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kritik

Oh ... und ich sah ein’ Engel fliegen.” Apoka­lypse — ein Performancebericht

23/09/2016 Bleibt der Bus am Weg in die neue zeitweilige Bleibe in Bre­men in Berlin ste­hen, bleibt man ein paar Tage da und geht ins The­ater. Macht man halt so. Heute sah ich in der Volks­bühne die Apokal­yse nach Johannes, frisch von Her­bert Fritsch insze­niert. Dass das let­zte Stück, über welches ich hier schrieb, auch eine Fritsch-Inszenierung war, ...

Wie aufge­zo­gen | Molières “Einge­bilde­ter Kranke” tänzelt im Burgtheater

08/12/2015 Her­bert Fritsch, der ehe­ma­lige Castorf-Mime und mul­ti­me­di­aler Genius der Büh­nenkunst, insze­nierte zum ersten Mal in Wien. Mit Molières let­ztes Hurra, dem einge­bilde­ten Kranken, liefert er ein Gesamt­spek­takel ab. Das erste Wort, dass mir in den Kopf kam, als die typ­is­chen für Fritsch sehr schrille Insze­nierung, die ebenso typ­isch neon­bunt ausstaffiert ist, begann, war Spieluhr. Wie eine Spieluhr ...

Über­läufe. Rezen­sion einer Austel­lung. Tracey Emin im Leopoldmuseum.

07/05/2015 Vor knapp zwei Wochen war ich am Eröff­nungstag in der (jetzt nicht mehr so) neuen Tracey Emin-Ausstellung im Leopold­mu­seum. Ich kan­nte Emin vorher nicht und las nur durch Zufall an diesem Mor­gen eine Pressemit­telung des Muse­ums gelesen.Den Ansatz, mod­erne Werke reflexiv Schiele-Blättern gegenüberzustellen, fand ich inter­es­sant, also machte ich mich auf. Im Muse­um­squartier angekom­men, war ich ob ...

Dreamhop­ping — Film­rezen­sion “Ebenda”

24/10/2014 Schon eine Stunde vor Ein­lass in den Kinosaal war das Schikaneder in Wien voll, als gestern Abend das Filmde­büt von Katha­rina Braschel und Chili Tomas­son über die Lein­wand ging. Und zurecht. “Ebenda” setzt an, schein­bar den All­tag einer radikalen Grup­pierung von Träumern um die ominöse Cap­i­tana Élise auf ihrem Weg zu Ebenda, einem Kunst­wort und einer ...

kritik

Oh ... und ich sah ein’ Engel fliegen.” Apokalypse — ein Performancebericht

Bleibt der Bus am Weg in die neue zeitweilige Bleibe in Bre­men in Berlin ste­hen, bleibt man ein paar Tage da und geht ins The­ater. Macht man halt so.

Heute sah ich in der Volks­bühne die Apokal­yse nach Johannes, frisch von Her­bert Fritsch insze­niert. Dass das let­zte Stück, über welches ich hier schrieb, auch eine Fritsch-Inszenierung war, soll nichts heißen, ich wollte bei all dem Geschrei um die Volks­bühne nochmal hin und ein Pollesch ging sich eben zeitlich nicht aus. Und Apoka­lypse klang ja auch irgend­wie sit­u­a­tiv passend. Ich bin ger­ade zurück in meinem Zim­mer und schreibe geschwind ein paar Beobach­tun­gen und Gedanken dazu nieder. Nichts hier ist voll­ständig oder erhebt irgen­deinen Anspruch auf ähn­liches. Auf geht’s!

 

Von Beginn weg ist Johannes (gespielt von Wol­fram Koch) präsent als Johannes der Nacherzäh­ler, Johannes der Berichter­stat­ter, der quasi ger­ade aus Marathon ange­laufen kommt, seine eige­nen Ein­drücke schildert (im Auf­trage des aus­führen­den Gottes) und wie es scheint gle­ich vor den Augen aller in sich zusam­men­brechen kön­nte. Dass ihm Elis­a­beth Zumpe per­ma­nent aus einem großen großen Buch souf­fliert, bricht diese Erleb­nis­struk­tur nicht, sie erin­nert aber, dass das hier Bibel ist und alles hier, so sagt Johannes, Gottes seal of approval hat.

Nach­dem ich anfangs ein wenig dieser Struk­tur nachge­hangen bin, ist mir im Ver­lauf des Stücks dann doch einge­fallen an was mich das alles hier erin­nerte, mit der leeren neon­far­ben beleuchteten Bühne, dem sto­ry­teller, seiner Ein­flüs­terin und dem DJ, der stets für die passende Sound­kulisse sorgte: Was wir hier sahen, war eine keynote.

Johannes ist der Pro­jek­tleiter und präsen­tiert den Share­hold­ern in Zahlen und Bildern den Erfolg der Apoka­lypse. Dass er dabei schein­bar fluid zwis­chen den Per­spek­tiven des beobach­t­en­den Men­schen, des han­del­nden Gottes (samt seiner Werkzeuge, sprich Engel) und dessen notwendi­ger Kehr­seite, des Teufels wech­selt, ist dur­chaus notwendig für diese umfassende Präsen­ta­tion im Stile von Apple und Co. Es geht nur noch zum Teil darum, was passiert ist, ebenso wichtig ist nun, wie und weshalb geschieht. Johannes braucht eine gute Anek­dote, um die Zuse­hen­den, alles poten­tielle Käufer und Käuferin­nen von Apoka­lypse, auf seine Seite zu ziehen.

"Just one more thing..."

Just one more thing...”

Das war’s auch schon, vor­erst mal. Eigentlich wollte ich nur diese Idee der keynote, die mir unge­fähr auf hal­ber Höhe kam und nicht mehr weg­ging, anbrin­gen. Ich mochte den Abend, alles war schön und gut und mitreißend. Alles was man sich vom Ende der Welt so erwartet. Und als guter The­ater­jünger hab ich natür­lich nach der Vorstel­lung ein “Ich war dabei!”-Poster von der alten Volks­bühne beim Mer­ch­stand besorgt. Und einen Pollesch-Band mit Kap­i­tal­is­mus im Titel. Wäre ja sonst auch nichts.

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Wie aufgezogen | Molières “Eingebildeter Kranke” tänzelt im Burgtheater

2015-12-08 18.03.25-2

Her­bert Fritsch, der ehe­ma­lige Castorf-Mime und mul­ti­me­di­aler Genius der Büh­nenkunst, insze­nierte zum ersten Mal in Wien. Mit Molières let­ztes Hurra, dem einge­bilde­ten Kranken, liefert er ein Gesamt­spek­takel ab.

Das erste Wort, dass mir in den Kopf kam, als die typ­is­chen für Fritsch sehr schrille Insze­nierung, die ebenso typ­isch neon­bunt ausstaffiert ist, begann, war Spieluhr. Wie eine Spieluhr startet das Stück gle­ich mit voller Geschwindigkeit los, es gibt keine sachte Ein­führung, kein Gewöh­nen. Und wie in einer Spieluhr funk­tion­ieren alle Fig­uren samt ihren Bewe­gun­gen ent­lang unsicht­baren Bah­nen im Takt des omnipräsen­ten Cembalo-Stacchatos. Drei Cem­ba­los bilden auch das Büh­nen­bild, von ihnen geht die Struk­tur der gesamten Insze­nierung aus.

In einem so mech­a­nisierten Büh­nen­stück muss natür­lich am sehr umfan­gre­ichen Text ges­part wer­den, was zwar zu manch kleiner Undeut­lichkeit und Unschärfe führt, aber der Unmit­tel­barkeit der Auf­führung in die Hände spielt. Ger­ade Joachim Mey­er­hoff als Mon­sieur Argan kann seine große kör­per­liche Spiel­weise und seine fast schon charak­ter­is­tis­che zum Wahnsinn tendierende Verzwei­flung hier voll zur Gel­tung brin­gen und tänzelt so um die schon längst offen­baren Tat­sachen der Untreue seiner Frau, die mit unglaublich packend-reißendem Dik­tum als met­allisch anmu­tende Bal­lettpuppe spie­lende Dorothee Hartinger, oder allem voran natür­lich den falschen diag­nos­tis­chen Spie­len seiner vie­len Ärzte herum.

Der Automa­tismus, mit dem sich die Bewe­gun­gen und die manches Mal ras­ant her­vor­sprudel­nde Sprache auf der Bühne ent­fal­ten, trans­portiert den Geist des Modus Comédie fran­caise — die Dra­men­gat­tung, nicht das The­ater­haus — in die Gegen­wart, ohne dem wohl schon ver­staubten Tanzthe­ater nachzuweinen. Es ist das Tänzeln, aus dem diese Insze­nierung ihre Energie gewinnt und aus dem der Kon­nex zum aktuellen Selb­stver­ständ­nis ent­nom­men wer­den kann: Wir sind vielle­icht nicht so gut­gläu­big wie Ardan oder gar so medi­zinkri­tisch wie das Haus­mäd­chen Toinette, genial gespielt vom einge­sprun­genen Markus Meyer, aber doch tänzeln wir wie die Fig­uren Molières um Diag­nosen, unwillig und unfähig vielle­icht, zur Ruhe zu kom­men. Der Takt des Cem­ba­los ist der Takt einer Welt, die sich auch ohne die Kranken wei­t­er­dreht und diesem Takt muss Folge leis­ten, wer nicht zurück­bleiben will. Und wem das Tak­t­ge­fühl abhan­den kommt, für den liegen die passenden Mit­telchen, Klistierchen und Injek­tio­nen schon bereit.

Natür­lich lässt Fritsch viel Tex­tim­ma­nentes außen vor. Aber das ist, was Insze­nierun­gen tun: Konzen­tra­tion auf Aspekte, was schon impliziert, das andere Aspekte aus dem Fokus ger­aten oder weg­fallen. Bei allen inhaltlichen Schwach­stellen, die Konzen­tra­tion auf Struk­tur und Modus ist auf voller Länge gelungen.

 

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Überläufe. Rezension einer Austellung. Tracey Emin im Leopoldmuseum.

Vor knapp zwei Wochen war ich am Eröff­nungstag in der (jetzt nicht mehr so) neuen Tracey Emin-Ausstellung im Leopold­mu­seum. Ich kan­nte Emin vorher nicht und las nur durch Zufall an diesem Mor­gen eine Pressemit­telung des Muse­ums gelesen.Den Ansatz, mod­erne Werke reflexiv Schiele-Blättern gegenüberzustellen, fand ich inter­es­sant, also machte ich mich auf.

Im Muse­um­squartier angekom­men, war ich ob der frühen Stunde noch weit­ge­hend allein, nur ein paar Fotographen vom Haus machten Auf­nah­men. Der viele Raum war Goldes wert. So kon­nten die Werke der britis­chen Kün­st­lerin wirken, die Keller­räume des Leopold­mu­se­ums lassen in ihrer Schlichtheit ein Begeg­nen der Bilder Emins miteinan­der, mit den oft an die gegenüber­liegende Wand gehängten Zeich­nun­gen Schieles, aber auch mit den Betra­ch­t­en­den zu. So ist die Ausstel­lung nicht nur eine bloße Gegenüber­stel­lung einer dur­chaus etablierten Kün­st­lerin mit den Werken eines ihrer Vor­bilder, son­dern wird viel mehr zu einer Kor­re­spon­denz und Kode­pen­denz, die sehr lose Hän­gung mit manch­mal nur einem Blatt an der Wand eröffnet Räume zur Neuin­ter­pre­ta­tion, in denen so manches Mal die Emin im Schiele auf­blitzt und nicht umgekehrt.

Diesen Dia­log unter­stützen auch die von ihr gewählten Medien. So erscheint die Zeich­nung auf Papier d’accord mit Schiele als Basis, von da weg entwick­elt die Kün­st­lerin im Gle­ich­schritt mit ihrer Motivik auch ihr Medium weiter, was auch Stick­ereien, Videomon­ta­gen und sogar eine Tonauf­nahme (was laut dem Kat­a­log ein Debut für die Kün­st­lerin ist) her­vor­bringt. Entschei­dend und schein­bar über dem Geschehen im Austel­lungsraum, den Raum the­ma­tisch ord­nend, sind die Neonschriftzüge.

Allen, die die Ausstel­lung noch besuchen wollen, rate ich, ein­mal im Raum, in welchem die Tonauf­nahme läuft, für ein paar Minuten sitzen zu bleiben. Es ist sehr span­nend, zu beobachten, wie sich hier durch das Medium der gesproch­enen Sprache die Ideen Tracey Emins, welche nicht nur im Kat­a­log, son­dern auch an den Wän­den in Form von Zitaten zu lesen sind, man­i­festieren. Es lohnt sich auch Stift und Papier mitzunehmen, es skizziert sich dort wunderbar.

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Dreamhopping — Filmrezension “Ebenda”

"Ebenda", Bildrechte bei Katharina Braschel und Chili Tomasson.

Ebenda”, Bil­drechte bei Katha­rina Braschel und Chili Tomasson.

Schon eine Stunde vor Ein­lass in den Kinosaal war das Schikaneder in Wien voll, als gestern Abend das Filmde­büt von Katha­rina Braschel und Chili Tomas­son über die Lein­wand ging. Und zurecht.

Ebenda” setzt an, schein­bar den All­tag einer radikalen Grup­pierung von Träumern um die ominöse Cap­i­tana Élise auf ihrem Weg zu Ebenda, einem Kunst­wort und einer Art paradiesis­chen Frieden­szu­s­tand, zu zeigen. Mit Fortschre­iten des Films löst sich dieser All­tag jedoch in einer Reihe von Episo­den auf, bei denen die Gren­zen dieser Real­ität immer weiter aus­gedehnt wer­den. Man stellt die Ver­mu­tung an, dass man nun in einem von Cap­i­tana Élise ini­ti­ierten Kollek­tivträu­men angekom­men ist, dabei ver­schwim­men allerd­ings nicht nur die Gren­zen zwis­chen Traum und Real­ität, auch inner­halb des Traumes scheinen die einzel­nen Träumer ihre Ver­stecke gefun­den zu haben, zu denen sie uns nun für einen Moment Zugang gewähren. Dabei trifft man auf die ver­schieden­sten Tätigkeiten, denn deut­lich wird, alle Szenen zeigen unheim­lich aktive Men­schen, auch wenn sie in einer Bade­wanne liegend gezeigt werden.

Die bei­den Film­schaf­fenden haben einen Modus für ihren Film gefun­den, der die Träume ohne solchen Sequen­zen sonst oft anlas­ten­den Kitsch zeigt, unter­stützt von einem her­vor­ra­gen­den Sound­track wer­den die Episo­den recht nüchtern aber mit viel Acht aufs Detail gelebt. Dass der Film gän­zlich ohne gesproch­ene Dialoge auskommt, unter­stützt die Ver­wirk­lichung dieser Visio­nen noch zusät­zlich; in Träu­men muss man schließlich nicht reden, die Fig­uren wis­sen ohne­hin, was sie sich zu sagen haben. Und wenn ein Film 54 Minuten ohne Text auskommt ohne Län­gen zu zeigen oder unver­ständlich zu wer­den, spricht das auch Bände für ihn.

Erstaunlich ist die klare Bild­sprache: Ob nun in der Betra­ch­tung eines Kunst­werkes oder dem med­i­ta­tiven Umschüt­ten von Reis, der Film bringt es fer­tig, eine Ruhe auszus­trahlen, ohne jemals pas­siv zu wer­den. Das die Traum­col­lage von einem aus­drucksstarken Ensem­ble getra­gen wird, das den bei­den Köpfen von “Ebenda” und sich sichtlich ver­traut, macht es möglich neben dem Kollek­tivraum der Woh­nung, in der jeder Traum seine Ecke hat, einen zweiten Faden durchgängig durch den gesamten Film zu ziehen, was der Inter­pre­ta­tion der Einzel­szenen im Zusam­men­hang zugute kommt.

Allen, die sich beim Film­schauen gerne Gedanken machen, kann ich “Ebenda” wärm­stens empfehlen, es ist ein langsamer Film, der seine Struk­turen und Geheimnisse erst nach und nach Preis gibt, doch das gehört zu seinem Appeal. Die bei­den Ver­ant­wortlichen liefern auf jeden Fall ein starkes Debüt ab, dass sich abseits von Kurz­film­gen­renor­men bewegt und trotz­dem nicht zum unver­ständlichen Art­house­movie wird. Man darf ges­pannt auf mehr sein!

Wer “Ebenda” noch auf der großen Lein­wand sehen will, hat vor­erst noch am 30.10. die Chance, wenn der Film seine Salzburg-Première im dask­ino feiert. Anson­sten kann man ihn auf DVD erste­hen, ebenso wie den aus­geze­ich­neten Sound­track. Meiner Mei­n­ung nach wird sich die Investi­tion leis­ten, ich habe schon jetzt das Gefühl, noch neue Details am Weg nach Ebenda zu finden. Außer­dem findet sich in der DVD die dem Film zugrun­deliegende Kurzgeschichte, die dem Ganzen ein wenig Kon­text ver­leiht. Ich würde allerd­ings empfehlen diesen Text erst nach Anse­hen des Films zu lesen, so kann sich erst der richtige Aha-Effekt einstellen.

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Ebenda-Première in Salzburg, daskino

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