Mein Name ist mehr. Mein Name ist Glück. Er beschützt mich, wenn es dunkelt. Er führt mich, wenn es fin­stert.
Ich habe keine Erk­lärung. Ich spüre es. Das Geschenk meiner Eltern. Es ist immer bei mir. Ist immer bei mir gewe­sen.
Und deshalb suche ich. Ich will ein Wort ver­schenken. Danke. Ich suche. Und finde nicht. Wer will das Wort hören? Wer will es annehmen? Ich brauche es nicht.
Der Altar steht bereit. Weihrauch steigt höher. Doch der Rah­men ist leer. Es hängt kein Bild über meinem Altar. Ich habe kein Bild. Vom Glück.
Ich gebe mir die Hand. Mir sel­ber. Pro­biere es zu sagen. Danke. Das Gefühl ist falsch. Ich bin nicht das Glück.
Meine Taufe? Vielle­icht. Sind meine Eltern das Glück? Ist es der Priester?
Ich suche weiter.
Soll man suchen? Soll man finden?
Mein Name ist Glück. Doch ich finde das Glück nicht. Ich habe es nur. Aber ich sehe es nicht.
Wer das Glück sieht. Irgend­wann ein­mal. Sagt ihm Danke. Von mir. Es wird sich auskennen.

 

Mein Name ist Glück” gehört zur ency­clo­pe­dia feli­cis, einer Reihe von Tex­ten über das Glück. Felix Schif­fl­hu­ber wurde 1992 in Ohls­dorf, Oberöster­re­ich geboren, ist Stu­dent der Ger­man­is­tik, Musik­wis­senschaft und Anglis­tik in Wien.

Er hatte sein Glück verlassen.

Das Glück war sein ältester Fre­und. Soweit er sich zurück erin­nern kon­nte, war das Glück da. In der Schule teilte er sein Pausen­brot mit ihm.

Als er aufwuchs, begann ihn diese inten­sive Beziehung einzuen­gen. Das Glück hatte ihn sein ganzes Leben über begleitet, war ihm auf Schritt und Tritt gefolgt. Er hielt es für einen unge­fragten und mehr und mehr uner­wün­schten Begleiter, wenn nicht für einen Ver­fol­ger. Es kam ihm vor, als würde ihm das Glück das Leben ver­miesen, ver­suchen, sich zwis­chen ihn und seine Erfahrun­gen zu stellen. Er musste han­deln. Etwas verän­dern, um sein Leben zu leben.

Er war also eines Nachts, als das Glück tief schlafend neben ihm im Bett lag, leisen Fußes aufge­s­tanden, hatte das Wichtig­ste in einen Ruck­sack gepackt und war auf Wan­der­schaft gegan­gen. Er hatte es nicht geplant und so hat­ten seine Taten Hand und Fuß. Für einen Außen­ste­hen­den hätte es aus­ge­se­hen wie eine Flucht, ihm erschien es als Befreiung. Er würde etwas tun, dass er sich lange gewün­scht hatte. Er wollte das Leben lernen.

So zog er also durch die Welt, ganz alleine, auf das Schlimm­ste hof­fend, er wollte sein Pech austesten. Das Unglück würde ihn zum Men­schen machen, so dachte er. Er hatte bisher nur in seiner vom Glück getra­ge­nen Blasé existiert, doch er wollte seine Vision klären. Leben bedeutete scheit­ern. Er wollte das Scheit­ern kennenlernen.

In den ersten Tagen schwebte er fast durch die Straßen. Die jahre­lan­gen Lehren seines Begleit­ers hatte er noch in sich und er befol­gte sie intu­itiv. So kon­nte ihm nichts geschehen. Doch immer mehr ver­gaß er das Gel­ernte, er begann zu stolpern. Dann fiel er zu Boden. Das freute ihn. Jetzt würde das Leben begin­nen, war er sich sicher und stand mit einem Grin­sen wieder auf, putzte sich schwungvoll den Dreck von der Hose und ging weiter seines Weges. Er sollte noch oft fallen.

So kam er weit in der Welt herum, immer auf der Suche nach dem näch­sten Unglück. Was er sah und erlebte, tat ihm weh, doch dieser Schmerz hatte für ihn stets etwas Gutes an sich, das den Geschmack des Blutes im Mund überdeckte. Wie sehr seine Knie auch aufgeschun­den waren, er hatte für alles ein Lächeln übrig. Denn die Schmerzen erschienen ihm als Wink der Welt, dass er auf dem richti­gen Weg unter­wegs war. Der Boden begrüßte ihn im Leben. Und der Regen, denn es reg­nete jetzt oft, wusch ihm den Dreck von den Armen.

Die ersten Jahre haftete der let­zte Ein­fluss des Glücks noch an ihm, seine Spuren klebten wie Feen­staub an ihm und tru­gen ihn sicher von Hier nach Da. Doch aller Pro­viant ist ein­mal aufgezehrt. So wur­den seine so über­schwänglich begrüßten Pan­nen zu Pech­sträh­nen und seine Pech­sträh­nen zu Katas­tro­phen. Jetzt musste er sich zu dem Lächeln, dem er sich ver­schrieben hatte, zwin­gen und der Weg zur näch­sten Rast schien ins Unendliche zu gehen. Der Regen wurde stärker. Als es damals zu reg­nen begonnen hatte, emp­fand er das Nass angenehm und erfrischend, doch nun war ihm jeder Tropfen eine Bombe auf seinem Kopf. Nach und nach begann er zu zweifeln, ob sein Weg­gang von Daheim wirk­lich das Richtige gewe­sen war. Hätte er damals wenig­stens eine Nachricht hin­ter­lassen, wäre alles nicht so schlimm gewe­sen. Doch so würde er zu Hause bes­timmt auf ver­schlossene Türen stoßen, das Glück würde ihn nicht hinein­lassen, warum sollte es auch? Eher würde es ihn vom Fen­ster aus anspucken. Nein, zurück kon­nte er nicht.

Eben dieses Glück saß zuhause saß auf dem Bett. Seit er in jener Nacht aus dem Zim­mer gegan­gen war, wartete es hier auf ihn. Natür­lich hatte es gemerkt, wie er seine Sachen packte und wie er leise die Tür schloss. Doch es kon­nte und wollte ihn nicht hal­ten. Wenn er ver­suchen wollte, ohne ihm auszukom­men, würde es ihm nicht im Weg ste­hen. Es war sich sicher, dass er zurück kom­men würde, wenn ihm die Real­ität des Lei­dens zu real würde. Sie kamen noch alle zurück, irgend­wann war jedem das Fallen zu viel.

Aber es zogen die Jahre am Fen­ster vor­bei und das Glück war immer noch alleine. Die einzi­gen Wege des Glücks waren die in die Küche und wieder ins Bett, immer mit einem lauschen­dem Ohr, dass vielle­icht doch noch den Heimkehrer hören kön­nte. So zogen die Jahreszeiten am Fen­ster vorüber und sie waren glück­los und kurzatmig.

Das Pech zeich­nete den Jun­gen, der mit­tler­weile ein stat­tliches Man­nesalter erre­icht hatte, sehr und so sah er weit älter aus als er es war. Die vie­len Stürze hat­ten ihm die Knochen zer­mürbt und das Gehen fiel ihm schwer. Doch all diese Lei­den waren harm­los, wenn man seine schw­er­ste Krux betra­chtete. Seine Augen waren nut­z­los gewor­den, denn sie sahen nur noch die Ver­gan­gen­heit, sie zeigten ihm das Glück, dass er ver­lassen hatte und sie gaukel­ten ihm das Glück vor, welches er haben hätte kön­nen, wäre er nur nicht so töricht gewe­sen. Diesen Schein vor Augen war er geal­tert, denn zu all dem Ungeschick kam das Selb­st­mitleid hinzu und ver­trieb auch die let­zte Aben­teuer­lust aus seinen Gedanken und das kle­in­ste, küm­mer­lich­ste Lächeln von seinen Lip­pen. Glück­los, wie er sich gemacht hatte, war er zu einem gebroch­enen Mann geworden.

Das Glück hatte ein Leben lang auf ihn gewartet. Zusam­men hät­ten sie Berge ver­set­zen kön­nen, doch getrennt von einan­der waren sie beide macht­los dem Leid aus­ge­setzt. Das zu ler­nen, hatte das Glück den Jun­gen ziehen lassen, damit er bestärkt zurück­kehre. Aber die Angst vor seinen eige­nen Taten, seiner eige­nen Ver­gan­gen­heit hatte ihn zuerst zu einem Jünger der Unzulänglichkeiten, dann zu einem Opfer der zer­störerischen Urkraft des Chaos gemacht. Sie waren beide ver­loren, als er sich der falschen Überzeu­gung hingab, er hätte sein Glück ver­trieben. Nie­mand kann sein Glück aus­merzen, denn das Glück ist jedem treu, selbst dem frei­willig Glücklosen.

>Es hielt lange durch, zehrte wie er von Erin­nerun­gen an bessere Tage, in denen sie noch vere­int waren. Doch die Zeit hin­ter­ließ auch an ihm ihre Spuren. Die Gänge in die Küche wur­den langsamer und auch die Blicke zu Tür und Fen­ster schliefen ein. Bald kon­nte es nicht mehr aus dem Bett steigen, bald musste es kämpfen, den Kopf über der Decke zu hal­ten. Das einzige, was es noch am Leben hielt, war die Gewis­sheit, er würde kommen.

Es war an der Zeit. Instink­tiv führte ihn sein schwacher Schritt, geleitet von all den Illu­sio­nen, nach all den Irr­jahren in einer Anwand­lung von Hoff­nung wieder auf seine alten, einst glück­lichen Wege. Als er seine Stadt, seine Straße wieder­erkan­nte, schoss das Adren­a­lin durch seinen Kör­per, wie es es einst tat, als er in die Welt auf­brach. Plöt­zlich waren seine Sor­gen wegge­blasen in die hin­ter­ste Ecke seines Bewusst­sein, an vorder­ster Front stand nun die Zuver­sicht in großen Let­tern. Plöt­zlich wusste er, sein Glück hatte ihn nicht vergessen. Es wartete die ganze Zeit über auf ihn, seit er fort­ge­gan­gen war. Er ging den Heimweg, so schnell er nach all den Stra­pazen kon­nte. Mit strahlen­den Augen kam er vor seinem Haus zu stehen.

Es brauchte einige Zeit, bis er den Schlüs­sel aus seinem Beu­tel gekramt hatte, ganz unten war er, begraben von aller­lei Gedenkstücken an Mis­eren. Als er den Beu­tel packte, dachte er ja auch nicht, dass der Schlüs­sel irgend­wann wieder auf­sper­ren würde. Aber jetzt hatte er ihn wieder in der Hand, seinen Schlüs­sel zum Glück.

Er drehte ihn im Schloss um, öffnete die Haustür und trat ein. Dann wusste er es. Es rückte sein Leben, seine Gefühle wieder ins Lot, kappte seine neu gewonnene Hoff­nung an der Wurzel. Die Kraft floh wieder aus seinem Kör­per. Er war wieder ver­greist wie zuvor, doch es war schlim­mer, denn zur Hoff­nungslosigkeit gesellte sich die Gewis­sheit.
Es hatte ihn nicht vergessen und hatte die ganze Zeit auf ihn gewartet. Er war zu spät.

Das Glück hatte ihn nicht verlassen.

Dieser Text gehört zur Ency­clo­pe­dia feli­cis, einer Reihe von Tex­ten über das Glück. Erst­mals erschien er im Kopfthe­ater.

Was Glück meint, ist schwer zu sagen, weil es kaum Gewicht trägt. Denn das Glück ist fed­er­le­icht. Nicht im Sinne von Schwa­nen­fed­ern, grob, krächzend, far­b­los und majestätisch, son­dern weit mehr an Spatzen erin­nernd, sin­gend, leicht, bunt und aufgescheucht. Deshalb fliegt es auch so oft hastig und rasch auf und davon, deshalb ist der Men­sch ger­ade dann glück­lich, wenn er wenig an seinem Leben hängt. Denn am Leben hän­gen heißt an der Angst hän­gen. Und wer an der Angst hängt, hat so seine Schwierigkeiten mit dem Glücklich-Sein. Es ver­langt keinen Mut: Mut ist ein Wort für dumme Men­schen. Mut braucht es genau so wenig wie die Angst. Das Streben darf man ganz ein­fach nicht aus den Augen ver­lieren, das Streben nach dem einen Moment, in dem man als alter Men­sch in seinem Schaukel­stuhl schaukeln und nichts als lächeln wird, weil es dann nichts außer Lächeln mehr gibt. Ein Lächeln über und ein Lächeln von.

Glück ist unüber­legtes Streben, oder besser noch: Unüber­legtes. Geschehen­des. Denn Unüber­legtes und Geschehen­des über­rascht. Wie der Spatz, der auf­scheucht, weil er von einem plöt­zlichen Brotkru­men getrof­fen wird. Wie der Blick, der ver­stohlen wan­dert, wenn sich zwei einan­der Fremde in der Straßen­bahn nach Küssen und Nack­theit des Gegenübers sehnen. Unüber­legtes erfreut, weil es ein­fach geschieht. Wie die Fliege, die einem uner­wartet über die Ellen­beuge krabbelt und deren haarige Beinchen an der Haut kitzeln. Wenn einem das Freude macht, ist das Glück. Wenn es einen glück­lich macht, macht es einen deut­lich und endgültig. Das ist Glück­seligkeit. Müde wer­den nach einem lan­gen Tag. Müde von den vie­len Hochflü­gen, die man immer wieder durch­lei­den muss. Nicht dem Aufruhr ver­fallen. Fed­er­le­ichtsin­nig sein. Und um abschließend bei Vögeln zu bleiben:

die glück­lich­ste glucke

hat kein glück

wenn man ihr das ei stiehlt

und zer­drückt

 

Dies ist ein Beitrag zur ency­clo­pe­dia feli­cis, einer Blogserie, in der Autoren ein­ge­laden wer­den, Gedanken über das Glück in Form zu bringen.

Simon Scharinger, geboren 1991 in Schärd­ing, studiert in Wien, schreibt und singt nicht nur dort.

Es war da, ganz plöt­zlich, unangekündigt. Und sie fühlte sich davon ein wenig vor den Kopf gestoßen.

Ein Dilemma von der Kette, ein Dilemma, aus­ges­tat­tet mit tausenden von Rat­ge­bern. Diese alle Rat­ge­ber, die sich in tausenden anderen Din­gen nicht ums Ver­recken einig wer­den kon­nten, pflichteten sich hier alle­samt bei: Es annehmen, Aktiv­ität zeigen. Das geflügelte Wort fiel da: embrace. Aber sie kon­nte nichts tun, seit es da war. Nichts außer ihrer Waschmas­chine beim Schleud­ern zuzuse­hen und immer wieder an ihrem Tee zu nip­pen. Grün­tee mit Man­delex­trakt, importiertes Relikt aus einer Zeit, lange bevor es da war und ihr in den Magen geschla­gen hatte. Der Tee war zyk­lisch wie die Waschmas­chine, sie ver­gaß ihn ständig, bis er kalt gewor­den war, um ihn dann leicht angewidert trotz­dem zu trinken. Es wartete im anderen Zim­mer, bes­timmt wurde es schon unruhig, weil sie es so lange warten ließ. Embrace. Das Drehen der Waschtrommel.

Wenn es auf– und abge­hen würde oder gar an die Zim­mertüre klopfen würde, sie würde nichts bemerken, denn im Moment, da es vor ihr stand, fing jemand in ihren Gedanken an, laut­stark Chopin zu häm­mern. Sie hatte sich entschuldigt und erk­lärt, dass die Verbindung sehr schlecht sei und wollte schon aufle­gen, als sie bemerkte, dass sie gar nicht tele­fonierte und dass es da ganz real vor ihr stand. Daraufhin hatte sie sich wort­los in das andere Zim­mer, das mit der Waschmas­chine und dem Tee, gestohlen. Dort saß sie nun am Boden und wusste schon nicht mehr, ob sich die Wäschetrom­mel oder die Welt drehte.

Sie hatte daran gedacht, ihm mit der Steingut­tasse auf den Kopf zu schla­gen, bis es aus Trotz ging, hatte die Idee im näch­sten Moment ver­wor­fen, aus Höflichkeit. Und über­haupt war es seit seiner Ankunft in die Höhe geschossen, sodass sie seinen Kopf mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahrschein­lichkeit nicht tre­f­fen kon­nte. Die Chopin­in­ter­pret in ihrem Kopf wurde lauter, abge­hack­ter. Jetzt half nur noch ein Wun­der. Wenn es sie nicht mehr ver­ste­hen kon­nte, würde es vielle­icht abziehen. Sollte sie ihm gegenübertreten und voll­ster Überzeu­gung nichts von sich geben? Aber nein, Unver­ständ­nis würde nie Sicher­heit brin­gen. Es würde nur ins näch­ste Zim­mer gehen, hin­ter der Tür warten. Also Schleud­ern und Grün­tee aus der Zeit davor. Auf das Außen warten, das unweiger­lich kom­men würde, wem zu Hilfe, das war die Frage. Bis dahin würde sie hier sitzen bleiben, sich drehen und angewidert kalten Tee trinken, sie kon­nte gar nichts anders.

Und draußen, in anderen Zim­mer wartete das Weit­erkom­men. Embrace.

Uns umgeben anthro­po­mor­phe 1
Gesten, die wir einüben, zum Schutz.
Bis sie sich aus sich selbst erheben
zur Rache uns den Zug entstellen.

Die anthro­po­mor­phe Men­schlichkeit
domes­tiziert uns.

Wir ver­suchen, von Innen her­aus
zu argu­men­tieren, und scheit­ern,
da unser Sinn nicht nach außen dringt,
Fremde Konzepte hal­ten ihn fest.

Die anthro­po­mor­phe Men­schlichkeit
ver­men­schlicht uns nicht.

 

  1. Anthro­po­mor­phis­mus beschreibt die Vererbung men­schlicher Eigen­schaften auf Nicht­men­schliches. []

 

Dieser Text erschien zunächst auf meinem alten Blog, Kopfthe­ater. Hier soll er nun eine Reihe von Gast­beiträ­gen, vielle­icht auch eige­nen Worten, zum Glück ein­läuten. In der Ency­clo­pe­dia feli­cis wer­den ver­schiedene Zugangsweisen erscheinen, sich dem Glück-Theorem anzunäh­ern. Bald.

 

Das Glück-Theorem. Suchende.

In einem abgeris­se­nen ehe­mals weißen Hemd lief ich die Straße hin­unter, in Rich­tung meiner kleinen Maisonette, die natür­lich nicht meine war. Sie war noch ein Stück weg, die Kneipe lag ein paar Häuserblocks ent­fernt, und mir ging langsam die Luft aus.

In der Kneipe wartete Tom auf mich, denn ich war mit­ten im Gespräch aufge­s­tanden und los­ge­laufen. Warum ich wusste, dass er wartete? Nunja, ich kon­nte nur hof­fen, aber Tom war immer­hin mein bester Fre­und, wenn man zwei Men­schen, die sich alle heili­gen Zeiten ein­mal auf ein paar Drinks trafen, so beze­ich­nen kon­nte, beste Fre­unde. Aber ich wäre niemals auf die Idee gekom­men, ihn anders, oder irgendwen anderen so zu nen­nen.  Und ich hatte kein Geld dage­lassen. Schließlich würde ich auch wiederkommen.

Wir hat­ten über die Zukunft gesprochen. Was mit einer Frage nach der Lage der Nation, also dem aktuellen Finanz­s­tand des Gegenübers, begann, artete schnell in Grund­satzde­bat­ten aus. Basisop­ti­mis­mus gegen Exis­ten­zver­weigerung. Alles wie immer.

Tom war ein ruhiger Men­sch, im besten Sinne des Wortes. Er machte sich keine Sor­gen, weil ihm die zu anstren­gend und in kein­ster Weise die Mühe wert waren. Ich machte mir Sor­gen, weil mir ohne sie lang­weilig wäre. Was würde wohl aus der Welt wer­den, wenn es keine Sor­gen mehr gäbe? Wenn, wenn, wenn. Unser Täglichbrot.

Ich war los­ger­annt um irgen­deinen Zeitungsar­tikel zu holen. Irgend­was über Atom­kraft­geg­ner und ihre Proteste. Doch schon als ich zur Tür hin­aus war, hatte ich vergessen, welchem Argu­ment ich eigentlich zur Unter­stützung eilen wollte. Es war auch egal, wir disku­tierten schließlich um des Disku­tierens Willen, nicht, um den anderen zu überzeu­gen. Eigentlich kon­nte ich auch ohne umkehren. Wir wür­den eben über Imma­terielles reden. Das kon­nten wir ohne­hin besser.

Entschuldigung, haben Sie das Glück erfun­den?”, fragte mich der Junge. Ich ver­stand zunächst nicht, mir fehlte es an Sauer­stoff im Hirn. Er sah aus, als würde er nicht nur das Glück suchen, son­dern viel mehr die Büchse der Pan­dora, ange­füllt mit Wundern.

Tut leid, mein Fre­und in der Kneipe da und ich suchen es selbst noch.” Er schien vor lauter Ent­täuschung zusam­men­zuk­lap­pen. “Aber ich weiß aus, sicherer Quelle, dass mir der Typ ähn­lich sieht. Der mit dem Glück-Theorem. Komm mal mit, du siehst einem Typen ähn­lich, der ein Bier ver­tra­gen könnte.”

 

Im Radius von ein­skom­mafün­fzwei Kilo­me­ter kein Kaf­fee­haus, sagt das Gerät.

Keines offen, keines da. Absolute Kaf­fee­hausleere. Nie­mand kann so leben, geschweige denn existieren. Nur Bussta­tion auf Bussta­tion samt ver­wahrlosten Fahrplä­nen. Und das gele­gentliche Alter­sheim. Und selbst da sind heute die Lichter aus.

Wir wan­dern trotz­dem durch, gut vor­bere­itet. Es gibt kein schlechtes Wet­ter, nur undichte Ther­moskan­nen. Das Ziel: der Schreib­waren­laden um die Ecke am Fuße des Anstiegs, der Tinte wegen. Und um das Papier zu fühlen. Atmo­sphäre kann sie doch, die Stille. Weit­er­schle­ichen, den Hügel hin­auf, zwis­chen Häusern, die wahre Schluchten sind.

Alte Fas­saden, die irgend­wann mal schön gewe­sen sein kon­nten, haben es uns ange­tan, hier bleiben wir ste­hen und blicken zurück in die wiederkehrende Leere. Dann schnell weiter. Wir wollen nicht die sein, die irgend­wann mal da gewe­sen sein kon­nten, im Radius ein­skom­mafün­fzwei Kilo­me­ter. Mor­gen wieder, sagt das Gerät.

Stun­den­lang in irgen­deinem Star­bucks gesessen und Wei­h­nacht­skarten geschrieben, bei mod­er­atem Wei­h­nachts­ge­dudel. Ich zeich­nete Schneeflocken zu meinen Wünschen.

Dort am Fen­ster sitzen irische Schaus­pieler und üben ihren Text für eine sehr deutschsprachige Her­bergssuche. Sehr konzen­tri­ert. Ich zeichne weiter sehr konzen­tri­ert asym­metrische Schneeflocken.
Neben jeden Tisch ste­hen min­destens zwei volle Einkauf­s­taschen, die Besitzer ver­raten mit unruhi­gen Trinkbe­we­gun­gen, dass nochmal min­destens ü fol­gen sollen. Ich zeichne leicht zur Seite hän­gende Schneeflocken. Irgend­wann stehe ich auf, ziehe meinen Man­tel an und bringe sie zur Post.

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Frohe Wei­h­nachten!

Für dich
sind wir ein
Gros Nichtssager,
Alle­sproklamierer.
Wir sind
zuviel Punkt,
Extremata.

Für dich
sind wir eine
Sor­gen­volle,
Hoff­nungsver­weigernde.
Haben
hohe Ziele,
nie mehr Zwecke.

Für dich
sind wir
Flam­men, ihr.

Für uns
sind wir
Funken, wir

Vor ihr
gehen wir scheu,
Real­itätss­chande.
Hal­ten
sie vor­weg
unter Wasser,
stumme Scham.

Immer gewe­sen sein

oder

immer sein werden?

 

Aus dem Fen­ster schauen, gestern Schnell fallen sehen

und wis­sen, dass er mor­gen ver­schmolzen gewe­sen sein wird,

grau und laut.

Gewillt sein, die Sonne abzublenden,

denn die Heimatwelt steht, steht, im Ver­schmelzen gehalten,

in leisem Selbstgespräch.