Ich habe diesen Vogel gefunden.

Am Weges­rand, klein und zerschunden.

Zuerst hatte ich Angst, ihn zu zer­brechen, ihn zu fest anzu­packen, sein kaputtes Gemüt vol­lends zu ruinieren. Ich wollte ihn liegen lassen, der Welt nicht ins Handw­erk fassen.

Aber irgen­det­was an diesem Vogel hatte mich fest­ge­hal­ten und nach eini­gen Schrit­ten kam ich zurück, set­zte mich neben ihn und betra­chtete ihn genauer.

Brauchst du einen Fre­und? Jeman­den, der dir die Welt erk­lärt und auf dich schaut? Ich brauche so jeman­den, vielle­icht kann ich so ein Fre­und für dich sein.”

Ich hob ihn also auf, er wehrte sich nicht. Es würde Zeit brauchen, wir wür­den uns daran gewöh­nen müssen, uns zu haben, er würde sich daran gewöh­nen müssen, zu leben, aber vielle­icht waren wir gut für einan­der. Fre­unde findet man nicht jeden Tag und sie waren zu sel­ten, um eine Chance im Wald liegen zu lassen.

Mit der Zeit wuch­sen wir zusam­men, der Vogel und ich. Sein Gefieder erstrahlte wieder in leuch­t­en­dem Rot, mir kam dann und wann ein Lächeln über die Lip­pen. Der Vogel und ich, wir hat­ten das gute Leben ent­deckt und mit ihm die Far­ben, denn wir lebten es in tiefen Atemzü­gen, ohne Rück­sicht auf die Welt, aber stets mit offe­nen Augen, offe­nen Toren. Wir haben den Beobachter gegeben und gin­gen darin auf. Wir waren das per­fekte System.

Bis das Sys­tem zusam­men­brach. Die Tore waren wohl zu weit offen gewe­sen. Zu ein­ladend die Weiten der Welt. Der Drang, etwas Besseres zu finden.

Ich hatte diesen Vogel gefunden.

Eine leere Voliere. Ein leeres Stück Leben.

Auf­bruch. Abbruch.

zweimal jährlich in london

und ein­mal in paris bücher kaufen.

niemals ohne frischen haarschnitt nach­hause kommen,

aber auch nie ohne bild­ma­te­r­ial antreten.

über­all straßen mit darauf wan­dern­den finessen beobachten.

nach möglichkeiten der eige­nen befindlichkeit

mit den leuten, der stadt interagieren.

nur in ander­ssprachi­gen städten ubahnzeitun­gen lesen,

aber immer den sta­tio­nen­plan im auge behalten.

 

tagsüber in dem einen café vom ersten tag,

des nachts in hotelz­im­mern an plumpen sätzen feilen.

 

Dies ist mein zweiter Text zu Dominik Leit­ners .txt-Projekt. Das entschei­dende Wort lautete “wün­schen”.

 

 

 

 

 

Sie ste­hen auf immer­grü­nen Wiesen,

ganz ohne ihr Glück des Schaf­seins in Irland zu begreifen.

Sie finden, das wis­sen wir, erst Fre­unde auf den vie­len Straßen, wenn sie ihre fre­und­schaftlichen Bande zur Bil­dung einer untrennbaren Front

gegen die allzu men­schlichen Anmaßun­gen ihrer Hirten benötigen.

Road­kill ist der Aus­druck größter Erge­bung in die Fre­unde. Bei­seiteste­hen im Auge des Motoren­rum­mels wird unser Mut sein.

 

Der Titel stammt von einem der ersten Ein­träge in ein Notizbuch. Es steckte wohl damals eine große Idee dahin­ter, die seit­dem dem rudi­men­tären Doku­men­ta­tionsver­hal­ten anheim ging. Jetzt, fast vier Jahre später, ent­stand dieser kurze Text daraus. Es zeigt sich vielle­icht daran ganz gut, welche Rolle Zeit in der Entwick­lung von Gedanken spielt.

Schafe in Irland, 20.2.11

 

Im neuen Jahr soll alles ein biss­chen besser wer­den, sagen sie. Ein biss­chen geplanter, sagen wir.

Deswe­gen, und um mich selbst daran zu binden, kom­men jetzt hier die groben Ideen, was 2015 auf erst­gewe­sen passieren soll.

 

Regelmäßigkeit

Ich hoffe, dieses Jahr wirk­lich min­destens ein­mal in der Woche zu bloggen. Ich habe sogar schon einen Blogkalen­der angelegt.

 

Inhalte

Einige Pro­jekte soll­ten diese Regelmäßigkeit unter­stützen. So will ich wieder anfan­gen, einige meiner Liebling­s­texte aus Zeiten, die Copyright-Freiheit zeich­nen, zu über­set­zen. Außer­dem sitze ich am Reißbrett für eine Reihe von Tex­ten über Urban­ität in einer Stadt, die in diesen Tex­ten entste­hen soll.

Anson­sten soll der Fokus auf kul­tur­the­o­retis­che Fra­gen im weit­eren Sinne und weniger auf eige­nen lit­er­arischen Tex­ten, die ich mehr und mehr bei Wet­tbe­wer­ben und in Lit­er­aturzeitschriften ein­re­iche, wozu sie meist unveröf­fentlicht sein müssen, liegen.

 

Gast­blog

So wie 2014 mit der ency­clo­pe­dia feli­cis, will ich auch dieses Jahr einige meiner lieb­sten Schreiber und Schreiberin­nen in einer Serie auf erst­gewe­sen ein­laden. Es beste­hen schon Ideen, die aber an diesem Punkt noch nicht aus­gereift genug sind, um sie hier an die frische Luft zu hängen.

 

Pod­cast

Schon viel darüber gesprochen, ist das For­mat für den Pod­cast, den ich schon länger aus der Taufe heben will, endlich soweit, dass er bald begin­nen kann.

 

Lay­out

Auch im Auf­bau der Seite sollen sich kleine, aber deut­liche Änderun­gen wiederfinden.

 

Das waren vor­erst die großen Punkte, an denen ich mich dieses Jahr anhal­ten will. Hof­fentlich lesen sie sich genauso span­nend, wie sie sich schreiben!

Auf bald!

2014 hät­ten wir geschafft, mehr oder weniger. Es ist viel passiert und noch weniger weit­erge­gan­gen in der Welt. Und wie das so ist, gilt es ein wenig Bilanz zu ziehen (wenn auch auf den let­zten Drücker!). Da ich mich aber ohne­hin das ganze Jahr über beschw­erer, will ich diese Gele­gen­heit dazu nutzen, einen Blick auf die Habens­seite zu werfen.

Per­sön­lich habe ich heuer zumin­d­est zwei ganz gute Arbeiten, eine zur Bewe­gung als Geschichts­be­wäl­ti­gung bei Arno Geiger und eine zur Funk­tion und Kon­struk­tion von Garten­räu­men bei Jules Verne, geschrieben. Lit­er­arisch ist auch so manches auf Papier gekom­men, das meiste hängt allerd­ings noch im Lim­bus diverser Wet­tbe­werbs– und Zeitschriftenredak­tio­nen. Darüber kann man also noch nicht viel Aus­sagekräftiges berichten, vielle­icht schreibe ich irgend­wann über die komis­che Mix­tur aus Hoff­nung und Ver­nich­tungs­gewis­sheit, die dieser Prozess erzeugt, aber jetzt will ich ein biss­chen auf das Werk anderer schauen.

Was hat mir dieses Jahr gegeben, jetzt immer kul­turtech­nisch gesehen?

Da wären vor­erst die Bücher. Ich habe mich in meiner Auswahl auf diesjährige Erschei­n­un­gen beschränkt, aus Zeit– und Platz­grün­den, dem größten Prob­lem all meiner kura­torischen Ambi­tio­nen. Deshalb weil ich auch noch andere Medien besprechen will, bringe ich auch nur meine Top 3 und nicht, wie vielerorts üblich, meine Top 10 dar:

Die Einzi­gen, von Nor­bert Nie­mann, erschienen beim Berlin Verlag.

Dieser Roman über die älter wer­den­den ehe­ma­li­gen Mit­glieder einer avant­gardis­tis­chen Band hat viel Gutes, allen voran eine Stimme seines Pro­tag­o­nis­ten, die glaub­haft den Spa­gat zwis­chen nos­tal­gis­cher Hoff­nungslosigkeit und Zukun­fts­glaube schafft. Er beschreibt ein Gefühl, welches wohl viele ken­nen, keine Per­spek­tive zu haben, aber trotz­dem nicht aufgeben zu kön­nen. Einzig ein recht schwaches Ende platziert diesen Text auf drit­ter und nicht höherer Stelle.

 

Bilder deiner großen Liebe, von Wolf­gang Her­rn­dorf, erschienen bei rowohlt.

Wenn wir uns mit der Buch­form von Arbeit und Struk­tur ein stück­weit vom Men­schen und Blog­ger Wolf­gang Her­rn­dorf ver­ab­schieden kon­nten, so ist dieser kleine Roman dieser Abschied von seiner Lit­er­atur und seinen her­zlich ver­schrobe­nen Fig­uren. Ein Kun­st­griff, welcher an Hof­mannsthal erin­nert, lässt eine genaue Zuord­nung zu wahr oder falsch schon zu Beginn nicht zu und wirft so nochmal alle Regeln über Bord. Dass man die Unvoll­ständigkeit erkennt, stört hier­bei gar nicht, vielmehr spielt es ver­stärk­end in das Konzept mit ein.

 

Gräser der Nacht, von Patrick Modi­ano, erschienen bei Hanser.

Ich kan­nte Modi­ano nicht, bevor er den Nobel­preis bekam,  das Buch erstand ich mehr oder weniger im Vorüberge­hen von einem dieser Nobel­preis­tis­che, die nach der Ver­lei­hung vor allen Buch­lä­den auf­tauchen. Und es erwies sich als Glücks­griff und fungiert für mich als per­fek­tes Beispiel, was Lit­er­atur­preise neben der Ehrung und Finanzierung von Schrift­steller­leben sein sollen: Ein großes Papp­schild auf dem in dicken Marker und großen Let­tern steht: “Hey, lies mal rein, wir finden das hier gut!” Dass hier­bei viel mehr junge, neue Lit­er­atur zum Zug kom­men sollte, ist ein anderes Thema.

Gräser der Nacht ist mit Abstand das beste Buch, das mir 2014 unter die Fin­ger gekom­men ist. Der spielerisch leichte Wech­sel zwis­chen den Jahrzehn­ten und Wahrnehmungsebe­nen , gepaart mit einem Plot, der schein­bar selbst noch nicht weiß, in welche Rich­tung er sich entwick­eln will, während er passiert, erzeugt ein Leseer­leb­nis im wahrsten Sinne des Wortes und das Gefühl, bei nochma­li­gen Lesen kön­nte etwas ganz anderes erzählt werden.

 

Im Anschluss will ich ein paar wenige, zwei, um genau zu sein, filmis­che Werke her­ausstellen, die neben meinem exzes­siven Nutzen meines neuen Netflix-Accounts her­aus­gestochen haben:

The Zero The­o­rem, von Terry Gilliam.

Ein Film, der mich keine 48 Stun­den später schon wieder ins Kino zieht, ist ein Novum. Dass ich begeis­tert davon war, kann man mit­tels meines Textes Nie mehr Tan­nen­bäume unschwer erken­nen. Gilliam hat eine Welt erschaf­fen, die in sich ganz neu und noch nicht ganz schlüs­sig, nach außen trotz­dem kohärent und unserer heuti­gen nicht ganz unähn­lich erscheint. Mit Christoph Waltz hat er zudem die per­fekte Beset­zung, die er daran zer­brechen lassen kann. Kein ein­faches Vergnü­gen, aber dafür ein umso größeres.

 

Last Christ­mas, Wei­h­nachtsspe­cial Doc­tor Who.

Niemals mehr gedacht, dass noch zu erleben, und doch ist es wahr gewor­den: Ein Doc­tor Who-Folge aus der Feder von Stephen Mof­fat, die kein riesiges (Plot-)Loch in meiner Seele hin­ter­lässt. Mit Abstand die beste Story seit 12 und endlich eine Clara, die einem am Herzen bleibt.

 

So. Jetzt gibt es noch ein Thema und das wäre die Musik. In der Musik ist 2014 etwas passiert, das mich zuerst in ungläu­biges Staunen und dann in helle Begeis­terung ver­setzt hat: 1989.

2014 war das Jahr von Tay­lor Swift, dieses Album ist alles, was an Pop jemals gut war und was an Pop schon so lange nicht mehr gut war. Des immer­gle­ichen Country-Sounds entledigt liefert die Scheibe unnachgiebig selb­st­sichere Hym­nen, ohne dem früher so all­ge­gen­wär­ti­gen Blick zurück. Alles, was mich auf meinem ver­schneiten Balkon tanzen lässt, ist Goldes wert.

Schlussendlich will ich hier noch ein paar Blogs lis­ten, die ich dieses Jahr beson­ders gerne gele­sen habe:

Wir schreiben auf katkaesk.

Ich mag dich gut lei­den. ebenda.

Herr Leit­ner ver­misst unbekan­nte Ver­wandte. auf Neon|Wilderness. Ebenso die anderen Herr Leit­ner ... Teile.

Immer nur. Nie. ebenda.

abgedichtet(3) auf kleinerdrei.

Das Prob­lem mit hal­ben Sachen auf viennella.

Und zuletzt in eigener Sache: Mein lieb­ster Blog­texte 2014 war Ein­skom­mafün­fzwei Kilometer.

Kai wollte weg. Wie, war ihm zunächst egal, Haupt­sache war, dass er wegkam. Erst als man ihn fragte, wie er denn wohin wollte, fing er an, sich Gedanken über das Wie, Wann und Wohin zu machen. Nach rei­flicher Über­legung kam er zu der Überzeu­gung, dass er min­destens fünf Tages­reisen weit reisen wollte, das so bald wie möglich. Und er wollte fliegen.
Kai war ein Igel. Er war Teil einer recht großen Pop­u­la­tion, ange­siedelt seit Unzeiten mit­ten im Cen­tral Park. Viele widrige Umstände wie die steigende Mader– und auch Uhuan­we­send­heit im sonst so gemütlichen Park hat­ten seine Fam­i­lie nicht vertreiben kön­nen. Er war also ein Kämpfer. Aber ein Flug über fünf Tages­reisen schien all seinen Bekan­nten utopisch. Das war ihm egal. Denn er hatte sich schnell einen Plan zusam­mengedacht.
Als Erstes musste er sich eine dieser Häuser suchen, die die Kleineren der Riesen so hil­fre­icher Weise gerne auf­stell­ten. Das war schnell getan, denn die New Yorker waren ein wahrlich igel­fre­undliches Volk. An jeder Ecke sprossen um diese Zeit die Heime aus dem Boden. Er ver­brachte also einige Stun­den damit, sich einzurichten. Immer­hin würde es eine län­gere Reise wer­den, das hoffte er zumin­d­est. Diese Reise wäre die Erfül­lung seiner Wün­sche, sein Ever­est. Doch es gab noch viel zu tun.
Denn der näch­ste Teil seines Gefährts war um einiges schw­erer zu organ­isieren als das Haus. Er musste etwas auftreiben, das seine vier Wände fliegen lassen würde. Tech­niker, der Kai war, ver­suchte er es mit Flügeln, wie sie die Vögel hat­ten, aber als er ein­mal dage­gen stieß, flog ihm dieser Flügel auf den Kopf. Daraufhin musste er erst­mal Schlafenge­hen. Als er am näch­sten Nach­mit­tag nach Draußen kam, äußerst benom­men von dem Schlag und betrübt von dem Mis­ser­folg, warf er all seine Pläné über Bord. Ohne etwas zu seinen Eltern oder Geschwis­tern zu sagen, ohne auch nur irgen­deine Art von Pro­viant vorzu­bere­iten, ging er los. Nun sind Igel nicht die schnell­sten unter den Park­be­wohn­ern. Er würde wohl Tage brauchen, um erst aus den Grü­nan­la­gen zu kom­men.
Er trot­tete also ger­ade so über Sheep Meadow, als es auf ihn zukam. Ein weißes Ungetüm. Mit­ten in der Luft. Da kam ihm die Idee. Schnell sprang er auf den Plas­tik­sack, sodass er nicht mehr davon kon­nte, dann lief er mit dem Ding im Maul schnell­sten Weges zurück.
Bald war der Bal­lon mon­tiert und mit ihm wuch­sen auch die Hoff­nun­gen in unserem kleinen Igel wieder an. Am näch­sten Mor­gen wollte er seine Expe­di­tion starten. Davor hieß es erst­mal ordentlich Energie tanken. Also Essen bei Mutti-Igel.
Mor­gens waren sie dann alle da, um ihn zu ver­ab­schieden und ihm Glück zu wün­schen. Das Wet­ter war per­fekt, leichter Wind von hin­ten.
Abheben. Steigflug. Nach unten winken, aber lieber erst­mal nicht zuviel bewe­gen, sonst Fallen. Stakka­toat­men.
Vor lauter Aufre­gung dachte er erst­mal an nichts und das nur in unzusam­men­hän­gen­den Worten ohne Kausal­itäten. Aber als sein Gefährt stieg, sank sein Adren­a­lin­spiegel und er kon­nte sich umblicken. Erst jetzt bemerkte er, wie hoch er schon gekom­men war. Dabei hatte er in all seinen Aus­führun­gen nie an die Ver­tikalität seines Unter­fan­gens gedacht und jetzt war er schon auf Höhe des zweiten Ast­loches. Er erwartete Angst, aber sie war nicht da. Stattdessen ent­deckte er die frische Luft und die unglaubliche Ferne, die er erre­ichen wollte. Dort musste alles besser sein, dort wo das Grün in Grau überg­ing.
Es ging vor­wärts, seine Heimatwiese hatte er schon längst hin­ter sich gelassen, wie er bei einem Blick nach unten, der ihm einiges an Über­win­dung kostete, merkte. Alles lief großar­tig, er kam schnell und ohne Prob­leme voran.
Da sah er etwas Schönes. Eigentlich das Schön­ste. Wir wür­den es Schmetter­ling nen­nen. Er kan­nte es nicht, wollte es aber haben. Also musste er es sich nehmen. Es war recht ein­fach: Etwas aus dem Bal­lon lehnen und greifen.
Fallen.
Fallen. Tausend Tode ster­ben. Trotz­dem noch leben. Wohl bis zum Lan­den.
Fallen.
Aufkom­men. Gedanklich tot sein. Das schöné Ding im Him­mel ver­teufeln. Die Augen öff­nen. Weit­er­leben.
Kai ver­stand gar nichts. Nur, dass sein Aben­teuer aus war.
„Willkom­men im Cen­tral Park Zoo! Ich bin Joe. Wer bist du für ein Vogel, der nicht fliegen kann?“
„Ich bin Kai, und ich bin ein Igel. Fliegen kann ich nicht, nur Abstürzen. Was bist du für ein Wesen? Ein Riesen­riese?“
„Ich bin eine Giraffe. Joe, die Giraffe. Ganz easy.“
„Cool. Du bist ziem­lich groß, Joe. Da hast du’s gut. Siehst die ganze Welt, bis dor­thin wo das Grün zu Grau wird. Dort wollte ich hin. Und jetzt kann ich es nicht ein­mal mehr sehen. Von nun an werde ich der unglück­lich­ste Igel auf der ganzen Welt sein!“
„Achwo! Igel Kai, heute ist dein Glück­stag! Joe findet es näm­lich sehr mutig, als so kleines Tier, so hoch zu fliegen. Deswe­gen will ich dir helfen. Kannst du klet­tern? Dann klet­ter’ mal hoch, bis auf meinen Kopf!“
Und so wur­den Kai, der fliegende Igel und Joe, die cool­ste Giraffe, die New York City je gese­hen hatte, zu Fre­un­den. Symbiose.

Kein Schnee im Dorf diesen Win­ter bleibt er aus und mit ihm die Vor­freude und ihr Gut, wir ste­hen vor dem Tor in Hemd­särmeln und hof­fen, zu erfrieren, das wäre unser größtes Glück, doch erst mit den let­zten Ther­morezep­toren stirbt die Hoff­nung ganz zuletzt, darum hal­tet hoch das Hal­luzino­gen: Weiße Weihnachten.

Wir ste­hen in einer Bade­wanne. Diese Bade­wanne bahnt sich ihren Weg durch einen Ozean aus ver­bran­nten Tan­nen­zapfen. Irgen­det­was ist falsch gelaufen.

Als wir zuerst hier anka­men, waren wir nicht nur allein, son­dern alles ganz anders. Wir als Kollek­tiv tendieren dazu, sowohl Gesellschaft, als auch Verän­derung ablehnend gegenüberzuste­hen, wie ärgerlich.

Unser Strand ist nun eine Bade­wanne und das Gestirn, welches wir ins Meer gewor­fen haben, musste wohl, als wir ger­ade mit uns selbst beschäftigt waren, die gesamten Welt­wasser­re­ser­ven ver­dampft und die — uns in ihrer Exis­tenz zuvor nicht bekan­nten — Tan­nen­zapfen zur Gänze ver­schmort haben.

Wir ste­hen in einer Bade­wanne und um uns herum ste­hen sie in Aber­tausenden iden­ten Bade­wan­nen, schein­bar ohne vom Fleck zu kom­men, was wohl auf die vorherrschende Flaute zurück­zuführen ist, wir wir glauben, wobei der in unserer Nach­bars­bade­wanne Ste­hende uns beipflichtet. Er befindet sich in Rufweite, wie etwa vierund­dreißig weit­ere in Bade­wan­nen ste­hende Personengefüge.

Das Ende ist also ein ewiges, dig­i­tales Bade­wan­nen­ste­hen oder das Versinken im Tan­nen­samen­ruß. Zu entschei­den, was schlim­mer ist, über­lassen wir uns Über­ge­ord­neten, wir als Kollek­tiv wollen nur das Ren­nen gewin­nen, damit das Ende vor­bei und wir wieder allein sind. Doch bewegt sich hier seit dem Ende wegen der großen Flaute — wie die Wind­stille mit­tler­weile in den meis­ten Bade­wan­nen in unserer näheren Umge­bung genannt wird — nichts mehr, wie wir schon gesagt haben. Ein Weg wäre — denken wir uns — von unserer Bade­wanne zur näch­sten und so weiter zu sprin­gen. Doch das trauen wir uns als Kollek­tiv nicht zu und außer­dem haben wir einige logis­che Ein­wände dage­gen, die lauten, wie folgt:

Erstens: Wir wis­sen nicht, wo das Ziel unseres Ren­nens ist. Daher kön­nen wir nicht begin­nen, daran teilzunehmen. Aktiv. Soll­ten wir schließlich in die falsche Rich­tung sprin­gen, würde das,

zweit­ens: den uns umste­hen­den Bade­wan­nenbeste­hen­den auf­fallen und jenen, die wom­öglich die Posi­tion des Zieles ken­nen, oder aber rein zufäl­lig in dessen Nähe verortet sind, was wir nicht außer Acht lassen dür­fen, allerd­ings keine Meth­ode zur Fort­be­we­gung sehen, den let­zten Stein in ihrem Puz­zle auf einem — gelin­dege­sagt — gold­enem Tablett servieren.

Und drit­tens: wollen wir unsere Bade­wanne nicht ver­lassen. Wir kön­nen uns nicht vorstellen, uns nach dem Ende an einem anderen Ort als unserem wiederzufinden.

Also bleibt uns für diese Ewigkeit nur, in einer Bade­wanne inmit­ten ver­bran­nter Tan­nen­zapfen zu ste­hen und auf Wind zu warten.

...

Nie mehr Tannenbäume.

 

 

Dieser Text ist meine Reak­tion auf Gedanken zu Terry Gilliams Film “The Zero Theorem”.

Es ist uns ein inneres Städtepla­nen. Ein Häuser mit Tinte vom per­lenem Papier kratzen. Ein Auf­bauen und Nieder­reißen, nur um Platz für ein neues Auf­bauen zu schaffen.

Das ist die Welt. Und die Welt ist das Chaos, um Büch­n­ers Dan­ton zu zitieren. Text ist der Weg­weiser, an dem man sich anhal­ten kann an seinem Weg durch das Chaos der Stadt, die man um sich auf­baut, jeden Mor­gen, jede Nacht. Er ist die wun­der­schöné Fas­sade der Häuser, in denen wir wohnen wollen, und gle­ichzeitig der alte Par­kett in unseren Schlafz­im­mern. Text ist ein Zuhause.

Wenn wir schreiben, ist es, als wür­den wir über tausend Zäune in ver­botene Gärten klet­tern und darin unsere Ver­stecke ein­richten. In den Notizbüch­ern entwer­fen wir unsere näch­sten Eroberun­gen. Wenn wir schreiben, richten wir unsere Unter­schlüpfe ein, mit­ten auf den Knoten­punk­ten von Haupt­städten ganz neuer Nationen.

Der Text ist die Grund­feste ganzer Uni­versen und wie der kle­in­ste Schmetter­ling bedeutet schon die Wahl des Schreibgeräts Stürme am Zen­tral­bahn­hof unserer Stadt. Lachst du? Nein, es ist gut, unsere Städte bleiben uns beste­hen, wenn wir uns nur weiter in sie schreiben, wir sind die Bar­rikaden, auf die wir uns hin­auf­schreiben sollten.

Die Angst, unsere Städte ver­mis­sen uns, wenn wir nicht in sie schreiben, ist unsere immer­währende Beglei­t­erin, die Panik vor dem Ende aller Tin­ten­pa­tro­nen ihre beste Fre­undin. Denn die Mauern von Bleis­tift hal­ten wom­öglich den Stür­men am Zen­tral­bahn­hof nicht stand, wer weiß das schon?

Drum schenkt uns Tinte und Papier, dann wer­den wir euch im Vor­beige­hen zuzwinkern, wie aus Mitwisser­schaft eines Geheimnisses aus einer anderen Stadt, in der ihr nie wart. Und ihr werdet euch freuen über unsere Häuser, frisch vom per­lenem Papier gekratzt, nach den Vorstel­lun­gen irgendwelcher Wunschträume.

 

Dieser Text ent­stand nach Inspi­ra­tion durch diesen Text von Katha­rina Peham über das Schreiben.