augenlicht

Mein Augen­licht hatte ich in der Schule vergessen, weshalb ich am Heimweg das Elend, das mir ins Gesicht sprin­gen wollte, nicht bemerkte und fol­glich links liegen ließ.
Als ich am näch­sten Tag wieder sehen wollte, war es schon mit jemand anderem gegan­gen und ich blieb weit­er­hin allein.
In Betra­cht der weit­eren Geschehnisse wohl besser so. Denn das Elend wurde gemütlich und undurch­sichtig. Als dieser andere, mit dem es mit­ge­gan­gen war, erkan­nte, was es war, näm­lich das Elend und nicht etwa eine selb­st­be­fül­lende Dose Bier, ließ er es eben­falls bald – nahezu mit sofor­tiger Wirkung – links liegen, während dieser andere rechts weit­erg­ing. Was das Elend wütend machte und es dazu brachte, ihm mit hitzigem Geheul zu fol­gen. Was wiederum keinen ger­ade ruhi­gen Schlaf gewährleis­tete, wie der andere mir später ges­tand, als wir Fre­unde gewor­den waren. Und ruhiger Schlaf, der war und ist mir immer schon entschei­dend gewe­sen.
Von all dem wusste ich nun aber nichts. Ich war daher betrübt. Und wie das so ist, führt die Betrübtheit zu nichts, außer Kurz­schlussreak­tio­nen.
Meinen Schuldigen an der Mis­ere fand ich und begann daher immer häu­figer, mein Augen­licht nach dem Unter­richt mit den Filz­pantof­feln in den Spind zu sper­ren. So über­sah ich das meiste und erlebte ebenso viel.
Anfangs machte mir das Dunkel noch Angst, ich bereute mein Tun spätestens zuhause bei den auftre­tenden Prob­le­men mit den Auf­gaben. Auf so einen dun­klen Tag gab ich mein Augen­licht wochen­lang nicht aus der Hand.
Doch es war auch aufre­gend und so tat ich es immer wieder und häu­figer. Bald wur­den meine Schritte sicherer und mit etwas Geschick und List lernte ich auch im Unter­richt unter dem Radar zu bleiben, was mir die ewigen Predigten der Lehrer mein Augen­licht betr­e­f­fend ersparte. Ich kam also ganz gut durch.
Ich schaffte es, durch Übung und Präzi­sion, die notwendige Langsamkeit zur Gra­zie zu for­men und aus meiner Bewe­gung ohne mein Augen­licht ein Marken­ze­ichen zu machen. Mit den Zeiten legte ich auch das let­zte Stolpern ab, behielt mir aber die Dis­tanz, ich war für alle stets in Sichtweite, aber auch nie näher. Als ich meinen Abschluss machte, war ich unfass­bar gewor­den.
Die darauf­fol­gen­den Jahre waren von einem strahlen­den Erfolg geprägt. Mein Augen­licht trug ich jetzt nur noch zu Anlässen. Bei diesen erk­lärte man mir dann stets unisono, wie glänzend dieses nicht sei, wie neu würde ich ausse­hend, unwis­send, wie neu mir mein Augen­licht in Wirk­lichkeit war. So eroberte ich in einer unge­se­henen Leichtigkeit Gesellschaften, in denen ich meiner Herkunft nach nicht ein­mal Sekt servieren hätte dür­fen. Aber mein Auftreten war in diesen Kreisen schnell zu einer Sen­sa­tion gewor­den und einem Spek­takel stellt man keine Fra­gen, man liest ihm Wün­sche von den Augen ab. Da ich keine hatte, nah­men sie mich her­zlich auf und reichten mich durch die Ränge, bis ich eine Posi­tion erre­icht hatte, die auch für mich ergiebig war.
Meine auftre­tende Unzulänglichkeit in Mode– und prinzip­iellen Farbfra­gen über­spielte ich mit einem Schwur auf schlichte Ele­ganz, mit schwarzen Anzü­gen kon­nte man glück­licher­weise noch nie etwas falsch machen, was mir mein Augen­licht bei der Geburt­stags­feier meines altern­den Förder­ers, dessen Geschäft ich bald darauf übernehmen sollte, bestätigte.
In der Posi­tion, die ich in diesem Unternehmen über­nahm, wurde mein wahres Tal­ent offen­sichtlich: Bauchentschei­dun­gen. Ich hörte mich über­all um und fol­gte dann blin­d­lings meinem Gefühl und ließ danach agieren. Ich war ein Genie des Delegierens, ich war der unent­behrliche Mit­tel­mann und tanzte am Par­kett zwis­chen großen Män­nern und großen Infor­ma­tio­nen hin und sehr, so andächtig, dass mir viele bald aus freien Stücken ihre Fäden in die Hände legten.
Meinen Auf­stieg durch die Gesellschaften kon­nte also kein Ein­halt geboten wer­den. Denn sie alle ver­trauten meinem Auftreten, meinem Antlitz, und ich entsch­ied mich dazu, sie nicht zu ent­täuschen. Also kam ich ganz gut durch.
Nach vie­len Jahren gab ich Anfang diesen Jahres die Führung des Unternehmens meines Gön­ners, welches ich ganz zu meinem Geschäft gemacht hatte, ab und bezog am sel­ben Tag meines Rück­zugs aus dem Tages­geschäft einen Auf­sicht­srat­sposten. Und so tanzte ich auch dieses Jahr auf allen Par­ketts, die in meiner Branche von Bedeu­tung sind, Das war ein Glücks­fall, wahrlich, denn es stellte sich bald nach meiner Pen­sion­ierung her­aus, dass ich mich zuhause, als ich länger alleine und untätig war, nach meinem Augen­licht sehnte und begann, es immer häu­figer aufzuset­zen.
In mir wuch­sen Erin­nerun­gen an meine Kind­heit, als ich noch gedanken­los mit ihm durch die Welt ging. So trug ich mein Augen­licht wieder mit ansteigen­der Regelmäßigkeit. Das besän­ftigte meine Ret­ro­spek­tive für eine Weile, doch als ich bemerkte, dass meine wach­sende Sen­ti­men­tal­ität zunehmende Gebrauchsspuren an meinem Augen­licht hin­ter­ließ, saß der Schock tief. Ich sper­rte es rasch wieder ab und nahm mir vor, es in Zukunft noch spär­licher auszuführen.
So sah man mich wieder öfter in meinem alten Büro, wo ich allen hil­fs­bereit im Weg herum­stand, bis meine Nach­fol­ger einge­s­tanden, dass sie auf meine blinde Gewis­sheit nicht verzichten woll­ten, ja, nicht kon­nten, weswe­gen sie mir einen Berater­posten anboten. Die Feier­lichkeiten ließ ich allerd­ings immer mehr unbe­sucht ver­stre­ichen. Ich wollte mein Augen­licht nicht unnötig stra­pazieren und ohne entsprach es nun wirk­lich nicht der Abendgarder­obe.
Doch ich hatte in den let­zten Monaten das Gefühl, seit man mich nur noch im Büro, also nur noch ohne mein Augen­licht antraf, began­nen die Men­schen, den Respekt, den sie mir ent­ge­gen­brachten, von mir abzuziehen. Natür­lich wurde auch jetzt noch jeder Rat, jeder Tipp, den ich von mir gab, minu­tiös umge­setzt, doch mir schien es, als ob sie es nur noch einer Idee von mir zuliebe taten, das aktuelle Ich, das war ihnen unver­ständlich gewor­den. Es war, als ob mit meinem Augen­licht auch das ihrige von der Bild­fläche ver­schwun­den war.
Allerd­ings kon­nte ich bisher mit diesem Gefühl gut leben und wollte keine Gedanken an mein Augen­licht oder an das Augen­licht anderer ver­schwen­den. Seit Monat­san­fang stürzte ich mich daher auf die Umstruk­turierung, die ich vor Jahren angedacht, aber auf­grund des Fehlens des richti­gen Umset­zers vor mir hergeschoben hatte. Nun, da ich das Tages­geschäft abgegeben hatte, würde ich das selbst erledi­gen, dachte ich. Und ich ging mit fes­tem Fuß ans Werk. Es geschah das, was ich mir erhofft hatte: Ich hatte eine neue Obses­sion gefun­den. Aber bald erkan­nte ich, mit welcher Mühe es ver­bun­den war, ohne Augen­licht tätig zu sein, ich ver­wand meine ganze Kraft darauf.
Vor zwei Wochen zog ich mich aus dem Büro zurück, der Anfahrtsweg schien mir eine über­flüs­sige Ver­schwen­dung meiner Arbeit­szeit zu sein. Zuhause stand mir dage­gen nichts im Wege, den ganzen Tag mit dem Pro­jekt zu ver­brin­gen. Irgendwo musste die Umstruk­turierung ja begin­nen.
So, ver­tieft in die sys­tem­a­tis­che Verän­derung der Welt um mich, fan­den mich die Beamten vor, als sie heute um 11:15 läuteten. Sie mussten es mehrmals ver­suchen, bis ich sie hörte. Die let­zten Nächte hat­ten zu wenig Schlaf gese­hen, denn das Pro­jekt nahm For­men an.
Ich hörte den einen, älteren Beamten etwas Län­geres sagen, doch ich ver­stand nur, dass sie mich baten, sie auf das Revier zu begleiten. Schnell stimmte ich ein und zog mir die Schuhe an. Ob ich noch etwas anziehen wolle, fragte der jün­gere Polizist, dafür wäre genug Zeit. Ich über­legte kurz, aber nein, das war kein Anlass für Fes­tk­lei­dung. Ich zog also nur eine Wind­jacke über.
Im Auto herrschte Stille. Ich wusste sie nicht zu deuten, da ich nicht wusste, zu welchem Zwicke sie mich abge­holt hat­ten. Durften sie nicht mit mir sprechen, wenn ich auf der Rück­bank eines Polizei­wa­gens saß?
Ein Luftzug war spür­bar, als der Mann vor mir sein Fen­ster öffnete. Er, es war der jün­gere, fragte, ob das in Ord­nung sei. Ich bejahte. Bei­s­tand zur Staats­ge­walt, ich sah mich und meine Sit­u­a­tion im Aufwind. Ich schien ganz gut durchzukom­men.
Als wir am Revier zum Hal­ten kamen, schien es mir, als wollte einer der bei­den mir die Tür aufhal­ten, was mich wun­derte, aber ich war schneller und stand schon neben dem Auto, als er bei mir ankam.
Beim Betreten des Gebäudes kam mir erst­mals der Gedanke, dass es ver­mut­lich hil­fre­ich wäre, zu wis­sen, weshalb ich hier war. Worüber sie mit mir sprechen woll­ten.
In ruhiger, beruhi­gen­der Stimme des Älteren wurde der Name meines besten Fre­un­des genannt und, dass ich jetzt sehr stark sein müsse. Ich ver­stand es nicht und als sie weit­ergin­gen in den näch­sten Raum, kon­nte ich ihnen nicht fol­gen. Ein Beamter nahm mich am Arm. Ich müsse jetzt sehr stark sein, wieder­holte er.
Man hatte ihn heute Mor­gen im Park gefun­den. Kopf­schuss, mit­ten durch die Ohren. Das Elend kni­ete neben ihm, als man ihn wegtrug. Ich ver­stand auch das nicht und fragte, was sie denn bitte von mir woll­ten, das solle man mir doch mit­teilen. Iden­ti­fizieren, wenn es geht. Ich war als seine Ver­trauensper­son einge­tra­gen, auf einem Zettel, zusam­mengeknäult in seiner Geld­börse.
Es war ein Anlass. Ich kon­nte ihn nicht iden­ti­fizieren, ich hatte mein Augen­licht zuhause gelassen. Ich wusste nicht, was zu tun war. Anscheinend zit­terte ich, denn der Ältere legte seine Hand auf meinen Arm. Mein Atem beruhigte sich aber nicht, auch nicht, nach­dem eine zweite Hand auf mir zu ruhen kam.
Ich brachte kein Wort her­aus, ich wusste nicht, was ich tun kon­nte. Sollte ich der Polizei vielle­icht sagen, dass ich mir nicht sicher war? Nein, das würde mir nie­mand abkaufen. Entweder er war es, oder er war es nicht.
Ich sollte ihnen ein­fach sagen, dass ich nicht fähig war, meinen Fre­und zu erken­nen. Schlicht. Das war alles, was ich tun kon­nte, tun musste. Aber das kon­nte ich nicht, das würde alles zer­stören, mein Leben, wie ich es kan­nte, wäre vor­bei, wenn ich zugeben müsste, ohne mein Augen­licht auszukom­men. Zwick­mühle. Der Griff an meinem Arm wurde fes­ter und auch das Zit­tern. Vielle­icht zit­terte ich nicht, vielle­icht schüt­telte der Mann mich auch, damit ich zu reden begänne. Nicht ein­mal das kon­nte ich unter­schei­den. Ich hatte mein Augen­licht zuhause gelassen. Ich würde geste­hen müssen.
Doch die Polizis­ten kamen mir zuvor. Mein Beileid, presste der Jün­gere wie einen Befehl zwis­chen den Lip­pen her­vor. Es klang aufrecht, so als ob er es ehrlich meinte, aber bis jetzt nicht die richtige Form dafür gefun­den hätte.
Sie hat­ten mich aus der Affäre gezo­gen, meine kör­per­liche Reak­tion inter­pretiert, so dass ich kein Wort sagen musste. Entspan­nung. Ich hörte, wie eine Decke über etwas Kaltes gezo­gen wurde, wie sie für einen Moment an der Nase hän­gen blieb und sie im näch­sten Moment zudeckte, für immer.  Vielle­icht.
Ich drehte mich um und ging, nach­dem ich mich vom Griff der Beamten gelöst hatte, wort­los. Ich nahm exakt den sel­ben Weg zur Tür, auf dem ich herein gekom­men war. Als ich die Tür hin­ter mir ins Schloss fallen hörte, fing ich an zu laufen. Mein bester Fre­und war vielle­icht tot.
Ich wurde blind schneller, ich kan­nte ja den Weg. Vielle­icht. Ich ver­stand nichts mehr, weil ich mein Augen­licht nicht abnutzen hatte wollen. Hatte ich jemals ver­standen? Wie kon­nte ich glauben, irgen­det­was zu wis­sen, irgen­det­was zu ken­nen, Men­schen oder das Geschäft, wenn ich meinen Augen nicht trauen kon­nte? Die Leute in der Firma, am Par­kett hat­ten mir ver­traut, mein Fre­und nan­nte mich vielle­icht gar seine Ver­trauensper­son. Ich beschloss, sie nicht zu ent­täuschen.
Ich beschle­u­nigte meinen Schritt, ich würde nach Hause laufen und meinem besten Fre­und, wenn er es denn war, die Ehre erweisen, samt meinem Augen­licht. Schneller. Und von da an würde ich es wieder mit mir führen, denn woher wusste ich denn, was die Men­schen um mich wirk­lich taten? Fol­gten mir die Beamten? Vielle­icht. Schneller. In die näch­ste Straße links ein­biegen, dann ger­adeaus. Ich dachte daran, einen kleinen Umweg zu nehmen, um die Ver­fol­ger abzuschüt­teln, aber schon im näch­sten Moment ver­warf ich die Idee eiligst wieder. Sie hat­ten ja ihr Augen­licht, das brächte also nichts. Stattdessen wech­selte ich die Straßen­seite. Nicht so hek­tisch, ich fühlte Schwindel auf­steigen. Sie kon­nten nicht. Da war nie­mand. Mein bester Fre­und war vielle­icht tot. Nie­mand war da. Ich beruhigte mich etwas, musste einen Fuß fest auf den Boden set­zen. Schwinden.  Vor­sicht üben, ich wollte nicht stolpern, also blieb ich ste­hen.
Mein bester Fre­und war vielle­icht tot. Ich hörte wieder die Decke, die mich zudeckte, kurz.
Ich sollte Blu­men kaufen. Vielle­icht würde ich ja jetzt das Elend sehen, vielle­icht, jetzt wo er weg war, war es immer­hin allein. Sie hat­ten gesagt, es war im Park gewe­sen. Ich hatte das Gefühl, es war noch in der Gegend.

2015-12-08 18.03.25-2

Her­bert Fritsch, der ehe­ma­lige Castorf-Mime und mul­ti­me­di­aler Genius der Büh­nenkunst, insze­nierte zum ersten Mal in Wien. Mit Molières let­ztes Hurra, dem einge­bilde­ten Kranken, liefert er ein Gesamt­spek­takel ab.

Das erste Wort, dass mir in den Kopf kam, als die typ­is­chen für Fritsch sehr schrille Insze­nierung, die ebenso typ­isch neon­bunt ausstaffiert ist, begann, war Spieluhr. Wie eine Spieluhr startet das Stück gle­ich mit voller Geschwindigkeit los, es gibt keine sachte Ein­führung, kein Gewöh­nen. Und wie in einer Spieluhr funk­tion­ieren alle Fig­uren samt ihren Bewe­gun­gen ent­lang unsicht­baren Bah­nen im Takt des omnipräsen­ten Cembalo-Stacchatos. Drei Cem­ba­los bilden auch das Büh­nen­bild, von ihnen geht die Struk­tur der gesamten Insze­nierung aus.

In einem so mech­a­nisierten Büh­nen­stück muss natür­lich am sehr umfan­gre­ichen Text ges­part wer­den, was zwar zu manch kleiner Undeut­lichkeit und Unschärfe führt, aber der Unmit­tel­barkeit der Auf­führung in die Hände spielt. Ger­ade Joachim Mey­er­hoff als Mon­sieur Argan kann seine große kör­per­liche Spiel­weise und seine fast schon charak­ter­is­tis­che zum Wahnsinn tendierende Verzwei­flung hier voll zur Gel­tung brin­gen und tänzelt so um die schon längst offen­baren Tat­sachen der Untreue seiner Frau, die mit unglaublich packend-reißendem Dik­tum als met­allisch anmu­tende Bal­lettpuppe spie­lende Dorothee Hartinger, oder allem voran natür­lich den falschen diag­nos­tis­chen Spie­len seiner vie­len Ärzte herum.

Der Automa­tismus, mit dem sich die Bewe­gun­gen und die manches Mal ras­ant her­vor­sprudel­nde Sprache auf der Bühne ent­fal­ten, trans­portiert den Geist des Modus Comédie fran­caise — die Dra­men­gat­tung, nicht das The­ater­haus — in die Gegen­wart, ohne dem wohl schon ver­staubten Tanzthe­ater nachzuweinen. Es ist das Tänzeln, aus dem diese Insze­nierung ihre Energie gewinnt und aus dem der Kon­nex zum aktuellen Selb­stver­ständ­nis ent­nom­men wer­den kann: Wir sind vielle­icht nicht so gut­gläu­big wie Ardan oder gar so medi­zinkri­tisch wie das Haus­mäd­chen Toinette, genial gespielt vom einge­sprun­genen Markus Meyer, aber doch tänzeln wir wie die Fig­uren Molières um Diag­nosen, unwillig und unfähig vielle­icht, zur Ruhe zu kom­men. Der Takt des Cem­ba­los ist der Takt einer Welt, die sich auch ohne die Kranken wei­t­er­dreht und diesem Takt muss Folge leis­ten, wer nicht zurück­bleiben will. Und wem das Tak­t­ge­fühl abhan­den kommt, für den liegen die passenden Mit­telchen, Klistierchen und Injek­tio­nen schon bereit.

Natür­lich lässt Fritsch viel Tex­tim­ma­nentes außen vor. Aber das ist, was Insze­nierun­gen tun: Konzen­tra­tion auf Aspekte, was schon impliziert, das andere Aspekte aus dem Fokus ger­aten oder weg­fallen. Bei allen inhaltlichen Schwach­stellen, die Konzen­tra­tion auf Struk­tur und Modus ist auf voller Länge gelungen.

 

Merken

Dass wir alt wurden,

merkte man in ihrem Gesicht

nicht in ihrem Gesicht

aber in ihrem hundsmü­den Blick.

 

Müde waren sie früher nicht,

unsere grauen Augen,

ihre Augen, ihre Augen

waren hellwach, bis sie

nicht mehr waren.

 

Jetzt sind sie müde,

ihre alten Augen,

und man sieht mir an,

dass wir daran leiden.

dys101

Eine Bar. Ged­immtes Licht, rauchge­dunkeltes Inte­rior aus Holz, es blitzen nur die gold­e­nen Zapfhähne auf, ab und an, aus dem Stim­mengewirr tönen nur die zusam­men­stoßen­den Kugeln auf den Bil­liardtis­chen her­aus. Eine Bar.

Er tritt ein, hin­ter ihm fliegt die Tür zu, er kann ger­ade noch einen Schritt vor­wärts machen, um seine Achilles­ferse vor dem Schlag des Flügels zu schützen. Vielle­icht ist das eine Tak­tik, Unentschlossene so einen ganzen Schritt hinein ins Lokal zu zwin­gen. Da entschei­det man sich gle­ich viel leichter, zu bleiben. Alles ist Marketing.

Diese Gedanken gehen Vik­tor zwar wie immer durch den Kopf, allerd­ings in enier mit High­speed kom­prim­ierten Form, während sein Blick schon durch den Raum, bei den üblichen Verdächti­gen anhal­tend, rast und nach einem Schild mit der neon­leuch­t­en­den Auf­schrift “WC” sucht. Noch ist dies nicht von Erfolg gekrönt und er wäre trotz rapide steigen­dem Harn­drangs schon wieder geflo­hen, wäre da nicht der Mar­ket­ing­gag mit der zufliegen­den Schwingtüre gewe­sen. Vik­tor steht also mit­ten in einer Bar, einem Etab­lisse­ment, in dem vor­rangig Bier aus­geschenkt wird. Noch immer kein Hin­weis auf Toi­let­ten. Alles wird dun­kler, außer den Zap­fan­la­gen, die noch stärker im Gold­blitz ste­hen. Er erin­nert sich plöt­zlich an all jene trau­ma­tis­chen Kind­heit­serin­nerun­gen, aber nicht mal die sind genug, um seine höfliche Angst zu über­winden und ein­fach zu fra­gen, nein. Die Angst davor, jeman­dem zur Last zu fallen, ist für Vik­tor größer als alles. Höflichkeit trumpft sogar nasse Hosen.

Doch dann ein Wun­der! Der Bar­keeper nickt wis­send und deutet zum hin­teren Ende des Raumes, dort wo im Halb­dunkel Bil­liard­kugeln aufeinan­der­stoßen. Er ver­steht und Vik­tor folgt dankbar seinem Weis. Schnell geht er vor­bei an beset­zten Tis­chen und an auf Hoch­touren laufenden Spie­len  — im Augen­winkel sieht er einen Alten blöf­fen — ins hin­ter­ste Eck, wo eine kleine Tafel, ganz ohne Neonauf­schrift, das Bad auss­childert. Das Ziel vor Augen.

Hi!”

Vik­tor sieht die Stimme nicht, nur die ein­mal weiß gewe­sene Tür mit dem Män­nchen darauf, er muss erst seinen Blick enttunneln.

Hi!”

Eine Stimme aus der Abteilung Pro­duk­t­de­sign. Er lächelt, deutet aber seine präkere Lage an, es wird genickt und gelächelt. Erle­ichtert biegt er ein.

Ein­treten, absper­ren. Freiheit.

Die Wände der Kabine sind beschmiert. Der schmale Auf­bau provoziert aus der sitzen­den Per­spek­tive ger­adezu claus­tro­pho­bis­che Gedanken.

Vik­tor taucht in den Bild­schirm in seine Hand ab, um diese Gedanken abzuschüt­teln, braucht es die unendlichen Weiten des Inter­nets. Danke Steve Jobs und wer auch immer das Genie hin­ter dem Android-System ist. Ihr habt die gefühlt ewigen Aufen­thalte auf öffentlichen Toi­let­te­nan­la­gen zwar zeitlich expo­nen­tiell ver­längert, die Zeit in den engen Kästen aber erst richtig über­leb­bar gemacht. Vik­tor ist immer geneigt, eine der Num­mern anzu­rufen, nur um zu sehen, wer abhebt. Er weiß, dass es dumm ist.

Ohne es zu merken, hat er die Zif­fern getippt. Aber er hat genug Eigenbes­tim­mung, um nicht zu wählen. Stattdessen öffnet er das SMS-Fenster, vielle­icht will er später noch schreiben, aber im Moment beschäftigt ihn schon wieder ein anderer Gedanke:

Wie heißt “Hi!” vom Produktdesign?

FADEOUT.

Expo 2015: Kultur und Inhalte

Nach­dem ich bisher über die räumlich-ästhetische Seite der Expo 2015 in Mai­land geschrieben habe, will ich nun ein paar Worte zu inhaltlichen Aspek­ten sagen.

Mit dem aus­geschriebe­nen Thema “Feed the Planet — Energy for Life” war erst­mal nur eine grobe Rich­tung vorgegeben, die Marschroute bes­timmten aber die Län­derteams selbst. Und diese Routen fie­len wie zu erwarten sehr unter­schiedlich aus: Unter dem Deck­man­tel der nach­halti­gen Nahrungsmit­tel­pro­duk­tion wird von ural­ter Esskul­tur bis zu neuen Bewirtschaf­tungskonzepten alles präsen­tiert. Deut­lich ist, dass bei diesem Thema, welches alle in gle­ichem Maße angeht, die bloße Selb­st­darstel­lung zumeist in den Hin­ter­grund tritt oder zumin­d­est mith­ilfe einem pro­duk­tiven Inhalt gezeigt wird. Bis auf einige wenige Aus­nah­men wurde in allen Pavil­lions ver­sucht, uni­ver­sal anwend­bare Gedankengänge anzus­toßen, manch­mal nach dem Motto “So machen wir’s — so kön­ntet ihr es auch machen”, in anderen Fällen eher nach dem Muster “Dieses Prob­lem gibt es, das sind unsere Ideen wie wir es (gemein­sam) ange­hen können”.

Vor­wärts oder zurück, das ist hier die Frage

Der Großteil der am besten real­isierten Konzepte sind von jener Sorte, die nach neuen Möglichkeiten für die Zukunft suchen, doch auch bei jenen, die auf Altherge­brachtes hin­weisen, gibt es span­nende und dur­chaus all­ge­mein anwend­bare Ansätze.

Im kore­anis­chen Pavil­lion, den ich im vorheri­gen Text schon erwähnt habe, wer­den Inter­essierte mit dem Begriff Han­sik, einer alten kore­anis­chen Nahrungsmit­telkul­tur, ver­traut gemacht. Da es hier­bei viel weniger um ein Rezept oder bes­timmtes Gericht als um eine aus­bal­ancierte Ernährungs– und Zubere­itungsart geht, lässt sich das Konzept Han­sik — so die Prämisse — auch in anderen Gegen­den der Welt umsetzen.

Eine andere Art von Bal­ance bildet das Herzstück des bel­gis­chen Pavil­lions. Nach eini­gen bel­gis­chen Kul­turgütern, wie dem Atom­ium, das natür­lich auf keiner Expo fehlen darf, steht man eini­gen zunächst recht kom­pliziert anmu­ten­den Appa­ra­turen gegenüber, die mit­tels Zeich­nun­gen an den Wän­den aber Schritt für Schritt erläutert wer­den und deren im End­ef­fekt sim­ples Prinzip ist, Tier­hal­tung und Anpflanzung zu kom­binieren. So entsteht eine Sym­biose — die Pflanzen geben Nährstoffe ins Wasser des unter­halb situ­ierten Fis­chtank ab, welche die Fis­che ernähren, während deren Fäkalien als Dünger für die Pflanzen fungiert. Anwen­dung soll dieses Prinzip vor allem in immer größer wer­den­den Städten finden, in denen immer mehr Men­schen Lebens­mit­tel benöti­gen, während gle­ichzeitig der Platz zur Erzeu­gung eben dieser Lebens­mit­tel ras­ant knap­per wird. Mit neuen Ideen und Tech­niken wie dieser soll der noch vorhan­dene Raum effizien­ter genutzt und gle­ichzeit neue Pro­duk­tion­sorte erschlossen wer­den. In eine ähn­liche Kerbe schla­gen auch die Nieder­lande in ihrem sehr offe­nen, wie ein Kiosk gestal­teter Pavillion.

Wie sicht­bar soll Wer­bung sein?

Israel blickt mit­tels Filmvor­führung durch die eigene harte, weil trock­ene Agrargeschichte und gibt so Ein­blicke in Bewässerung­stech­niken, die das Land zu einem der größten Gemüse­ex­por­teure gemacht hat. Dass das Ganze wie eine Wer­bekam­pagne der Touris­mus­branche aufgemacht ist, gibt der Sache allerd­ings einen ros­ti­gen Beigeschmack. Ähn­liches stellt sich nach dem Besuch des Mala­y­sis­chen Pavil­lions ein. Beson­ders geschickt hat Polen gehan­delt, gle­ich zu Beginn der Ausstel­lung liegen Infoblät­ter, Flyer und ähn­liches der Hotel­lerie, von Flugge­sellschaften und Attrak­tio­nen auf.

Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass solche Ansätze den Ausstel­lun­gen nicht per se schaden, es aber doch besser ankommt, wenn das Mar­ket­ing etwas besser ver­steckt wird. Es ist klar, dass die Pavil­lions die hohen Kosten durch Wer­bung fürs eigene Land wieder here­in­spie­len sollen, deshalb ja auch die zahlre­ichen Sou­ve­nier­shops und Spezial­itä­ten­cafés, aber das Thema in den Vorder­grund zu stellen, tut der Au0enwahrnehmung gut und ist daher wohl kura­torisch schlau.

In diesem Sinne inter­es­sant ist die Gestal­tung des öster­re­ichis­chen Pavil­lions. Inhaltlich wird ver­mit­telt, wie entschei­dend Baumbe­stand für die Erhal­tung guter Atem­luft ist. Doch wie dies ver­mit­telt wird ist dur­chaus inspiri­ert: Durch das Verpflanzen von rund hun­dert öster­re­ichis­chen Bäu­men, die nach eigener Angabe in der Stunde genug Sauer­stoff für 1800 Men­schen erzeu­gen, ent­stand eine schat­tige, kühle Wal­doase, die in der ital­ienis­chen Som­mer­hitze sehr wohltuend wirkt. Mit dem Slo­gan “Breathe Aus­tria” verse­hen, ver­mark­tet man so Luft, pro­duziert von öster­re­ichis­chen Bäu­men, ergo bewirbt man öster­re­ichis­che Luft. Nichts muss verkauft wer­den, die Natur ver­mark­tet sich quasi selbst.

Ansicht Österreichs Pavillion

EU bleibt hin­ter den Möglichkeiten und ent­täuscht mit rück­ständi­gen Gesellschaftsbild

Alle diese Chan­cen sich in ein gutes, fortschrit­tliches Licht zu rücken, hat­ten auch die Ver­ant­wortlichen, der EU-Ausstellung. Doch anstatt sie mit all ihren Ressourcen zu nutzen, stellt der Pavil­lion zumin­d­est für mich die größte Ent­täuschung am ganzen Gelände dar.

In einem an sich gut pro­duzierten Film wird die Geschichte von Sylvia und Alex erzählt. Diese ist der­art het­ero­nor­ma­tiv und sex­is­tisch, dass man während der Vorstel­lung per­ma­nent auf den großen Twist wartet, der all diese Missstände irgend­wie wieder zurechtrückt. So ein Twist kommt aber nicht: Sylvia will seit Kind­heit­sta­gen Wis­senschaft­lerin wer­den, wird das auch mit einigem Erfolg, Alex will und wird Land­wirt. Doch laut Nar­ra­tiv fühlen sich beide offen­bar allein nicht auf Dauer funk­tion­stüchtig. Welch Glück, dass die Oma, ihres Zeichens Bäck­erin auf Urlaub will, und Sylvia das Geschäft über­lässt. Hier begin­nen die Kon­tro­ver­sen. Da sie nicht backen kann, braucht sie natür­lich den starken Land­wirt, um es ihr beizubrin­gen und sie aus ihrem Elend zu ret­ten. Fast schon zwang­haft ver­liebt sie sich in ihn und baut mit ihm in Folge ein lokales Bauernhof-Bäckerei-Restaurant.Imperium auf. Der Kit­tel der Forschung hängt von da an natür­lich in der Ecke. Zwar darf sie auf dem Hof noch vor sich hin exper­i­men­tieren, aber ihr Platz ist nun in der Küche oder dem Geschäft, an der Seite ihres Mannes.

Soweit die Geschichte. Der Film, betitelt “The Golden Ear”, spielt nicht mit den Stereo­typen, die er bedi­ent. Die Frau darf zwar Wis­senschaft­lerin wer­den, aber nur, bis sie einen Mann findet, an dessen Seite sie wieder in ein tra­di­tionelles Frauen­bild zurück­kehren soll. Really, EU?

Auf einer Weltausstel­lung, deren Haup­tan­liegen Nach­haltigkeit ist, ist dies noch ein­mal prob­lema­tis­cher als ohne­hin schon: Wohin sollen wir uns denn als Welt­ge­sellschaft entwick­eln, wenn unsere besten Kräfte auf­grund von Tra­di­tio­nen und Sex­is­men darin gehin­dert wer­den, ihr volles Poten­tial abzu­rufen. Anstatt etwas für die Zukunft zu tun, weigt sich die EU hier als durch­wegs rückständig.

Um nicht mit so einer hart­näck­i­gen Ent­täuschung zu schließen, noch ein paar Worte zur all­ge­meinen Kul­tur am Expo-Gelände. Gemäß dem Motto ist vieles auf Lan­glebigkeit aus­gelegt: Alle Wasser­spender beispiel­sweise wer­den nach Ende der Ausstel­lung in ver­schieden­sten ital­ienis­chen Städten zum Ein­satz kom­men. Anson­sten, scheint es, ist die Expo außer­dem als große Party für Ort­san­säs­sige angelegt. Ver­hält­nis­mäßig gün­stige Saisontick­ets und immer vorhan­denes Abend­pro­gramm bei dem einen oder anderen Pavil­lion laden zu wieder­holtem Besuch, zum Tanzen besser ohne großer Kam­era, ein.

Am Ende über­wiegen so die pos­i­tiven Ein­drücke, die großar­tige Stim­mung und die omnipräsente Hoff­nung auf ein Weit­erkom­men. Trotz all den finanziellen Ungereimtheiten vor Beginn, hat Mai­land eine tolle Weltausstel­lung kuratiert und es geschafft, dass ich mich bere­its auf meinen möglichst baldigen näch­sten Expo-Besuch freue. Und Astana 2017 ist ja schließlich auch nicht aus der Welt.

Am Weg zurück zur Metro

 

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Das Expo-Gelände

Über neun­zig Pavil­lions — zuviel für einen Tagesbesuch.

Gestern, Fre­itag, wagte ich mich zum ersten Mal auf das Expo-Gelände außer­halb von Mai­land. Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mir das Spek­takel Weltausstel­lung ein­mal live zu Gemüte zu führen, und Mai­land ist um die Jahreszeit ja auch nicht ger­ade zu ver­achten. Also, Kam­era und Schreibzeug gepackt und los ging’s.

In weiser Voraus­sicht — sowohl des enor­men Umfangs als auch meiner Anreisemüdigkeit — habe ich mir noch zu Hause ein Zweitage­sticket besorgt — das geht schnell und prob­lem­los. Am Fre­itag ver­brachte ich schließlich vier­en­thalb Stun­den vor Ort und habe, ohne allzu viele Pausen einzule­gen, knapp die Hälfte des Aus­gestell­ten gese­hen. Deshalb werde ich auch meinen Bericht hier zweiteilen

Heute werde ich die präsen­tierten Inhalte absichtlich außen vor lassen, da ich keine Urteile oder Mei­n­un­gen abgeben möchte, ohne das kom­plette Bild zu ken­nen. Daher wird in diesem ersten Text zur Expo der Fokus auf Gedanken zum Grund­konzept und den ver­schiede­nen Ansätzen zur Ver­räum­lichung liegen.

Prinzip­iell ist der Ver­anstal­tung­sort sehr gut gewählt, weit genug außer­halb der Großs­tadt, um freien Blick zu ermöglichen, aber trotz­dem in einer guten hal­ben Stunde vom Zen­trum aus zu erre­ichen. (Metrolinie 1 bis zur End­sta­tion RHO Fiera — ein­facher geht es kaum.) Ein wenig ärg­er­lich ist, dass die Kern­zone Mai­land zwei Sta­tio­nen vor Ende aufhört, es muss also ein extra Ticket — hin/retour kosten fünf Euro — gezwickt wer­den. Aber gut. Ist man erst ein­mal am Gelände, ist dies auch wieder vergessen und man kann sich fro­hen Mutes ins Getumml stürzen. An dieser Stelle der Hin­weis: Noch vor dem Ein­lass gibt es INfo­pon­trs, welche Lage­pläné verteilen. Auch wenn man im End­ef­fekt kreuz und quer oder strikt von einer Seite zur anderen spaziert, ist diese Karte für einen ersten Überblick fast essen­tiell. Es gibt zwar auch eine App, allerd­ings funk­tion­ierte die in meinen Hän­den nur mäßig gut.

Flanier­meile zur besseren Übersicht

Das räum­liche Grund­prinzip erin­nert an enien Pracht­boule­vard oder — ital­ienisch — eine Gal­le­ria: Links und rechts flanken die Pavil­lions der einzeil­nen Län­der und Organ­i­sa­tio­nen einen bre­iten, über­dachten Weg. Dieses einach­sige Konzept bewährt sich, ist es doch schon so schwer, nichts zu überse­hen. Dieser Boule­vard ist nun mit­tig von einer Art Fress­meile in Form einer Piazza unter­brochen. Diese ist lose in ver­schiedene land­wirtschaftliche Pro­dukte — Reis, Kaf­fee oder Kokao — unterteilt und stellt zeit­gle­ich die Pavil­lions ver­schiedener Län­der dar.

Überdachte Zentralmeile des EXPO-Geländes

Hier liegt auch die erste für mich etwas beden­kliche Entschei­dung. Ich weiß nichts über die Pla­nung oder die finanziellen Umstände (zumin­d­est nicht mehr als wir an Media-Coverage zu diversen Skan­dalen im Vor­feld bekom­men haben), aber die Tat­sache, dass viele soge­nan­nte Entwick­lungslän­der in gestal­ter­isch sehr ein­heitlich gehal­tene Clus­ter kom­biniert sind, während alle anderen — soll heißen wohlhaben­dere — Län­der freie Design­möglichkeit haben, halte ich für prob­lema­tisch. Dass dem “Cocoa and Chocolate”-Cluster ein italienisch-schweizerisches Schokolade-Wunderkaufland angeschlossen ist, spricht eben­falls eine deut­liche Sprache, dazu aber beim näch­sten Mal mehr.

Klet­ter­netze und Lieblingsspeisen — ver­schiedene Ansätze zur aktiven Gestal­tung des Besuchs

Nun zu den Pavil­lions. DIe Idee, ver­schiede­nen Län­dern Platz zu geben, um ihre Vorstel­lun­gen, Ideen und Pro­jekte zu einem Thema präsentabel umzuset­zen, ist wohl deshalb so frucht­bar, weil so Aspekte zum Tra­gen und Leuchten kom­men, die jemand anderes augrund seiner diversen Voraus­set­zun­gen gar nicht bedenken kön­nte. Dieses Konzept spiegelt sich wider in den unter­schiedlich­sten architek­tonis­chen Konzepten der Pavil­lions. Ver­schieden­ste inno­v­a­tive und kreative Möglichkeiten, Räume zu eröff­nen und zu nutzen zeigen sich hier den Betra­ch­t­en­den. Erwähnt sei beispiel­sweise Brasiliens Pavil­lion, wo man sich wortwörtlich erst über ein weitläu­fig ges­pan­ntes Netz zum Ausstel­lungs­bere­ich hochar­beiten muss, während unter einem ver­schieden­ste Pflanzen mit­tels Sprühreg­n­ern bewässert wer­den. Dieses Erar­beiten ist ein Vor­griff auf den Innen­raum, wo man am Weg hin­unter Konzepte zur Raumer­schließung Koex­is­tenz präsen­tiert bekommt.

Brasiliens Pavillion in FrontansichtKletternetz im brasilianischen Pavillion

Einen anderen Weg geht Süd­ko­rea, wo mit­tels zu bear­bei­t­en­der Word­cloud am Ein­gangs­bere­ich die Besucher schon früh zum Inter­agieren angeregt wer­den. Auch in der Ausstel­lung ist man zunächst mit­tels pro­jezierten Grund­satzfra­gen immer erst gefordert bevor kore­anis­che Antwortver­suche gegeben wer­den. An dieser Stelle spreche ich meine große Anerken­nung — nicht nur für die kore­anis­chen Vol­un­teers und/oder Mitar­beiter, son­dern all­ge­mein an alle Lan­desvertreter, denen ich bisher beg­net bin — aus: Nahezu auss­chließlich sprechen sie ein per­fek­tes Ital­ienisch und schienen sogar etwas ent­töuscht, wenn ich nach ein paar Anläufen doch ins Englis­che wech­selte. Hut ab!

Innenraum des KoreapavillionsWordcloud weltweiter Lieblingsspeisen am Eingang des Südkorea-Pavillions

Sehr inter­es­sant ist auch, wie mit dem Thema Nach­haltigkeit umge­gan­gen wird. Während Nepal die Nach­haltigkeit in der Pro­duk­tion in den Vorder­grund stellt (alle Säulen des Pavil­lions sind handgeschnitzt), baut Bahrain auf Wiederver­wend­barkeit, der Bau aus weißem Sicht­be­ton ist leicht in Einzel­teile zu zer­legen und soll in der Heimat als botanis­cher Garten Bestand haben.

Auch die Präsen­ta­tions­form vari­iert stark. Hier schwenkt das Pen­del von  einem vorgeschal­teten Wer­be­film bei Malaysia über diverse Arten von Oneway-Tours, beispiel­sweise bei Beglien oder Brasilien, bis hin zum freien Sprin­gen zwis­chen lose verknüpften Bere­ichen wie im Pavil­lion der Tschechis­chen Republik.

Ausstellungsprinzip Litauens ... aus der Nähe.

Grün im Indus­triege­biet, wohin das Auge schaut

Ein verbinden­des — wohl auch dem Überthema Feed­ing the Planet — Energy for Life geschuldetes — Ele­ment ist die Begrü­nung. Fast kein Land, dass nicht seine Flauna und Flora in den BLick­punkt stellt oder ein eher auf tech­nol­o­gis­che Inno­va­tion aus­gelegtes Pro­gramm mit einer der Entspan­nung zugewiese­nen Grün­zone kon­terkari­ert. In diesem Zusam­men­hang bin ich ges­pannt auf den öster­re­ichis­chen Pavil­lion, der ja bekan­ntlich einige Bäume beherbergt.

Der grüne weißrussische Pavillion

Nach einem ersten inten­siven Tag bilanziere ich also dur­chaus inter­essiert und freue mich auf einen zweiten voll neuer Raumkonzepte und Wegen zu einer nach­haltigeren Nutzung unserer Ressourcen. In dem ange­sproch­enen zweiten Text will ich mich dann auf die inhaltliche Ebene sowie die Kul­tur der Expo 2015 in Mai­land konzen­tri­eren. Bis dahin bleibt mir nur, eine wärm­ste Empfehlung auszusprechen.

Nach einem langem Tag ging's ins Hotel.

Merken

In Per­ch­tolds­dorf läuft derzeit eine äußerst gelun­gene, sehr ambi­tion­ierte Insze­nierung von Shake­speares let­ztem Stück „Sturm“ unter der Regie von Michael Stur­minger. Man erkennt deut­lich dessen Erfahrun­gen im Musik­the­ater, viel wird gesun­gen und getanzt, die Schaus­pieler geben sich in der zen­tralen Zelle nicht nur Vers und Klinke, son­dern vor allem Instru­mente in die Hand. Mit­tels eingestreuten Versen des englis­chen Orig­i­nals und Gesang­sein­la­gen wird das Zauber­stück belebt und wirkt so bis zum let­zten Satz frisch. Das Ensem­ble überzeugt, vor allem Nadine Zeintl als Ariel begeistert.

Ide­ale Bedin­gun­gen für einen guten The­at­er­abend. Wenn nicht das dem Som­merthe­ater eigene Pub­likum wäre.

Denn Teile dieses Pub­likums scheinen nur den Weg vor die Bühne gefun­den zu haben, weil es sich nun­mal so gehört. Abge­se­hen davon, dass „weil es sich so gehört“ immer ein schlechter Grund für irgen­dein Tun ist, macht der gute Ton in diesem Fall eine beson­ders ungeschickte Moti­va­tion, wenn man sich dann vor Ort ver­hält, als wäre dieses das allererste The­ater­stück, welches man je gese­hen hat. Jeder The­aterbe­sucher ist immer noch ein Glücks­fall, aber es wäre nett, wenn der The­aterbe­sucher für zweien­thalb Stun­den ein stum­mer Glücks­fall ist.

Sollte nun „Der Sturm“ wirk­lich jeman­dens erster The­aterbe­such sein, ein Tipp. Die grundle­gend­ste Regel des The­aterbe­suchs: Spätestens wenn Tritte gegen die Rück­en­lehne aus der Hin­ter­reihe mehrmals in der Minute kom­men, sollte man aufhören, jeden leicht humor­vollen Satz laut­stark zu wieder­holen und in Echtzeit zu kom­men­tieren. Wenn man diese ein­fache Faus­tregel befolgt, steht einem tollen Abend vor der Per­ch­tolds­dor­fer Burg nichts im Weg.

 

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OB DIE MÖWEN

JEMALS HIER REIN

KOMMEN,

FRAGEN WIR DIE PASSANTEN,

DIE UNS IM VORÜBERZIEHEN

UNVERSTÄNDNIS AUS

TAUBENGESICHTERN

ZUWERFEN

Ein dun­kler Raum mit Glüh­birne von der Decke. Nur ein Ses­sel. Z, ste­hend, sichtlich aufgeregt, aber davon überzeugt, dass die andere Per­son helfen kann, G sitzt mit dem Gesicht zur Lehne auf dem Sessel.

G: Aber sie sind im Abgrundtief, dort ist es dunkel. Müssen wir ihnen wirk­lich ins Abgrundtief fol­gen? Dort ist es dunkel.

Z: Aber sie haben ihn mitgenommen.

Wenn er mit­ge­gan­gen ist, dann ...

Wegge­tra­gen haben sie ihn, weiß Gott wohin.

... brauchen wir ihm nicht helfen.

Z. wirft, um sein Unwis­sen über den Aufen­thalt­sort Ks zu illus­tri­eren, seine Arme wild umher, bis sie auf Gs Schul­tern lan­den. Dieser scheint aus einem Gedanken zu erwachen.

Ins Abgrundtief, mit Sicher­heit. Diese Leute brin­gen alles, was sie finden ins Abgrundtief, das ist ihre Homebase.

Home­base... Kön­nen wir nicht ...

Nein, wir nicht, du schon gar nicht.

Er kauert sich auf seinem verkehrten Stuhl zusam­men, der näch­ste Gedanke schüt­telt ihn.

Dort muss man sich anpassen.

So wie oben?

Ja! Genau wie oben, aber anders. Sie stem­peln dir deine Anpas­sung auf die Haut. Was wenn wir unseren Faden ver­lieren, im Abgrundtief? Das ...

... wäre unvorteil­haft. Dürften wir über­haupt einen Faden haben?

Wir dür­fen alles haben, aber ...

Er steht auf und geht zum Lichtschal­ter. Dann betätigt er ihn mit hoher Geschwindigkeit oft hin­tere­inan­der, um ein Stro­boskop zu imitieren.

... kannst du so arbeiten?

Wie oft noch? Ich. Arbeite. Nicht. Habe ja damals schon gear­beitet. Das war ein Ver­sprechen. Pause. Lass das Licht.

Abgrundtief. Zieh das an. Er reicht ihm einen grauen Kaputzenpullover.

Das? Ins Abgrundtief? ... Dann ver­lieren wir uns also wirk­lich. Hier. Pause. Lass das Licht.

 

Dieser Text ist ein Beitrag zu Dominik Leit­ners .txt-Projekt, Schlag­wort “abgrundtief”.