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Netzsprache, bitte zusteigen. archiv// Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Kommunikation verläuft auf Bahnen und Bahnen benötigen Schienen.

Nun kann man diese Schienen nur schlecht einen Wert beimessen, der die Kategorisierung in „gut“ und „schlecht“ ermöglicht. Neue Schienen sind nicht besser oder schlechter als die alten, sie erschließen schlichtweg neue Destinationen. Das Kommunikationsnetz wird erweitert, nicht ersetzt.

In meinem Gebrauch hat die wohlkomponierte Email als Äquivalent zum Brief Einzug gehalten. Ich sitze vor dem leeren Fenster von Mail genauso inspieriert, aber hilflos wie an anderen Tagen vor dem leeren Blatt Papier. Was nicht heißt, dass ich den ungeheuren Wert von echtem Papier in den Händen leugne, ich will ihn aber auch der Betreffzeile auf LCD zugestehen. Und ist ein Medium nicht immer das, was wir ihm zugestehen?

Dass dann das gewählte Medium Einfluss auf das Mitgeteilte ausübt, ist viel diskutiert worden, aber heute wohl fester Haltepunkt. Nun kann man aber überlegen, in welcher Weise diese Beeinflussung über die mediale Bühne geht. Gibt es einen gewachsenen Code für Email, Brief und SMS, an den es sich verbindlich zu halten gilt? Muss der sein, um Verständlichkeit am anderen Ende zu garantieren, frei nach Jakobson?

Ich denke, dass das dem Menschen zu wenig Kredit gibt. Natürlich muss ein beidseitig bekannter Code eingehalten werden, aber der Kontext, der kann variieren. Wenn ich meine Emails formuliere wie Briefe, werden sie auch als das verstanden, selbst wenn sie nicht im Kuvert kommen.

Deswegen denke ich auch nicht, dass der so genannte „digitale Slang“ der Alltagssprache entgegenwirkt, sie ohne Rücksicht auf Verluste degeneriert. Vielmehr fügt er ihr eine weitere Variante hinzu. Wie diese Variante aufgenommen wird, hängt schließlich von vielen Dingen ab, von denen der verwendete Code nur ein verschwindend geringes ist.

So wie in meiner Heimatgemeinde derzeit über eine neue Art von Straßenbahn, die frei von fixem Fahrplan und Liniennetz agieren soll, nachgedacht wird, sollte auch über eine Öffnung, einer Freimachung von Kommunikationsnetzen gesprochen werden. Sprachliches Unverständnis, welches abseits von Nicht-Beherrschung des Codes existiert, resultiert wohl aus eingefahrenen Streckenführungen, die sich so sehr in den Boden gefressen haben, dass nur noch mit äußerster Mühe über ihren Rand gesehen werden kann. Da erfordert es ein wenig Anstrengung von allen Beteiligten, neue Verbindungen aufzubauen. Denn bevor die Sprache von ihrem Medium gelöst werden kann, sollte der Boden der Verständnis zumindest durchgeackert sein.

Bislang beschränkt sich mein Benutzen von der kolportierten Netzsprache offline darauf, das Netz um des Arguments willen nachzubauen, ich benutze Akronyme und Memes, um einen Effekt hervorzurufen. Dieser ist einerseits wohl der Deplatziertheit geschuldet, die dieser Internetjargon außerhalb seiner Jagdgründe aufweist, andererseits seiner inhärenten Anschaulichkeit geschuldet. Für mich ist Netzsprache vor allem eine sehr bildhafte Sprache, die schon durch ihr simples Auftreten Raum für Multimedialität aufruft und so verschiedene Reize unter ihrem Banner vereint.

Hier treten die größten Übertrittsschwierigkeiten in den Alltagsraum auf: Diese Bildlichkeit in die mündliche Kommunikation zu übersetzen, stellt zumindest mich vor konzeptuelle Probleme, an denen es zu sägen, hämmern, graben gilt, mit einem Ziel, das da heißt Codeflexibilität. Mögen die Codes in den Loks sitzen!

Dieser Text will Teil von twenty.twentys Blogparade zum Thema Netzsprache sein.

 

 

(c) Matthias Kreitner// RSS//
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