Wenn der Mensch beginnt, wo die Hoffnung aufhört
Ein Plädoyer
Dieser Text enstand als Beitrag für das Programmheft zur Produktion “Die Nashörner” von Eugène Ionesco am Theater Phönix Linz. Premiere 18.09.2025.
“Wir plauderten über dies und jenes auf der Terrasse des Cafés, mein Freund Jean und ich”, beginnt 1957 Eugène Ionescos originale Erzählung. Wir finden uns einen ersten Halbsatz lang in einer idyllischen Dorfnormalität wieder, bevor schon die zweite Hälfte dieses ersten Satzes das erste Nashorn durch die Kleinstadt galoppieren lässt und damit die scheinbar gewohnte Ruhe zerstört und eine potente Mischung aus Panik, Empörung und Verwirrung hinterlässt.
“Die Nashörner” lässt viele historische Inspirationen erahnen: Geschrieben vor dem Hintergrund des laufenden Algerienkriegs, war Ionesco nicht nur vom aufkochenden Nationalismus in Frankreich mit allen dazugehörigen rassistischen Ressentiments, sondern auch von den faschistischen Entwicklungen in seiner Heimat Rumänien beeinflusst. Die Uraufführung der Bühnenfassung zwei Jahre später in Düsseldorf wurde dann als Parabel auf das Mitläufertum im Nationalsozialismus gelesen. So zeigt sich, dass die absurde Geschichte von der Stadt, die immer mehr den Nashörnern gehört, und von Bérenger, der sich fast schon gegen sein eigenes Wünschen gegen die Verwandlung stemmen muss, ihre realgesellschaftliche Verankerung immer dort findet, wo sie rezipiert und gespielt wird. Sie taucht immer dort auf, wo die autoritären Methoden und faschistoiden Phrasen wieder Fahrt aufnehmen, dort, wo die Humanität bestimmter Menschen immer wieder offen in Frage gestellt wird. Die französische Kleinstadt ist überall.
Wenn an einem späteren Punkt im Stück die Feuerwehrkaserne von Nashörnern überrannt und quasi gesprengt wird, ist dies ein klarer Kipppunkt: Unmissverständlich wird Bérenger klar, dass die Mehrheit Verwandlung gewählt hat, dass es eine Mehrheit gibt, welche das, was ihm als Wahnsinn gilt, nicht nur akzeptiert, sondern aktiv deckt und unterstützt. Wenn es an diesem Punkt auf der Bühne kracht, ist die viel zitierte Brandmauer endgültig gefallen, der Damm gebrochen und wir sind am Tiefpunkt angekommen, alles scheint offensichtlich verloren. Doch, und das ist vielleicht Ionescos wichtigster Kniff, eigentlich geht es hier erst los.
Denn Bérenger, zu Beginn als eine Art verkaterter Taugenichts abgewatscht, der Probleme damit hat, seine Gedanken deutlich zu machen, wenn sie auf Widerspruch treffen, wird - so scheint es - mit jeder Verwandlung einer ihm nahestehenden Person klarer in der Formulierung seiner Opposition und kann seinen Standpunkt - jenen des Widerstands komme, was wolle - mit Überzeugung einnehmen.
Der Modus, der hier zutage kommt, ist, so scheint mir, das große Vermächtnis, das Eugène Ionesco uns mitgibt. Wo vermeintliche Ausweglosigkeit und zahlenmäßige Unterlegenheit als Ausrede für passive oder gar aktive Komplizenschaft herangezogen wird, macht er Bérenger zu einem unerwartet hell glühenden Symbol des unbedingt menschlichen Widerstandes. Denn für uns alle kann gelten, was sich für ihn in den letzten Zeilen herauskristallisiert: Selbst Hoffnungslosigkeit kann, mit einiger innerer Anstrengung, der Katalysator sein, um aus ihr selbst hinauszutreten. So entsteht eine widerständige Form kollektiver Verantwortung aller Individuen gegen die moralische wie ideologische Fremdbestimmung jener Kräfte, die unser gemeinsames Menschsein ins Vergessene verbannen.
September 2025
