Vor knapp zwei Wochen war ich am Eröff­nungstag in der (jetzt nicht mehr so) neuen Tracey Emin-Ausstellung im Leopold­mu­seum. Ich kan­nte Emin vorher nicht und las nur durch Zufall an diesem Mor­gen eine Pressemit­telung des Muse­ums gelesen.Den Ansatz, mod­erne Werke reflexiv Schiele-Blättern gegenüberzustellen, fand ich inter­es­sant, also machte ich mich auf.

Im Muse­um­squartier angekom­men, war ich ob der frühen Stunde noch weit­ge­hend allein, nur ein paar Fotographen vom Haus machten Auf­nah­men. Der viele Raum war Goldes wert. So kon­nten die Werke der britis­chen Kün­st­lerin wirken, die Keller­räume des Leopold­mu­se­ums lassen in ihrer Schlichtheit ein Begeg­nen der Bilder Emins miteinan­der, mit den oft an die gegenüber­liegende Wand gehängten Zeich­nun­gen Schieles, aber auch mit den Betra­ch­t­en­den zu. So ist die Ausstel­lung nicht nur eine bloße Gegenüber­stel­lung einer dur­chaus etablierten Kün­st­lerin mit den Werken eines ihrer Vor­bilder, son­dern wird viel mehr zu einer Kor­re­spon­denz und Kode­pen­denz, die sehr lose Hän­gung mit manch­mal nur einem Blatt an der Wand eröffnet Räume zur Neuin­ter­pre­ta­tion, in denen so manches Mal die Emin im Schiele auf­blitzt und nicht umgekehrt.

Diesen Dia­log unter­stützen auch die von ihr gewählten Medien. So erscheint die Zeich­nung auf Papier d’accord mit Schiele als Basis, von da weg entwick­elt die Kün­st­lerin im Gle­ich­schritt mit ihrer Motivik auch ihr Medium weiter, was auch Stick­ereien, Videomon­ta­gen und sogar eine Tonauf­nahme (was laut dem Kat­a­log ein Debut für die Kün­st­lerin ist) her­vor­bringt. Entschei­dend und schein­bar über dem Geschehen im Austel­lungsraum, den Raum the­ma­tisch ord­nend, sind die Neonschriftzüge.

Allen, die die Ausstel­lung noch besuchen wollen, rate ich, ein­mal im Raum, in welchem die Tonauf­nahme läuft, für ein paar Minuten sitzen zu bleiben. Es ist sehr span­nend, zu beobachten, wie sich hier durch das Medium der gesproch­enen Sprache die Ideen Tracey Emins, welche nicht nur im Kat­a­log, son­dern auch an den Wän­den in Form von Zitaten zu lesen sind, man­i­festieren. Es lohnt sich auch Stift und Papier mitzunehmen, es skizziert sich dort wunderbar.

Ich habe diesen Vogel gefunden.

Am Weges­rand, klein und zerschunden.

Zuerst hatte ich Angst, ihn zu zer­brechen, ihn zu fest anzu­packen, sein kaputtes Gemüt vol­lends zu ruinieren. Ich wollte ihn liegen lassen, der Welt nicht ins Handw­erk fassen.

Aber irgen­det­was an diesem Vogel hatte mich fest­ge­hal­ten und nach eini­gen Schrit­ten kam ich zurück, set­zte mich neben ihn und betra­chtete ihn genauer.

Brauchst du einen Fre­und? Jeman­den, der dir die Welt erk­lärt und auf dich schaut? Ich brauche so jeman­den, vielle­icht kann ich so ein Fre­und für dich sein.”

Ich hob ihn also auf, er wehrte sich nicht. Es würde Zeit brauchen, wir wür­den uns daran gewöh­nen müssen, uns zu haben, er würde sich daran gewöh­nen müssen, zu leben, aber vielle­icht waren wir gut für einan­der. Fre­unde findet man nicht jeden Tag und sie waren zu sel­ten, um eine Chance im Wald liegen zu lassen.

Mit der Zeit wuch­sen wir zusam­men, der Vogel und ich. Sein Gefieder erstrahlte wieder in leuch­t­en­dem Rot, mir kam dann und wann ein Lächeln über die Lip­pen. Der Vogel und ich, wir hat­ten das gute Leben ent­deckt und mit ihm die Far­ben, denn wir lebten es in tiefen Atemzü­gen, ohne Rück­sicht auf die Welt, aber stets mit offe­nen Augen, offe­nen Toren. Wir haben den Beobachter gegeben und gin­gen darin auf. Wir waren das per­fekte System.

Bis das Sys­tem zusam­men­brach. Die Tore waren wohl zu weit offen gewe­sen. Zu ein­ladend die Weiten der Welt. Der Drang, etwas Besseres zu finden.

Ich hatte diesen Vogel gefunden.

Eine leere Voliere. Ein leeres Stück Leben.

Auf­bruch. Abbruch.

zweimal jährlich in london

und ein­mal in paris bücher kaufen.

niemals ohne frischen haarschnitt nach­hause kommen,

aber auch nie ohne bild­ma­te­r­ial antreten.

über­all straßen mit darauf wan­dern­den finessen beobachten.

nach möglichkeiten der eige­nen befindlichkeit

mit den leuten, der stadt interagieren.

nur in ander­ssprachi­gen städten ubahnzeitun­gen lesen,

aber immer den sta­tio­nen­plan im auge behalten.

 

tagsüber in dem einen café vom ersten tag,

des nachts in hotelz­im­mern an plumpen sätzen feilen.

 

Dies ist mein zweiter Text zu Dominik Leit­ners .txt-Projekt. Das entschei­dende Wort lautete “wün­schen”.

 

 

 

 

 

Sie ste­hen auf immer­grü­nen Wiesen,

ganz ohne ihr Glück des Schaf­seins in Irland zu begreifen.

Sie finden, das wis­sen wir, erst Fre­unde auf den vie­len Straßen, wenn sie ihre fre­und­schaftlichen Bande zur Bil­dung einer untrennbaren Front

gegen die allzu men­schlichen Anmaßun­gen ihrer Hirten benötigen.

Road­kill ist der Aus­druck größter Erge­bung in die Fre­unde. Bei­seiteste­hen im Auge des Motoren­rum­mels wird unser Mut sein.

 

Der Titel stammt von einem der ersten Ein­träge in ein Notizbuch. Es steckte wohl damals eine große Idee dahin­ter, die seit­dem dem rudi­men­tären Doku­men­ta­tionsver­hal­ten anheim ging. Jetzt, fast vier Jahre später, ent­stand dieser kurze Text daraus. Es zeigt sich vielle­icht daran ganz gut, welche Rolle Zeit in der Entwick­lung von Gedanken spielt.

Schafe in Irland, 20.2.11

 

Anfang Jän­ner fand ich mich am Fuß einer Skip­iste wieder, beim falschen Lift und ohne Tele­fon, um meine Snow­board­par­tie zu erre­ichen. Eine ziem­lich uner­freuliche Sit­u­a­tion. Schlim­mer war jedoch die Umge­bung, in der ich knapp zwei Stun­den warten musste. Denn wie das so üblich ist, war die Tal­sta­tion des Lifts, bei welchem ich stand, neben einer Apres Ski-Hütte situ­iert. Und diese Apres Ski-Hütten haben eine ver­störende Eigen­schaft gemein­sam: Apres Ski-Musik.

Wir sprechen viel von Tol­er­anz. Aber augen­schein­lich ist diese Tol­er­anz in unser Sprache noch nicht angekom­men. Dies zeigt sich beispiel­sweise mit der Annäherung an beschriebene Ski­hütte, wo einem immer lauter Vok­ab­u­lar aus dem Umfeld der Jagd, ange­wandt auf das abendliche Erobern von weib­lichen Per­so­nen, ent­ge­gen­klin­gen. Ähn­liches fand ich vor, als ich in eben diesem Etabisse­ment auf­grund meiner betra­chtlichen Wartezeit die Toi­lette auf­suchte. Von allen Seiten leuchteten mir Sticker mit Sprüchen wie “Wien braucht keine vio­let­ten Homos.” entgegen.

Wieso akzep­tieren wir solche Dinge in unserem Sprachall­tag, wenn sie nur der Fußbal­lkul­tur zuge­hörig oder dem Win­ter­sportexzess zurechen­bar sind? Solange sie sich ihre Wort­mel­dun­gen im passenden Diskurs bewe­gen, erhal­ten Sprecher und Sprecherin­nen einen Freib­rief, diverse Mon­strösitäten zu ver­bre­iten. “Ist ja nur ein Sticker.”, “Das ist halt Apres Ski, das gehört dazu.”

Natür­lich ist Sprache nur die halbe Tat, aber Sprache ist eben schon die halbe Tat. Durch unser Sprechen organ­isieren wir unsere Welt, es ord­net und stellt fest. Fol­glich ist, was in der Sprache akzept­abel ist, auch in Tat schwer zu ver­bi­eten. Soll­ten wir nicht die Sprache endlich als das sehen, was sie uns ist? Der Asphalt, aus dem unsere Straßen gegossen, die Ziegel, aus denen unsere Häuser gebaut sind?

Gesproch­enes wird so oft als harm­los abge­tan, doch es ist die Basis für alles Weit­ere. Deswe­gen braucht es mehr Auf­begehren gegen Sprache, wo sie uns im Vorankom­men hin­dert. Wir müssen unsere Gesellschaft selbst mod­el­lieren, und Sprache ist vielle­icht nicht der Ton, aber auf jeden Fall das Töpferstudio.

Zwei Men­schen sitzen an einem Gar­ten­tisch vor der gel­ben Stuck­fas­sade eines alten Her­ren­hauses. K., Ende zwanzig, trinkt Min­er­al­wasser mit einer einzel­nen Zitro­nen­scheibe. Z., Jahrgang 1935, trinkt Kaf­fee, schwarz, Milch in einem Achtel­glas neben­bei. Auf der anderen Straßen­seite sam­meln sich einige Jugendliche in gle­ich­för­mi­gen, sil­ber­nen Plastikanzügen.

Z: Siehst du die? Was die wohl tun hier?

K: Wen? Ach, die, die wer­den wohl agi­tieren. ... Schweinehunde.

Wirk­lich eine Gemein­heit das.

Die Jugendlichen holen Spray­dosen aus einer Sport­tasche und begin­nen, Men­schen­ver­ach­t­en­des an die Wand zu schreiben.

Sind dort. Hof­fentlich bleiben sie ... Hey! Lasst das. Hof­fentlich dort.

Fast wie damals. Heute Wände, damals eben Aus­la­gen­scheiben. Und ich mit­ten­drin­nen, sag ich dir ... Schweinehunde.

Sag, Opa, wie war das? Fan­d­est du das gut damals? Vom Jetzt ganz unab­hängig, natürlich.

Scweine­hunde, alle! Und ich mit­ten­drin. ... Hey! Lasst das doch.

Du mit­ten­drin. Wieso dann nicht woan­ders, Opa?

War erfordert. Weißt du doch. Kon­nte ja nicht. ... Weil Zukunft. Da Jetzt.

Das ist wirk­lich schwach, Opa. So gegen das eigene Besser­wis­sen ... Was schreiben die  eigentlich, die Agi­tieren­den? ... Hey! Lasst das doch bitte endlich! ... Schweine­hunde, schreiben dort Menschenverachtendes.

Die Agi­tieren­den haben ihre Wand gän­zlich in Farbe getaucht, sodass durch die Fülle der Schrift das Men­schen­ver­ach­t­ende im Ganzen aufgeht und schwer erken­ntlich, für den zufäl­li­gen Pas­san­ten nicht mehr sicht­bar sind und nur eine schwache Prä­gung auf der Ober­fläche mancher Gedanken hin­ter­lassen. Sie, die Agi­tieren­den, bemerken jetzt die bei­den auf der anderen Straßen­seite und kom­men, um auch die gelbe Stuck­fas­sade des Her­ren­hauses zu beschreiben.

Jetzt kom­men sie her, wunderbar.

Die Agi­tieren­den sprühen unbeein­druckt durch diese wenig aggres­sive Unmuts­bekun­dung Men­schen­ver­ach­t­en­des auf die gelbe Fassade.

Das ist wirk­lich. ... Schweinehunde.

Willst du sie nicht abhal­ten, irgend­wie? ... Hey!

Kann doch nicht. Lass sie tun ... Solange sie nur agitieren.

Hast du auch wieder recht, jaja. Wie damals.

Ist schon schlimm. Mit­ten­drin, wir hier. Scheiße. ... Wir Scheiße, scheiße, scheiße.

Innen­drin ganz. Vielle­icht soll­ten wir doch.-

Die Agi­tieren­den kom­men an den Tisch, schauen die bei­den an und begin­nen, als K. den Kopf nur undeut­lich in diverse Rich­tun­gen bewegt, Men­schen­ver­ach­t­en­des auf seinen Kör­per zu schreiben. Der muss sich winden, um noch sprechen zu kön­nen, ohne Lack­spray zu schlucken. Die Augen hält er geschlossen.

Viel zu sehr innen. Schweine­hunde. Wir haben keine Zeit. Etwas grüné Farbe berührt seine Zunge und seine Mund­höhle. Hey!

Komm eben auf meine Seite! Von hier aus kannst du dich.-

Kann doch nicht.

Die Agi­tieren­den packen ihre Spray­dosen in die Sport­tasche und nehmen K. auf ihre Schul­tern. Dann tra­gen sie ihn, auf­grund seines, von ihnen unter­schätzten, Gewichts langsam, weg. Die Sport­tasche bleibt auf dem Ses­sel zurück.

Kann doch nicht. Weil Zukunft!

...

Wie damals. Heute Wände, damals dann Schaufen­ster. Weil Zukunft. Zer­brechen mittendrin.

Z. stellt seinen Kaf­fee, schwarz, auf die Unter­tasse am Tisch. Dann leert er die Milch in die Tasse und schwappt den Rest aus. Dann die Zitro­nen­scheibe des Opfers Kol­lab­o­ra­teurs.


 

Dies ist mein erster Text zu Dominik Leit­ners .txt-Projekt. Das entschei­dende Wort lautete “Grat­wan­derung”.

 

 

There once was a poor child with­out a dad or mum, and every­thing and every­one was dead and noone was left in this world. Every­thing was dead there and so she went and looked for some­one else day and night.
Because she couldn’t find any­one, she wanted to go up to heaven where the moon had a friendly face so she went to the moon but it turned out to be of rot­ten wood. So it went fur­ther, to the sun, which turned out to be only a rot­ten sun­flower. When she can’t across stars, they were golden midges stuck in the sky like on a black­thorne put there by a shrike.
When she turned back home, Earth was only an over­thrown haven and finally she found she was all alone sit­ting and cry­ing, still sit­ting and crying.

 

Dies ist eine Über­set­zung des “Märchen der Groß­mut­ter” aus Georg Büch­n­ers Woyzeck 1.

Sie bildet den Auf­takt meiner diesjähri­gen Über­set­zungsver­suche. Es ist eine dur­chaus gut bekan­nte Stelle — so wurde sie beispiel­sweise von Jan Bosse in dessen aktuelle Insze­nierung von Dan­tons Tod einge­bun­den. Durch das Trans­ferieren ins Englis­che offen­bart sie nochmal eine neue, vom Woyzeck unab­hängige Bedeu­tung, näm­lich die des Unzufrieden­seins mit dem Sta­tus Quo und dem Ent­deck­en­wollen und der Gefahr, nichts Besseres zu finden, jedoch das Alte nicht mehr oder zumin­d­est nicht mehr in der­sel­ben Ver­sion aufrufen zu kön­nen. Diese Lesart soll auch der Titel Prob­lems of explor­ers grow­ing out their homes zum Aus­druck bringen.

In unregelmäßi­gen Abstän­den will ich weit­ere Stellen oder Gedichte über­set­zen, vor­erst vor­rangig aus dem Deutschen ins Englis­che und möglicher­weise umgekehrt. Sollte das Vorhaben, mein Ital­ienisch wieder aufzufrischen fruchten, kann ich mir zu einem späteren Zeit­punkt auch einen Trans­fer ins Ital­ienis­che vorstellen.

Anmerkun­gen zu meiner Über­set­zung und Inter­pre­ta­tion sind natür­lich gefragtes Gut!

  1. Woyzeck beim Pro­jekt Guten­berg []

Im neuen Jahr soll alles ein biss­chen besser wer­den, sagen sie. Ein biss­chen geplanter, sagen wir.

Deswe­gen, und um mich selbst daran zu binden, kom­men jetzt hier die groben Ideen, was 2015 auf erst­gewe­sen passieren soll.

 

Regelmäßigkeit

Ich hoffe, dieses Jahr wirk­lich min­destens ein­mal in der Woche zu bloggen. Ich habe sogar schon einen Blogkalen­der angelegt.

 

Inhalte

Einige Pro­jekte soll­ten diese Regelmäßigkeit unter­stützen. So will ich wieder anfan­gen, einige meiner Liebling­s­texte aus Zeiten, die Copyright-Freiheit zeich­nen, zu über­set­zen. Außer­dem sitze ich am Reißbrett für eine Reihe von Tex­ten über Urban­ität in einer Stadt, die in diesen Tex­ten entste­hen soll.

Anson­sten soll der Fokus auf kul­tur­the­o­retis­che Fra­gen im weit­eren Sinne und weniger auf eige­nen lit­er­arischen Tex­ten, die ich mehr und mehr bei Wet­tbe­wer­ben und in Lit­er­aturzeitschriften ein­re­iche, wozu sie meist unveröf­fentlicht sein müssen, liegen.

 

Gast­blog

So wie 2014 mit der ency­clo­pe­dia feli­cis, will ich auch dieses Jahr einige meiner lieb­sten Schreiber und Schreiberin­nen in einer Serie auf erst­gewe­sen ein­laden. Es beste­hen schon Ideen, die aber an diesem Punkt noch nicht aus­gereift genug sind, um sie hier an die frische Luft zu hängen.

 

Pod­cast

Schon viel darüber gesprochen, ist das For­mat für den Pod­cast, den ich schon länger aus der Taufe heben will, endlich soweit, dass er bald begin­nen kann.

 

Lay­out

Auch im Auf­bau der Seite sollen sich kleine, aber deut­liche Änderun­gen wiederfinden.

 

Das waren vor­erst die großen Punkte, an denen ich mich dieses Jahr anhal­ten will. Hof­fentlich lesen sie sich genauso span­nend, wie sie sich schreiben!

Auf bald!

2014 hät­ten wir geschafft, mehr oder weniger. Es ist viel passiert und noch weniger weit­erge­gan­gen in der Welt. Und wie das so ist, gilt es ein wenig Bilanz zu ziehen (wenn auch auf den let­zten Drücker!). Da ich mich aber ohne­hin das ganze Jahr über beschw­erer, will ich diese Gele­gen­heit dazu nutzen, einen Blick auf die Habens­seite zu werfen.

Per­sön­lich habe ich heuer zumin­d­est zwei ganz gute Arbeiten, eine zur Bewe­gung als Geschichts­be­wäl­ti­gung bei Arno Geiger und eine zur Funk­tion und Kon­struk­tion von Garten­räu­men bei Jules Verne, geschrieben. Lit­er­arisch ist auch so manches auf Papier gekom­men, das meiste hängt allerd­ings noch im Lim­bus diverser Wet­tbe­werbs– und Zeitschriftenredak­tio­nen. Darüber kann man also noch nicht viel Aus­sagekräftiges berichten, vielle­icht schreibe ich irgend­wann über die komis­che Mix­tur aus Hoff­nung und Ver­nich­tungs­gewis­sheit, die dieser Prozess erzeugt, aber jetzt will ich ein biss­chen auf das Werk anderer schauen.

Was hat mir dieses Jahr gegeben, jetzt immer kul­turtech­nisch gesehen?

Da wären vor­erst die Bücher. Ich habe mich in meiner Auswahl auf diesjährige Erschei­n­un­gen beschränkt, aus Zeit– und Platz­grün­den, dem größten Prob­lem all meiner kura­torischen Ambi­tio­nen. Deshalb weil ich auch noch andere Medien besprechen will, bringe ich auch nur meine Top 3 und nicht, wie vielerorts üblich, meine Top 10 dar:

Die Einzi­gen, von Nor­bert Nie­mann, erschienen beim Berlin Verlag.

Dieser Roman über die älter wer­den­den ehe­ma­li­gen Mit­glieder einer avant­gardis­tis­chen Band hat viel Gutes, allen voran eine Stimme seines Pro­tag­o­nis­ten, die glaub­haft den Spa­gat zwis­chen nos­tal­gis­cher Hoff­nungslosigkeit und Zukun­fts­glaube schafft. Er beschreibt ein Gefühl, welches wohl viele ken­nen, keine Per­spek­tive zu haben, aber trotz­dem nicht aufgeben zu kön­nen. Einzig ein recht schwaches Ende platziert diesen Text auf drit­ter und nicht höherer Stelle.

 

Bilder deiner großen Liebe, von Wolf­gang Her­rn­dorf, erschienen bei rowohlt.

Wenn wir uns mit der Buch­form von Arbeit und Struk­tur ein stück­weit vom Men­schen und Blog­ger Wolf­gang Her­rn­dorf ver­ab­schieden kon­nten, so ist dieser kleine Roman dieser Abschied von seiner Lit­er­atur und seinen her­zlich ver­schrobe­nen Fig­uren. Ein Kun­st­griff, welcher an Hof­mannsthal erin­nert, lässt eine genaue Zuord­nung zu wahr oder falsch schon zu Beginn nicht zu und wirft so nochmal alle Regeln über Bord. Dass man die Unvoll­ständigkeit erkennt, stört hier­bei gar nicht, vielmehr spielt es ver­stärk­end in das Konzept mit ein.

 

Gräser der Nacht, von Patrick Modi­ano, erschienen bei Hanser.

Ich kan­nte Modi­ano nicht, bevor er den Nobel­preis bekam,  das Buch erstand ich mehr oder weniger im Vorüberge­hen von einem dieser Nobel­preis­tis­che, die nach der Ver­lei­hung vor allen Buch­lä­den auf­tauchen. Und es erwies sich als Glücks­griff und fungiert für mich als per­fek­tes Beispiel, was Lit­er­atur­preise neben der Ehrung und Finanzierung von Schrift­steller­leben sein sollen: Ein großes Papp­schild auf dem in dicken Marker und großen Let­tern steht: “Hey, lies mal rein, wir finden das hier gut!” Dass hier­bei viel mehr junge, neue Lit­er­atur zum Zug kom­men sollte, ist ein anderes Thema.

Gräser der Nacht ist mit Abstand das beste Buch, das mir 2014 unter die Fin­ger gekom­men ist. Der spielerisch leichte Wech­sel zwis­chen den Jahrzehn­ten und Wahrnehmungsebe­nen , gepaart mit einem Plot, der schein­bar selbst noch nicht weiß, in welche Rich­tung er sich entwick­eln will, während er passiert, erzeugt ein Leseer­leb­nis im wahrsten Sinne des Wortes und das Gefühl, bei nochma­li­gen Lesen kön­nte etwas ganz anderes erzählt werden.

 

Im Anschluss will ich ein paar wenige, zwei, um genau zu sein, filmis­che Werke her­ausstellen, die neben meinem exzes­siven Nutzen meines neuen Netflix-Accounts her­aus­gestochen haben:

The Zero The­o­rem, von Terry Gilliam.

Ein Film, der mich keine 48 Stun­den später schon wieder ins Kino zieht, ist ein Novum. Dass ich begeis­tert davon war, kann man mit­tels meines Textes Nie mehr Tan­nen­bäume unschwer erken­nen. Gilliam hat eine Welt erschaf­fen, die in sich ganz neu und noch nicht ganz schlüs­sig, nach außen trotz­dem kohärent und unserer heuti­gen nicht ganz unähn­lich erscheint. Mit Christoph Waltz hat er zudem die per­fekte Beset­zung, die er daran zer­brechen lassen kann. Kein ein­faches Vergnü­gen, aber dafür ein umso größeres.

 

Last Christ­mas, Wei­h­nachtsspe­cial Doc­tor Who.

Niemals mehr gedacht, dass noch zu erleben, und doch ist es wahr gewor­den: Ein Doc­tor Who-Folge aus der Feder von Stephen Mof­fat, die kein riesiges (Plot-)Loch in meiner Seele hin­ter­lässt. Mit Abstand die beste Story seit 12 und endlich eine Clara, die einem am Herzen bleibt.

 

So. Jetzt gibt es noch ein Thema und das wäre die Musik. In der Musik ist 2014 etwas passiert, das mich zuerst in ungläu­biges Staunen und dann in helle Begeis­terung ver­setzt hat: 1989.

2014 war das Jahr von Tay­lor Swift, dieses Album ist alles, was an Pop jemals gut war und was an Pop schon so lange nicht mehr gut war. Des immer­gle­ichen Country-Sounds entledigt liefert die Scheibe unnachgiebig selb­st­sichere Hym­nen, ohne dem früher so all­ge­gen­wär­ti­gen Blick zurück. Alles, was mich auf meinem ver­schneiten Balkon tanzen lässt, ist Goldes wert.

Schlussendlich will ich hier noch ein paar Blogs lis­ten, die ich dieses Jahr beson­ders gerne gele­sen habe:

Wir schreiben auf katkaesk.

Ich mag dich gut lei­den. ebenda.

Herr Leit­ner ver­misst unbekan­nte Ver­wandte. auf Neon|Wilderness. Ebenso die anderen Herr Leit­ner ... Teile.

Immer nur. Nie. ebenda.

abgedichtet(3) auf kleinerdrei.

Das Prob­lem mit hal­ben Sachen auf viennella.

Und zuletzt in eigener Sache: Mein lieb­ster Blog­texte 2014 war Ein­skom­mafün­fzwei Kilometer.