bal­dachin

Ein Wort, das nur nicht mehr aus­geht. Seit Wochen denke ich baldachin.

Bal­dachin, Bal­dachin, Baldachin.

Wer hat ihn erfun­den? Warum wollte da irgend­je­mand den Him­mel senken?

Sprin­gen vom Bal­dachin ist seman­tisch gle­ichzuset­zen mit: Sprin­gen aus dem Him­mel heraus.

von/aus

Die Erfind­ung des Bal­dachins ist nicht nur eine her­an­holend des Him­mels in die Fass­barkeit seiner Betra­chter, son­dern eine absolute Ver­flachung des Raumes ‘Him­mel’ und damit eine radikale Unge­fährlichkeit des Sprunges.

X: Ist die Staub­schicht auf deinem Gesicht frisch und durch­scheinend noch?

Fast bist du schon ein Dia gewor­den, schämst du dich deiner rück­blick­enden, gel­blich glänzen­den Ruhe?

Fortschritts­glaube, Fortschritts­glaube. Bist du ungläu­big, denn? Sitzen, ste­hen, reflek­tieren. Übst du dein Sprin­gen über­haupt noch?

Y: bal­dachin.

X: bal­dachin.

[Klack. Näch­stes Bild an die Wand geworden.]

Zen­traler Knackpunkt:

Ikarus war kein Idiot.

 

Angesichts seines Genie-Vaters und dessen zu ver­mu­ten­den Unter­richten, ist es sehr unwahrschein­lich, dass Ikarus dumm genug war, trotz vielfacher War­nung mit­tels seiner Wachs­flügel zu nahe an die Sonne zu kom­men und dadurch eben diese Wachs­flügel zu vernichten.

Daraus folgt: Ikarus wollte abstürzen.

Die Frage ist: WARUM?

//Junge Men­schen sitzen

in einem großen Raum,

um ratio­nal zu denken.

//Sich das Irren auszutreiben,

sind sie ausgezogen.

Jetzt sind wir hier,

im [dig­i­talen] Auffangnetz.

Null. Eins.

Die sich­er­ste Sicher­heit, die berechen­barste Reihe machte ihm die größten Prob­leme. Noch mehr Prob­leme, wenn man seine Dauer­schleife an Gedanken so nen­nen kon­nte, als die Welt, aus der er sich damals in die Zahlen geflüchtet hatte.

Eins. Zwei.

Seine Auf­sichtsper­so­nen hat­ten ihn in Rich­tung dieser Zahlen ein­genordet, als er mehr und mehr an der Unver­lässlichkeit zu beißen hatte, denn die Zahlen schienen ihnen ein ver­lässlicher Part­ner. Damals war man noch von der Angst beseelt, dass unzufriedene Kinder nahezu zwang­haft auf die schiefe Bahn ger­aten mussten. Aus ihrer päd­a­gogisch wertvollen Sicht war wohl das Ver­ant­wor­tungs­be­wusste gewe­sen, solchen Schülern und Schü­lerin­nen Auf­gaben als Leit­ban­den zur Seite zu stellen. Die Nar­ren! Und er hatte in seiner Ver­loren­heit die Schienen nur allzu gerne mit großen Augen angenom­men, sie zu Gän­gen gemauert aufge­zo­gen bis in den Him­mel, geweißt zum Aufze­ich­nen des Fol­gen­den benutzt. Das einzig Spon­tane an seiner Folge war von da an seine vari­ierende Hand­schrift und auch bei der ließen sich Muster festmachen.

Die Zahlen gestal­teten ein sicheres Zim­mer in dem Haus, in dem er mit der Men­schheit lebte.

Drei. Fünf.

Doch in all der Sicher­heit hatte er schließlich den Riss in der Wand ent­decken müssen. Er war so alt, nicht mehr zu sehen, nur beim langsamen Berühren der Zahlen fühlte man seine Präsenz. Aber da war er, und beim ersten Kon­takt hatte er sich bei ihm fest­ge­setzt. Jetzt ließ er ihn nicht mehr los. Wo die math­e­ma­tis­chten Denker ein­fach weit­er­zo­gen zu hehren Zie­len, schrie es ihm entgegen:

Es gab keinen Anfang.

Acht. Dreizehn.

An den Anfang hatte man die Null gesetzt, danach selb­stver­ständlich, wie es scheint, die Eins. Danach lief wieder alles regel­recht ab, nur diese ersten bei­den Zif­fern hiel­ten sich an nichts. Nur eine Episode, Null. Eins. Pures Chaos, aus dem alles entstand?

Ein­undzwanzig. Vierunddreißig.

Wenn die Anfänge nicht richtig waren, wie kon­nten sie dann solche ide­alen Regelmäßigkeiten her­vor­brin­gen, die schließlich die Welt erk­lären kon­nten? War die Ord­nung der Nach­fol­gen­den gar eine Illu­sion, die sich Suchende wie er in die unglück­liche Zufäl­ligkeit gesetzt hat­ten, um sich daran festzuhal­ten? Null. Eins. Erste in einer Welt von Chaoten? Vielle­icht hatte Fibonacci einen Fehler gemacht, oder ein­fach zu früh aufge­hört. Hatte er es über­haupt als fer­tig ange­se­hen? Null. Eins. Großes scheit­ert immer am Anfang, nie am Ziel. Noch nie hatte er von etwas gehört, das fer­tig war und plöt­zlich falsch.

Fün­fund­fün­fzig. Neunundachtzig.

Die Zahlen waren nicht mehr sicher, jetzt wo er sah, wie brüchig ihre Grund­festen waren. Aber er kon­nte schließlich auch nicht hin­aus, so weit hatte er sich fro­hen Mutes einge­mauert, ohne eine Tür zu lassen. Mit fes­ten Füßen in ungewusste Fehler einbetoniert.

Die Unruhe wuchs in ihm, er set­zte sich, um ein paar neue Zahlen zu notieren. Ein­hun­dertvierund­dreißig. Zwei­hun­dert­dreiundzwanzig. Unter seinen geschlosse­nen Lid­ern prangte der Spalt. Wieder auf­ste­hen, um ihn zu unter­suchen. Null. Eins. Die unbeschrieben­ste, ursprünglich­ste aller Dichotonien: Nein. Ja. Nicht. Schon. An den Anfang der größt­möglichen Har­monie hatte jemand den ulti­ma­tiven Gegen­satz gesetzt und ihm dann an den Kopf gewor­fen. Es waren immer solche Momente gewe­sen, in denen er an höhere Wesen glaubte. Der Demi­urg musste ein Sadist sein.

Drei­hun­dert­siebe­nund­fün­fzig. Fünfhundertachtzig.

Die per­fekte Reihe musste sich doch wehren, ihren lach­haften Ursprung zumin­d­est im Nach­hinein ver­ban­nen. Aber die Zahlen liefen weiter, keine Entschle­u­ni­gung, kein Blick zurück. Den ließen sie ihm über, so musste er wohl ihre Rache führen. Aus­brechen, Ein­brechen. Zum Ein­stürzen brin­gen? Die Ord­nung in ihrem Ursprung zuführen. Weit­er­schreiben, die Zahlen zum Vorschlagham­mer for­men. Anheben.

Neun­hun­dert­siebe­nund­dreißig. Ein­tausend­fünfhun­dert­siebzehn. Zweitausend­vier­hun­dertvierund­fün­fzig. Dre­itausend­ne­un­hun­dertei­n­und­siebzig. Sech­stausend­vier­hun­dert­sech­sund­ne­un­zig. Null. Eins.

Null. Eins.

Null. Eins.

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Dieser Text ist Teil des Pro­jekt .txt auf neon|wilderness, Wort “Wahn.”

  

 

raum und leere,

kör­per und ton.

 

wir nehmen, was wir müssen

nicht­sein dür­fen wir nicht

noch mehr exis­tenz ist

gezwun­gener­maßen sinn

wir müssen, was wir dürfen

wer­fen unsselbst in die waagschale

wir, wir, wir sind das mate­r­ial dieser zeit

nichts­destotrotz enden wir, abundzu

im jahr null wer­den wir immer neu wir

kollek­tive trauer ist unser sieb, wir sind geschliffen

wir, wir, wir, jetzt ohne euch

 

kör­per und ton,

raum und leere.

 

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Der vor­liegende Text ist ein Beitrag zum Pro­jekt .txt, Stich­wort “nichtsdestotrotz”.

Eines Tages war er weg. Natür­lich hatte er nicht gesagt, dass er bleiben würde, aber nach all den Feiern und Fes­tre­den war er geblieben für den bloßen All­tag, also war er irgend­wie einer von uns gewor­den, allmäh­lich. Oder nicht.

Er hatte es gebracht und alles war schnell gewor­den in uns, um ihn herum. Er war in das Gästez­im­mer des Hauses gezo­gen und hat aus dem Fen­ster auf den Garten geschaut, viele Stun­den. Dann, im Früh­ling hat er unsere Arbeiten im Garten von dort aus kom­men­tiert, aber das war das Unsere, da waren wir die Weit­eren, er kon­nte uns in dieser einen Sache nichts zeigen. Was ihn trau­rig machte, auch wenn er es nie zeigte. Immer hatte er ein stolzes Gesicht her­vorgekehrt, wir waren doch die Seinen gewor­den. Vielle­icht war er deswe­gen gegan­gen. Weil wir etwas wussten, was nicht er uns gegeben hatte. Wer wir nicht nur die Seinen waren, vielleicht.

Wenn die Tage kürzer wur­den, wurde er immer höheren Mutes, da war sein Lachen ein echtes. Beson­ders an den stür­mis­chen Aben­den ging es ihm gut. Wenn wir uns in einem der großen Zim­mern zusam­menset­zen um den Kamin, schien er wieder von sich überzeugt.

Waren diese Stun­den nicht genug? Anfangs waren sie es sicher, aber Zeit macht unempflindlich gegen das Glück. Was irgend­wann ein­mal vielle­icht genug war, reicht später nicht, darum. Und jetzt war er weg, deswe­gen wohl, er hatte sich zu sehr an unsere guten Momente gewöhnt, war immun gewor­den gegen guten Willen. Wir hat­ten keinen Effekt mehr, nicht auf ihn und — der Schnelle, mit der die Reak­tion auf sein Nicht­mehrda­sein in Gle­ichgültigkeit unterg­ing — nicht auf uns. Es war Betrug an uns prome­this­chen Men­schen, dass er nicht mehr da war, soviel war sicher. Aber wer uns bet­rog, dessen waren wir uns nicht mehr klar.