holen und in Echtzeit zu kom­men­tieren. Wenn man diese ein­fache Faus­tregel befolgt, steht einem tollen Abend vor der Per­ch­tolds­dor­fer Burg nichts im Weg.

 

————-

OB DIE MÖWEN

JEMALS HIER REIN

KOMMEN,

FRAGEN WIR DIE PASSANTEN,

DIE UNS IM VORÜBERZIEHEN

UNVERSTÄNDNIS AUS

TAUBENGESICHTERN

ZUWERFEN

Ein dun­kler Raum mit Glüh­birne von der Decke. Nur ein Ses­sel. Z, ste­hend, sichtlich aufgeregt, aber davon überzeugt, dass die andere Per­son helfen kann, G sitzt mit dem Gesicht zur Lehne auf dem Sessel.

G: Aber sie sind im Abgrundtief, dort ist es dunkel. Müssen wir ihnen wirk­lich ins Abgrundtief fol­gen? Dort ist es dunkel.

Z: Aber sie haben ihn mitgenommen.

Wenn er mit­ge­gan­gen ist, dann ...

Wegge­tra­gen haben sie ihn, weiß Gott wohin.

... brauchen wir ihm nicht helfen.

Z. wirft, um sein Unwis­sen über den Aufen­thalt­sort Ks zu illus­tri­eren, seine Arme wild umher, bis sie auf Gs Schul­tern lan­den. Dieser scheint aus einem Gedanken zu erwachen.

Ins Abgrundtief, mit Sicher­heit. Diese Leute brin­gen alles, was sie finden ins Abgrundtief, das ist ihre Homebase.

Home­base... Kön­nen wir nicht ...

Nein, wir nicht, du schon gar nicht.

Er kauert sich auf seinem verkehrten Stuhl zusam­men, der näch­ste Gedanke schüt­telt ihn.

Dort muss man sich anpassen.

So wie oben?

Ja! Genau wie oben, aber anders. Sie stem­peln dir deine Anpas­sung auf die Haut. Was wenn wir unseren Faden ver­lieren, im Abgrundtief? Das ...

... wäre unvorteil­haft. Dürften wir über­haupt einen Faden haben?

Wir dür­fen alles haben, aber ...

Er steht auf und geht zum Lichtschal­ter. Dann betätigt er ihn mit hoher Geschwindigkeit oft hin­tere­inan­der, um ein Stro­boskop zu imitieren.

... kannst du so arbeiten?

Wie oft noch? Ich. Arbeite. Nicht. Habe ja damals schon gear­beitet. Das war ein Ver­sprechen. Pause. Lass das Licht.

Abgrundtief. Zieh das an. Er reicht ihm einen grauen Kaputzenpullover.

Das? Ins Abgrundtief? ... Dann ver­lieren wir uns also wirk­lich. Hier. Pause. Lass das Licht.

 

Dieser Text ist ein Beitrag zu Dominik Leit­ners .txt-Projekt, Schlag­wort “abgrundtief”.