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Der, der sein Glück verließ archiv// Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Er hatte sein Glück verlassen.

Das Glück war sein ältester Freund. Soweit er sich zurück erinnern konnte, war das Glück da. In der Schule teilte er sein Pausenbrot mit ihm.

Als er aufwuchs, begann ihn diese intensive Beziehung einzuengen. Das Glück hatte ihn sein ganzes Leben über begleitet, war ihm auf Schritt und Tritt gefolgt. Er hielt es für einen ungefragten und mehr und mehr unerwünschten Begleiter, wenn nicht für einen Verfolger. Es kam ihm vor, als würde ihm das Glück das Leben vermiesen, versuchen, sich zwischen ihn und seine Erfahrungen zu stellen. Er musste handeln. Etwas verändern, um sein Leben zu leben.

Er war also eines Nachts, als das Glück tief schlafend neben ihm im Bett lag, leisen Fußes aufgestanden, hatte das Wichtigste in einen Rucksack gepackt und war auf Wanderschaft gegangen. Er hatte es nicht geplant und so hatten seine Taten Hand und Fuß. Für einen Außenstehenden hätte es ausgesehen wie eine Flucht, ihm erschien es als Befreiung. Er würde etwas tun, dass er sich lange gewünscht hatte. Er wollte das Leben lernen.

So zog er also durch die Welt, ganz alleine, auf das Schlimmste hoffend, er wollte sein Pech austesten. Das Unglück würde ihn zum Menschen machen, so dachte er. Er hatte bisher nur in seiner vom Glück getragenen Blase existiert, doch er wollte seine Vision klären. Leben bedeutete scheitern. Er wollte das Scheitern kennenlernen.

In den ersten Tagen schwebte er fast durch die Straßen. Die jahrelangen Lehren seines Begleiters hatte er noch in sich und er befolgte sie intuitiv. So konnte ihm nichts geschehen. Doch immer mehr vergaß er das Gelernte, er begann zu stolpern. Dann fiel er zu Boden. Das freute ihn. Jetzt würde das Leben beginnen, war er sich sicher und stand mit einem Grinsen wieder auf, putzte sich schwungvoll den Dreck von der Hose und ging weiter seines Weges. Er sollte noch oft fallen.

So kam er weit in der Welt herum, immer auf der Suche nach dem nächsten Unglück. Was er sah und erlebte, tat ihm weh, doch dieser Schmerz hatte für ihn stets etwas Gutes an sich, das den Geschmack des Blutes im Mund überdeckte. Wie sehr seine Knie auch aufgeschunden waren, er hatte für alles ein Lächeln übrig. Denn die Schmerzen erschienen ihm als Wink der Welt, dass er auf dem richtigen Weg unterwegs war. Der Boden begrüßte ihn im Leben. Und der Regen, denn es regnete jetzt oft, wusch ihm den Dreck von den Armen.

Die ersten Jahre haftete der letzte Einfluss des Glücks noch an ihm, seine Spuren klebten wie Feenstaub an ihm und trugen ihn sicher von Hier nach Da. Doch aller Proviant ist einmal aufgezehrt. So wurden seine so überschwänglich begrüßten Pannen zu Pechsträhnen und seine Pechsträhnen zu Katastrophen. Jetzt musste er sich zu dem Lächeln, dem er sich verschrieben hatte, zwingen und der Weg zur nächsten Rast schien ins Unendliche zu gehen. Der Regen wurde stärker. Als es damals zu regnen begonnen hatte, empfand er das Nass angenehm und erfrischend, doch nun war ihm jeder Tropfen eine Bombe auf seinem Kopf. Nach und nach begann er zu zweifeln, ob sein Weggang von Daheim wirklich das Richtige gewesen war. Hätte er damals wenigstens eine Nachricht hinterlassen, wäre alles nicht so schlimm gewesen. Doch so würde er zu Hause bestimmt auf verschlossene Türen stoßen, das Glück würde ihn nicht hineinlassen, warum sollte es auch? Eher würde es ihn vom Fenster aus anspucken. Nein, zurück konnte er nicht.

Eben dieses Glück saß zuhause saß auf dem Bett. Seit er in jener Nacht aus dem Zimmer gegangen war, wartete es hier auf ihn. Natürlich hatte es gemerkt, wie er seine Sachen packte und wie er leise die Tür schloss. Doch es konnte und wollte ihn nicht halten. Wenn er versuchen wollte, ohne ihm auszukommen, würde es ihm nicht im Weg stehen. Es war sich sicher, dass er zurück kommen würde, wenn ihm die Realität des Leidens zu real würde. Sie kamen noch alle zurück, irgendwann war jedem das Fallen zu viel.

Aber es zogen die Jahre am Fenster vorbei und das Glück war immer noch alleine. Die einzigen Wege des Glücks waren die in die Küche und wieder ins Bett, immer mit einem lauschendem Ohr, dass vielleicht doch noch den Heimkehrer hören könnte. So zogen die Jahreszeiten am Fenster vorüber und sie waren glücklos und kurzatmig.

Das Pech zeichnete den Jungen, der mittlerweile ein stattliches Mannesalter erreicht hatte, sehr und so sah er weit älter aus als er es war. Die vielen Stürze hatten ihm die Knochen zermürbt und das Gehen fiel ihm schwer. Doch all diese Leiden waren harmlos, wenn man seine schwerste Krux betrachtete. Seine Augen waren nutzlos geworden, denn sie sahen nur noch die Vergangenheit, sie zeigten ihm das Glück, dass er verlassen hatte und sie gaukelten ihm das Glück vor, welches er haben hätte können, wäre er nur nicht so töricht gewesen. Diesen Schein vor Augen war er gealtert, denn zu all dem Ungeschick kam das Selbstmitleid hinzu und vertrieb auch die letzte Abenteuerlust aus seinen Gedanken und das kleinste, kümmerlichste Lächeln von seinen Lippen. Glücklos, wie er sich gemacht hatte, war er zu einem gebrochenen Mann geworden.

Das Glück hatte ein Leben lang auf ihn gewartet. Zusammen hätten sie Berge versetzen können, doch getrennt von einander waren sie beide machtlos dem Leid ausgesetzt. Das zu lernen, hatte das Glück den Jungen ziehen lassen, damit er bestärkt zurückkehre. Aber die Angst vor seinen eigenen Taten, seiner eigenen Vergangenheit hatte ihn zuerst zu einem Jünger der Unzulänglichkeiten, dann zu einem Opfer der zerstörerischen Urkraft des Chaos gemacht. Sie waren beide verloren, als er sich der falschen Überzeugung hingab, er hätte sein Glück vertrieben. Niemand kann sein Glück ausmerzen, denn das Glück ist jedem treu, selbst dem freiwillig Glücklosen.

>Es hielt lange durch, zehrte wie er von Erinnerungen an bessere Tage, in denen sie noch vereint waren. Doch die Zeit hinterließ auch an ihm ihre Spuren. Die Gänge in die Küche wurden langsamer und auch die Blicke zu Tür und Fenster schliefen ein. Bald konnte es nicht mehr aus dem Bett steigen, bald musste es kämpfen, den Kopf über der Decke zu halten. Das einzige, was es noch am Leben hielt, war die Gewissheit, er würde kommen.

Es war an der Zeit. Instinktiv führte ihn sein schwacher Schritt, geleitet von all den Illusionen, nach all den Irrjahren in einer Anwandlung von Hoffnung wieder auf seine alten, einst glücklichen Wege. Als er seine Stadt, seine Straße wiedererkannte, schoss das Adrenalin durch seinen Körper, wie es es einst tat, als er in die Welt aufbrach. Plötzlich waren seine Sorgen weggeblasen in die hinterste Ecke seines Bewusstsein, an vorderster Front stand nun die Zuversicht in großen Lettern. Plötzlich wusste er, sein Glück hatte ihn nicht vergessen. Es wartete die ganze Zeit über auf ihn, seit er fortgegangen war. Er ging den Heimweg, so schnell er nach all den Strapazen konnte. Mit strahlenden Augen kam er vor seinem Haus zu stehen.

Es brauchte einige Zeit, bis er den Schlüssel aus seinem Beutel gekramt hatte, ganz unten war er, begraben von allerlei Gedenkstücken an Miseren. Als er den Beutel packte, dachte er ja auch nicht, dass der Schlüssel irgendwann wieder aufsperren würde. Aber jetzt hatte er ihn wieder in der Hand, seinen Schlüssel zum Glück.

Er drehte ihn im Schloss um, öffnete die Haustür und trat ein. Dann wusste er es. Es rückte sein Leben, seine Gefühle wieder ins Lot, kappte seine neu gewonnene Hoffnung an der Wurzel. Die Kraft floh wieder aus seinem Körper. Er war wieder vergreist wie zuvor, doch es war schlimmer, denn zur Hoffnungslosigkeit gesellte sich die Gewissheit.
Es hatte ihn nicht vergessen und hatte die ganze Zeit auf ihn gewartet. Er war zu spät.

Das Glück hatte ihn nicht verlassen.

Dieser Text gehört zur Encyclopedia felicis, einer Reihe von Texten über das Glück. Erstmals erschien er im Kopftheater.

(c) Matthias Kreitner// RSS//
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