Ich ging meine Runden.

Meine Run­den und fand
eine Ble­iche so hell
so wie die tief­ste Nacht,
still wie ein Morgengruß.

Ich ging meine Run­den
und sah eine Ruhe
die jeder kennt, aber
nie­mand lange erträgt.

Ich ging meine Run­den,
sie wür­den stets kleiner.
Ich zog meine Kreise um sie,
die so san­fte Strenge.

Ich ging meine Run­den
und suchte ohne mich
das Ide­al­bild­nis
der ide­alen L.

Eine Vier­tel­stunde ... nur eine Vier­tel­stunde, sagen Sie?

...

Beim Arzt sind Sie gewillt, zweien­thalb Stun­den in einem Wartez­im­mer zu sitzen und Zahn-arzt-zeitschriften zu lesen, ... Nur weil es um Ihre Ge-sund-heit geht.

...

Aber auf die Liebe, ... auf die Liebe sind Sie nicht gewillt, länger als eine Vier­tel­stunde zu warten. Ver­stehe ich Sie richtig?

Sie kom­men hier herein und wollen sofort bedi­ent wer­den? Fast-Food-Liebe, das wollen Sie.  Wenn man lange genug hungert, ... scheißt man irgend­wann auf Nach­haltigkeit, sagen Sie. Wollen hier wohl Ihre neueste Heißhunger­at­tacke stillen?

...

Was soll denn das?!

...

Gehen Sie jetzt bitte weiter.

Hook war der erste Film, den ich ohne Diskus­sion mit meinem Bruder anschauen kon­nte, da wir ihn beide gle­ich­sam großar­tig fan­den, was auch nach­her nur noch sel­ten der Fall war, und als die VHS-Kassette ob der Dauer­be­las­tung das let­zte Uhrticken im Magen des Krokodils von sich gegeben hatte, waren wir sehr begtrübt und in der Folge lange nicht mehr so friedlich beim Auswahl­prozess für das gemein­same Heimino.

Der große Peter Pan meiner Kind­heit blieb dann län­gere Zeit die einzige Rolle, in der ich Robin Williams wahrnahm, Jumanji sah ich zwar, kon­nte ich aber erst viel später wertschätzen. So blieb er in meinen Gednken lange gebucht auf lustige Kind­heit­shelden. Erst als wir im Englis­chunter­richt, ich war wohl fün­fzehn oder sechzehn, Dead Poet Soci­ety zu sehen beka­men, eröffnete sich mir eine ganz neue Welt, eine Welt mit Robin Williams als kon­ge­nialen Charak­ter­darsteller und Men­tor in ihr. Es muss nicht gesagt wer­den, wie begeis­tert ich war, aber sein Unter­richt war neben dem meiner Deutsch­pro­fes­sorin wohl entschei­dend für meine eigene Beschäf­ti­gung mit Lit­er­atur und in weit­erer Folge meiner Entschei­dung selbst schreiben zu wollen. Bis heute wün­sche ich mich in eine lit­er­arische Geheimgesellschaft.

Seine Posi­tion als liebevoller, aber bes­timmter Men­tor einer ganzen Gen­er­a­tion fes­tigte er für mich weiter in Good Will Hunt­ing, eine Rolle, für die wohl mehr als den einen Oscar ver­di­ent hätte. Ob aus seinem einzi­gar­tigem Humor oder aus seiner ern­sthafti­gen Gütigkeit, die er jedem einzel­nen seiner Charak­tere ver­lieh, ich lernte über­all unglaublich viel von ihm. Vor allem zeigte er, dass Komik nicht ohne Men­schlichkeit, Ern­sthaftigkeit aber auch nicht ohne manchen Witz auskom­men kann. Diese Mehrgestaltigkeit der Exis­tenz hat es lei­der auch in seinem eige­nen Leben außer­halb jeder Rol­lle gegeben, wie sich jetzt auf schreck­licher Weise offen­barte. Es ist unendlich trau­rig, dass er, der so vie­len Charak­teren und durch sie tausende Zuschauer trös­tend die Hand auf die Schul­ter legte und ihnen Auswege aus der Dunkel­heit wies, für sich selbst nur diesen einen, endgülti­gen fand.

Es bleibt nur, seine Botschaften weit­erzu­tra­gen und sein Andenken hochzuhal­ten, auf dass er uns weit­er­hin Lehrer und Men­tor sein möge. Seine Lieblings­filme wieder auszu­packen, kann da nur ein Anfang sein.

Um meinen kurzen Text zu been­den, wie heute alle Texte enden sollten:

Oh cap­tain, my cap­tain, wir ver­mis­sen dich schon jetzt.

Läuten Sie,
Lassen Sie läuten.
Lauter
Läuten.

Klin­gelt es?
Kom­men Sie,
Klin­geln.
Klopfen Sie?

Ist da jemand
An einer Tür?
Nein, läuten
Ohne Tür,
Selbstbewusst.

Während ein wun­der­lich lauer Som­mer­abend ver­stre­icht, sind die Geis­ter dieser Welt bekan­ntlicher­weise im Som­mer­taumel gefangen.

Diesen Taumel will ich nutzen, um ein kleines, recht junges Pro­jekt mein­er­seits anzureißen.

Es war mir schon immer eines der schön­sten Dinge und Gefühle, wenn ich jeman­dem etwas empfehlen kon­nte und das Emp­foh­lene einen überzeu­gen­den Auftritt hin­legte. Ich erfreue mich sehr am Teilen meiner Ent­deck­un­gen und noch mehr freue ich mich, neue Erkun­dun­gen auf die Wege zu bringen.

Weshalb ich Anfang Mai meine erste soge­nan­nte Liste von Inter­esse per Rund­mail ver­sandte. Das Ganze war und ich eine Zusam­men­stel­lung von um die fünf Din­gen, welche ich im Vor­monat ent­deckte und beson­ders gern hatte, samt ein paar Zeilen mein­er­seits zu jenen Favoriten.

Nun lesen diese monatliche Nachricht bei jet­zigem Stand nur einige erlauchte Fre­unde. Dies würde ich aber gerne geän­dert sehen, weshalb ich alle, die so eine Liste inter­essieren würde, bitte, mich auf irgen­deiner Weise ihrer Wahl, sei es Mail, Twit­ter, Face­book oder Brief­taube, zu kontaktieren.

Außer­dem habe ich es mir in den Kopf gesetzt, das Spiel mit der näch­sten Aus­gabe noch mal ein wenig aufzuputzen. Ob meiner end­losen Fasz­i­na­tion für das Medium Radio, will ich diese Liste, in einer etwas aus­geschmück­ten, eher pro­sais­chen Erzählform einzus­prechen. Da ich aber tech­nisch recht blank bin, ist dieser Traum noch recht unaus­gereift, wer also Tipps und/oder Tricks zum Thema Pod­cast­ing hat, ich habe offene Ohren!

 

In aller Hoffnung,

MGK

Ich frage und zer­streue mich oft, in wie weit sich mein Ver­ständ­nis und Empfinden von Glück verän­dert hätte, wären da nicht all die Kul­tur, all die Geschichten und Erzäh­lun­gen vom Glück. Wenn man bloß auf die Gen­er­a­tio­nen von Men­schen vor einem selbst hört und achtet, die in ihren Erzäh­lun­gen Glück und Unglück einze­men­tieren in starre For­men und klare Abläufe, wird man immer glück­licher sein wollen, als möglich ist. Ein Mit­bringsel dieser uneige­nen Welt ist wohl, dass das Glück zwangsläu­fig das Unglück als Gegen­pol mitschleppt. Wenn man glück­lich ist, wartet man deshalb oft schon von Anfang an den Schwenk ins Unglück ab. Hat man über­haupt noch eine eigene Wahrnehmung von diesen Din­gen, oder ist Glück, was als Glück im Wörter­buch definiert steht? Würde man ohne das Wis­sen von diesen vorgelebten Glücks– und Unglücks­geschehnis­sen, eben diese nicht viel unbeküm­merter hin­nehmen kön­nen und tat­säch­lich glück­lich (und unglück­lich?) sein? Wäre es denn nicht eine Bere­icherung, nichts davon zu erfahren?

Dies ist ein Beitrag zur ency­clo­pe­dia feli­cis, einer Blogserie, in der Autoren ein­ge­laden wer­den, Gedanken über das Glück in Form zu bringen.

Simon Scharinger, geboren 1991 in Schärd­ing, studiert in Wien, schreibt und singt nicht nur dort. Lesen kann man ihn unter anderem auf seinem Blog, auseinan­der­set­zun­gen. Ein weit­erer Text zum Glück, Fed­er­le­icht, erschien im März 2014 ebenhier.

Carl: Es wäre gut, kön­nten wir einfach...

Thomas: Cut! Neube­gin­nen.

Carl: Genau. Cut! Neuin­sze­nieren, neupositionieren.

Thomas: Cut! Sind wir dann Neue oder sind wir noch wir?

Carl: Ich hoffe...

Thomas: Was hoffst du? Auf einen ret­ten­den Cut?

Carl: Ich hoffe... auf ein neues Wir, darauf, dass dieses jet­zige Wir zu einem Ihr wird und trotz­dem noch zu mir gehört... Kannst du das nachvollziehen?

Thomas: Dur­chaus. Aber ver­ste­hen kann ich es nicht. Cut! Altes sollte ver­wor­fen wer­den, finde ich. Denn das Alte ver­steht man aus Prinzip...

Carl: Ist das schlecht?

Thomas: ...nicht.

Carl: Das Schick­sal von Schei­dungskindern. Cut! Wiederverheiratet.

Thomas: Die sind ja Schnittstellen.

Carl: Schnittstellen in ein Leben vor dem...

Thomas: Tod?

Carl: ...Tod? Kol­laps. Da muss man höl­lisch auf­passen, dass diese Schnittstellen nicht zu prophezeien anfangen.

Thomas: Cut. Zu Schwach­stellen wer­den. Wie kann man das verhindern?

Carl: Rei­bungskräfte minimieren.

Thomas: Rei­bungskräfte dezimieren?

Carl: ...Ja. Teile und...

Thomas: und Cut.

 

Pause. Die Kinder kom­men herein, laufen einige Male um den Tisch, ver­schwinden dann wieder in das Nichts aus dem sie ent­standen sind.

Einer verzieht sein Gesicht, wie aus schmerzhaften Erinnerungen.

Thomas: Wie es ihnen wohl...

Carl: geht?

Thomas: ...ginge? Cut. Alles nur Traum.

Carl: Das sind auch nur Worte. Noch eine Tasse Kamil­len­tee, bitte.

Wir hat­ten uns vor Ewigkeiten getrof­fen und saßen dann ebenso lange am Gehsteigrand vor dem Café, bevor wir ein­traten. Man hatte uns auf unseren Zus­tand ange­sprochen.
– Wir bleiben hier.
– Das ist eine gute Idee, lass uns hierbleiben. Eine Tasse Kamil­len­tee, bitte.
sagte er und es kam einer Liebe­serk­lärung gle­ich.
Also bleiben wir hier. Und wir liebten einan­der, obwohl wir unsere Kör­per ver­ab­scheuten, aber der Geist steht über allem, wie ich ihm beim ersten Anze­ichen von Zweifel erk­lärte, gepaart mit Übelkeit.
Er schwieg lange Zeit, in etwa zwei Tassen Tee oder drei Monate.
– Aktion, brachte sie her­vor, mit­tler­weile hochschwanger.
– Aktion. Ak — tion.
Das ver­stand ich als Auf­forderung und stand auf. Ver­ständlicher­weise fing er an, zu schreien, würde doch das ganze Aus­maß unserer hor­ren­den Kör­per­lichkeit sicht­bar. Also begann ich zu tanzen, da ich sonst nichts kon­nte.
– Wir bleiben hier.
– Ja. Wir ... bleiben ... hier.
Das war uns genug Aktion für den Moment und die Ewigkeit. Wir wür­den bald Vater wer­den, hatte sie uns gesagt, als sie ging. Aber das waren nur Worte.

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Wir streben ewig nach Glück und kön­nen es doch so schwer definieren. Immer gefan­gen in der Unbeständigkeit, erfüllt von der Angst, dass es jed­erzeit vor­bei sein kön­nte, will man es fes­thal­ten und nicht verlieren.

Was ist Glück? Was macht mich glück­lich? Natür­lich fallen mir ein Dutzend Dinge ein, die mich glück­lich machen. Die der Inbe­griff von Glück­lichkeit sind. Doch sind sie es wirk­lich. Sind sie nicht vielmehr ein Hal­te­griff, ein kurzzeit­iger Schutz vor dem Verder­ben, dem Unter­gang? Ist man ohne diesen Din­gen ganz ein­fach unglück­lich oder gar ganz ver­loren? Es sind Geschichten, die mich glück­lich machen, es ist ehrlich gemeintes Lob, es sind Ideen, Erfolge und ganz beson­ders sind es Men­schen. Beson­dere Men­schen. Doch Glück besteht doch niemals ohne Angst, oder?

Wer ein­mal glück­lich war — wer ein Lächeln geschenkt bekam, etwas Nähe, pures Glück -, hat das Leben gespürt. Wem das alles aber genom­men wurde, uner­wartet, aus dem Rück­halt, ohne Grund, kann sich wohl lange Zeit nur mehr schwer an einem Glücks­ge­fühl ergötzen. Weil doch alles eine Ablaufzeit hat und alles ein ver­dammtes Ende. Und weil Enden sel­ten glück­lich sind, denn Glück soll doch niemals enden.

Ich bin glück­lich, wenn ich in meinem Ele­ment bin. Mein “Ele­ment” ist das Schreiben, ob nun lit­er­arische oder jour­nal­is­tis­che Texte. Das Spie­len mit den Worten, das behut­same Aneinan­der­rei­hen der Sätze, das Ein­tauchen in die Welt der Fan­tasie und auch der Fak­ten. Schreiben macht mich glück­lich, bringt mir Ruhe und hüllt mich ein. Glück hat somit auch etwas mit Lei­den­schaft zu tun und mit Hingabe. Nur etwas, in dem ich voll aufge­hen kann, macht mich glück­lich. So wie auch die Liebe: das Aneinan­derkuscheln, die kleinen Neck­ereien, das Beobachten und Aufmerk­sam­sein, das alles bedeutet für mich Glück. Etwas nach­dem ich lange Zeit gestrebt habe, dass irgend­wann erfüllt wurde und das ich nicht mehr gehen lassen möchte. Nichts bebt ein­dringlicher in meinem Kör­per als die richti­gen Worte des Gegenübers. All das ist Glück und all das ist vergänglich.

Und manch­mal ver­liere ich mich im Zwang des Glück­lich­seins. Wenn ich mir noch tage– und wochen­lang vor­ma­che, vol­lkom­men glück­lich zu sein, und in Wahrheit ram­men sich ganz kleine, feine Split­ter in diese Schutzhülle, in diese Schicht Glück, die vielle­icht auch nur mehr eine Erin­nerung ist und ihre jet­zige Exis­tenz in Wahrheit schon gar nicht mehr nach­weis­bar ist. Das ist meist der Beginn eines tiefen Falls, denn anstatt langsam in ein Tief zu gleiten, pusht man das Glück immer weiter, ver­fällt vol­lkom­men dieser unsäglichen Glück­su­topie, bis zur Spitze, bis es nicht mehr geht und dann ist es plöt­zlich klar und voller Schmerz und man fällt und fällt und fällt. Und trotz der Erin­nerung an die unzäh­li­gen Momente des Fal­l­ens, oder vielle­icht sogar ger­ade deswe­gen, passiert es mir immer wieder, dass ich den Kokon zu bauen beginne, obwohl der unebene Grund unter mir doch eigentlich schon eine War­nung hätte sein sollen.

Ist Glück somit immer nur die Über­brück­ung bis zum Tief­st­punkt, kennt man die pure Glück­lichkeit nur beim Auf­stieg an die Spitze, nur um dann wieder nach unten gestoßen zu wer­den und wieder von Neuem den Weg hin­auf in Angriff nimmt? Wäre dann dieses Glück nicht ein­fach nur sinn­los und würde man sich dann im Laufe des Lebens und im Laufe der Erfahrun­gen irgend­wann die Hörner abgestoßen, die Liebe zum Glück abgewöhnt haben? Ich kann es nicht sagen, aber ich will es auch ein­fach nicht glauben.

Nichts ist unzer­brech­lich, und vielle­icht ist das der Grund, warum das Glück einen so reizt. Weil man immer danach streben muss und darum kämpfen. Weil etwas Unacht­samkeit und falsche Abzwei­gun­gen das Ende des Glücks bedeuten kön­nten. Man wird aufmerk­samer, wird rück­sichtsvoller, nur um das Glück auch weit­er­hin zu haben. Nur um nicht abzustürzen, nur um on Top zu bleiben. Und manch­mal … ja, manch­mal kann man tun und machen, was in der Macht steht, und trotz­dem ist es weg. Das ist die schlecht­este aller vorstell­baren Theorien.

Aber selbst wenn man das schon ein­mal durchgemacht hat, endet nie der Glaube ans Glück, oder der Wun­sch danach. Denn das pure Glück ist wie eine Droge, das pure Glück lässt einen strahlen. Völ­lig sinn­los wäre das Leben, wäre da nicht das Glück. Und wie schrieb der kür­zlich ver­stor­bene Autor Gabriel Gar­cía Márquez: “Weine nicht, weil es vor­bei ist, son­dern lächle, weil es so schön war.” Und vielle­icht beschreibt dieses Zitat am Besten, wie man mit der Absur­dität des Glücks umge­hen muss. Auf es zu verzichten, weil man sich der Endlichkeit bewusst ist, wäre ein­fach nur ver­we­gen. Und selbst wenn das Ende einkehrt, so gab es doch diese unzäh­li­gen Momente des Glücks, die dann zwar nicht mehr exis­tent, aber doch noch in der Erin­nerung vorhan­den sind. Und auch wenn das Glück ver­loren gehen kann, so muss das nicht auch mit der Erin­nerung passieren.

Und auch Heine trifft mit seinem, meinem titel­geben­den, Zitat den Nagel auf den Kopf. Nur sel­ten wird uns die Essenz des Glückes ohne Grund ins Schoß gelegt, nur sel­ten wer­den wir mit Glücks­ge­fühlen belohnt, son­dern wir selbst müssen es in die Hand nehmen, wir selbst sind die Boten des Glücks. Für andere Men­schen, aber auch für uns selbst.

Denn so sehr das Leben ver­sucht, einen Men­schen pes­simistisch wer­den zu lassen, so sehr bietet Glück etwas Hoff­nung. Und diese Hoff­nung nährt einen, lässt einen streben, kämpfen, für das Gefühl des Glücks, schenkt einem eine Auf­gabe. Und mit der Auf­gabe, glück­lich zu sein, hört man das ganze Leben über nicht auf. Denn Glück ist in Wahrheit unbezahlbar, unerr­e­icht und wun­der­voll. Glück ist das Höch­ste und Glück­lich­sein ist Leben.

In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks” erscheint als Teil von ency­clo­pe­dia feli­cis, einer Reihe von Tex­ten über das Glück auf erstgewesen.com. Dominik Leit­ner wurde 1988 in Pins­dorf, Oberöster­re­ich geboren, wohnt in St. Pöl­ten und studiert in Wien. Er ist (unter anderem) glück­lich, wenn er schreibt: egal ob lit­er­arisch oder jour­nal­is­tisch.

Plöt­zlich haben wir uns die Welt aus dem Kopf getanzt. Wir waren heimge­gan­gen und nun lagen wir zwis­chen ver­gan­gener Nacht und her­an­na­hen­dem Mor­gen. Wir lagen nun zwis­chen Gestern und Heute, zwis­chen dem Ja und dem Nein, zwis­chen all dem, was bere­its gesagt wurde und noch aus­geschwiegen wurde. Wir waren mit­ten in unseren Zwanzigern, die Hoff­nung hat­ten wir uns an die Haustür gek­lebt, gesucht hat­ten wir sie zwis­chen Zeit und Raum der Momente, die wir längst hin­ter uns hat­ten, zwis­chen dem, was noch vor uns lag und einen Weg, den wir noch nicht beschrit­ten hat­ten. Wir hat­ten nach der großen Liebe gesucht und allzu oft tem­poräre Zunei­gung gefun­den, zwis­chen dem Vielle­icht und Bald, in der Hoff­nung auf die Dauerhaftigkeit.

Wir waren Lin­ien an der Wand, par­al­lel laufend gewe­sen, du mein­test, es wäre trau­rig, weil sie sich nie berührten, aber es war besser als sich nur ein­mal zu kreuzen, wie nor­mal aufeinan­der zu ste­hen, sich im Kreis zu drehen, sobald man uns in Bewe­gung setzt. Drehen, durch­drehen, abdrehen, das Leben auf­drehen – wir hat­ten das bere­its alles gel­ernt. Vor lauter Drehen hat­ten uns unsere Füße wehge­tan, wir hat­ten uns den Kopf leer­ge­tanzt, wir waren in hal­bka­put­ten Schuhen nach­hause gelaufen, noch nicht sicher wo das für uns ist, aber weg aus der dampfenden Wolke, die sich aus zu lauter Musik und zuviel Alko­hol aufge­baut hatte.

Weg, die Straße ent­lang, links, an der Bushal­testelle, wir hat­ten weit­er­ge­tanzt, langsam zueinan­der gedreht, ineinan­der ver­schlun­gen. Wir drehten, drehten, drehten am Schick­sal, an den großen Fra­gen des Lebens, die wir jetzt noch nicht beant­worten kon­nten, wir drehten am Kom­pass, unser Nor­den war die Hoff­nung, wir drehten uns für die Hoff­nung, hof­fend, dass das Leben ein­mal gut zu uns sein würde. Die Bushal­testelle mutierte zu unserem Tanzsaal, ganz nach unserem Geschmack, wir tanzten Walzer, die Ster­nenkro­n­leuchter drehten sich mit uns. Nie­mand war da, wir waren allein, wartend gefan­gen, aber wild, frei, wun­der­toll, das Ende noch ungewiss.

Wir hörten die Pauken der Ver­gan­gen­heit, die falschen Töné im Orch­ester, unser Kopf drehte sich, und wir mit ihm mit, unser Groschen war noch nicht gefallen, wir drehten ihn noch fleißig. Es war noch kalt, die Luft zog in unsere Lun­gen, sie hielt uns wach, die kleinen Schnaps­flaschen waren unser Cham­pag­ner, wir tranken auf das Leben, das uns zu oft schon ent­täuscht hatte, uns die Ein­trittskarte für das bessere Leben ver­wehrte. Du holtest Zigaret­ten aus deiner Jack­en­tasche, wir bliesen uns die Ver­ach­tung unserer Jugend aus den Lun­gen, zum Schreien waren wir zu müde.

Mit Zigaret­ten in der Hand, über die Schul­ter des jew­eils anderen tanzten wir weiter, die Nacht war noch jung. Niemals waren wir die Asche, wir ver­weigert den Tag, in der Nacht lebten wir, unsere Gedanken tanzten wie aufgewirbel­ter Staub. Ich schmiegte mich an dich, ich wollte mich fes­thal­ten, die Gedanken kreis­ten im Kopf umher, du mutiertest zu meinem Hydran­ten, ich drehte mich um dich. Wir stiegen in den Bus, du legtest deinen Arm um mich, wir betra­chteten die Stadt als wür­den wir sie zum ersten Mal sehen. Die Lichter tanzten weiter, immer im sel­ben Takt, sie waren noch nicht müde. Die Füße ver­schränk­ten wir, die lose Abwehrhal­tung, mehr war uns nicht mehr möglich zwis­chen dem Gestern und Heute. Du warst nicht außer Atem gekom­men, Hydraten kamen nicht außer Atem, dein Brustkorb hob sich sachte und senkte sich ebenso. Deine Hand legtest du auf meine Beine, sie durften ruhen, wir hat­ten lange genug getanzt, unsicher, ob sie meine Hände nochmals sanft nehmen soll­ten und mich noch ein­mal drehen soll­ten. Wie die Sonne sich um die Erde drehte, so hat­ten wir uns gedreht, der eine ver­bran­nte, während der andere näher kam, irgend­wann würde es wohl so weit sein. Immer zwis­chen Span­nung und Anspan­nung. Wir ver­schmierten die Fen­ster zum Abschied mit unseren Namen, nie­mand würde mehr wis­sen, wer wir waren, unsere Namen ein Bild unser Selbst. Die Namen wür­den bald verge­hen, doch wir waren Musik, Lied, Stro­phe, Haupt­satz, Seit­en­satz, Sequenz, Vor­satz, Nach­satz, Takt. Du warst Leit­mo­tiv, meine emo­tionale Kadenz, meine Bluenote, meine Bridge und mein Solo. Wir waren das Thema und seine Vari­a­tion, wir waren Dux und Comes, Reprise und Wiederholung.

Gehal­ten vom Leben humpel­ten wir die Straße hoch, beinahe hät­ten wir den Asphalt geküsst, er kühlte langsam aus, die Beine taten uns weh. Manche Rand­steine fehlten bere­its, wie Erin­nerun­gen, die wir nicht mehr woll­ten und vergessen hat­ten, oder so taten, als hät­ten wir sie vergessen. Es war schwierig, nicht in die Löcher zu fallen nicht in die Kip­pen, die zu hun­dert auf dem Boden lagen. Endlich da, wo wir hin woll­ten, wir waren da, wir saßen lachend auf der Straße, weil der Schlüs­sel nicht in das Schloss finden kon­nte, die Meis­terübung zwis­chen den Tagen, die bere­its ver­gan­gen waren und noch vor uns lagen. Wir schafften uns die Trep­pen hoch, viel zu laut, wir wür­den die Nach­barn mit unserem Gelächter wohl wecken, es war uns in diesem Moment egal, wir drehten uns, und das Leben tat es uns gle­ich. Die Haustüre schoben wir nach innen, die Schuhe war­fen wir weg, wir waren eine Fabel ohne Tiere, wir waren die Real­ität ohne Bezug, Sätze ins Leben geschrieben, ohne größere Moral.

Real­itäts­fern tänzel­ten wir ins Badez­im­mer, die Dusche war ein Kurzflug zwis­chen dem Stem­pel, der uns aufge­druckt wor­den war und seinen Resten auf dem Handge­lenk. Die Haare waren noch feucht, in Handtücher gewick­elt hat­ten wir uns ins Bett getanzt, der Dampf aus dem Bad begleit­ete uns, er machte sich auf die Reise aus dem Fen­ster, wir wün­schten ihm viel Glück. Wir lagen nun da, Arm in Arm, das Fen­ster hat­ten wir geöffnet, es war eigentlich viel zu kalt dafür, wir woll­ten die kalte Brise spüren, die uns die Gänse­haut auf den ganzen Kör­per trieb, so wie Bewe­gung der Fin­ger­spitzen auf dem Kör­per des jew­eils anderen. Die Haare rochen nach Hoff­nung und Fan­tasie, nach dem Mit­telmeer, nach botanis­chen Gärten, nach Zeiten, die noch nicht ange­brochen waren. Wir lagen hier, schweigend, den Kopf aus­ge­tanzt, eingerollt in den Handtüch­ern zwis­chen dem Wachzu­s­tand und dem Traum. Der Wind wehte sich in alle Him­mel­srich­tun­gen, die Ster­nenkro­n­leuchter schwank­ten noch langsam, bevor ihnen nach und nach das Licht aus­ging. Kon­densstreifen am Hor­i­zont kon­nten wir ent­decken, wir waren zu müde, unsere Reise ging im Heute nicht mehr weit. Die Vögel fin­gen an ihre Melo­dien zu sin­gen, wir woll­ten nicht mehr tanzen, wir hörten dem Orch­ester zu, traum­schwanger zu der Wirk­lichkeit getrieben, die Hände genau da. Die Sonne hatte bere­its ihren Tanz begonnen, wir liegen da, zwis­chen Heute und Mor­gen1.

1 Glück das, –s/-: etwas, was Ergeb­nis des Zusam­men­tr­e­f­fens beson­ders gün­stiger Umstände ist; beson­ders gün­stiger Zufall, gün­stige Fügung des Schick­sals (vgl. Duden 2014, o.S.)

 

Katha­rina Peham, Jahrgang 1990, schreibt und dichtet unter der Namen katkaesk. Worte über das Glück, die Hoff­nung und das Leben sind auf katkaesk.com zu finden.