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Symbiont archiv// Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Das Theater, die Bretter, die die Welt bedeuten. Die ursprünglichste Wahrheit, die größte Lüge.

Für Toma war es irgendwas dazwischen. Er lebte auf der Bühne, durch die Bühne, er blühte auf der Bühne auf. Erst wenn er spielte, strahlte er, sagten die Zeitungen über ihn, sonst sei er ein unscheinbares Pflänzchen. Für die Außenwelt, so erklärte er, existiere er nur, wenn er spiele.

Doch er ahnte auch, dass es nicht so einfach war. In Wahrheit lebte auch die Bühne durch ihn, zehrte ihn aus, jeden Abend zweieinhalb Stunden. Sie ernährte sich von der Zeit, in der er jemand anderes war. Eine Symbiose, die hinkte.

Er war Toma Tuczeric, das Gesicht des kleinen Theaters beim Fluss. Wenn immer von dem Haus gesprochen wurde, in welchem Zusammenhang auch immer, fiel sein Name. Ihn kannte man, zumindest in Kreisen. Er war Ziel von Lob, doch das konnte ihn nicht freuen. Denn er wusste, dass es zwar auf ihn zugeschnitten war, ihm aber in Wirklichkeit nicht galt. Wie konnte es auch, war er doch in Wirklichkeit nicht greifbar.

Er hätte einen sicheren Platz im hiesigen Bühnenhimmel, hieß es, und doch rannte er durchgehend, auf der Suche.

Denn er wusste, dass es abhängig war, eine erschreckende, existenzbedrohende Abhängigkeit war sein Alltag, die Abhängigkeit von guten Worten, war jene, die niemand verstehen konnte. Weder das Publikum, noch der Barkeeper, bei dem er nach Vorstellungsende manchmal sitzen blieb.

Ob Worte hier gewesen waren, fragte er dann immer. Was er bekam, war ein volles Glas und einen verständnislosen Seitenblick.

Aber nur hier waren Worte zu finden und Worte brauchte er immer ohne Pause. Also nahm er einen Schluck und hörte zu, tage-, wochenlang, bis er ein Versprechen hörte. Die Worte waren für ihn, was er für die Bühne war. Er verehrte die Großen, die hier selten ihre Stimme laufen lassen. Und dann lachten sie, wenn er ihr Werk zu bewerkstelligen suchte. Nicht, dass er scheiterte, er meisterte es nur schlechthin nicht, denn sein Meisterwerk hatte er noch nicht gefunden. Und genau vor diesen Worten hatte er Angst.

Man hatte ihm so oft versichert, dass sie von ihm abhingen, dass er es zu glauben begann. Aber wenn sie ihn brauchten, dann atmete er sie. Sie zahlten sein Täglichbrot, er ihr Papier und ihre Tinte. Sie waren Götter, er ihr Prediger.

Und als solcher musste er ihnen opfern, um zu überleben.

Doch hatte er seinen Gott noch nicht gefunden, er hatte sich noch nicht offenbart. Weshalb ihm nur die Klassiker überblieben, deren Staub er regelmäßig aufwirbelte.

Toma wollte keine Klassiker mehr modernisieren. Er wollte eigene Klassiker errichten. Aber dazu brauchte er einen Apoll, er konnte nur Pythia aus Delphi sein.

Noch ein Glas brachte der Wirt dem Symbionten, bevor er zusperrte und beide heim gingen.

(c) Matthias Kreitner// RSS//
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