Zen­traler Knackpunkt:

Ikarus war kein Idiot.

 

Angesichts seines Genie-Vaters und dessen zu ver­mu­ten­den Unter­richten, ist es sehr unwahrschein­lich, dass Ikarus dumm genug war, trotz vielfacher War­nung mit­tels seiner Wachs­flügel zu nahe an die Sonne zu kom­men und dadurch eben diese Wachs­flügel zu vernichten.

Daraus folgt: Ikarus wollte abstürzen.

Die Frage ist: WARUM?

//Junge Men­schen sitzen

in einem großen Raum,

um ratio­nal zu denken.

//Sich das Irren auszutreiben,

sind sie ausgezogen.

Jetzt sind wir hier,

im [dig­i­talen] Auffangnetz.

Null. Eins.

Die sich­er­ste Sicher­heit, die berechen­barste Reihe machte ihm die größten Prob­leme. Noch mehr Prob­leme, wenn man seine Dauer­schleife an Gedanken so nen­nen kon­nte, als die Welt, aus der er sich damals in die Zahlen geflüchtet hatte.

Eins. Zwei.

Seine Auf­sichtsper­so­nen hat­ten ihn in Rich­tung dieser Zahlen ein­genordet, als er mehr und mehr an der Unver­lässlichkeit zu beißen hatte, denn die Zahlen schienen ihnen ein ver­lässlicher Part­ner. Damals war man noch von der Angst beseelt, dass unzufriedene Kinder nahezu zwang­haft auf die schiefe Bahn ger­aten mussten. Aus ihrer päd­a­gogisch wertvollen Sicht war wohl das Ver­ant­wor­tungs­be­wusste gewe­sen, solchen Schülern und Schü­lerin­nen Auf­gaben als Leit­ban­den zur Seite zu stellen. Die Nar­ren! Und er hatte in seiner Ver­loren­heit die Schienen nur allzu gerne mit großen Augen angenom­men, sie zu Gän­gen gemauert aufge­zo­gen bis in den Him­mel, geweißt zum Aufze­ich­nen des Fol­gen­den benutzt. Das einzig Spon­tane an seiner Folge war von da an seine vari­ierende Hand­schrift und auch bei der ließen sich Muster festmachen.

Die Zahlen gestal­teten ein sicheres Zim­mer in dem Haus, in dem er mit der Men­schheit lebte.

Drei. Fünf.

Doch in all der Sicher­heit hatte er schließlich den Riss in der Wand ent­decken müssen. Er war so alt, nicht mehr zu sehen, nur beim langsamen Berühren der Zahlen fühlte man seine Präsenz. Aber da war er, und beim ersten Kon­takt hatte er sich bei ihm fest­ge­setzt. Jetzt ließ er ihn nicht mehr los. Wo die math­e­ma­tis­chten Denker ein­fach weit­er­zo­gen zu hehren Zie­len, schrie es ihm entgegen:

Es gab keinen Anfang.

Acht. Dreizehn.

An den Anfang hatte man die Null gesetzt, danach selb­stver­ständlich, wie es scheint, die Eins. Danach lief wieder alles regel­recht ab, nur diese ersten bei­den Zif­fern hiel­ten sich an nichts. Nur eine Episode, Null. Eins. Pures Chaos, aus dem alles entstand?

Ein­undzwanzig. Vierunddreißig.

Wenn die Anfänge nicht richtig waren, wie kon­nten sie dann solche ide­alen Regelmäßigkeiten her­vor­brin­gen, die schließlich die Welt erk­lären kon­nten? War die Ord­nung der Nach­fol­gen­den gar eine Illu­sion, die sich Suchende wie er in die unglück­liche Zufäl­ligkeit gesetzt hat­ten, um sich daran festzuhal­ten? Null. Eins. Erste in einer Welt von Chaoten? Vielle­icht hatte Fibonacci einen Fehler gemacht, oder ein­fach zu früh aufge­hört. Hatte er es über­haupt als fer­tig ange­se­hen? Null. Eins. Großes scheit­ert immer am Anfang, nie am Ziel. Noch nie hatte er von etwas gehört, das fer­tig war und plöt­zlich falsch.

Fün­fund­fün­fzig. Neunundachtzig.

Die Zahlen waren nicht mehr sicher, jetzt wo er sah, wie brüchig ihre Grund­festen waren. Aber er kon­nte schließlich auch nicht hin­aus, so weit hatte er sich fro­hen Mutes einge­mauert, ohne eine Tür zu lassen. Mit fes­ten Füßen in ungewusste Fehler einbetoniert.

Die Unruhe wuchs in ihm, er set­zte sich, um ein paar neue Zahlen zu notieren. Ein­hun­dertvierund­dreißig. Zwei­hun­dert­dreiundzwanzig. Unter seinen geschlosse­nen Lid­ern prangte der Spalt. Wieder auf­ste­hen, um ihn zu unter­suchen. Null. Eins. Die unbeschrieben­ste, ursprünglich­ste aller Dichotonien: Nein. Ja. Nicht. Schon. An den Anfang der größt­möglichen Har­monie hatte jemand den ulti­ma­tiven Gegen­satz gesetzt und ihm dann an den Kopf gewor­fen. Es waren immer solche Momente gewe­sen, in denen er an höhere Wesen glaubte. Der Demi­urg musste ein Sadist sein.

Drei­hun­dert­siebe­nund­fün­fzig. Fünfhundertachtzig.

Die per­fekte Reihe musste sich doch wehren, ihren lach­haften Ursprung zumin­d­est im Nach­hinein ver­ban­nen. Aber die Zahlen liefen weiter, keine Entschle­u­ni­gung, kein Blick zurück. Den ließen sie ihm über, so musste er wohl ihre Rache führen. Aus­brechen, Ein­brechen. Zum Ein­stürzen brin­gen? Die Ord­nung in ihrem Ursprung zuführen. Weit­er­schreiben, die Zahlen zum Vorschlagham­mer for­men. Anheben.

Neun­hun­dert­siebe­nund­dreißig. Ein­tausend­fünfhun­dert­siebzehn. Zweitausend­vier­hun­dertvierund­fün­fzig. Dre­itausend­ne­un­hun­dertei­n­und­siebzig. Sech­stausend­vier­hun­dert­sech­sund­ne­un­zig. Null. Eins.

Null. Eins.

Null. Eins.

______________________________________________________________

Dieser Text ist Teil des Pro­jekt .txt auf neon|wilderness, Wort “Wahn.”

  

 

raum und leere,

kör­per und ton.

 

wir nehmen, was wir müssen

nicht­sein dür­fen wir nicht

noch mehr exis­tenz ist

gezwun­gener­maßen sinn

wir müssen, was wir dürfen

wer­fen unsselbst in die waagschale

wir, wir, wir sind das mate­r­ial dieser zeit

nichts­destotrotz enden wir, abundzu

im jahr null wer­den wir immer neu wir

kollek­tive trauer ist unser sieb, wir sind geschliffen

wir, wir, wir, jetzt ohne euch

 

kör­per und ton,

raum und leere.

 

____________________________________

Der vor­liegende Text ist ein Beitrag zum Pro­jekt .txt, Stich­wort “nichtsdestotrotz”.

Eines Tages war er weg. Natür­lich hatte er nicht gesagt, dass er bleiben würde, aber nach all den Feiern und Fes­tre­den war er geblieben für den bloßen All­tag, also war er irgend­wie einer von uns gewor­den, allmäh­lich. Oder nicht.

Er hatte es gebracht und alles war schnell gewor­den in uns, um ihn herum. Er war in das Gästez­im­mer des Hauses gezo­gen und hat aus dem Fen­ster auf den Garten geschaut, viele Stun­den. Dann, im Früh­ling hat er unsere Arbeiten im Garten von dort aus kom­men­tiert, aber das war das Unsere, da waren wir die Weit­eren, er kon­nte uns in dieser einen Sache nichts zeigen. Was ihn trau­rig machte, auch wenn er es nie zeigte. Immer hatte er ein stolzes Gesicht her­vorgekehrt, wir waren doch die Seinen gewor­den. Vielle­icht war er deswe­gen gegan­gen. Weil wir etwas wussten, was nicht er uns gegeben hatte. Wer wir nicht nur die Seinen waren, vielleicht.

Wenn die Tage kürzer wur­den, wurde er immer höheren Mutes, da war sein Lachen ein echtes. Beson­ders an den stür­mis­chen Aben­den ging es ihm gut. Wenn wir uns in einem der großen Zim­mern zusam­menset­zen um den Kamin, schien er wieder von sich überzeugt.

Waren diese Stun­den nicht genug? Anfangs waren sie es sicher, aber Zeit macht unempflindlich gegen das Glück. Was irgend­wann ein­mal vielle­icht genug war, reicht später nicht, darum. Und jetzt war er weg, deswe­gen wohl, er hatte sich zu sehr an unsere guten Momente gewöhnt, war immun gewor­den gegen guten Willen. Wir hat­ten keinen Effekt mehr, nicht auf ihn und — der Schnelle, mit der die Reak­tion auf sein Nicht­mehrda­sein in Gle­ichgültigkeit unterg­ing — nicht auf uns. Es war Betrug an uns prome­this­chen Men­schen, dass er nicht mehr da war, soviel war sicher. Aber wer uns bet­rog, dessen waren wir uns nicht mehr klar.

augenlicht

Mein Augen­licht hatte ich in der Schule vergessen, weshalb ich am Heimweg das Elend, das mir ins Gesicht sprin­gen wollte, nicht bemerkte und fol­glich links liegen ließ.
Als ich am näch­sten Tag wieder sehen wollte, war es schon mit jemand anderem gegan­gen und ich blieb weit­er­hin allein.
In Betra­cht der weit­eren Geschehnisse wohl besser so. Denn das Elend wurde gemütlich und undurch­sichtig. Als dieser andere, mit dem es mit­ge­gan­gen war, erkan­nte, was es war, näm­lich das Elend und nicht etwa eine selb­st­be­fül­lende Dose Bier, ließ er es eben­falls bald – nahezu mit sofor­tiger Wirkung – links liegen, während dieser andere rechts weit­erg­ing. Was das Elend wütend machte und es dazu brachte, ihm mit hitzigem Geheul zu fol­gen. Was wiederum keinen ger­ade ruhi­gen Schlaf gewährleis­tete, wie der andere mir später ges­tand, als wir Fre­unde gewor­den waren. Und ruhiger Schlaf, der war und ist mir immer schon entschei­dend gewe­sen.
Von all dem wusste ich nun aber nichts. Ich war daher betrübt. Und wie das so ist, führt die Betrübtheit zu nichts, außer Kurz­schlussreak­tio­nen.
Meinen Schuldigen an der Mis­ere fand ich und begann daher immer häu­figer, mein Augen­licht nach dem Unter­richt mit den Filz­pantof­feln in den Spind zu sper­ren. So über­sah ich das meiste und erlebte ebenso viel.
Anfangs machte mir das Dunkel noch Angst, ich bereute mein Tun spätestens zuhause bei den auftre­tenden Prob­le­men mit den Auf­gaben. Auf so einen dun­klen Tag gab ich mein Augen­licht wochen­lang nicht aus der Hand.
Doch es war auch aufre­gend und so tat ich es immer wieder und häu­figer. Bald wur­den meine Schritte sicherer und mit etwas Geschick und List lernte ich auch im Unter­richt unter dem Radar zu bleiben, was mir die ewigen Predigten der Lehrer mein Augen­licht betr­e­f­fend ersparte. Ich kam also ganz gut durch.
Ich schaffte es, durch Übung und Präzi­sion, die notwendige Langsamkeit zur Gra­zie zu for­men und aus meiner Bewe­gung ohne mein Augen­licht ein Marken­ze­ichen zu machen. Mit den Zeiten legte ich auch das let­zte Stolpern ab, behielt mir aber die Dis­tanz, ich war für alle stets in Sichtweite, aber auch nie näher. Als ich meinen Abschluss machte, war ich unfass­bar gewor­den.
Die darauf­fol­gen­den Jahre waren von einem strahlen­den Erfolg geprägt. Mein Augen­licht trug ich jetzt nur noch zu Anlässen. Bei diesen erk­lärte man mir dann stets unisono, wie glänzend dieses nicht sei, wie neu würde ich ausse­hend, unwis­send, wie neu mir mein Augen­licht in Wirk­lichkeit war. So eroberte ich in einer unge­se­henen Leichtigkeit Gesellschaften, in denen ich meiner Herkunft nach nicht ein­mal Sekt servieren hätte dür­fen. Aber mein Auftreten war in diesen Kreisen schnell zu einer Sen­sa­tion gewor­den und einem Spek­takel stellt man keine Fra­gen, man liest ihm Wün­sche von den Augen ab. Da ich keine hatte, nah­men sie mich her­zlich auf und reichten mich durch die Ränge, bis ich eine Posi­tion erre­icht hatte, die auch für mich ergiebig war.
Meine auftre­tende Unzulänglichkeit in Mode– und prinzip­iellen Farbfra­gen über­spielte ich mit einem Schwur auf schlichte Ele­ganz, mit schwarzen Anzü­gen kon­nte man glück­licher­weise noch nie etwas falsch machen, was mir mein Augen­licht bei der Geburt­stags­feier meines altern­den Förder­ers, dessen Geschäft ich bald darauf übernehmen sollte, bestätigte.
In der Posi­tion, die ich in diesem Unternehmen über­nahm, wurde mein wahres Tal­ent offen­sichtlich: Bauchentschei­dun­gen. Ich hörte mich über­all um und fol­gte dann blin­d­lings meinem Gefühl und ließ danach agieren. Ich war ein Genie des Delegierens, ich war der unent­behrliche Mit­tel­mann und tanzte am Par­kett zwis­chen großen Män­nern und großen Infor­ma­tio­nen hin und sehr, so andächtig, dass mir viele bald aus freien Stücken ihre Fäden in die Hände legten.
Meinen Auf­stieg durch die Gesellschaften kon­nte also kein Ein­halt geboten wer­den. Denn sie alle ver­trauten meinem Auftreten, meinem Antlitz, und ich entsch­ied mich dazu, sie nicht zu ent­täuschen. Also kam ich ganz gut durch.
Nach vie­len Jahren gab ich Anfang diesen Jahres die Führung des Unternehmens meines Gön­ners, welches ich ganz zu meinem Geschäft gemacht hatte, ab und bezog am sel­ben Tag meines Rück­zugs aus dem Tages­geschäft einen Auf­sicht­srat­sposten. Und so tanzte ich auch dieses Jahr auf allen Par­ketts, die in meiner Branche von Bedeu­tung sind, Das war ein Glücks­fall, wahrlich, denn es stellte sich bald nach meiner Pen­sion­ierung her­aus, dass ich mich zuhause, als ich länger alleine und untätig war, nach meinem Augen­licht sehnte und begann, es immer häu­figer aufzuset­zen.
In mir wuch­sen Erin­nerun­gen an meine Kind­heit, als ich noch gedanken­los mit ihm durch die Welt ging. So trug ich mein Augen­licht wieder mit ansteigen­der Regelmäßigkeit. Das besän­ftigte meine Ret­ro­spek­tive für eine Weile, doch als ich bemerkte, dass meine wach­sende Sen­ti­men­tal­ität zunehmende Gebrauchsspuren an meinem Augen­licht hin­ter­ließ, saß der Schock tief. Ich sper­rte es rasch wieder ab und nahm mir vor, es in Zukunft noch spär­licher auszuführen.
So sah man mich wieder öfter in meinem alten Büro, wo ich allen hil­fs­bereit im Weg herum­stand, bis meine Nach­fol­ger einge­s­tanden, dass sie auf meine blinde Gewis­sheit nicht verzichten woll­ten, ja, nicht kon­nten, weswe­gen sie mir einen Berater­posten anboten. Die Feier­lichkeiten ließ ich allerd­ings immer mehr unbe­sucht ver­stre­ichen. Ich wollte mein Augen­licht nicht unnötig stra­pazieren und ohne entsprach es nun wirk­lich nicht der Abendgarder­obe.
Doch ich hatte in den let­zten Monaten das Gefühl, seit man mich nur noch im Büro, also nur noch ohne mein Augen­licht antraf, began­nen die Men­schen, den Respekt, den sie mir ent­ge­gen­brachten, von mir abzuziehen. Natür­lich wurde auch jetzt noch jeder Rat, jeder Tipp, den ich von mir gab, minu­tiös umge­setzt, doch mir schien es, als ob sie es nur noch einer Idee von mir zuliebe taten, das aktuelle Ich, das war ihnen unver­ständlich gewor­den. Es war, als ob mit meinem Augen­licht auch das ihrige von der Bild­fläche ver­schwun­den war.
Allerd­ings kon­nte ich bisher mit diesem Gefühl gut leben und wollte keine Gedanken an mein Augen­licht oder an das Augen­licht anderer ver­schwen­den. Seit Monat­san­fang stürzte ich mich daher auf die Umstruk­turierung, die ich vor Jahren angedacht, aber auf­grund des Fehlens des richti­gen Umset­zers vor mir hergeschoben hatte. Nun, da ich das Tages­geschäft abgegeben hatte, würde ich das selbst erledi­gen, dachte ich. Und ich ging mit fes­tem Fuß ans Werk. Es geschah das, was ich mir erhofft hatte: Ich hatte eine neue Obses­sion gefun­den. Aber bald erkan­nte ich, mit welcher Mühe es ver­bun­den war, ohne Augen­licht tätig zu sein, ich ver­wand meine ganze Kraft darauf.
Vor zwei Wochen zog ich mich aus dem Büro zurück, der Anfahrtsweg schien mir eine über­flüs­sige Ver­schwen­dung meiner Arbeit­szeit zu sein. Zuhause stand mir dage­gen nichts im Wege, den ganzen Tag mit dem Pro­jekt zu ver­brin­gen. Irgendwo musste die Umstruk­turierung ja begin­nen.
So, ver­tieft in die sys­tem­a­tis­che Verän­derung der Welt um mich, fan­den mich die Beamten vor, als sie heute um 11:15 läuteten. Sie mussten es mehrmals ver­suchen, bis ich sie hörte. Die let­zten Nächte hat­ten zu wenig Schlaf gese­hen, denn das Pro­jekt nahm For­men an.
Ich hörte den einen, älteren Beamten etwas Län­geres sagen, doch ich ver­stand nur, dass sie mich baten, sie auf das Revier zu begleiten. Schnell stimmte ich ein und zog mir die Schuhe an. Ob ich noch etwas anziehen wolle, fragte der jün­gere Polizist, dafür wäre genug Zeit. Ich über­legte kurz, aber nein, das war kein Anlass für Fes­tk­lei­dung. Ich zog also nur eine Wind­jacke über.
Im Auto herrschte Stille. Ich wusste sie nicht zu deuten, da ich nicht wusste, zu welchem Zwicke sie mich abge­holt hat­ten. Durften sie nicht mit mir sprechen, wenn ich auf der Rück­bank eines Polizei­wa­gens saß?
Ein Luftzug war spür­bar, als der Mann vor mir sein Fen­ster öffnete. Er, es war der jün­gere, fragte, ob das in Ord­nung sei. Ich bejahte. Bei­s­tand zur Staats­ge­walt, ich sah mich und meine Sit­u­a­tion im Aufwind. Ich schien ganz gut durchzukom­men.
Als wir am Revier zum Hal­ten kamen, schien es mir, als wollte einer der bei­den mir die Tür aufhal­ten, was mich wun­derte, aber ich war schneller und stand schon neben dem Auto, als er bei mir ankam.
Beim Betreten des Gebäudes kam mir erst­mals der Gedanke, dass es ver­mut­lich hil­fre­ich wäre, zu wis­sen, weshalb ich hier war. Worüber sie mit mir sprechen woll­ten.
In ruhiger, beruhi­gen­der Stimme des Älteren wurde der Name meines besten Fre­un­des genannt und, dass ich jetzt sehr stark sein müsse. Ich ver­stand es nicht und als sie weit­ergin­gen in den näch­sten Raum, kon­nte ich ihnen nicht fol­gen. Ein Beamter nahm mich am Arm. Ich müsse jetzt sehr stark sein, wieder­holte er.
Man hatte ihn heute Mor­gen im Park gefun­den. Kopf­schuss, mit­ten durch die Ohren. Das Elend kni­ete neben ihm, als man ihn wegtrug. Ich ver­stand auch das nicht und fragte, was sie denn bitte von mir woll­ten, das solle man mir doch mit­teilen. Iden­ti­fizieren, wenn es geht. Ich war als seine Ver­trauensper­son einge­tra­gen, auf einem Zettel, zusam­mengeknäult in seiner Geld­börse.
Es war ein Anlass. Ich kon­nte ihn nicht iden­ti­fizieren, ich hatte mein Augen­licht zuhause gelassen. Ich wusste nicht, was zu tun war. Anscheinend zit­terte ich, denn der Ältere legte seine Hand auf meinen Arm. Mein Atem beruhigte sich aber nicht, auch nicht, nach­dem eine zweite Hand auf mir zu ruhen kam.
Ich brachte kein Wort her­aus, ich wusste nicht, was ich tun kon­nte. Sollte ich der Polizei vielle­icht sagen, dass ich mir nicht sicher war? Nein, das würde mir nie­mand abkaufen. Entweder er war es, oder er war es nicht.
Ich sollte ihnen ein­fach sagen, dass ich nicht fähig war, meinen Fre­und zu erken­nen. Schlicht. Das war alles, was ich tun kon­nte, tun musste. Aber das kon­nte ich nicht, das würde alles zer­stören, mein Leben, wie ich es kan­nte, wäre vor­bei, wenn ich zugeben müsste, ohne mein Augen­licht auszukom­men. Zwick­mühle. Der Griff an meinem Arm wurde fes­ter und auch das Zit­tern. Vielle­icht zit­terte ich nicht, vielle­icht schüt­telte der Mann mich auch, damit ich zu reden begänne. Nicht ein­mal das kon­nte ich unter­schei­den. Ich hatte mein Augen­licht zuhause gelassen. Ich würde geste­hen müssen.
Doch die Polizis­ten kamen mir zuvor. Mein Beileid, presste der Jün­gere wie einen Befehl zwis­chen den Lip­pen her­vor. Es klang aufrecht, so als ob er es ehrlich meinte, aber bis jetzt nicht die richtige Form dafür gefun­den hätte.
Sie hat­ten mich aus der Affäre gezo­gen, meine kör­per­liche Reak­tion inter­pretiert, so dass ich kein Wort sagen musste. Entspan­nung. Ich hörte, wie eine Decke über etwas Kaltes gezo­gen wurde, wie sie für einen Moment an der Nase hän­gen blieb und sie im näch­sten Moment zudeckte, für immer.  Vielle­icht.
Ich drehte mich um und ging, nach­dem ich mich vom Griff der Beamten gelöst hatte, wort­los. Ich nahm exakt den sel­ben Weg zur Tür, auf dem ich herein gekom­men war. Als ich die Tür hin­ter mir ins Schloss fallen hörte, fing ich an zu laufen. Mein bester Fre­und war vielle­icht tot.
Ich wurde blind schneller, ich kan­nte ja den Weg. Vielle­icht. Ich ver­stand nichts mehr, weil ich mein Augen­licht nicht abnutzen hatte wollen. Hatte ich jemals ver­standen? Wie kon­nte ich glauben, irgen­det­was zu wis­sen, irgen­det­was zu ken­nen, Men­schen oder das Geschäft, wenn ich meinen Augen nicht trauen kon­nte? Die Leute in der Firma, am Par­kett hat­ten mir ver­traut, mein Fre­und nan­nte mich vielle­icht gar seine Ver­trauensper­son. Ich beschloss, sie nicht zu ent­täuschen.
Ich beschle­u­nigte meinen Schritt, ich würde nach Hause laufen und meinem besten Fre­und, wenn er es denn war, die Ehre erweisen, samt meinem Augen­licht. Schneller. Und von da an würde ich es wieder mit mir führen, denn woher wusste ich denn, was die Men­schen um mich wirk­lich taten? Fol­gten mir die Beamten? Vielle­icht. Schneller. In die näch­ste Straße links ein­biegen, dann ger­adeaus. Ich dachte daran, einen kleinen Umweg zu nehmen, um die Ver­fol­ger abzuschüt­teln, aber schon im näch­sten Moment ver­warf ich die Idee eiligst wieder. Sie hat­ten ja ihr Augen­licht, das brächte also nichts. Stattdessen wech­selte ich die Straßen­seite. Nicht so hek­tisch, ich fühlte Schwindel auf­steigen. Sie kon­nten nicht. Da war nie­mand. Mein bester Fre­und war vielle­icht tot. Nie­mand war da. Ich beruhigte mich etwas, musste einen Fuß fest auf den Boden set­zen. Schwinden.  Vor­sicht üben, ich wollte nicht stolpern, also blieb ich ste­hen.
Mein bester Fre­und war vielle­icht tot. Ich hörte wieder die Decke, die mich zudeckte, kurz.
Ich sollte Blu­men kaufen. Vielle­icht würde ich ja jetzt das Elend sehen, vielle­icht, jetzt wo er weg war, war es immer­hin allein. Sie hat­ten gesagt, es war im Park gewe­sen. Ich hatte das Gefühl, es war noch in der Gegend.

2015-12-08 18.03.25-2

Her­bert Fritsch, der ehe­ma­lige Castorf-Mime und mul­ti­me­di­aler Genius der Büh­nenkunst, insze­nierte zum ersten Mal in Wien. Mit Molières let­ztes Hurra, dem einge­bilde­ten Kranken, liefert er ein Gesamt­spek­takel ab.

Das erste Wort, dass mir in den Kopf kam, als die typ­is­chen für Fritsch sehr schrille Insze­nierung, die ebenso typ­isch neon­bunt ausstaffiert ist, begann, war Spieluhr. Wie eine Spieluhr startet das Stück gle­ich mit voller Geschwindigkeit los, es gibt keine sachte Ein­führung, kein Gewöh­nen. Und wie in einer Spieluhr funk­tion­ieren alle Fig­uren samt ihren Bewe­gun­gen ent­lang unsicht­baren Bah­nen im Takt des omnipräsen­ten Cembalo-Stacchatos. Drei Cem­ba­los bilden auch das Büh­nen­bild, von ihnen geht die Struk­tur der gesamten Insze­nierung aus.

In einem so mech­a­nisierten Büh­nen­stück muss natür­lich am sehr umfan­gre­ichen Text ges­part wer­den, was zwar zu manch kleiner Undeut­lichkeit und Unschärfe führt, aber der Unmit­tel­barkeit der Auf­führung in die Hände spielt. Ger­ade Joachim Mey­er­hoff als Mon­sieur Argan kann seine große kör­per­liche Spiel­weise und seine fast schon charak­ter­is­tis­che zum Wahnsinn tendierende Verzwei­flung hier voll zur Gel­tung brin­gen und tänzelt so um die schon längst offen­baren Tat­sachen der Untreue seiner Frau, die mit unglaublich packend-reißendem Dik­tum als met­allisch anmu­tende Bal­lettpuppe spie­lende Dorothee Hartinger, oder allem voran natür­lich den falschen diag­nos­tis­chen Spie­len seiner vie­len Ärzte herum.

Der Automa­tismus, mit dem sich die Bewe­gun­gen und die manches Mal ras­ant her­vor­sprudel­nde Sprache auf der Bühne ent­fal­ten, trans­portiert den Geist des Modus Comédie fran­caise — die Dra­men­gat­tung, nicht das The­ater­haus — in die Gegen­wart, ohne dem wohl schon ver­staubten Tanzthe­ater nachzuweinen. Es ist das Tänzeln, aus dem diese Insze­nierung ihre Energie gewinnt und aus dem der Kon­nex zum aktuellen Selb­stver­ständ­nis ent­nom­men wer­den kann: Wir sind vielle­icht nicht so gut­gläu­big wie Ardan oder gar so medi­zinkri­tisch wie das Haus­mäd­chen Toinette, genial gespielt vom einge­sprun­genen Markus Meyer, aber doch tänzeln wir wie die Fig­uren Molières um Diag­nosen, unwillig und unfähig vielle­icht, zur Ruhe zu kom­men. Der Takt des Cem­ba­los ist der Takt einer Welt, die sich auch ohne die Kranken wei­t­er­dreht und diesem Takt muss Folge leis­ten, wer nicht zurück­bleiben will. Und wem das Tak­t­ge­fühl abhan­den kommt, für den liegen die passenden Mit­telchen, Klistierchen und Injek­tio­nen schon bereit.

Natür­lich lässt Fritsch viel Tex­tim­ma­nentes außen vor. Aber das ist, was Insze­nierun­gen tun: Konzen­tra­tion auf Aspekte, was schon impliziert, das andere Aspekte aus dem Fokus ger­aten oder weg­fallen. Bei allen inhaltlichen Schwach­stellen, die Konzen­tra­tion auf Struk­tur und Modus ist auf voller Länge gelungen.

 

Merken

Dass wir alt wurden,

merkte man in ihrem Gesicht

nicht in ihrem Gesicht

aber in ihrem hundsmü­den Blick.

 

Müde waren sie früher nicht,

unsere grauen Augen,

ihre Augen, ihre Augen

waren hellwach, bis sie

nicht mehr waren.

 

Jetzt sind sie müde,

ihre alten Augen,

und man sieht mir an,

dass wir daran leiden.