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Eine Bar. Ged­immtes Licht, rauchge­dunkeltes Inte­rior aus Holz, es blitzen nur die gold­e­nen Zapfhähne auf, ab und an, aus dem Stim­mengewirr tönen nur die zusam­men­stoßen­den Kugeln auf den Bil­liardtis­chen her­aus. Eine Bar.

Er tritt ein, hin­ter ihm fliegt die Tür zu, er kann ger­ade noch einen Schritt vor­wärts machen, um seine Achilles­ferse vor dem Schlag des Flügels zu schützen. Vielle­icht ist das eine Tak­tik, Unentschlossene so einen ganzen Schritt hinein ins Lokal zu zwin­gen. Da entschei­det man sich gle­ich viel leichter, zu bleiben. Alles ist Marketing.

Diese Gedanken gehen Vik­tor zwar wie immer durch den Kopf, allerd­ings in enier mit High­speed kom­prim­ierten Form, während sein Blick schon durch den Raum, bei den üblichen Verdächti­gen anhal­tend, rast und nach einem Schild mit der neon­leuch­t­en­den Auf­schrift “WC” sucht. Noch ist dies nicht von Erfolg gekrönt und er wäre trotz rapide steigen­dem Harn­drangs schon wieder geflo­hen, wäre da nicht der Mar­ket­ing­gag mit der zufliegen­den Schwingtüre gewe­sen. Vik­tor steht also mit­ten in einer Bar, einem Etab­lisse­ment, in dem vor­rangig Bier aus­geschenkt wird. Noch immer kein Hin­weis auf Toi­let­ten. Alles wird dun­kler, außer den Zap­fan­la­gen, die noch stärker im Gold­blitz ste­hen. Er erin­nert sich plöt­zlich an all jene trau­ma­tis­chen Kind­heit­serin­nerun­gen, aber nicht mal die sind genug, um seine höfliche Angst zu über­winden und ein­fach zu fra­gen, nein. Die Angst davor, jeman­dem zur Last zu fallen, ist für Vik­tor größer als alles. Höflichkeit trumpft sogar nasse Hosen.

Doch dann ein Wun­der! Der Bar­keeper nickt wis­send und deutet zum hin­teren Ende des Raumes, dort wo im Halb­dunkel Bil­liard­kugeln aufeinan­der­stoßen. Er ver­steht und Vik­tor folgt dankbar seinem Weis. Schnell geht er vor­bei an beset­zten Tis­chen und an auf Hoch­touren laufenden Spie­len  — im Augen­winkel sieht er einen Alten blöf­fen — ins hin­ter­ste Eck, wo eine kleine Tafel, ganz ohne Neonauf­schrift, das Bad auss­childert. Das Ziel vor Augen.

Hi!”

Vik­tor sieht die Stimme nicht, nur die ein­mal weiß gewe­sene Tür mit dem Män­nchen darauf, er muss erst seinen Blick enttunneln.

Hi!”

Eine Stimme aus der Abteilung Pro­duk­t­de­sign. Er lächelt, deutet aber seine präkere Lage an, es wird genickt und gelächelt. Erle­ichtert biegt er ein.

Ein­treten, absper­ren. Freiheit.

Die Wände der Kabine sind beschmiert. Der schmale Auf­bau provoziert aus der sitzen­den Per­spek­tive ger­adezu claus­tro­pho­bis­che Gedanken.

Vik­tor taucht in den Bild­schirm in seine Hand ab, um diese Gedanken abzuschüt­teln, braucht es die unendlichen Weiten des Inter­nets. Danke Steve Jobs und wer auch immer das Genie hin­ter dem Android-System ist. Ihr habt die gefühlt ewigen Aufen­thalte auf öffentlichen Toi­let­te­nan­la­gen zwar zeitlich expo­nen­tiell ver­längert, die Zeit in den engen Kästen aber erst richtig über­leb­bar gemacht. Vik­tor ist immer geneigt, eine der Num­mern anzu­rufen, nur um zu sehen, wer abhebt. Er weiß, dass es dumm ist.

Ohne es zu merken, hat er die Zif­fern getippt. Aber er hat genug Eigenbes­tim­mung, um nicht zu wählen. Stattdessen öffnet er das SMS-Fenster, vielle­icht will er später noch schreiben, aber im Moment beschäftigt ihn schon wieder ein anderer Gedanke:

Wie heißt “Hi!” vom Produktdesign?

FADEOUT.

Expo 2015: Kultur und Inhalte

Nach­dem ich bisher über die räumlich-ästhetische Seite der Expo 2015 in Mai­land geschrieben habe, will ich nun ein paar Worte zu inhaltlichen Aspek­ten sagen.

Mit dem aus­geschriebe­nen Thema “Feed the Planet — Energy for Life” war erst­mal nur eine grobe Rich­tung vorgegeben, die Marschroute bes­timmten aber die Län­derteams selbst. Und diese Routen fie­len wie zu erwarten sehr unter­schiedlich aus: Unter dem Deck­man­tel der nach­halti­gen Nahrungsmit­tel­pro­duk­tion wird von ural­ter Esskul­tur bis zu neuen Bewirtschaf­tungskonzepten alles präsen­tiert. Deut­lich ist, dass bei diesem Thema, welches alle in gle­ichem Maße angeht, die bloße Selb­st­darstel­lung zumeist in den Hin­ter­grund tritt oder zumin­d­est mith­ilfe einem pro­duk­tiven Inhalt gezeigt wird. Bis auf einige wenige Aus­nah­men wurde in allen Pavil­lions ver­sucht, uni­ver­sal anwend­bare Gedankengänge anzus­toßen, manch­mal nach dem Motto “So machen wir’s — so kön­ntet ihr es auch machen”, in anderen Fällen eher nach dem Muster “Dieses Prob­lem gibt es, das sind unsere Ideen wie wir es (gemein­sam) ange­hen können”.

Vor­wärts oder zurück, das ist hier die Frage

Der Großteil der am besten real­isierten Konzepte sind von jener Sorte, die nach neuen Möglichkeiten für die Zukunft suchen, doch auch bei jenen, die auf Altherge­brachtes hin­weisen, gibt es span­nende und dur­chaus all­ge­mein anwend­bare Ansätze.

Im kore­anis­chen Pavil­lion, den ich im vorheri­gen Text schon erwähnt habe, wer­den Inter­essierte mit dem Begriff Han­sik, einer alten kore­anis­chen Nahrungsmit­telkul­tur, ver­traut gemacht. Da es hier­bei viel weniger um ein Rezept oder bes­timmtes Gericht als um eine aus­bal­ancierte Ernährungs– und Zubere­itungsart geht, lässt sich das Konzept Han­sik — so die Prämisse — auch in anderen Gegen­den der Welt umsetzen.

Eine andere Art von Bal­ance bildet das Herzstück des bel­gis­chen Pavil­lions. Nach eini­gen bel­gis­chen Kul­turgütern, wie dem Atom­ium, das natür­lich auf keiner Expo fehlen darf, steht man eini­gen zunächst recht kom­pliziert anmu­ten­den Appa­ra­turen gegenüber, die mit­tels Zeich­nun­gen an den Wän­den aber Schritt für Schritt erläutert wer­den und deren im End­ef­fekt sim­ples Prinzip ist, Tier­hal­tung und Anpflanzung zu kom­binieren. So entsteht eine Sym­biose — die Pflanzen geben Nährstoffe ins Wasser des unter­halb situ­ierten Fis­chtank ab, welche die Fis­che ernähren, während deren Fäkalien als Dünger für die Pflanzen fungiert. Anwen­dung soll dieses Prinzip vor allem in immer größer wer­den­den Städten finden, in denen immer mehr Men­schen Lebens­mit­tel benöti­gen, während gle­ichzeitig der Platz zur Erzeu­gung eben dieser Lebens­mit­tel ras­ant knap­per wird. Mit neuen Ideen und Tech­niken wie dieser soll der noch vorhan­dene Raum effizien­ter genutzt und gle­ichzeit neue Pro­duk­tion­sorte erschlossen wer­den. In eine ähn­liche Kerbe schla­gen auch die Nieder­lande in ihrem sehr offe­nen, wie ein Kiosk gestal­teter Pavillion.

Wie sicht­bar soll Wer­bung sein?

Israel blickt mit­tels Filmvor­führung durch die eigene harte, weil trock­ene Agrargeschichte und gibt so Ein­blicke in Bewässerung­stech­niken, die das Land zu einem der größten Gemüse­ex­por­teure gemacht hat. Dass das Ganze wie eine Wer­bekam­pagne der Touris­mus­branche aufgemacht ist, gibt der Sache allerd­ings einen ros­ti­gen Beigeschmack. Ähn­liches stellt sich nach dem Besuch des Mala­y­sis­chen Pavil­lions ein. Beson­ders geschickt hat Polen gehan­delt, gle­ich zu Beginn der Ausstel­lung liegen Infoblät­ter, Flyer und ähn­liches der Hotel­lerie, von Flugge­sellschaften und Attrak­tio­nen auf.

Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass solche Ansätze den Ausstel­lun­gen nicht per se schaden, es aber doch besser ankommt, wenn das Mar­ket­ing etwas besser ver­steckt wird. Es ist klar, dass die Pavil­lions die hohen Kosten durch Wer­bung fürs eigene Land wieder here­in­spie­len sollen, deshalb ja auch die zahlre­ichen Sou­ve­nier­shops und Spezial­itä­ten­cafés, aber das Thema in den Vorder­grund zu stellen, tut der Au0enwahrnehmung gut und ist daher wohl kura­torisch schlau.

In diesem Sinne inter­es­sant ist die Gestal­tung des öster­re­ichis­chen Pavil­lions. Inhaltlich wird ver­mit­telt, wie entschei­dend Baumbe­stand für die Erhal­tung guter Atem­luft ist. Doch wie dies ver­mit­telt wird ist dur­chaus inspiri­ert: Durch das Verpflanzen von rund hun­dert öster­re­ichis­chen Bäu­men, die nach eigener Angabe in der Stunde genug Sauer­stoff für 1800 Men­schen erzeu­gen, ent­stand eine schat­tige, kühle Wal­doase, die in der ital­ienis­chen Som­mer­hitze sehr wohltuend wirkt. Mit dem Slo­gan “Breathe Aus­tria” verse­hen, ver­mark­tet man so Luft, pro­duziert von öster­re­ichis­chen Bäu­men, ergo bewirbt man öster­re­ichis­che Luft. Nichts muss verkauft wer­den, die Natur ver­mark­tet sich quasi selbst.

Ansicht Österreichs Pavillion

EU bleibt hin­ter den Möglichkeiten und ent­täuscht mit rück­ständi­gen Gesellschaftsbild

Alle diese Chan­cen sich in ein gutes, fortschrit­tliches Licht zu rücken, hat­ten auch die Ver­ant­wortlichen, der EU-Ausstellung. Doch anstatt sie mit all ihren Ressourcen zu nutzen, stellt der Pavil­lion zumin­d­est für mich die größte Ent­täuschung am ganzen Gelände dar.

In einem an sich gut pro­duzierten Film wird die Geschichte von Sylvia und Alex erzählt. Diese ist der­art het­ero­nor­ma­tiv und sex­is­tisch, dass man während der Vorstel­lung per­ma­nent auf den großen Twist wartet, der all diese Missstände irgend­wie wieder zurechtrückt. So ein Twist kommt aber nicht: Sylvia will seit Kind­heit­sta­gen Wis­senschaft­lerin wer­den, wird das auch mit einigem Erfolg, Alex will und wird Land­wirt. Doch laut Nar­ra­tiv fühlen sich beide offen­bar allein nicht auf Dauer funk­tion­stüchtig. Welch Glück, dass die Oma, ihres Zeichens Bäck­erin auf Urlaub will, und Sylvia das Geschäft über­lässt. Hier begin­nen die Kon­tro­ver­sen. Da sie nicht backen kann, braucht sie natür­lich den starken Land­wirt, um es ihr beizubrin­gen und sie aus ihrem Elend zu ret­ten. Fast schon zwang­haft ver­liebt sie sich in ihn und baut mit ihm in Folge ein lokales Bauernhof-Bäckerei-Restaurant.Imperium auf. Der Kit­tel der Forschung hängt von da an natür­lich in der Ecke. Zwar darf sie auf dem Hof noch vor sich hin exper­i­men­tieren, aber ihr Platz ist nun in der Küche oder dem Geschäft, an der Seite ihres Mannes.

Soweit die Geschichte. Der Film, betitelt “The Golden Ear”, spielt nicht mit den Stereo­typen, die er bedi­ent. Die Frau darf zwar Wis­senschaft­lerin wer­den, aber nur, bis sie einen Mann findet, an dessen Seite sie wieder in ein tra­di­tionelles Frauen­bild zurück­kehren soll. Really, EU?

Auf einer Weltausstel­lung, deren Haup­tan­liegen Nach­haltigkeit ist, ist dies noch ein­mal prob­lema­tis­cher als ohne­hin schon: Wohin sollen wir uns denn als Welt­ge­sellschaft entwick­eln, wenn unsere besten Kräfte auf­grund von Tra­di­tio­nen und Sex­is­men darin gehin­dert wer­den, ihr volles Poten­tial abzu­rufen. Anstatt etwas für die Zukunft zu tun, weigt sich die EU hier als durch­wegs rückständig.

Um nicht mit so einer hart­näck­i­gen Ent­täuschung zu schließen, noch ein paar Worte zur all­ge­meinen Kul­tur am Expo-Gelände. Gemäß dem Motto ist vieles auf Lan­glebigkeit aus­gelegt: Alle Wasser­spender beispiel­sweise wer­den nach Ende der Ausstel­lung in ver­schieden­sten ital­ienis­chen Städten zum Ein­satz kom­men. Anson­sten, scheint es, ist die Expo außer­dem als große Party für Ort­san­säs­sige angelegt. Ver­hält­nis­mäßig gün­stige Saisontick­ets und immer vorhan­denes Abend­pro­gramm bei dem einen oder anderen Pavil­lion laden zu wieder­holtem Besuch, zum Tanzen besser ohne großer Kam­era, ein.

Am Ende über­wiegen so die pos­i­tiven Ein­drücke, die großar­tige Stim­mung und die omnipräsente Hoff­nung auf ein Weit­erkom­men. Trotz all den finanziellen Ungereimtheiten vor Beginn, hat Mai­land eine tolle Weltausstel­lung kuratiert und es geschafft, dass ich mich bere­its auf meinen möglichst baldigen näch­sten Expo-Besuch freue. Und Astana 2017 ist ja schließlich auch nicht aus der Welt.

Am Weg zurück zur Metro

 

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Das Expo-Gelände

Über neun­zig Pavil­lions — zuviel für einen Tagesbesuch.

Gestern, Fre­itag, wagte ich mich zum ersten Mal auf das Expo-Gelände außer­halb von Mai­land. Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mir das Spek­takel Weltausstel­lung ein­mal live zu Gemüte zu führen, und Mai­land ist um die Jahreszeit ja auch nicht ger­ade zu ver­achten. Also, Kam­era und Schreibzeug gepackt und los ging’s.

In weiser Voraus­sicht — sowohl des enor­men Umfangs als auch meiner Anreisemüdigkeit — habe ich mir noch zu Hause ein Zweitage­sticket besorgt — das geht schnell und prob­lem­los. Am Fre­itag ver­brachte ich schließlich vier­en­thalb Stun­den vor Ort und habe, ohne allzu viele Pausen einzule­gen, knapp die Hälfte des Aus­gestell­ten gese­hen. Deshalb werde ich auch meinen Bericht hier zweiteilen

Heute werde ich die präsen­tierten Inhalte absichtlich außen vor lassen, da ich keine Urteile oder Mei­n­un­gen abgeben möchte, ohne das kom­plette Bild zu ken­nen. Daher wird in diesem ersten Text zur Expo der Fokus auf Gedanken zum Grund­konzept und den ver­schiede­nen Ansätzen zur Ver­räum­lichung liegen.

Prinzip­iell ist der Ver­anstal­tung­sort sehr gut gewählt, weit genug außer­halb der Großs­tadt, um freien Blick zu ermöglichen, aber trotz­dem in einer guten hal­ben Stunde vom Zen­trum aus zu erre­ichen. (Metrolinie 1 bis zur End­sta­tion RHO Fiera — ein­facher geht es kaum.) Ein wenig ärg­er­lich ist, dass die Kern­zone Mai­land zwei Sta­tio­nen vor Ende aufhört, es muss also ein extra Ticket — hin/retour kosten fünf Euro — gezwickt wer­den. Aber gut. Ist man erst ein­mal am Gelände, ist dies auch wieder vergessen und man kann sich fro­hen Mutes ins Getumml stürzen. An dieser Stelle der Hin­weis: Noch vor dem Ein­lass gibt es INfo­pon­trs, welche Lage­pläné verteilen. Auch wenn man im End­ef­fekt kreuz und quer oder strikt von einer Seite zur anderen spaziert, ist diese Karte für einen ersten Überblick fast essen­tiell. Es gibt zwar auch eine App, allerd­ings funk­tion­ierte die in meinen Hän­den nur mäßig gut.

Flanier­meile zur besseren Übersicht

Das räum­liche Grund­prinzip erin­nert an enien Pracht­boule­vard oder — ital­ienisch — eine Gal­le­ria: Links und rechts flanken die Pavil­lions der einzeil­nen Län­der und Organ­i­sa­tio­nen einen bre­iten, über­dachten Weg. Dieses einach­sige Konzept bewährt sich, ist es doch schon so schwer, nichts zu überse­hen. Dieser Boule­vard ist nun mit­tig von einer Art Fress­meile in Form einer Piazza unter­brochen. Diese ist lose in ver­schiedene land­wirtschaftliche Pro­dukte — Reis, Kaf­fee oder Kokao — unterteilt und stellt zeit­gle­ich die Pavil­lions ver­schiedener Län­der dar.

Überdachte Zentralmeile des EXPO-Geländes

Hier liegt auch die erste für mich etwas beden­kliche Entschei­dung. Ich weiß nichts über die Pla­nung oder die finanziellen Umstände (zumin­d­est nicht mehr als wir an Media-Coverage zu diversen Skan­dalen im Vor­feld bekom­men haben), aber die Tat­sache, dass viele soge­nan­nte Entwick­lungslän­der in gestal­ter­isch sehr ein­heitlich gehal­tene Clus­ter kom­biniert sind, während alle anderen — soll heißen wohlhaben­dere — Län­der freie Design­möglichkeit haben, halte ich für prob­lema­tisch. Dass dem “Cocoa and Chocolate”-Cluster ein italienisch-schweizerisches Schokolade-Wunderkaufland angeschlossen ist, spricht eben­falls eine deut­liche Sprache, dazu aber beim näch­sten Mal mehr.

Klet­ter­netze und Lieblingsspeisen — ver­schiedene Ansätze zur aktiven Gestal­tung des Besuchs

Nun zu den Pavil­lions. DIe Idee, ver­schiede­nen Län­dern Platz zu geben, um ihre Vorstel­lun­gen, Ideen und Pro­jekte zu einem Thema präsentabel umzuset­zen, ist wohl deshalb so frucht­bar, weil so Aspekte zum Tra­gen und Leuchten kom­men, die jemand anderes augrund seiner diversen Voraus­set­zun­gen gar nicht bedenken kön­nte. Dieses Konzept spiegelt sich wider in den unter­schiedlich­sten architek­tonis­chen Konzepten der Pavil­lions. Ver­schieden­ste inno­v­a­tive und kreative Möglichkeiten, Räume zu eröff­nen und zu nutzen zeigen sich hier den Betra­ch­t­en­den. Erwähnt sei beispiel­sweise Brasiliens Pavil­lion, wo man sich wortwörtlich erst über ein weitläu­fig ges­pan­ntes Netz zum Ausstel­lungs­bere­ich hochar­beiten muss, während unter einem ver­schieden­ste Pflanzen mit­tels Sprühreg­n­ern bewässert wer­den. Dieses Erar­beiten ist ein Vor­griff auf den Innen­raum, wo man am Weg hin­unter Konzepte zur Raumer­schließung Koex­is­tenz präsen­tiert bekommt.

Brasiliens Pavillion in FrontansichtKletternetz im brasilianischen Pavillion

Einen anderen Weg geht Süd­ko­rea, wo mit­tels zu bear­bei­t­en­der Word­cloud am Ein­gangs­bere­ich die Besucher schon früh zum Inter­agieren angeregt wer­den. Auch in der Ausstel­lung ist man zunächst mit­tels pro­jezierten Grund­satzfra­gen immer erst gefordert bevor kore­anis­che Antwortver­suche gegeben wer­den. An dieser Stelle spreche ich meine große Anerken­nung — nicht nur für die kore­anis­chen Vol­un­teers und/oder Mitar­beiter, son­dern all­ge­mein an alle Lan­desvertreter, denen ich bisher beg­net bin — aus: Nahezu auss­chließlich sprechen sie ein per­fek­tes Ital­ienisch und schienen sogar etwas ent­töuscht, wenn ich nach ein paar Anläufen doch ins Englis­che wech­selte. Hut ab!

Innenraum des KoreapavillionsWordcloud weltweiter Lieblingsspeisen am Eingang des Südkorea-Pavillions

Sehr inter­es­sant ist auch, wie mit dem Thema Nach­haltigkeit umge­gan­gen wird. Während Nepal die Nach­haltigkeit in der Pro­duk­tion in den Vorder­grund stellt (alle Säulen des Pavil­lions sind handgeschnitzt), baut Bahrain auf Wiederver­wend­barkeit, der Bau aus weißem Sicht­be­ton ist leicht in Einzel­teile zu zer­legen und soll in der Heimat als botanis­cher Garten Bestand haben.

Auch die Präsen­ta­tions­form vari­iert stark. Hier schwenkt das Pen­del von  einem vorgeschal­teten Wer­be­film bei Malaysia über diverse Arten von Oneway-Tours, beispiel­sweise bei Beglien oder Brasilien, bis hin zum freien Sprin­gen zwis­chen lose verknüpften Bere­ichen wie im Pavil­lion der Tschechis­chen Republik.

Ausstellungsprinzip Litauens ... aus der Nähe.

Grün im Indus­triege­biet, wohin das Auge schaut

Ein verbinden­des — wohl auch dem Überthema Feed­ing the Planet — Energy for Life geschuldetes — Ele­ment ist die Begrü­nung. Fast kein Land, dass nicht seine Flauna und Flora in den BLick­punkt stellt oder ein eher auf tech­nol­o­gis­che Inno­va­tion aus­gelegtes Pro­gramm mit einer der Entspan­nung zugewiese­nen Grün­zone kon­terkari­ert. In diesem Zusam­men­hang bin ich ges­pannt auf den öster­re­ichis­chen Pavil­lion, der ja bekan­ntlich einige Bäume beherbergt.

Der grüne weißrussische Pavillion

Nach einem ersten inten­siven Tag bilanziere ich also dur­chaus inter­essiert und freue mich auf einen zweiten voll neuer Raumkonzepte und Wegen zu einer nach­haltigeren Nutzung unserer Ressourcen. In dem ange­sproch­enen zweiten Text will ich mich dann auf die inhaltliche Ebene sowie die Kul­tur der Expo 2015 in Mai­land konzen­tri­eren. Bis dahin bleibt mir nur, eine wärm­ste Empfehlung auszusprechen.

Nach einem langem Tag ging's ins Hotel.

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In Per­ch­tolds­dorf läuft derzeit eine äußerst gelun­gene, sehr ambi­tion­ierte Insze­nierung von Shake­speares let­ztem Stück „Sturm“ unter der Regie von Michael Stur­minger. Man erkennt deut­lich dessen Erfahrun­gen im Musik­the­ater, viel wird gesun­gen und getanzt, die Schaus­pieler geben sich in der zen­tralen Zelle nicht nur Vers und Klinke, son­dern vor allem Instru­mente in die Hand. Mit­tels eingestreuten Versen des englis­chen Orig­i­nals und Gesang­sein­la­gen wird das Zauber­stück belebt und wirkt so bis zum let­zten Satz frisch. Das Ensem­ble überzeugt, vor allem Nadine Zeintl als Ariel begeistert.

Ide­ale Bedin­gun­gen für einen guten The­at­er­abend. Wenn nicht das dem Som­merthe­ater eigene Pub­likum wäre.

Denn Teile dieses Pub­likums scheinen nur den Weg vor die Bühne gefun­den zu haben, weil es sich nun­mal so gehört. Abge­se­hen davon, dass „weil es sich so gehört“ immer ein schlechter Grund für irgen­dein Tun ist, macht der gute Ton in diesem Fall eine beson­ders ungeschickte Moti­va­tion, wenn man sich dann vor Ort ver­hält, als wäre dieses das allererste The­ater­stück, welches man je gese­hen hat. Jeder The­aterbe­sucher ist immer noch ein Glücks­fall, aber es wäre nett, wenn der The­aterbe­sucher für zweien­thalb Stun­den ein stum­mer Glücks­fall ist.

Sollte nun „Der Sturm“ wirk­lich jeman­dens erster The­aterbe­such sein, ein Tipp. Die grundle­gend­ste Regel des The­aterbe­suchs: Spätestens wenn Tritte gegen die Rück­en­lehne aus der Hin­ter­reihe mehrmals in der Minute kom­men, sollte man aufhören, jeden leicht humor­vollen Satz laut­stark zu wieder­holen und in Echtzeit zu kom­men­tieren. Wenn man diese ein­fache Faus­tregel befolgt, steht einem tollen Abend vor der Per­ch­tolds­dor­fer Burg nichts im Weg.

 

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OB DIE MÖWEN

JEMALS HIER REIN

KOMMEN,

FRAGEN WIR DIE PASSANTEN,

DIE UNS IM VORÜBERZIEHEN

UNVERSTÄNDNIS AUS

TAUBENGESICHTERN

ZUWERFEN

Ein dun­kler Raum mit Glüh­birne von der Decke. Nur ein Ses­sel. Z, ste­hend, sichtlich aufgeregt, aber davon überzeugt, dass die andere Per­son helfen kann, G sitzt mit dem Gesicht zur Lehne auf dem Sessel.

G: Aber sie sind im Abgrundtief, dort ist es dunkel. Müssen wir ihnen wirk­lich ins Abgrundtief fol­gen? Dort ist es dunkel.

Z: Aber sie haben ihn mitgenommen.

Wenn er mit­ge­gan­gen ist, dann ...

Wegge­tra­gen haben sie ihn, weiß Gott wohin.

... brauchen wir ihm nicht helfen.

Z. wirft, um sein Unwis­sen über den Aufen­thalt­sort Ks zu illus­tri­eren, seine Arme wild umher, bis sie auf Gs Schul­tern lan­den. Dieser scheint aus einem Gedanken zu erwachen.

Ins Abgrundtief, mit Sicher­heit. Diese Leute brin­gen alles, was sie finden ins Abgrundtief, das ist ihre Homebase.

Home­base... Kön­nen wir nicht ...

Nein, wir nicht, du schon gar nicht.

Er kauert sich auf seinem verkehrten Stuhl zusam­men, der näch­ste Gedanke schüt­telt ihn.

Dort muss man sich anpassen.

So wie oben?

Ja! Genau wie oben, aber anders. Sie stem­peln dir deine Anpas­sung auf die Haut. Was wenn wir unseren Faden ver­lieren, im Abgrundtief? Das ...

... wäre unvorteil­haft. Dürften wir über­haupt einen Faden haben?

Wir dür­fen alles haben, aber ...

Er steht auf und geht zum Lichtschal­ter. Dann betätigt er ihn mit hoher Geschwindigkeit oft hin­tere­inan­der, um ein Stro­boskop zu imitieren.

... kannst du so arbeiten?

Wie oft noch? Ich. Arbeite. Nicht. Habe ja damals schon gear­beitet. Das war ein Ver­sprechen. Pause. Lass das Licht.

Abgrundtief. Zieh das an. Er reicht ihm einen grauen Kaputzenpullover.

Das? Ins Abgrundtief? ... Dann ver­lieren wir uns also wirk­lich. Hier. Pause. Lass das Licht.

 

Dieser Text ist ein Beitrag zu Dominik Leit­ners .txt-Projekt, Schlag­wort “abgrundtief”.

Vor knapp zwei Wochen war ich am Eröff­nungstag in der (jetzt nicht mehr so) neuen Tracey Emin-Ausstellung im Leopold­mu­seum. Ich kan­nte Emin vorher nicht und las nur durch Zufall an diesem Mor­gen eine Pressemit­telung des Muse­ums gelesen.Den Ansatz, mod­erne Werke reflexiv Schiele-Blättern gegenüberzustellen, fand ich inter­es­sant, also machte ich mich auf.

Im Muse­um­squartier angekom­men, war ich ob der frühen Stunde noch weit­ge­hend allein, nur ein paar Fotographen vom Haus machten Auf­nah­men. Der viele Raum war Goldes wert. So kon­nten die Werke der britis­chen Kün­st­lerin wirken, die Keller­räume des Leopold­mu­se­ums lassen in ihrer Schlichtheit ein Begeg­nen der Bilder Emins miteinan­der, mit den oft an die gegenüber­liegende Wand gehängten Zeich­nun­gen Schieles, aber auch mit den Betra­ch­t­en­den zu. So ist die Ausstel­lung nicht nur eine bloße Gegenüber­stel­lung einer dur­chaus etablierten Kün­st­lerin mit den Werken eines ihrer Vor­bilder, son­dern wird viel mehr zu einer Kor­re­spon­denz und Kode­pen­denz, die sehr lose Hän­gung mit manch­mal nur einem Blatt an der Wand eröffnet Räume zur Neuin­ter­pre­ta­tion, in denen so manches Mal die Emin im Schiele auf­blitzt und nicht umgekehrt.

Diesen Dia­log unter­stützen auch die von ihr gewählten Medien. So erscheint die Zeich­nung auf Papier d’accord mit Schiele als Basis, von da weg entwick­elt die Kün­st­lerin im Gle­ich­schritt mit ihrer Motivik auch ihr Medium weiter, was auch Stick­ereien, Videomon­ta­gen und sogar eine Tonauf­nahme (was laut dem Kat­a­log ein Debut für die Kün­st­lerin ist) her­vor­bringt. Entschei­dend und schein­bar über dem Geschehen im Austel­lungsraum, den Raum the­ma­tisch ord­nend, sind die Neonschriftzüge.

Allen, die die Ausstel­lung noch besuchen wollen, rate ich, ein­mal im Raum, in welchem die Tonauf­nahme läuft, für ein paar Minuten sitzen zu bleiben. Es ist sehr span­nend, zu beobachten, wie sich hier durch das Medium der gesproch­enen Sprache die Ideen Tracey Emins, welche nicht nur im Kat­a­log, son­dern auch an den Wän­den in Form von Zitaten zu lesen sind, man­i­festieren. Es lohnt sich auch Stift und Papier mitzunehmen, es skizziert sich dort wunderbar.

Ich habe diesen Vogel gefunden.

Am Weges­rand, klein und zerschunden.

Zuerst hatte ich Angst, ihn zu zer­brechen, ihn zu fest anzu­packen, sein kaputtes Gemüt vol­lends zu ruinieren. Ich wollte ihn liegen lassen, der Welt nicht ins Handw­erk fassen.

Aber irgen­det­was an diesem Vogel hatte mich fest­ge­hal­ten und nach eini­gen Schrit­ten kam ich zurück, set­zte mich neben ihn und betra­chtete ihn genauer.

Brauchst du einen Fre­und? Jeman­den, der dir die Welt erk­lärt und auf dich schaut? Ich brauche so jeman­den, vielle­icht kann ich so ein Fre­und für dich sein.”

Ich hob ihn also auf, er wehrte sich nicht. Es würde Zeit brauchen, wir wür­den uns daran gewöh­nen müssen, uns zu haben, er würde sich daran gewöh­nen müssen, zu leben, aber vielle­icht waren wir gut für einan­der. Fre­unde findet man nicht jeden Tag und sie waren zu sel­ten, um eine Chance im Wald liegen zu lassen.

Mit der Zeit wuch­sen wir zusam­men, der Vogel und ich. Sein Gefieder erstrahlte wieder in leuch­t­en­dem Rot, mir kam dann und wann ein Lächeln über die Lip­pen. Der Vogel und ich, wir hat­ten das gute Leben ent­deckt und mit ihm die Far­ben, denn wir lebten es in tiefen Atemzü­gen, ohne Rück­sicht auf die Welt, aber stets mit offe­nen Augen, offe­nen Toren. Wir haben den Beobachter gegeben und gin­gen darin auf. Wir waren das per­fekte System.

Bis das Sys­tem zusam­men­brach. Die Tore waren wohl zu weit offen gewe­sen. Zu ein­ladend die Weiten der Welt. Der Drang, etwas Besseres zu finden.

Ich hatte diesen Vogel gefunden.

Eine leere Voliere. Ein leeres Stück Leben.

Auf­bruch. Abbruch.