Eines Tages war er weg. Natür­lich hatte er nicht gesagt, dass er bleiben würde, aber nach all den Feiern und Fes­tre­den war er geblieben für den bloßen All­tag, also war er irgend­wie einer von uns gewor­den, allmäh­lich. Oder nicht.

Er hatte es gebracht und alles war schnell gewor­den in uns, um ihn herum. Er war in das Gästez­im­mer des Hauses gezo­gen und hat aus dem Fen­ster auf den Garten geschaut, viele Stun­den. Dann, im Früh­ling hat er unsere Arbeiten im Garten von dort aus kom­men­tiert, aber das war das Unsere, da waren wir die Weit­eren, er kon­nte uns in dieser einen Sache nichts zeigen. Was ihn trau­rig machte, auch wenn er es nie zeigte. Immer hatte er ein stolzes Gesicht her­vorgekehrt, wir waren doch die Seinen gewor­den. Vielle­icht war er deswe­gen gegan­gen. Weil wir etwas wussten, was nicht er uns gegeben hatte. Wer wir nicht nur die Seinen waren, vielleicht.

Wenn die Tage kürzer wur­den, wurde er immer höheren Mutes, da war sein Lachen ein echtes. Beson­ders an den stür­mis­chen Aben­den ging es ihm gut. Wenn wir uns in einem der großen Zim­mern zusam­menset­zen um den Kamin, schien er wieder von sich überzeugt.

Waren diese Stun­den nicht genug? Anfangs waren sie es sicher, aber Zeit macht unempflindlich gegen das Glück. Was irgend­wann ein­mal vielle­icht genug war, reicht später nicht, darum. Und jetzt war er weg, deswe­gen wohl, er hatte sich zu sehr an unsere guten Momente gewöhnt, war immun gewor­den gegen guten Willen. Wir hat­ten keinen Effekt mehr, nicht auf ihn und — der Schnelle, mit der die Reak­tion auf sein Nicht­mehrda­sein in Gle­ichgültigkeit unterg­ing — nicht auf uns. Es war Betrug an uns prome­this­chen Men­schen, dass er nicht mehr da war, soviel war sicher. Aber wer uns bet­rog, dessen waren wir uns nicht mehr klar.

Er hatte sein Glück verlassen.

Das Glück war sein ältester Fre­und. Soweit er sich zurück erin­nern kon­nte, war das Glück da. In der Schule teilte er sein Pausen­brot mit ihm.

Als er aufwuchs, begann ihn diese inten­sive Beziehung einzuen­gen. Das Glück hatte ihn sein ganzes Leben über begleitet, war ihm auf Schritt und Tritt gefolgt. Er hielt es für einen unge­fragten und mehr und mehr uner­wün­schten Begleiter, wenn nicht für einen Ver­fol­ger. Es kam ihm vor, als würde ihm das Glück das Leben ver­miesen, ver­suchen, sich zwis­chen ihn und seine Erfahrun­gen zu stellen. Er musste han­deln. Etwas verän­dern, um sein Leben zu leben.

Er war also eines Nachts, als das Glück tief schlafend neben ihm im Bett lag, leisen Fußes aufge­s­tanden, hatte das Wichtig­ste in einen Ruck­sack gepackt und war auf Wan­der­schaft gegan­gen. Er hatte es nicht geplant und so hat­ten seine Taten Hand und Fuß. Für einen Außen­ste­hen­den hätte es aus­ge­se­hen wie eine Flucht, ihm erschien es als Befreiung. Er würde etwas tun, dass er sich lange gewün­scht hatte. Er wollte das Leben lernen.

So zog er also durch die Welt, ganz alleine, auf das Schlimm­ste hof­fend, er wollte sein Pech austesten. Das Unglück würde ihn zum Men­schen machen, so dachte er. Er hatte bisher nur in seiner vom Glück getra­ge­nen Blasé existiert, doch er wollte seine Vision klären. Leben bedeutete scheit­ern. Er wollte das Scheit­ern kennenlernen.

In den ersten Tagen schwebte er fast durch die Straßen. Die jahre­lan­gen Lehren seines Begleit­ers hatte er noch in sich und er befol­gte sie intu­itiv. So kon­nte ihm nichts geschehen. Doch immer mehr ver­gaß er das Gel­ernte, er begann zu stolpern. Dann fiel er zu Boden. Das freute ihn. Jetzt würde das Leben begin­nen, war er sich sicher und stand mit einem Grin­sen wieder auf, putzte sich schwungvoll den Dreck von der Hose und ging weiter seines Weges. Er sollte noch oft fallen.

So kam er weit in der Welt herum, immer auf der Suche nach dem näch­sten Unglück. Was er sah und erlebte, tat ihm weh, doch dieser Schmerz hatte für ihn stets etwas Gutes an sich, das den Geschmack des Blutes im Mund überdeckte. Wie sehr seine Knie auch aufgeschun­den waren, er hatte für alles ein Lächeln übrig. Denn die Schmerzen erschienen ihm als Wink der Welt, dass er auf dem richti­gen Weg unter­wegs war. Der Boden begrüßte ihn im Leben. Und der Regen, denn es reg­nete jetzt oft, wusch ihm den Dreck von den Armen.

Die ersten Jahre haftete der let­zte Ein­fluss des Glücks noch an ihm, seine Spuren klebten wie Feen­staub an ihm und tru­gen ihn sicher von Hier nach Da. Doch aller Pro­viant ist ein­mal aufgezehrt. So wur­den seine so über­schwänglich begrüßten Pan­nen zu Pech­sträh­nen und seine Pech­sträh­nen zu Katas­tro­phen. Jetzt musste er sich zu dem Lächeln, dem er sich ver­schrieben hatte, zwin­gen und der Weg zur näch­sten Rast schien ins Unendliche zu gehen. Der Regen wurde stärker. Als es damals zu reg­nen begonnen hatte, emp­fand er das Nass angenehm und erfrischend, doch nun war ihm jeder Tropfen eine Bombe auf seinem Kopf. Nach und nach begann er zu zweifeln, ob sein Weg­gang von Daheim wirk­lich das Richtige gewe­sen war. Hätte er damals wenig­stens eine Nachricht hin­ter­lassen, wäre alles nicht so schlimm gewe­sen. Doch so würde er zu Hause bes­timmt auf ver­schlossene Türen stoßen, das Glück würde ihn nicht hinein­lassen, warum sollte es auch? Eher würde es ihn vom Fen­ster aus anspucken. Nein, zurück kon­nte er nicht.

Eben dieses Glück saß zuhause saß auf dem Bett. Seit er in jener Nacht aus dem Zim­mer gegan­gen war, wartete es hier auf ihn. Natür­lich hatte es gemerkt, wie er seine Sachen packte und wie er leise die Tür schloss. Doch es kon­nte und wollte ihn nicht hal­ten. Wenn er ver­suchen wollte, ohne ihm auszukom­men, würde es ihm nicht im Weg ste­hen. Es war sich sicher, dass er zurück kom­men würde, wenn ihm die Real­ität des Lei­dens zu real würde. Sie kamen noch alle zurück, irgend­wann war jedem das Fallen zu viel.

Aber es zogen die Jahre am Fen­ster vor­bei und das Glück war immer noch alleine. Die einzi­gen Wege des Glücks waren die in die Küche und wieder ins Bett, immer mit einem lauschen­dem Ohr, dass vielle­icht doch noch den Heimkehrer hören kön­nte. So zogen die Jahreszeiten am Fen­ster vorüber und sie waren glück­los und kurzatmig.

Das Pech zeich­nete den Jun­gen, der mit­tler­weile ein stat­tliches Man­nesalter erre­icht hatte, sehr und so sah er weit älter aus als er es war. Die vie­len Stürze hat­ten ihm die Knochen zer­mürbt und das Gehen fiel ihm schwer. Doch all diese Lei­den waren harm­los, wenn man seine schw­er­ste Krux betra­chtete. Seine Augen waren nut­z­los gewor­den, denn sie sahen nur noch die Ver­gan­gen­heit, sie zeigten ihm das Glück, dass er ver­lassen hatte und sie gaukel­ten ihm das Glück vor, welches er haben hätte kön­nen, wäre er nur nicht so töricht gewe­sen. Diesen Schein vor Augen war er geal­tert, denn zu all dem Ungeschick kam das Selb­st­mitleid hinzu und ver­trieb auch die let­zte Aben­teuer­lust aus seinen Gedanken und das kle­in­ste, küm­mer­lich­ste Lächeln von seinen Lip­pen. Glück­los, wie er sich gemacht hatte, war er zu einem gebroch­enen Mann geworden.

Das Glück hatte ein Leben lang auf ihn gewartet. Zusam­men hät­ten sie Berge ver­set­zen kön­nen, doch getrennt von einan­der waren sie beide macht­los dem Leid aus­ge­setzt. Das zu ler­nen, hatte das Glück den Jun­gen ziehen lassen, damit er bestärkt zurück­kehre. Aber die Angst vor seinen eige­nen Taten, seiner eige­nen Ver­gan­gen­heit hatte ihn zuerst zu einem Jünger der Unzulänglichkeiten, dann zu einem Opfer der zer­störerischen Urkraft des Chaos gemacht. Sie waren beide ver­loren, als er sich der falschen Überzeu­gung hingab, er hätte sein Glück ver­trieben. Nie­mand kann sein Glück aus­merzen, denn das Glück ist jedem treu, selbst dem frei­willig Glücklosen.

>Es hielt lange durch, zehrte wie er von Erin­nerun­gen an bessere Tage, in denen sie noch vere­int waren. Doch die Zeit hin­ter­ließ auch an ihm ihre Spuren. Die Gänge in die Küche wur­den langsamer und auch die Blicke zu Tür und Fen­ster schliefen ein. Bald kon­nte es nicht mehr aus dem Bett steigen, bald musste es kämpfen, den Kopf über der Decke zu hal­ten. Das einzige, was es noch am Leben hielt, war die Gewis­sheit, er würde kommen.

Es war an der Zeit. Instink­tiv führte ihn sein schwacher Schritt, geleitet von all den Illu­sio­nen, nach all den Irr­jahren in einer Anwand­lung von Hoff­nung wieder auf seine alten, einst glück­lichen Wege. Als er seine Stadt, seine Straße wieder­erkan­nte, schoss das Adren­a­lin durch seinen Kör­per, wie es es einst tat, als er in die Welt auf­brach. Plöt­zlich waren seine Sor­gen wegge­blasen in die hin­ter­ste Ecke seines Bewusst­sein, an vorder­ster Front stand nun die Zuver­sicht in großen Let­tern. Plöt­zlich wusste er, sein Glück hatte ihn nicht vergessen. Es wartete die ganze Zeit über auf ihn, seit er fort­ge­gan­gen war. Er ging den Heimweg, so schnell er nach all den Stra­pazen kon­nte. Mit strahlen­den Augen kam er vor seinem Haus zu stehen.

Es brauchte einige Zeit, bis er den Schlüs­sel aus seinem Beu­tel gekramt hatte, ganz unten war er, begraben von aller­lei Gedenkstücken an Mis­eren. Als er den Beu­tel packte, dachte er ja auch nicht, dass der Schlüs­sel irgend­wann wieder auf­sper­ren würde. Aber jetzt hatte er ihn wieder in der Hand, seinen Schlüs­sel zum Glück.

Er drehte ihn im Schloss um, öffnete die Haustür und trat ein. Dann wusste er es. Es rückte sein Leben, seine Gefühle wieder ins Lot, kappte seine neu gewonnene Hoff­nung an der Wurzel. Die Kraft floh wieder aus seinem Kör­per. Er war wieder ver­greist wie zuvor, doch es war schlim­mer, denn zur Hoff­nungslosigkeit gesellte sich die Gewis­sheit.
Es hatte ihn nicht vergessen und hatte die ganze Zeit auf ihn gewartet. Er war zu spät.

Das Glück hatte ihn nicht verlassen.

Dieser Text gehört zur Ency­clo­pe­dia feli­cis, einer Reihe von Tex­ten über das Glück. Erst­mals erschien er im Kopfthe­ater.

Es war da, ganz plöt­zlich, unangekündigt. Und sie fühlte sich davon ein wenig vor den Kopf gestoßen.

Ein Dilemma von der Kette, ein Dilemma, aus­ges­tat­tet mit tausenden von Rat­ge­bern. Diese alle Rat­ge­ber, die sich in tausenden anderen Din­gen nicht ums Ver­recken einig wer­den kon­nten, pflichteten sich hier alle­samt bei: Es annehmen, Aktiv­ität zeigen. Das geflügelte Wort fiel da: embrace. Aber sie kon­nte nichts tun, seit es da war. Nichts außer ihrer Waschmas­chine beim Schleud­ern zuzuse­hen und immer wieder an ihrem Tee zu nip­pen. Grün­tee mit Man­delex­trakt, importiertes Relikt aus einer Zeit, lange bevor es da war und ihr in den Magen geschla­gen hatte. Der Tee war zyk­lisch wie die Waschmas­chine, sie ver­gaß ihn ständig, bis er kalt gewor­den war, um ihn dann leicht angewidert trotz­dem zu trinken. Es wartete im anderen Zim­mer, bes­timmt wurde es schon unruhig, weil sie es so lange warten ließ. Embrace. Das Drehen der Waschtrommel.

Wenn es auf– und abge­hen würde oder gar an die Zim­mertüre klopfen würde, sie würde nichts bemerken, denn im Moment, da es vor ihr stand, fing jemand in ihren Gedanken an, laut­stark Chopin zu häm­mern. Sie hatte sich entschuldigt und erk­lärt, dass die Verbindung sehr schlecht sei und wollte schon aufle­gen, als sie bemerkte, dass sie gar nicht tele­fonierte und dass es da ganz real vor ihr stand. Daraufhin hatte sie sich wort­los in das andere Zim­mer, das mit der Waschmas­chine und dem Tee, gestohlen. Dort saß sie nun am Boden und wusste schon nicht mehr, ob sich die Wäschetrom­mel oder die Welt drehte.

Sie hatte daran gedacht, ihm mit der Steingut­tasse auf den Kopf zu schla­gen, bis es aus Trotz ging, hatte die Idee im näch­sten Moment ver­wor­fen, aus Höflichkeit. Und über­haupt war es seit seiner Ankunft in die Höhe geschossen, sodass sie seinen Kopf mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahrschein­lichkeit nicht tre­f­fen kon­nte. Die Chopin­in­ter­pret in ihrem Kopf wurde lauter, abge­hack­ter. Jetzt half nur noch ein Wun­der. Wenn es sie nicht mehr ver­ste­hen kon­nte, würde es vielle­icht abziehen. Sollte sie ihm gegenübertreten und voll­ster Überzeu­gung nichts von sich geben? Aber nein, Unver­ständ­nis würde nie Sicher­heit brin­gen. Es würde nur ins näch­ste Zim­mer gehen, hin­ter der Tür warten. Also Schleud­ern und Grün­tee aus der Zeit davor. Auf das Außen warten, das unweiger­lich kom­men würde, wem zu Hilfe, das war die Frage. Bis dahin würde sie hier sitzen bleiben, sich drehen und angewidert kalten Tee trinken, sie kon­nte gar nichts anders.

Und draußen, in anderen Zim­mer wartete das Weit­erkom­men. Embrace.

 

Dieser Text erschien zunächst auf meinem alten Blog, Kopfthe­ater. Hier soll er nun eine Reihe von Gast­beiträ­gen, vielle­icht auch eige­nen Worten, zum Glück ein­läuten. In der Ency­clo­pe­dia feli­cis wer­den ver­schiedene Zugangsweisen erscheinen, sich dem Glück-Theorem anzunäh­ern. Bald.

 

Das Glück-Theorem. Suchende.

In einem abgeris­se­nen ehe­mals weißen Hemd lief ich die Straße hin­unter, in Rich­tung meiner kleinen Maisonette, die natür­lich nicht meine war. Sie war noch ein Stück weg, die Kneipe lag ein paar Häuserblocks ent­fernt, und mir ging langsam die Luft aus.

In der Kneipe wartete Tom auf mich, denn ich war mit­ten im Gespräch aufge­s­tanden und los­ge­laufen. Warum ich wusste, dass er wartete? Nunja, ich kon­nte nur hof­fen, aber Tom war immer­hin mein bester Fre­und, wenn man zwei Men­schen, die sich alle heili­gen Zeiten ein­mal auf ein paar Drinks trafen, so beze­ich­nen kon­nte, beste Fre­unde. Aber ich wäre niemals auf die Idee gekom­men, ihn anders, oder irgendwen anderen so zu nen­nen.  Und ich hatte kein Geld dage­lassen. Schließlich würde ich auch wiederkommen.

Wir hat­ten über die Zukunft gesprochen. Was mit einer Frage nach der Lage der Nation, also dem aktuellen Finanz­s­tand des Gegenübers, begann, artete schnell in Grund­satzde­bat­ten aus. Basisop­ti­mis­mus gegen Exis­ten­zver­weigerung. Alles wie immer.

Tom war ein ruhiger Men­sch, im besten Sinne des Wortes. Er machte sich keine Sor­gen, weil ihm die zu anstren­gend und in kein­ster Weise die Mühe wert waren. Ich machte mir Sor­gen, weil mir ohne sie lang­weilig wäre. Was würde wohl aus der Welt wer­den, wenn es keine Sor­gen mehr gäbe? Wenn, wenn, wenn. Unser Täglichbrot.

Ich war los­ger­annt um irgen­deinen Zeitungsar­tikel zu holen. Irgend­was über Atom­kraft­geg­ner und ihre Proteste. Doch schon als ich zur Tür hin­aus war, hatte ich vergessen, welchem Argu­ment ich eigentlich zur Unter­stützung eilen wollte. Es war auch egal, wir disku­tierten schließlich um des Disku­tierens Willen, nicht, um den anderen zu überzeu­gen. Eigentlich kon­nte ich auch ohne umkehren. Wir wür­den eben über Imma­terielles reden. Das kon­nten wir ohne­hin besser.

Entschuldigung, haben Sie das Glück erfun­den?”, fragte mich der Junge. Ich ver­stand zunächst nicht, mir fehlte es an Sauer­stoff im Hirn. Er sah aus, als würde er nicht nur das Glück suchen, son­dern viel mehr die Büchse der Pan­dora, ange­füllt mit Wundern.

Tut leid, mein Fre­und in der Kneipe da und ich suchen es selbst noch.” Er schien vor lauter Ent­täuschung zusam­men­zuk­lap­pen. “Aber ich weiß aus, sicherer Quelle, dass mir der Typ ähn­lich sieht. Der mit dem Glück-Theorem. Komm mal mit, du siehst einem Typen ähn­lich, der ein Bier ver­tra­gen könnte.”

 

Das The­ater, die Bret­ter, die die Welt bedeuten. Die ursprünglich­ste Wahrheit, die größte Lüge.

Für Toma war es irgend­was dazwis­chen. Er lebte auf der Bühne, durch die Bühne, er blühte auf der Bühne auf. Erst wenn er spielte, strahlte er, sagten die Zeitun­gen über ihn, sonst sei er ein unschein­bares Pflänzchen. Für die Außen­welt, so erk­lärte er, existiere er nur, wenn er spiele.

Doch er ahnte auch, dass es nicht so ein­fach war. In Wahrheit lebte auch die Bühne durch ihn, zehrte ihn aus, jeden Abend zweiein­halb Stun­den. Sie ernährte sich von der Zeit, in der er jemand anderes war. Eine Sym­biose, die hinkte.

Er war Toma Tucz­eric, das Gesicht des kleinen The­aters beim Fluss. Wenn immer von dem Haus gesprochen wurde, in welchem Zusam­men­hang auch immer, fiel sein Name. Ihn kan­nte man, zumin­d­est in Kreisen. Er war Ziel von Lob, doch das kon­nte ihn nicht freuen. Denn er wusste, dass es zwar auf ihn zugeschnit­ten war, ihm aber in Wirk­lichkeit nicht galt. Wie kon­nte es auch, war er doch in Wirk­lichkeit nicht greifbar.

Er hätte einen sicheren Platz im hiesi­gen Büh­nen­him­mel, hieß es, und doch ran­nte er durchge­hend, auf der Suche.

Denn er wusste, dass es abhängig war, eine erschreck­ende, exis­tenzbedro­hende Abhängigkeit war sein All­tag, die Abhängigkeit von guten Worten, war jene, die nie­mand ver­ste­hen kon­nte. Weder das Pub­likum, noch der Bar­keeper, bei dem er nach Vorstel­lungsende manch­mal sitzen blieb.

Ob Worte hier gewe­sen waren, fragte er dann immer. Was er bekam, war ein volles Glas und einen ver­ständ­nis­losen Seitenblick.

Aber nur hier waren Worte zu finden und Worte brauchte er immer ohne Pause. Also nahm er einen Schluck und hörte zu, tage-, wochen­lang, bis er ein Ver­sprechen hörte. Die Worte waren für ihn, was er für die Bühne war. Er verehrte die Großen, die hier sel­ten ihre Stimme laufen lassen. Und dann lachten sie, wenn er ihr Werk zu bew­erk­stel­li­gen suchte. Nicht, dass er scheit­erte, er meis­terte es nur schlechthin nicht, denn sein Meis­ter­w­erk hatte er noch nicht gefun­den. Und genau vor diesen Worten hatte er Angst.

Man hatte ihm so oft ver­sichert, dass sie von ihm abhin­gen, dass er es zu glauben begann. Aber wenn sie ihn brauchten, dann atmete er sie. Sie zahlten sein Täglich­brot, er ihr Papier und ihre Tinte. Sie waren Göt­ter, er ihr Prediger.

Und als solcher musste er ihnen opfern, um zu überleben.

Doch hatte er seinen Gott noch nicht gefun­den, er hatte sich noch nicht offen­bart. Weshalb ihm nur die Klas­siker überblieben, deren Staub er regelmäßig aufwirbelte.

Toma wollte keine Klas­siker mehr mod­ernisieren. Er wollte eigene Klas­siker errichten. Aber dazu brauchte er einen Apoll, er kon­nte nur Pythia aus Del­phi sein.

Noch ein Glas brachte der Wirt dem Sym­bion­ten, bevor er zus­per­rte und beide heim gingen.