Um das Labyrinth gear­beitet,
Mauern gestärkt (und beschrieben).
Noch keinen Ein­gang
gefun­den in die Grauen,
die ich suche
ob der Aus­sicht­slosigkeit
des weiten Freien.

Das Tor
ist weg und es bleibt
mir nur übrig,
ein Neues in Kreide zu malen,
damit es als Diode fungiert
für das Objek­t­sub­jekt;
hinein, nicht hin­aus, nicht hin­aus,
hinein in das leere Labyrinth,
es auszufüllen.

Ich sitze hier an einem Tisch und denke, weil ich nichts Besseres zu tun habe. An der Wand vor mir, gegen die ich starre, quasi in einem Wet­tbe­werb, den ich in meiner Rolle als Men­sch ver­lieren muss, ste­hen Worte, ja sogar Sätze, manche mit passenden Antwortsätzen.

Jetzt sind die meis­ten Kor­re­spon­den­zen in kein­stem Fall hochtra­bend oder inter­es­sant. Trotz­dem bleibt mein Blick — und ihm fol­gen meine Gedanken auf dem Fuße — an ihnen hän­gen, nicht wegen der Brisanz der Kreati­vaus­lässe an dieser Wand, die ja mehr einen Akt des Van­dal­is­mus als geistige Wach­heit oder Wahrheit darstellen, son­dern auf­grund der Tat­sache, das selbst das sin­n­freiste Wort an der Wand von jeman­dem dor­thin geschrieben wurde.

Wer sind diese Per­so­nen, die so ein­sam sind, dass eine Wand der beste Gesprächspart­ner ist, den sie finden kon­nten? Was für eine Unsicher­heit steht hin­ter den Obszönitäten des All­t­ags, die auf ewig und bis zur unver­mei­d­baren Ren­o­va­tion in den Putz gekratzt wur­den. Rev­o­lu­tion? Ja, reich mir den Marker.

 

Fen­ster­schein
ist laut und klein (fern)
war ein­mal schön
und ungeputzt
Bis der Mann kam
auf Befehl
Zeitungs­seiten
bis das Dräußere
wieder war
(wahrgenom­men)
Die Dop­pelfen­ster glänzen nicht
Atem­luft bleibt wie Ruß
kleben
Draußen ruft es laut nach dir
Sehe durch und sieh
dich kleben
Ein Ruf, ein Schrei, am Eichen­baum
deine Haare kleben
Du rennst.

Zwei Per­so­nen gehen eine Straße ent­lang, eine davon, die kleinere, schlägt mit dem Zeigefin­ger an die Sprossen des fort­laufenden Zauns.

Die Größere: Kön­nten Sie das bitte lauter machen?

Die Kleinere: Was soll ich?

Die Größere: Lauter! Das wäre schön. Ihre Schlag­stock­musik erle­ichtert mir meine Gedanken.

Die Kleinere: Ich werde mich bemühen. Aua.

Die Größere: Haben Sie sich ver­letzt? Das sind meine Gedanken beig­ott nicht wert. Lassen Sie es lieber.

Die Kleinere: Eine kurze Pause. Für den Fin­ger und den Kopf.

Die Größere: Ja, ruhen Sie Ihr Instru­ment aus, für den näch­sten Akt. Meinen Kopf kann ich aber nicht abstellen, das wäre fatal.

Die Kleinere, zu sich: Aber schön.

Die Größere: Meinen Sie?

Die Kleinere: Wahrschein­lich schöner als mein Fin­ger­lärm. Erzählen Sie mir doch von Ihren Gedanken!

Die Größere: Nein. Das kann ich nicht, wirk­lich, das geht nicht!

Die Kleinere: Gut, wenn es Ihnen gefällt will ich gle­ich wieder beginnen.

Die Größere summt zum Ryth­mus der Kleineren.

Die Kleinere: Klack, klack, klack. ... Klack, klack.

Die Größere: Kön­nten Sie das bitte lassen? Sie regen meine Gedanken an.

Die Kleinere: Oh, ja. In Ordnung.

 

Die Per­so­nen gehen weiter. Die Größere ist nun die Kleinere. In ihrem Kopf schlägt der Zaun bere­its zurück.

Geht fort, geht weg
Bleibt für immer
Denkt fortweg nach
will ja nicht sehn (sich)

Alte Mas­chine (im Abverkauf)
bleibt unur­bar
und dadurch gut
unter dem Ham­mer
seiner Zeit nichts wert
Spaziergangsindustrie

Das The­ater, die Bret­ter, die die Welt bedeuten. Die ursprünglich­ste Wahrheit, die größte Lüge.

Für Toma war es irgend­was dazwis­chen. Er lebte auf der Bühne, durch die Bühne, er blühte auf der Bühne auf. Erst wenn er spielte, strahlte er, sagten die Zeitun­gen über ihn, sonst sei er ein unschein­bares Pflänzchen. Für die Außen­welt, so erk­lärte er, existiere er nur, wenn er spiele.

Doch er ahnte auch, dass es nicht so ein­fach war. In Wahrheit lebte auch die Bühne durch ihn, zehrte ihn aus, jeden Abend zweiein­halb Stun­den. Sie ernährte sich von der Zeit, in der er jemand anderes war. Eine Sym­biose, die hinkte.

Er war Toma Tucz­eric, das Gesicht des kleinen The­aters beim Fluss. Wenn immer von dem Haus gesprochen wurde, in welchem Zusam­men­hang auch immer, fiel sein Name. Ihn kan­nte man, zumin­d­est in Kreisen. Er war Ziel von Lob, doch das kon­nte ihn nicht freuen. Denn er wusste, dass es zwar auf ihn zugeschnit­ten war, ihm aber in Wirk­lichkeit nicht galt. Wie kon­nte es auch, war er doch in Wirk­lichkeit nicht greifbar.

Er hätte einen sicheren Platz im hiesi­gen Büh­nen­him­mel, hieß es, und doch ran­nte er durchge­hend, auf der Suche.

Denn er wusste, dass es abhängig war, eine erschreck­ende, exis­tenzbedro­hende Abhängigkeit war sein All­tag, die Abhängigkeit von guten Worten, war jene, die nie­mand ver­ste­hen kon­nte. Weder das Pub­likum, noch der Bar­keeper, bei dem er nach Vorstel­lungsende manch­mal sitzen blieb.

Ob Worte hier gewe­sen waren, fragte er dann immer. Was er bekam, war ein volles Glas und einen ver­ständ­nis­losen Seitenblick.

Aber nur hier waren Worte zu finden und Worte brauchte er immer ohne Pause. Also nahm er einen Schluck und hörte zu, tage-, wochen­lang, bis er ein Ver­sprechen hörte. Die Worte waren für ihn, was er für die Bühne war. Er verehrte die Großen, die hier sel­ten ihre Stimme laufen lassen. Und dann lachten sie, wenn er ihr Werk zu bew­erk­stel­li­gen suchte. Nicht, dass er scheit­erte, er meis­terte es nur schlechthin nicht, denn sein Meis­ter­w­erk hatte er noch nicht gefun­den. Und genau vor diesen Worten hatte er Angst.

Man hatte ihm so oft ver­sichert, dass sie von ihm abhin­gen, dass er es zu glauben begann. Aber wenn sie ihn brauchten, dann atmete er sie. Sie zahlten sein Täglich­brot, er ihr Papier und ihre Tinte. Sie waren Göt­ter, er ihr Prediger.

Und als solcher musste er ihnen opfern, um zu überleben.

Doch hatte er seinen Gott noch nicht gefun­den, er hatte sich noch nicht offen­bart. Weshalb ihm nur die Klas­siker überblieben, deren Staub er regelmäßig aufwirbelte.

Toma wollte keine Klas­siker mehr mod­ernisieren. Er wollte eigene Klas­siker errichten. Aber dazu brauchte er einen Apoll, er kon­nte nur Pythia aus Del­phi sein.

Noch ein Glas brachte der Wirt dem Sym­bion­ten, bevor er zus­per­rte und beide heim gingen.