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Der fehlerhafte Quellcode, den wir schrieben | Systemkritik in Science Fiction anhand von Blame! archiv// Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Letzte Woche sah ich per Zufall die neue Netflix-Adaption von Blame! und fand sie durchaus ansehbar und unterhaltsam. Eine matrixeske Dystopie, in welcher der Fehler nicht die Existenz von AI an sich ist, sondern ein genetisches Malus in den verbleibenden Menschen. Soweit, sogut.

In den folgenden Tagen blieb mir vor allem ein bestimmter kleiner Aspekt im Kopf. Die feindlich gesinnten Maschinen, waren den Menschen nicht aufgrund ihrer Menschlichkeit ein Dorn im Auge, sondern vielmehr, weil sie der Durchführung ihres primären Befehls im Wege standen. Dieser Befehl lautet da, wie so oft: größer, weiter, besser. Ich paraphrasiere. Die Maschinen bauen immerfort an der Stadt weiter, die, wie man annehmen kann, einst als Behausung einer menschlichen Gesellschaft diente.

Was mir als vordergründige Frage überblieb, ist, weshalb dieser Befehl, in seiner unbedachten, bedingungslosen Form hier und in wahrscheinlich jeder zweiten sci fi-Dystopie auftritt. Und wieso findet sich so diese doch recht unverhohlene Kritik am Neoliberalismus sich zwar in unseren populären Fiktionen wieder, dieselben Muster aber gesamtgesellschaftlich in Realität zu erkennen, scheint eine nahezu unmögliche Aufgabe zu sein. Was ich an der Iteration dieser Trope bei Blame! interessant fand, ist der Umstand, dass sie die Kapitalismuskritik am Wunsch des unbeschränkten Wachstums nicht, wie in den meisten Fällen – so auch im wohl weithin bekanntesten, The Matrix – nicht mit einer Technik- und Fortschrittangst paart, sondern das Problem definiert als einen Denkfehler in der Programmierung jener Roboter, die in der aktuellen Gegenwart Jagd auf jene Störenfriede machen, die ihrer Programmierung durch ihre genetischen Mangelerscheinungen und im weitesten Sinne durch ihre simple Existenz im Wege stehen. Somit ist es nicht die Technik, die das Böse manifestiert, sondern der ungebändigte Größenwahnsinn lang vergangener Generationen ist es, welche den Protagonisten ihr Schicksal zugeschoben haben.

Aus dem Film geht dies nicht hervor, aber nach einigen ersten Momenten des Recherchierens (der erste Band der Manga-Reihe ist bereits auf dem Weg zu einer vertrauenswürdigen Buchhandlung in meiner Nähe) scheint es auch nicht das ultimative Ziel der verschiedenen Protagonisten und Menschengruppen zu sein, die Maschinen auszulöschen, vielmehr sind sie auf der Suche nach einer Möglichkeit ihre genetische Zusammensetzung zu überkommen und den fehlerhaften Befehl zu korrigieren. Ein erfrischender Patch, sowohl für die Maschinen in der Diegese als auch für das Genre sci fi-Dystopie!

 

Blame! in der IMDB

 

 

(c) Matthias Kreitner// RSS//
(when in doubt, scroll.)
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Aber Schicksal ist es ja eben nicht – es geht ja bloß um die konsequente Anwendung menschlicher Gedanken auf die Menschen selbst, um das Denken, das „sich selbst nicht beim Namen rufen kann“. Kein Genre kann diese Konsequenz so sehr verwirklichen wie Sci-Fi – weil man dafür alle Linien der kapitalistischen (oder sonstigen) Entwicklung zu Ende denken muss.

Ja, Schicksal verwendete ich hier eher im Sinne von „schlimmer Zustand“ oder vielleicht Trauma, nicht in der ursprünglichen Bedeutung von „unabwendbar Vorbestimmtes“. Aber ist wohl nicht ganz ideal in dem Falle.
Die selbstreflexive Natur des Denkens, den du für Sci-Fi beschreibst, halte ich für einen spannenden Ansatz, frage mich aber, ob nicht jegliches Denken immer schon selbstreflexiv und selbstreferentiell ist, wenn es denn nicht ein krankhaftes Denken ist.

Hab gleich eine Annotation gesetzt!