Montage als Methode des kollektiven Träumens

Montage als Methode des kollektiven Träumens

Diskursbildung im Film anhand des Kurzfilms Ebenda


1. Einleitung und These

Montage ist überall. Mit etwas kreativer Freiheit könnte man argumentieren, der Mensch an sich und der Mensch in der Gemeinschaft existiert nur durch Montage. Es ist daher schon in der ersten Konzeption nicht zielführend, der gesamten Natur der Montage wissenschaftlich nachzugehen, es braucht gezielte, eingrenzende Aspekte, um möglicherweise zu zufriedenstellenden Antworten zu gelangen. Was Montage ist und wie sie technisch funktioniert, ist zur Genüge behandelt. Das Interesse dieses Texts soll sich daher verlagern und mehr auf inhaltliche Funktionalitäten und Nutzungsweisen abzielen.

So wie Montage mehrere Inhaltstragende verbindet und so eine neue Entität schafft, über die Grenzen der einzelnen Bestandteile hinweg, so kann sie auch auf der Rezeptionsseite ähnliche Effekte haben und derartige Grenzen überwinden. Diese verbindenden Elemente sind es, die hier in der Folge im Fokus stehen sollen. Am Beispiel des Traums soll untersucht werden, wie Montage zur Bildung von Diskursen beiträgt.

Der Traum als etwas höchst Individuelles ist ein Phänomen, das vielerorts geteilt wird, um dem Geträumten Sinn zu geben. Erst die Montage, also das Verbinden von mehreren Sequenzen, gibt uns als Gesellschaft die Möglichkeit, Träume anderer zu verstehen, indem wir sie in Kontext zu unseren eigenen Erlebnissen und Träumen stellen.

2. Träumen als entgrenztes Denken

Zunächst gilt es, zu definieren, mit welchem Begriff von „Traum“ hier gearbeitet wird. Wenn er auch kein utopischer ist – in Sätzen wie „Er träumte von einem besseren Leben.“ gegenwärtig –, so verkörpert er durchaus so manche Aspekte eben dieser utopischen Natur. Wenn man das Träumen vorerst als Aktivität und weiters als Variante des Denkens annimmt, kann man so untersuchen, was die Bestimmungsmerkmale dieser Spielweise des Denkens sind. Abgesehen von Initiationsmethoden, auf die an späterer Stelle eingegangen werden soll, lässt sich festmachen, dass der Traum ein Denken abseits von Regelhaftigkeit sein kann, was ihn vom Nominalgedanken abhebt. So lässt sich der träumende Mensch als Variante von BENJAMINS Konstrukteur denken:

Denn wohin bringt die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, von vorn zu beginnen; mit Wenigem auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren und dabei weder rechts noch links zu blicken. Unter den großen Schöpfern hat es immer die Unerbittlichen gegeben, die erst einmal reinen Tisch machten. Sie wollten nämlich einen Zeichentisch haben, sie sind Konstrukteure gewesen.1

Wenn man nun nicht von einem Traum als isoliertes, der Fantasie entsprungenes Phänomen ausgeht, sondern mit Benjamin einen zweiten Bewusstseinszustand annimmt2, wird deutlich, wie ähnlich dieser Wahrnehmungsdualismus einer prozessorientierten Dialektik marxistischer Prägung ist. 3

Der Traum präsentiert einen alternativen Aspekt einer Problematik, einen anderen Zugang als jenen, mit welchem ein beliebiges Thema in wachen Gedankengängen aufgenommen wird. Diese nicht unbedingt oppositionellen, aber immer differenten Routen sind Kräfte im Bewusstsein, die aufeinandertreffen müssen und sich so stets aneinander ab- und aufarbeiten.

Diese Dynamik setzt sich auch innerhalb dieser einzelnen Diskurse fort. So sind individuelle Träume nicht nur Reaktion auf wache Gedankenzüge, sondern auch immer von vorhergehenden Träumen abhängig. Im Gegenzug beeinflussen zeitlich nachgestellte Sequenzen reflexiv zuvor Wahrgenommenes. Nun sind diese frühen Szenen (beachtlich ist an dieser Stelle die zunehmende sprachliche Nähe zur Filmwissenschaft) zwar abgeschlossen, eine Besonderheit des Traumzustandes ist aber die Tatsache, dass Sequenzen in die weiterführende Erinnerung – und damit in den produktiven Diskurs – immer erst im Moment eines Aufwachens, dem Zeitpunkt des Traum-Endes eingeführt werden. Somit herrscht trotz einer temporär betrachteten Isoliertheit einzelner Traumeinheiten bis zum Schluss inhaltliche Fluidität.

Damit Erwachen als ein dialektischer Umschlag gedacht werden kann, müssen Schlafen und Wachsein ganz genau und eng aufeinander bezogen sein: Erwachen bedeutet in diesem Begriff nicht das Ende irgendeines dumpfen Schlafzustandes und den Anfang irgendeiner anderweitigen Beschäftigung, Erwachen soll hier nichts anderes sein als das augenblickliche Zum-Bewußtsein-Kommen des bisher geträumten Traums. Es wird strikt als Erinnerung aufgefaßt. Inhalt dieser Erinnerung ist der Traum und nichts darüber hinaus, […] Der Traum, der dem Erwachen vorausgehen soll, ist dabei nicht schon vorher gegeben. Erst in der plötzlichen Erinnerung wird das Gewesene zum Gewesenen, und sein Gegenwärtigwerden als Gewesenes macht die Gegenwart der Erinnerung aus. 4

Hier wird deutlich, dass Träumen als Modus des Denkens betrachtet werden kann, welcher als entgrenzt beschreibbar ist. Zwar erhalten alle einzelnen Gedanken ihre Individualität und inhärente Integrität aufrecht, durch das Zusammenstellen zu größeren Einheiten erhalten sie aber zusätzliche Eigenschaften.

Von diesem Punkt aus lassen sich nun starke Ähnlichkeiten zwischen dem Traum und der Montage erkennen. Auch bei der Montage werden – im gröbsten Sinne – zwei oder mehrere Informationseinheiten verbunden, mittels der speziellen Art und Weise, mit welcher dieser Konnex aufgebaut wird, durchlaufen diese Einheiten in der Außenwahrnehmung einen Prozess der Entgrenzung, ihre Einzelheit wird perforiert, ohne aufgegeben zu werden: Jede Szene ist für und in sich immer noch kohärent, zusammen bilden die Sequenzen aber nach der Montage etwas Größeres. So kann sie als Kollektivierung der Sequenzen interpretiert werden, mittels der Methode der Montage werden die Träume Einzelner anderen erst zugängig und verständlich gemacht. Der Prozess stellt das Individuelle, das Private des Traumes in Kontext mit den individuellen Erfahrungen anderer Rezipierenden.

Die Montage ruft aktiv Anschlusspunkte auf, um Szenen einander passend, verständlich zu machen, wodurch der Abstand zwischen dem Material verringert wird. Mittels dieser Kollektivierung der Erfahrungen wird der Traum – oder die Träume – fassbar gemacht, erst durch diese Dokumentation wird es möglich, den Traum als Material zu betrachten, mit welchem gearbeitet werden kann. Die gemeinsame, öffentliche Wahrnehmung des „Erträumten“ verleiht ihm einen zuvor nicht anwesenden Grad von monumentaler Wahrheit.

Sie setzten dem Dokument (dem Text auf Papier, der absichtlich geschrieben wurde, um eine Erinnerung zu fixieren), das Monument, verstanden in seiner ursprünglichen Bedeutung, entgegen: das, was durch seine Existenz die Erinnerung bewahrt, das, was direkt spricht, und zwar aufgrund der Tatsache, dass es nicht dazu bestimmt war zu sprechen – […] 5

Wenn Träume durch die Montage also historisch verwertbar werden, bedeutet das in weiterer Folge, dass sie dadurch in den öffentlichen Diskurs eingehen.

3. Die Darstellung des Aktes des Träumens in „Ebenda“

Als ein praktisches Beispiel für die beschriebene Diskursbildung durch Montage soll der Kurzfilm Ebenda von Katharina Braschel und Chili Tomasson betrachtet werden. Der Film aus dem Jahr 2014 bietet sich sowohl in formaler als auch inhaltlicher Hinsicht für die vorliegende Fragestellung an, da er ohne klare narrative Struktur Szenen zusammenstellt, die Träume verschiedenster Personen in einer Gruppe darstellen, welche sich in ihrem Kollektiv gänzlich durch diese Träume, die gemeinschaftlich erlebt werden, definiert. Nun lässt sich sagen, dass der Film – vielleicht mehr als andere Filme – auf einem Akt der Montage fußt, da er zwar in sich kohärent ist, aber durch die Lektüre der ihm zugrunde liegenden Kurzgeschichte zusätzliche Informationen über die im Film dargestellten Geschehnisse preisgegeben werden, sodass ein größeres semantisches Gebilde entsteht. In dem Text werden die Personen als Teil eines Kollektivs gezeichnet, welche sich als radikale Träumer beschreiben lassen. Sie sind von der Maxime motiviert, dass der Akt des Träumens reale Implikationen in der Welt hat, weshalb die Mitglieder der Gruppierung – der namensgebenden Ebenda – wortwörtlich gemeinsam träumen, indem sie ihre Gedanken physisch in gegenseitige Nähe bringen – sie liegen im Schlaf mit ihren Köpfen zusammen – um ihre Gedanken auf einer anderen Ebene, der des Traumes, zu synchronisieren. Die Geschichte liest sich als eine Art Vorgeschichte des Films, der sich in vieler Hinsicht als das Ergebnis dieses Akts des recht offensiven kollektiven Träumens lesen lässt. Die Filmsequenzen können als die einzelnen Träume der Mitglieder von Ebenda interpretiert werden, durch die Zusammenstellung und das Wiederkehren verschiedener Motive werden pseudo-narrative Konnexe und gemeinsame Thematiken verdeutlicht. Die einzelnen Ideen werden mit Brecht in eine Kopräsenz gebracht6, in der die Einheiten zwar different bleiben, Gemeinsames aber durch eine quantitative Dopplung stärker zur Schau tritt. Dass der Film gänzlich ohne Dialog auskommt, unterstützt diesen Fluss von Vielfachem zusätzlich, da so keine narrativen Brüche entstehen. Eine Ordnung geht von den einzelnen wiederkehrenden Motiven aus, die im Verlauf des Films aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen werden und klare Funktionen für den Film ausüben. Eine dieser Szenen ist das Befüllen von Gefäßen mit Reiskörnern, was in verschiedenen Ausführungen vom Beginn bis zum Schluss im Film auftritt. Es dient als eine zeitliche Festmachung innerhalb der sich ausbreitenden Traumwelt, die örtlich klar abgegrenzt in einer Wohnung liegt, allerdings ohne diese Einschübe – wie die meisten Träume – kein deutliches zeitliches Empfinden zulässt. Durch die schnelle Montage einer in Reis versinkenden Statuette zu Beginn des Films wird eine Traumzeit etabliert, die in der gesamten Diegese Geltung hat und nur durch ähnliche Szenen an späterer Stelle verändert werden kann. Montage tritt hier als eine systematisierende Kraft auf, die eine Ordnung unter den vielen gleichwertigen Traumsequenzen herstellt.

4. Conclusio

Abschließend lassen sich mehrere Schlagworte für die Funktionen der Montage bei der Diskursbildung finden: Das größte wäre dabei wohl Kollektivierung, denn ohne diese wäre das zu Bearbeitende nicht zugänglich. Die Montage transformiert die einzelnen Traumsequenzen erst in Material, sie gibt diesem Rohmaterial eine Außenansicht, indem sie es in Kontakt mit anderem Material bringt.

Ein weiteres Schlagwort wäre Systematisierung. Die Montage von Traumsequenzen in einen großen, kollektiven Traum stellt die Regeln und Parameter auf, mit denen in diesem wahrzunehmenden Erinnerungsraum agiert werden kann. An diesem Punkt lässt sich auch sagen, dass jene Funktionen nicht nur im Kontext von Träumen vorhanden sind, sondern allgemein Anwendung finden können. So kann auch bei der Diskursbildung in sozialen Medien die wichtige Rolle der Montage beobachtet werden. Während auf Twitter durch die Montage einzelner Tweets ein kollektiver Raum geschaffen wird, in dem das Zusammenspiel der individuellen Einheiten wie in Ebenda Ordnung schafft, sollte im Zusammenhang mit Facebook beispielsweise mehr von Collage anstatt von Montage gesprochen werden, da trotz der öffentlichen Darstellung der einzelnen Posts die sich darstellenden Teilnehmer vereinzelt bleiben und sich so kein kollektiver Diskurs bildet. Dies geht aber über diese Arbeit hinaus und soll Thema einer anderen, weiteren Analyse sein.

Montage kann ein im weitesten Sinne verbindendes Element sein, das – abgesehen von der filmtechnischen Notwendigkeit – Möglichkeiten zur Verständigung über sehr individuelle Erfahrungen bietet. Weitere spezifische Fragestellungen und wissenschaftliche Beschäftigung zu diesen Aspekten der Montage könnten durchaus weitere Erkenntnisse zu Tage fördern.


  1. BENJAMIN, Walter: Erfahrung und Armut. In: Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977. S. 292. 

  2. Vgl. WEIDMANN, Heiner: Erwachen/Träumen. In: Michael OPITZ (Hrsg.); Erdmut WIZISLA (Hrsg.): Benjamins Begriffe I. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2011. S. 341: „Als entscheidende Voraussetzung dafür, daß der Begriff des Erwachens zu so weitreichender Geltung gelangen kann, erweist sich die Annahme, daß Traum und Wachen keine Gegensätze, sondern lediglich Modifikationen der Wahrnehmung sind.“ 

  3. Ebda. 

  4. Ebda. S. 342f. 

  5. RANCIÈRE, Jacques; Ronald VOULLIÉ (Übers.): Geschichtsbilder. Kino, Kunst, Widerstand. Berlin: Merve Verlag, 2013. S.22. 

  6. Vgl. DIDI-HUBERMAN, George; Markus SEDLACZEK (Übers.): Wenn die Bilder Position beziehen. Das Auge der Geschichte I. München: Wilhelm Fink Verlag, 2011. S. 105f: „[…] durch Montage eine ganze Welt von Heterogenitäten zu schaffen, die zwar miteinander verbunden sind, aber konfrontiert werden, die zwar kopräsent, aber different sind.“