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Räume ausstellen – Mein erster Tag auf der Expo 2015 archiv// Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Das Expo-Gelände

Über neunzig Pavillions – zuviel für einen Tagesbesuch.

Gestern, Freitag, wagte ich mich zum ersten Mal auf das Expo-Gelände außerhalb von Mailand. Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mir das Spektakel Weltausstellung einmal live zu Gemüte zu führen, und Mailand ist um die Jahreszeit ja auch nicht gerade zu verachten. Also, Kamera und Schreibzeug gepackt und los ging’s.

In weiser Voraussicht – sowohl des enormen Umfangs als auch meiner Anreisemüdigkeit – habe ich mir noch zu Hause ein Zweitagesticket besorgt – das geht schnell und problemlos. Am Freitag verbrachte ich schließlich vierenthalb Stunden vor Ort und habe, ohne allzu viele Pausen einzulegen, knapp die Hälfte des Ausgestellten gesehen. Deshalb werde ich auch meinen Bericht hier zweiteilen

Heute werde ich die präsentierten Inhalte absichtlich außen vor lassen, da ich keine Urteile oder Meinungen abgeben möchte, ohne das komplette Bild zu kennen. Daher wird in diesem ersten Text zur Expo der Fokus auf Gedanken zum Grundkonzept und den verschiedenen Ansätzen zur Verräumlichung liegen.

Prinzipiell ist der Veranstaltungsort sehr gut gewählt, weit genug außerhalb der Großstadt, um freien Blick zu ermöglichen, aber trotzdem in einer guten halben Stunde vom Zentrum aus zu erreichen. (Metrolinie 1 bis zur Endstation RHO Fiera – einfacher geht es kaum.) Ein wenig ärgerlich ist, dass die Kernzone Mailand zwei Stationen vor Ende aufhört, es muss also ein extra Ticket – hin/retour kosten fünf Euro – gezwickt werden. Aber gut. Ist man erst einmal am Gelände, ist dies auch wieder vergessen und man kann sich frohen Mutes ins Getumml stürzen. An dieser Stelle der Hinweis: Noch vor dem Einlass gibt es INfopontrs, welche Lagepläne verteilen. Auch wenn man im Endeffekt kreuz und quer oder strikt von einer Seite zur anderen spaziert, ist diese Karte für einen ersten Überblick fast essentiell. Es gibt zwar auch eine App, allerdings funktionierte die in meinen Händen nur mäßig gut.

Flaniermeile zur besseren Übersicht

Das räumliche Grundprinzip erinnert an enien Prachtboulevard oder – italienisch – eine Galleria: Links und rechts flanken die Pavillions der einzeilnen Länder und Organisationen einen breiten, überdachten Weg. Dieses einachsige Konzept bewährt sich, ist es doch schon so schwer, nichts zu übersehen. Dieser Boulevard ist nun mittig von einer Art Fressmeile in Form einer Piazza unterbrochen. Diese ist lose in verschiedene landwirtschaftliche Produkte – Reis, Kaffee oder Kokao – unterteilt und stellt zeitgleich die Pavillions verschiedener Länder dar.

Überdachte Zentralmeile des EXPO-Geländes

Hier liegt auch die erste für mich etwas bedenkliche Entscheidung. Ich weiß nichts über die Planung oder die finanziellen Umstände (zumindest nicht mehr als wir an Media-Coverage zu diversen Skandalen im Vorfeld bekommen haben), aber die Tatsache, dass viele sogenannte Entwicklungsländer in gestalterisch sehr einheitlich gehaltene Cluster kombiniert sind, während alle anderen – soll heißen wohlhabendere – Länder freie Designmöglichkeit haben, halte ich für problematisch. Dass dem „Cocoa and Chocolate“-Cluster ein italienisch-schweizerisches Schokolade-Wunderkaufland angeschlossen ist, spricht ebenfalls eine deutliche Sprache, dazu aber beim nächsten Mal mehr.

Kletternetze und Lieblingsspeisen – verschiedene Ansätze zur aktiven Gestaltung des Besuchs

Nun zu den Pavillions. DIe Idee, verschiedenen Ländern Platz zu geben, um ihre Vorstellungen, Ideen und Projekte zu einem Thema präsentabel umzusetzen, ist wohl deshalb so fruchtbar, weil so Aspekte zum Tragen und Leuchten kommen, die jemand anderes augrund seiner diversen Voraussetzungen gar nicht bedenken könnte. Dieses Konzept spiegelt sich wider in den unterschiedlichsten architektonischen Konzepten der Pavillions. Verschiedenste innovative und kreative Möglichkeiten, Räume zu eröffnen und zu nutzen zeigen sich hier den Betrachtenden. Erwähnt sei beispielsweise Brasiliens Pavillion, wo man sich wortwörtlich erst über ein weitläufig gespanntes Netz zum Ausstellungsbereich hocharbeiten muss, während unter einem verschiedenste Pflanzen mittels Sprühregnern bewässert werden. Dieses Erarbeiten ist ein Vorgriff auf den Innenraum, wo man am Weg hinunter Konzepte zur Raumerschließung Koexistenz präsentiert bekommt.

Brasiliens Pavillion in FrontansichtKletternetz im brasilianischen Pavillion

Einen anderen Weg geht Südkorea, wo mittels zu bearbeitender Wordcloud am Eingangsbereich die Besucher schon früh zum Interagieren angeregt werden. Auch in der Ausstellung ist man zunächst mittels projezierten Grundsatzfragen immer erst gefordert bevor koreanische Antwortversuche gegeben werden. An dieser Stelle spreche ich meine große Anerkennung – nicht nur für die koreanischen Volunteers und/oder Mitarbeiter, sondern allgemein an alle Landesvertreter, denen ich bisher begnet bin – aus: Nahezu ausschließlich sprechen sie ein perfektes Italienisch und schienen sogar etwas enttöuscht, wenn ich nach ein paar Anläufen doch ins Englische wechselte. Hut ab!

Innenraum des KoreapavillionsWordcloud weltweiter Lieblingsspeisen am Eingang des Südkorea-Pavillions

Sehr interessant ist auch, wie mit dem Thema Nachhaltigkeit umgegangen wird. Während Nepal die Nachhaltigkeit in der Produktion in den Vordergrund stellt (alle Säulen des Pavillions sind handgeschnitzt), baut Bahrain auf Wiederverwendbarkeit, der Bau aus weißem Sichtbeton ist leicht in Einzelteile zu zerlegen und soll in der Heimat als botanischer Garten Bestand haben.

Auch die Präsentationsform variiert stark. Hier schwenkt das Pendel von  einem vorgeschalteten Werbefilm bei Malaysia über diverse Arten von Oneway-Tours, beispielsweise bei Beglien oder Brasilien, bis hin zum freien Springen zwischen lose verknüpften Bereichen wie im Pavillion der Tschechischen Republik.

Ausstellungsprinzip Litauens ... aus der Nähe.

Grün im Industriegebiet, wohin das Auge schaut

Ein verbindendes – wohl auch dem Überthema Feeding the Planet – Energy for Life geschuldetes – Element ist die Begrünung. Fast kein Land, dass nicht seine Flauna und Flora in den BLickpunkt stellt oder ein eher auf technologische Innovation ausgelegtes Programm mit einer der Entspannung zugewiesenen Grünzone konterkariert. In diesem Zusammenhang bin ich gespannt auf den österreichischen Pavillion, der ja bekanntlich einige Bäume beherbergt.

Der grüne weißrussische Pavillion

Nach einem ersten intensiven Tag bilanziere ich also durchaus interessiert und freue mich auf einen zweiten voll neuer Raumkonzepte und Wegen zu einer nachhaltigeren Nutzung unserer Ressourcen. In dem angesprochenen zweiten Text will ich mich dann auf die inhaltliche Ebene sowie die Kultur der Expo 2015 in Mailand konzentrieren. Bis dahin bleibt mir nur, eine wärmste Empfehlung auszusprechen.

Nach einem langem Tag ging's ins Hotel.

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(c) Matthias Kreitner// RSS//
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