Zwei Per­so­nen gehen eine Straße ent­lang, eine davon, die kleinere, schlägt mit dem Zeigefin­ger an die Sprossen des fort­laufenden Zauns.

Die Größere: Kön­nten Sie das bitte lauter machen?

Die Kleinere: Was soll ich?

Die Größere: Lauter! Das wäre schön. Ihre Schlag­stock­musik erle­ichtert mir meine Gedanken.

Die Kleinere: Ich werde mich bemühen. Aua.

Die Größere: Haben Sie sich ver­letzt? Das sind meine Gedanken beig­ott nicht wert. Lassen Sie es lieber.

Die Kleinere: Eine kurze Pause. Für den Fin­ger und den Kopf.

Die Größere: Ja, ruhen Sie Ihr Instru­ment aus, für den näch­sten Akt. Meinen Kopf kann ich aber nicht abstellen, das wäre fatal.

Die Kleinere, zu sich: Aber schön.

Die Größere: Meinen Sie?

Die Kleinere: Wahrschein­lich schöner als mein Fin­ger­lärm. Erzählen Sie mir doch von Ihren Gedanken!

Die Größere: Nein. Das kann ich nicht, wirk­lich, das geht nicht!

Die Kleinere: Gut, wenn es Ihnen gefällt will ich gle­ich wieder beginnen.

Die Größere summt zum Ryth­mus der Kleineren.

Die Kleinere: Klack, klack, klack. ... Klack, klack.

Die Größere: Kön­nten Sie das bitte lassen? Sie regen meine Gedanken an.

Die Kleinere: Oh, ja. In Ordnung.

 

Die Per­so­nen gehen weiter. Die Größere ist nun die Kleinere. In ihrem Kopf schlägt der Zaun bere­its zurück.

Geht fort, geht weg
Bleibt für immer
Denkt fortweg nach
will ja nicht sehn (sich)

Alte Mas­chine (im Abverkauf)
bleibt unur­bar
und dadurch gut
unter dem Ham­mer
seiner Zeit nichts wert
Spaziergangsindustrie

Das The­ater, die Bret­ter, die die Welt bedeuten. Die ursprünglich­ste Wahrheit, die größte Lüge.

Für Toma war es irgend­was dazwis­chen. Er lebte auf der Bühne, durch die Bühne, er blühte auf der Bühne auf. Erst wenn er spielte, strahlte er, sagten die Zeitun­gen über ihn, sonst sei er ein unschein­bares Pflänzchen. Für die Außen­welt, so erk­lärte er, existiere er nur, wenn er spiele.

Doch er ahnte auch, dass es nicht so ein­fach war. In Wahrheit lebte auch die Bühne durch ihn, zehrte ihn aus, jeden Abend zweiein­halb Stun­den. Sie ernährte sich von der Zeit, in der er jemand anderes war. Eine Sym­biose, die hinkte.

Er war Toma Tucz­eric, das Gesicht des kleinen The­aters beim Fluss. Wenn immer von dem Haus gesprochen wurde, in welchem Zusam­men­hang auch immer, fiel sein Name. Ihn kan­nte man, zumin­d­est in Kreisen. Er war Ziel von Lob, doch das kon­nte ihn nicht freuen. Denn er wusste, dass es zwar auf ihn zugeschnit­ten war, ihm aber in Wirk­lichkeit nicht galt. Wie kon­nte es auch, war er doch in Wirk­lichkeit nicht greifbar.

Er hätte einen sicheren Platz im hiesi­gen Büh­nen­him­mel, hieß es, und doch ran­nte er durchge­hend, auf der Suche.

Denn er wusste, dass es abhängig war, eine erschreck­ende, exis­tenzbedro­hende Abhängigkeit war sein All­tag, die Abhängigkeit von guten Worten, war jene, die nie­mand ver­ste­hen kon­nte. Weder das Pub­likum, noch der Bar­keeper, bei dem er nach Vorstel­lungsende manch­mal sitzen blieb.

Ob Worte hier gewe­sen waren, fragte er dann immer. Was er bekam, war ein volles Glas und einen ver­ständ­nis­losen Seitenblick.

Aber nur hier waren Worte zu finden und Worte brauchte er immer ohne Pause. Also nahm er einen Schluck und hörte zu, tage-, wochen­lang, bis er ein Ver­sprechen hörte. Die Worte waren für ihn, was er für die Bühne war. Er verehrte die Großen, die hier sel­ten ihre Stimme laufen lassen. Und dann lachten sie, wenn er ihr Werk zu bew­erk­stel­li­gen suchte. Nicht, dass er scheit­erte, er meis­terte es nur schlechthin nicht, denn sein Meis­ter­w­erk hatte er noch nicht gefun­den. Und genau vor diesen Worten hatte er Angst.

Man hatte ihm so oft ver­sichert, dass sie von ihm abhin­gen, dass er es zu glauben begann. Aber wenn sie ihn brauchten, dann atmete er sie. Sie zahlten sein Täglich­brot, er ihr Papier und ihre Tinte. Sie waren Göt­ter, er ihr Prediger.

Und als solcher musste er ihnen opfern, um zu überleben.

Doch hatte er seinen Gott noch nicht gefun­den, er hatte sich noch nicht offen­bart. Weshalb ihm nur die Klas­siker überblieben, deren Staub er regelmäßig aufwirbelte.

Toma wollte keine Klas­siker mehr mod­ernisieren. Er wollte eigene Klas­siker errichten. Aber dazu brauchte er einen Apoll, er kon­nte nur Pythia aus Del­phi sein.

Noch ein Glas brachte der Wirt dem Sym­bion­ten, bevor er zus­per­rte und beide heim gingen.