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Eine leere Volière archiv// Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Ich habe diesen Vogel gefunden.

Am Wegesrand, klein und zerschunden.

Zuerst hatte ich Angst, ihn zu zerbrechen, ihn zu fest anzupacken, sein kaputtes Gemüt vollends zu ruinieren. Ich wollte ihn liegen lassen, der Welt nicht ins Handwerk fassen.

Aber irgendetwas an diesem Vogel hatte mich festgehalten und nach einigen Schritten kam ich zurück, setzte mich neben ihn und betrachtete ihn genauer.

„Brauchst du einen Freund? Jemanden, der dir die Welt erklärt und auf dich schaut? Ich brauche so jemanden, vielleicht kann ich so ein Freund für dich sein.“

Ich hob ihn also auf, er wehrte sich nicht. Es würde Zeit brauchen, wir würden uns daran gewöhnen müssen, uns zu haben, er würde sich daran gewöhnen müssen, zu leben, aber vielleicht waren wir gut für einander. Freunde findet man nicht jeden Tag und sie waren zu selten, um eine Chance im Wald liegen zu lassen.

Mit der Zeit wuchsen wir zusammen, der Vogel und ich. Sein Gefieder erstrahlte wieder in leuchtendem Rot, mir kam dann und wann ein Lächeln über die Lippen. Der Vogel und ich, wir hatten das gute Leben entdeckt und mit ihm die Farben, denn wir lebten es in tiefen Atemzügen, ohne Rücksicht auf die Welt, aber stets mit offenen Augen, offenen Toren. Wir haben den Beobachter gegeben und gingen darin auf. Wir waren das perfekte System.

Bis das System zusammenbrach. Die Tore waren wohl zu weit offen gewesen. Zu einladend die Weiten der Welt. Der Drang, etwas Besseres zu finden.

Ich hatte diesen Vogel gefunden.

Eine leere Voliere. Ein leeres Stück Leben.

Aufbruch. Abbruch.

(c) Matthias Kreitner// RSS//
(when in doubt, scroll.)
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Sehr sehr schön – weiterfliegen.