Das Expo-Gelände

Über neun­zig Pavil­lions — zuviel für einen Tagesbesuch.

Gestern, Fre­itag, wagte ich mich zum ersten Mal auf das Expo-Gelände außer­halb von Mai­land. Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mir das Spek­takel Weltausstel­lung ein­mal live zu Gemüte zu führen, und Mai­land ist um die Jahreszeit ja auch nicht ger­ade zu ver­achten. Also, Kam­era und Schreibzeug gepackt und los ging’s.

In weiser Voraus­sicht — sowohl des enor­men Umfangs als auch meiner Anreisemüdigkeit — habe ich mir noch zu Hause ein Zweitage­sticket besorgt — das geht schnell und prob­lem­los. Am Fre­itag ver­brachte ich schließlich vier­en­thalb Stun­den vor Ort und habe, ohne allzu viele Pausen einzule­gen, knapp die Hälfte des Aus­gestell­ten gese­hen. Deshalb werde ich auch meinen Bericht hier zweiteilen

Heute werde ich die präsen­tierten Inhalte absichtlich außen vor lassen, da ich keine Urteile oder Mei­n­un­gen abgeben möchte, ohne das kom­plette Bild zu ken­nen. Daher wird in diesem ersten Text zur Expo der Fokus auf Gedanken zum Grund­konzept und den ver­schiede­nen Ansätzen zur Ver­räum­lichung liegen.

Prinzip­iell ist der Ver­anstal­tung­sort sehr gut gewählt, weit genug außer­halb der Großs­tadt, um freien Blick zu ermöglichen, aber trotz­dem in einer guten hal­ben Stunde vom Zen­trum aus zu erre­ichen. (Metrolinie 1 bis zur End­sta­tion RHO Fiera — ein­facher geht es kaum.) Ein wenig ärg­er­lich ist, dass die Kern­zone Mai­land zwei Sta­tio­nen vor Ende aufhört, es muss also ein extra Ticket — hin/retour kosten fünf Euro — gezwickt wer­den. Aber gut. Ist man erst ein­mal am Gelände, ist dies auch wieder vergessen und man kann sich fro­hen Mutes ins Getumml stürzen. An dieser Stelle der Hin­weis: Noch vor dem Ein­lass gibt es INfo­pon­trs, welche Lage­pläné verteilen. Auch wenn man im End­ef­fekt kreuz und quer oder strikt von einer Seite zur anderen spaziert, ist diese Karte für einen ersten Überblick fast essen­tiell. Es gibt zwar auch eine App, allerd­ings funk­tion­ierte die in meinen Hän­den nur mäßig gut.

Flanier­meile zur besseren Übersicht

Das räum­liche Grund­prinzip erin­nert an enien Pracht­boule­vard oder — ital­ienisch — eine Gal­le­ria: Links und rechts flanken die Pavil­lions der einzeil­nen Län­der und Organ­i­sa­tio­nen einen bre­iten, über­dachten Weg. Dieses einach­sige Konzept bewährt sich, ist es doch schon so schwer, nichts zu überse­hen. Dieser Boule­vard ist nun mit­tig von einer Art Fress­meile in Form einer Piazza unter­brochen. Diese ist lose in ver­schiedene land­wirtschaftliche Pro­dukte — Reis, Kaf­fee oder Kokao — unterteilt und stellt zeit­gle­ich die Pavil­lions ver­schiedener Län­der dar.

Überdachte Zentralmeile des EXPO-Geländes

Hier liegt auch die erste für mich etwas beden­kliche Entschei­dung. Ich weiß nichts über die Pla­nung oder die finanziellen Umstände (zumin­d­est nicht mehr als wir an Media-Coverage zu diversen Skan­dalen im Vor­feld bekom­men haben), aber die Tat­sache, dass viele soge­nan­nte Entwick­lungslän­der in gestal­ter­isch sehr ein­heitlich gehal­tene Clus­ter kom­biniert sind, während alle anderen — soll heißen wohlhaben­dere — Län­der freie Design­möglichkeit haben, halte ich für prob­lema­tisch. Dass dem “Cocoa and Chocolate”-Cluster ein italienisch-schweizerisches Schokolade-Wunderkaufland angeschlossen ist, spricht eben­falls eine deut­liche Sprache, dazu aber beim näch­sten Mal mehr.

Klet­ter­netze und Lieblingsspeisen — ver­schiedene Ansätze zur aktiven Gestal­tung des Besuchs

Nun zu den Pavil­lions. DIe Idee, ver­schiede­nen Län­dern Platz zu geben, um ihre Vorstel­lun­gen, Ideen und Pro­jekte zu einem Thema präsentabel umzuset­zen, ist wohl deshalb so frucht­bar, weil so Aspekte zum Tra­gen und Leuchten kom­men, die jemand anderes augrund seiner diversen Voraus­set­zun­gen gar nicht bedenken kön­nte. Dieses Konzept spiegelt sich wider in den unter­schiedlich­sten architek­tonis­chen Konzepten der Pavil­lions. Ver­schieden­ste inno­v­a­tive und kreative Möglichkeiten, Räume zu eröff­nen und zu nutzen zeigen sich hier den Betra­ch­t­en­den. Erwähnt sei beispiel­sweise Brasiliens Pavil­lion, wo man sich wortwörtlich erst über ein weitläu­fig ges­pan­ntes Netz zum Ausstel­lungs­bere­ich hochar­beiten muss, während unter einem ver­schieden­ste Pflanzen mit­tels Sprühreg­n­ern bewässert wer­den. Dieses Erar­beiten ist ein Vor­griff auf den Innen­raum, wo man am Weg hin­unter Konzepte zur Raumer­schließung Koex­is­tenz präsen­tiert bekommt.

Brasiliens Pavillion in FrontansichtKletternetz im brasilianischen Pavillion

Einen anderen Weg geht Süd­ko­rea, wo mit­tels zu bear­bei­t­en­der Word­cloud am Ein­gangs­bere­ich die Besucher schon früh zum Inter­agieren angeregt wer­den. Auch in der Ausstel­lung ist man zunächst mit­tels pro­jezierten Grund­satzfra­gen immer erst gefordert bevor kore­anis­che Antwortver­suche gegeben wer­den. An dieser Stelle spreche ich meine große Anerken­nung — nicht nur für die kore­anis­chen Vol­un­teers und/oder Mitar­beiter, son­dern all­ge­mein an alle Lan­desvertreter, denen ich bisher beg­net bin — aus: Nahezu auss­chließlich sprechen sie ein per­fek­tes Ital­ienisch und schienen sogar etwas ent­töuscht, wenn ich nach ein paar Anläufen doch ins Englis­che wech­selte. Hut ab!

Innenraum des KoreapavillionsWordcloud weltweiter Lieblingsspeisen am Eingang des Südkorea-Pavillions

Sehr inter­es­sant ist auch, wie mit dem Thema Nach­haltigkeit umge­gan­gen wird. Während Nepal die Nach­haltigkeit in der Pro­duk­tion in den Vorder­grund stellt (alle Säulen des Pavil­lions sind handgeschnitzt), baut Bahrain auf Wiederver­wend­barkeit, der Bau aus weißem Sicht­be­ton ist leicht in Einzel­teile zu zer­legen und soll in der Heimat als botanis­cher Garten Bestand haben.

Auch die Präsen­ta­tions­form vari­iert stark. Hier schwenkt das Pen­del von  einem vorgeschal­teten Wer­be­film bei Malaysia über diverse Arten von Oneway-Tours, beispiel­sweise bei Beglien oder Brasilien, bis hin zum freien Sprin­gen zwis­chen lose verknüpften Bere­ichen wie im Pavil­lion der Tschechis­chen Republik.

Ausstellungsprinzip Litauens ... aus der Nähe.

Grün im Indus­triege­biet, wohin das Auge schaut

Ein verbinden­des — wohl auch dem Überthema Feed­ing the Planet — Energy for Life geschuldetes — Ele­ment ist die Begrü­nung. Fast kein Land, dass nicht seine Flauna und Flora in den BLick­punkt stellt oder ein eher auf tech­nol­o­gis­che Inno­va­tion aus­gelegtes Pro­gramm mit einer der Entspan­nung zugewiese­nen Grün­zone kon­terkari­ert. In diesem Zusam­men­hang bin ich ges­pannt auf den öster­re­ichis­chen Pavil­lion, der ja bekan­ntlich einige Bäume beherbergt.

Der grüne weißrussische Pavillion

Nach einem ersten inten­siven Tag bilanziere ich also dur­chaus inter­essiert und freue mich auf einen zweiten voll neuer Raumkonzepte und Wegen zu einer nach­haltigeren Nutzung unserer Ressourcen. In dem ange­sproch­enen zweiten Text will ich mich dann auf die inhaltliche Ebene sowie die Kul­tur der Expo 2015 in Mai­land konzen­tri­eren. Bis dahin bleibt mir nur, eine wärm­ste Empfehlung auszusprechen.

Nach einem langem Tag ging's ins Hotel.

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